Christiane Mielck-Retzdorff

Fluch oder Segen 2. Teil

Traum und Wirklichkeit

 

Julia konnte einfach nicht verstehen, warum sich Alexander von ihr getrennt hatte. Eine andere Frau, mit der sie sich hätte messen können, gab es offensichtlich nicht. Sie hatte sich für ihn herausgeputzt, um sich als würdige Partnerin eines reichen Erben zu zeigen. Dass er ihre teure Kleidung und den Schmuck bezahlte, war doch selbstverständlich, denn Julia kam zwar aus gut bürgerlichen aber keinesfalls wohlhabenden Verhältnissen. Ohne Anstrengung hatte sie sich an den Lebensstil der Vermögenden angepasst, doch von Alexander dafür keine Anerkennung erfahren, obwohl seine Mutter und seine Schwester Viktoria Julia mit offenen Armen aufgenommen hatten. Das bewies doch, wie gut sie zu Alexander passte.

Die junge Frau war nicht unbedingt eine Schönheit, doch weckte immer wieder das Interesse von Männern. Sie wusste sich in Szene zu setzen, war sowohl eine kluge Zuhörerin als auch eine interessante Gesprächspartnerin. Gerade das hatte Alexander an ihr gefallen. Zusätzlich verstand sie, seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Nun empfand sie ihren einstigen Liebsten als egoistischen, reichen Schnösel, der sie nur für ein Abenteuer benutzt hatte.

Diese Einschätzung verbreitete sie überall und erntete etliche Bestätigung. Julia war das Opfer eines verlogenen Mannes geworden, der sich um nichts zu sorgen brauchte. So wollten es ihre Freundinnen und Kommilitonen verstehen. Aber die junge Frau grämte sich, weil ihr Traum von einem luxuriösen Leben geplatzt war. Das behielt sie aber für sich, doch ihre Gier nach einem Leben im Reichtum war geweckt.

Weil sie sich bei dem gemeinsamen Besuch von Alexanders Mutter und Schwester in der Luxusvilla im sonnigen Süden so gut mit Viktoria verstanden hatte, scheute sie sich nicht, diese anzurufen und sich über ihren Liebeskummer auszuweinen. Beide versicherten sich ihrer Freundschaft und waren einig in dem Unverständnis für Alexanders Entscheidung. Julia jammerte am Telefon so herzzerreißend, dass Viktoria sie schließlich einlud. Die vielen Vergnügungen am Mittelmeer würden den Schmerz der Verlassenen schon lindern.

Glücklich den Mut gefunden zu haben, sich aus der Beziehung mit Julia zu befreien, hatte Alexander ihr erlaubt, alle Dinge, die sie für sich gekauft hatte, zu behalten. Dazu kamen noch die teuren Geschenke, die er ihr gemacht hatte. So konnte sie sich wenigstens in der Gesellschaft der Reichen angemessen präsentieren. Ihren Flug in den Süden, natürlich Business-Class, bezahlte Viktoria.

Als Julia in der Prachtvilla ihre Zimmer bezog, wuchs in ihre der Plan, alles zu tun, um fortan auch in so einem Umfeld leben zu können. Das Reihenhaus ihrer Eltern, in dem sie aufgewachsen war, erschien ihr nun eng und spießig. Ihr Vater, ein höherer Verwaltungsbeamter und ihre Mutter, eine Grundschullehrerin, verdienten zwar gut, aber ihr Leben hatte nichts mit dem Luxus zu tun, von dem Julia nun als Besucherin umgeben war. Beinahe schämte sie sich ihrer Herkunft.

Doch mit der Unterstützung von Viktoria wollte sie sich einen Mann suchen, der ihr bieten konnte, wonach sie sich sehnte. So erübrigte sich die Fortsetzung ihres Jura-Studiums. Ihren Eltern hatte sie vorgelogen, sie würde ein Gastsemester im Ausland absolvieren.

Die Erinnerung an Alexander trat in den Hintergrund, trotzdem spielte sie Viktoria die enttäuschte Verlassene vor. Julia trachtete nach deren Mitleid, denn dieses Gefühl weckt Hilfsbereitschaft. Das gelang. Viktoria ging mit ihr einkaufen und zeigte sich dabei ausgesprochen großzügig. Damit sie abgelenkt wurde, nahm die Gastgeberin sie mit in Clubs und Diskotheken, wo sich die Sorglosen nur so tummelten, Champagner schlürften und oft die Nacht zum Tag machten.

Alexanders Mutter interessierte sich wenig für die Freizeitaktivitäten ihrer Tochter und des Gastes. Sie hatte mittlerweile ihre Liebe zum Golfspiel entdeckt und verbrachte beinahe den ganzen Tag umgeben von anderen reichen Frauen in einem exklusiven Club. Viktoria war inzwischen volljährig und durfte ungehindert über ihr Erbe verfügen. Damit fühlte die Mutter sich kaum noch verantwortlich für sie. Nur wenn sie bei den Golfspielen einen jungen Mann kennenlernte, der als Schwiegersohn in Frage kam, begleitete die Tochter sie in den Club. Dann musste Julia allein in der Villa bleiben.

Victoria war von ihren Anlagen her nur eine mäßig ansehnliche Erscheinung. Deswegen hatte sie, um mit ihren Konkurrentinnen bei vermögenden Männern mithalten zu können, ihre Brüste vergrößern, ihr Haar verdichten und verlängern lassen. Zusätzlich quälte sie sich täglich im Fitnessraum, damit ihre Figur straff blieb. Auch Julia lege immer mehr Wert auf ihr Äußeres, schwamm jeden Tag mehrere Runden im Swimmingpool, der sonst nur von Gästen genutzt wurde, weil weder Viktoria noch ihre Mutter schwimmen konnten.

Ihr Make-up, die Frisur, die Kleidung und ihre Körper spielten die Hauptrolle im Leben der beiden jungen Frauen. Doch Julia achtete streng darauf, ihre Freundin nicht zu übertrumpfen, auch wenn sie von Natur aus attraktiver war. Sie durfte sich auf keinen Fall Viktorias Wohlwollen verscherzen. Diese wiederum begann sich mehr und mehr in dem Bewusstsein zu sonnen, einer armen Studentin, die von ihrem Bruder verlassen worden war, zu helfen. Wenn Julia es nicht hören konnte, rühmte sie sich sogar ihres sozialen Engagements.

Eines Tages tauchte ein sehr gutaussehender, sportlicher und reicher Amerikaner namens Mike in dem Strandclub auf, in dem Viktoria und Julia regelmäßig verkehrten. Sein Erscheinen weckte den Jagdtrieb aller jungen Frauen, die dort ihre Langeweile vertrieben. So auch den von den beiden Freundinnen.

Julias Vorteil war, dass sie sehr gut englisch sprach. So begann sie ungezwungen mit dem Neuling zu plaudern. Da dieser, über seine Muttersprache hinaus, kaum über Kenntnisse anderer Sprachen verfügte, zeigte er sich sehr erfreut. Viktoria wie auch die anderen junge Frauen scheuten sich dem Mann ihre Lücken in englischer Konversation zu offenbaren. Deswegen war Julia diejenige, deren Gesellschaft er suchte.

Dieses mit anschauen zu müssen, machte Viktoria und die anderen wütend. Wie konnte eine Außenseiterin, die über kein Vermögen verfügte, keine reichen Eltern hatte, es wagen, sich in den Vordergrund zu spielen. Julia bemerkte zu spät, wie sich die Stimmung gegen sie wendete. Schließlich nutzte eine der jungen Frauen die Gelegenheit als die Konkurrentin die Waschräume aufsuchte, um Mike davon zu unterrichten, dass die Frau, mit der er sich so angeregt unterhielt, eine Schmarotzerin war.

Zwar interessierte das den jungen Mann nicht wirklich, doch er wollte auch keinen Anlass für Missstimmungen geben. Also beschäftige er sich fortan mit den jungen Damen, die äußerst bemüht ihr Schulenglisch ausgruben und ihn umgarnten, als wäre er der letzte seiner Art. Zwar hielten sich noch etliche andere Männer in dem Club auf, doch die meisten von ihnen waren bereits gebunden oder galten als schamlose Abenteurer.

Als Julia aus den Waschräumen zurückkehrte, wurde sie behandelt wie eine Fremde. Selbst Viktoria gab ihr deutlich zu verstehen, dass sie unerwünscht war. Plötzlich wurde der Studentin klar, nie ein anerkanntes Mitglied dieser Gemeinschaft gewesen zu sein. Wieder musste sie eine Ablehnung ertragen und war tief getroffen.

Sogleich fand sich ein junger Mann, der sich um sie kümmerte. Er hieß Torben, sah herausragend gut aus und galt als finanziell sehr gut gestellter Erbe. Julia war so dankbar für diese Ablenkung, dass sie nicht daran dachte, dass der junge Mann bekannt dafür war, Frauen wie Trophäen zu sammelte. Sie genoss seine Komplimente, die ihre Seele streichelten. Die missbilligenden Blicke der anderen bemerkte sie nicht.

Schließlich schlug Torben vor, den Club zu verlassen und an den Strand zu gehen. Dort tauschten beide die ersten Zärtlichkeiten aus, die Julias Begierde auf ungekannte Weise weckten. Plötzlich erfüllte ihren Körper blanke Lust. Wie selbstverständlich folgte sie dem jungen Mann in seine Wohnung. Dort verbrachten sie eine Nacht voller Leidenschaft und Erfüllung.

Am nächsten Morgen erwachte Julias klarer Verstand wieder. Ihr wurde bewusst, dass sie Viktorias Gastfreundschaft leichtfertig aufs Spiel gesetzt hatte und bat Torben, sie sofort zu der Villa der Kronbachs zu fahren. Er willigte mit einem hochmütig wissenden Lächeln ein.

Als beide dort ankamen, standen Julias gepackte Koffer bereits auf dem Gehsteig vor dem verschlossenen Tor der Villa. Nun wollte sie alles daransetzen, die Wogen wieder zu glätten und Viktoria für sich einzunehmen. Es musste einfach gelingen, sonst stand sie mit sehr geringen Bargeldreserven auf der Straße und konnte nicht einmal den Flug nach Hause bezahlen. Sie forderte Torben auf abzufahren. Erneut willigte er mit einem hochmütig wissenden Lächeln ein und verschwand.

Julia klingelte und wusste, dass in der Villa gesehen werden konnte, wer um Einlass bat. Schnell erklang aus dem Lautsprecher Viktorias Stimme, die ihr streng befahl, abzuhauen. Julias verzweifelte Versuche, sie wenigstens zu einem Gespräch zu überreden, trafen auf selbstgefällige Ablehnung. Viktoria nannte Julia sogar eine Schmarotzerin, die sich ihr Vertrauen erschlichen hatte, um sich einen reichen Knacker zu suchen. Dabei hätte sie sowieso nie in diese Gemeinschaft gepasst. Dann kappte sie die Verbindung.

Unsicher, wie sie weiter vorgehen sollte und tief verletzt in ihrem Selbstwertgefühl, stand die junge Frau neben ihren Koffern an der hohen Steinmauer, die die Villa umgab. Grenzenlose Einsamkeit spürte sie in ihrem Inneren. Aber schließlich musste sie sich eingestehen, dass Viktoria nicht Unrecht hatte. Dann ärgerte sie sich, dass sie ihren Plan nicht mit mehr Geschick verfolgt hatte. Selbstmitleid trieb ihr die Tränen in die Augen.

Plötzlich hielt Torbens Sportwagen neben ihr und er forderte sie auf einzusteigen. Was blieb ihr anderes übrig. Also verstaute sie ihre beiden Koffer und setzte sich neben ihn. Torben nahm tröstend ihre Hand, küsste diese und sagte beinahe triumphierend, dass die Reaktion von Viktoria doch absehbar gewesen war. Diese reichen Erbinnen wurden von ihren Eltern wie Prinzessinnen erzogen und fühlten sich auch so, selbst wenn sie noch nie etwas Bemerkenswertes geleistet hatten. Damit das nicht erkannt wurde, blieben sie unter sich und frönten der Verschwendungssucht.

Störrisch wendete Julia ein, dass doch auch er zu dieser Gruppe gehören würde. Torben gab zu, dass dieses zwar der Wahrheit entsprach, doch er selbst oft Verachtung für diese oberflächlichen Menschen empfand. Es machte ihm einfach Freude, mit diesen zu spielen. Doch Julia schätzte er anders ein.

Sie hielten an einem kleinen, wenig luxuriösen Café am Strand und der junge Mann lud seine Begleiterin zum Frühstück ein. Julia fühlte sich erschöpft und unsicher. Ihr Plan war gescheitert und die Universität hatte sie wegen unentschuldigten Fehlens zwangsexmatrikuliert. Wie sollte sie nun ihre Zukunft gestalten?

Sie betrachtete den ihr gegenüber sitzenden, außergewöhnlich attraktiven Torben, dem es in der letzten Nach gelungen war, ihren Verstand in einer Wolke lustvoller Gefühle versinken zu lassen. Niemals zuvor hatte sie sich einem Mann so bedingungslos hingegeben. Nun aß er mit großem Appetit das frugale Frühstück.

Dann schaute er Julia an und fragte, ob sie sich in der Gesellschaft dieser ständig feiernden Menschen, die sonst nichts Sinnvolles taten, überhaupt wohl gefühlt hatte, ob sie tatsächlich der Meinung sei, dass Geld allein glücklich machte. Sie hatte nie darüber nachgedacht. Trotzig antwortete sie, dass es doch bekannt sein, dass Geld die Welt regierte und die Nerven beruhigte. Warum also sollte sie nicht nach Reichtum streben?

Torben gab ihr Recht, doch welchen Wert hatte das ganze Vermögen, wenn man es sich nicht selbst erarbeitet hatte? Wie sollte aus Geld ein Selbstwertgefühl erwachsen? Julia entgegnete, dass wohl auch er von dem Erbe seiner Vorfahren lebte und sich nicht gescheut hatte, dieses nur für sein Vergnügen zu nutzen.

Das musste der junge Mann zugeben, doch es sollte sich nun ändern. Er wollte endlich selbst etwas für die Gesellschaft tun. Julia lachte und fragte, ob er sich in die Riege der Gönner und Spender einzureihen wünschte. Aber das war nicht sein Plan. Wenn das Schicksal ihm schon zu einem großen Vermögen verholfen hatte, war es seine Pflicht, dieses zu erhalten und zu vermehren. Wenn er wüsste, wie man dieses anstellte, könnte er auch Gleichgestellten helfen.

Abfällig bemerkte Julia, dass die Reichen wohl unter sich bleiben wollten. Torben erwiderte, dass es nicht so einfach war, das Bestehende zu bewahren. Er bestellte noch zwei Kaffee und begann zu erzählen, wie seine Familie zu dem stattlichen Vermögen gekommen war. Sein Großvater war ein Bauer gewesen, der etliche Weiden und Äcker besaß. Die Grundstücke lagen im Verwaltungsgebiet einer Großstadt. Als dann nach dem Krieg das Wirtschaftswunder begann, wurden diese schnell zu Bauland. So konnte sein Großvater sie zu ungeahnt hohen Preisen verkaufen.

Der Bauer hatte zwei Söhne, Torbens Vater und dessen Bruder. Als der Großvater früh starb, erben nicht nur diese, sondern er vermachte auch seinem einzigen Enkel einen hohen Geldbetrag. Dieser wurde mündelsicher bei einem Rechtsanwalt verwahrt, bis der Junge die Volljährigkeit erreicht hatte.

Während sich der Onkel eine Obstplantage kaufte und fortan Früchte verkaufte, fand Torbens Vater Gefallen daran, sein Geld durch Spekulationen zu vermehren. Dabei entwickelte er ein goldenes Händchen. Allerdings hielt er es nicht für nötig, seine Gewinne zu versteuern. Als die Behörden das bemerkten, raffte er zusammen, was er tragen konnte und siedelte nach Uruguay um. Das Land lieferte keine Steuerhinterzieher aus.

Torbens Mutter fühlte sich ohne ihren Ehegatten vollkommen hilflos, gab ihren Sohn in die Obhut des Obstbauern und zog ebenfalls nach Südamerika. Dort betrieb der Vater mittlerweile eine Rinderfarm und fühlte sich pudelwohl. Der verlassen Knabe wuchs derweil in ländlicher Idylle auf, behütet und umgeben von der Bescheidenheit seiner kinderlosen Verwandten.

Julia war betroffen von Torbens Schicksal. Ihr wurde bewusst, dass ihre Eltern sie nie verlassen hätten. Sie schämte sich, diese belogen zu haben. Würden sie ihr das jemals verzeihen? Ihre Mutter und ihr Vater waren stets anständige Leute gewesen, achteten ihre Mitmenschen unabhängig von deren Einkommen und jeder, auch ihre Tochter, konnte sich immer auf sie verlassen.

Mitfühlend fragte sie ihr Gegenüber, ob er in seiner Jugend unglücklich gewesen sei. Torben gab zu, das ihn die Abwesenheit seiner Eltern, deren Grund er nicht verstand, anfangs schmerzte, bis er irgendwann seine Tante und seinen Onkel als seine wahren Eltern ansah.

Dann wurde er schon mit 18 Jahren volljährig und bekam sein Erbe vom Großvater ausbezahlt. Plötzlich war er reich und konnte das Leben in vollen Zügen genießen. Kaum hatte er das Abitur gemacht, begann er durch die Weltgeschichte von einem Luxushotel zum nächsten zu reisen. Um sein Geld kümmerten sich die Vermögensverwalter einer Bank. Zum Glück waren diese keine Spieler sondern gewissenhaft und zuverlässig.

Torben erklärte, dass er genug über das sorglose und so oberflächliche Leben der Reichen erfahren hatte. Viele von ihnen lebten nur den Schein und waren nicht wirklich glücklich. Gerade die unbedarften Erben suchten sich gern Berater, die es verstanden, sich selbst zu bereichern und ihre Auftraggeber in Armut zu stürzen. Nun war es Torbens Plan, diesen Hilflosen zur Seite zu stehen und eine seriöse Vermögensverwaltung aufzubauen. Dieser Gedanke gefiel Julia.

Mittlerweile tranken beide Wein. Der Nachmittag war angebrochen und sie hatten bereits ein Mittagsmahl eingenommen. Schleichend war ihr gegenseitiges Vertrauen gewachsen. Schließlich stand Julia auf und küsste Torben. Er zog sie auf seinen Schoß. Allein seine Berührung entflammte die Begierde in der jungen Frau, doch ihr Begleiter war noch nicht am Ende mit der Darstellung seines Plans.

Nun sollte Julia ins Spiel kommen. Torben wusste, dass sie Jura studiert hatte. Doch sie gestand ihm ein, dass sie zwangsexmatrikuliert worden war. Damit konnte sie nicht an die Universität zurückkehren. Der junge Mann schlug vor, dass Julia ein Studium an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung im Fachbereich Finanzen anstreben sollte. Das bezeichnete die Ausbildung zur Finanzbeamtin im gehobenen Dienst.

 

Die junge Frau setzte sich wieder auf ihren Platz und schaute ihr Gegenüber mit einer Mischung aus Erstaunen und Abwehr an. Was bildete sich dieser Torben ein, über ihre Zukunft bestimmen zu wollen? Julia konnte sich nichts Langweiligeres vorstellen, als in einer Behörde zu arbeiten. Außerdem wusste sie, dass gerade Finanzbeamte in der Bevölkerung sehr unbeliebt waren. Das war wirklich der letzte Job, der für sie in Frage kam.

Doch bevor sie ihrer Empörung über diesen Vorschlag Luft machte, meldete sich ihr Verstand. Welche Absichten verfolgte Torben? Konnte es sein, dass für seine geplante Vermögensverwaltung eine Steuerfachfrau benötigte? Diese Vorstellung würde ihr vollkommen neue Perspektiven eröffnen.

Der junge Mann erkannte, dass sich Julias Gesichtszüge entspannten und erriet ihre Gedanken. Also erklärte er, wie wichtig die steuerlichen Aspekte bei der Geldanlage waren. Selbst Kriminelle wie Al Capone verhedderte sich darin und landete schließlich im Gefängnis. Sich selbst sah Torben aber nicht in der Lage, diese komplizierte Materie zu beherrschen.

Einerseits war Julia stolz darauf, dass er ihr dieses zutraute, doch dann kam ihr der Gedanke, dass er nur deswegen den Kontakt zu ihr gesuchte hatte. Sie fühlte sich in ihrer Weiblichkeit beleidigt und konfrontierte Torben sogleich damit. Leicht beschämt, gab er zu, dass es eine Mischung aus Interesse an ihr als Frau und seinem Plan gewesen war.

Julia war verwirrt. Nach der wunderschönsten und leidenschaftlichsten Nacht mit diesem Mann hatte sie sich gewünscht, dass er liebevolle Gefühle für sie hegte. Aber das war wohl von einem Trophäenjäger nicht zu erwarten. Also nutzte er ihre Situation aus, um sie als hilfreiche Verbündete einzufangen. Die junge Frau wurde wütend.

Torben griff nach ihrer Hand und bat sie, erklären zu dürfen. Schon ein sanfter Blick aus seinen Augen genügte, um Julia wieder für ihn einzunehmen. Dann begann er zu erzählen, dass er als junger, reicher Erbe natürlich die Früchte des süßen Lebens kosten wollte. Er zog von einem Ort, wo sich die Sorglosen tummelten, zum nächsten. Dabei verdankte er seinem Aussehen und seinem Vermögen, dass die Frauen sich ihm geradezu an den Hals warfen. Es dauerte eine Zeit bis er erkannte, dass er nur ihr Spielzeug war. Ernsthaftigkeit und tiefe Gefühle schienen in dieser Welt keinen Platz zu haben.

Also drehte er den Spieß um und benutzte die Frauen seinerseits als Spielzeuge. So war sein übler Ruf entstanden. Dabei war in ihm jedoch nie die Hoffnung gestorben, eines Tages auf eine zu treffen, die sich traute, wahre Gefühle zu zeigen. Vor der Nacht mit Julia hatte er nie erfahren, was wirkliche Hingabe bedeutete. Die junge Frau errötete.

Beide schauten sich tief in die Augen und spürten Vertrauen. Torben gab zu, dass er im Laufe der Jahre immer misstrauischer geworden war. Zu oft hatte der Schein das Sein überdeckt. Was er sah und hörte entpuppte sich nicht selten als Lüge. Schließlich fühlte er sich wie in einem Strudel, der ihn herunterzog und dann wieder an die Oberfläche spuckte. Das sollte nun ein Ende haben.

Zärtlich fragte er Julia, ob sie nicht gemeinsam den neuen Weg gehen wollten. Vielleicht würden sie dabei auch die wahre Liebe wieder entdecken. Aber auf jeden Fall konnten sie sich eine gedeihliche Zukunft aufbauen. Die junge Frau lächelte und nickte. Wortlos standen beide auf, gingen Arm in Arm zu Torbens Sportwagen und fuhren in seine Wohnung.

Schon am nächsten Tag verließen sie den sonnigen Süden und nahmen ihren Plan in Angriff. Torben kniete sich in das Thema „ertragreiche Geldanlagen“ und Julia begann ihr Studium an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung. Ihre Eltern verstanden zwar nicht, warum sie ihr Studium aufgegeben hatte, doch begrüßten ihre Entscheidung, sich einen sicheren Arbeitsplatz als Beamtin zu verschaffen.

Der junge Mann besaß eine sehr großzügige Stadtwohnung, in die seine Partnerin mit einzog. Sie waren ein seltsames Paar, das einerseits sachliche Fachgespräche führte und sich andererseits beinahe jede Nacht leidenschaftlich liebte. In der Öffentlichkeit tauschten sie selten Zärtlichkeiten aus. Vielleicht wussten sie selbst nicht, ob sie nur einen ehrenvollen Plan verfolgten oder sich von Herzen zugeneigt waren.

Julia fiel das duale Studium leicht und sie beschäftigte sich zusätzlich intensiv mit ausländischem Steuerrecht. Torben wälzte in der ersten Zeit Fachliteratur, bis er sich entschloss, unterschiedliche Anlagemöglichkeiten mit seinem eigenen Geld auszuprobieren. Damit erzielte er deutliche Gewinne, weil er das Näschen für die Entwicklung an den Finanzmärkten von seinem Vater geerbt hatte, musste aber auch Verluste hinnehmen. Doch er war der Überzeugung, dass nur der Einsatz des eigenen Vermögens ihn lehren konnte, später das Geld seiner Kunden verantwortungsvoll zu verwalten.

Nach dem erfolgreichen Abschluss ihres dreijährigen Studiums an der Fachhochschule im Fachbereich Finanzen, meldete sich Julia gleich zu einer Ausbildung als Steuerberaterin an. Die Kosten übernahm Torben. Er war stolz auf seine Partnerin, mit der er sich täglich über Finanzaktionen austauschte. Und er gründete endlich seine Vermögensberatungsfirma.

Der junge Mann hatte schnell begriffen, dass ein gutes Aussehen, das nicht protzig daher kam, sondern bescheidene Solidität ausstrahlte, den Kunden den Eindruck von Vertrauen vermittelte. Schon bald florierte sein kleines Unternehmen, bei dem auch Julia angestellt war. Ihre fachlichen Fähigkeiten auf dem Gebiet des Steuerrechts überzeugten auch die Kunden. Endlich hatten diese eine Vermögensberatung gefunden, bei der sie umfassend betreut wurden.

Julias Eltern sahen in Torben ihren zukünftigen Schwiegersohn, doch das Thema Heirat wurde nie angesprochen. Das Paar fürchtete sich davor, mit diesem Schritt das sachliche Streben in ihrer Beziehung zu verlieren. Aber sie waren glücklich miteinander, ohne das Wort Liebe in den Mund zu nehmen. Julia hatte mittlerweile ein kleines Vermögen angehäuft, konnte sich vieles leisten, doch fühlte sich nicht mehr zu den Schönen und Reichen hingezogen. Torben und sie sonnten sich in der Anerkennung und dem finanziellen Gewinn durch ihre eigene Leistung.

Mittlerweile wohnten beide in einer prächtigen Villa, wo im Erdgeschoss auch ihr Büro untergebracht war. Veranstaltungen besuchten sie nur, wenn das für ihre Geschäfte unumgänglich war. Bei Kundengesprächen kleideten sie sich vornehm zurückhaltend, waren sich aber bewusst, dass ihr eigener Wohlstand sichtbar werden musste, damit sich die Kunden gut aufgehoben fühlten.

Auch wenn sie bereits die Titelseiten der Finanzmagazine schmückten, blieben sie bescheiden. Sie genügten sich selbst, waren sich treu und fühlten die innige Verbindung, nach der sich beide stets gesehnt hatten. Sie brauchten die Worte „wahre Liebe“ nicht in den Mund zu nehmen, denn diese erfüllten ihren Geist und ihren Körper.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Christiane Mielck-Retzdorff:

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Trug und Wahrhaftigkeit: Eine Liebesgeschichte von Christiane Mielck-Retzdorff



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