Ali Yüce

Flasche, Wolke & Kaleidoskop

Über der Großstadt waberte es bis zum Horizont in einem dreckigen Rot. Aus unzähligen Fabrikschornsteinen züngelten Flammen nach der dichten Wolkendecke, die zu hilflos und träge war, um sich gegen das Feuer zu wehren. Sie glühte so hell und fiebrig, als könnte sie jeden Moment zerschmelzen und sich als ein Lavameer über die schlafende Erde ergießen.


Hier treffen sich Himmel und Hölle, dachte Roland und schüttelte niedergeschlagen den Kopf. Es gab nur eine Möglichkeit, in dieser Stadt auch nur den kleinsten Hauch von Dunkelheit zu erfahren: Die Augen schließen. Als er es versuchte, drehte sich plötzlich alles um ihn. Sofort riss er sie wieder auf und saugte die kalte Nachtluft durch Mund und Nase, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. So klar, wie es mit einem Magen voll Whisky eben möglich war.

Rolands Beine zitterten schwach, als die Brücke, auf der er stand, plötzlich anfing zu beben. Ein Güterzug polterte unter ihr die Schienen entlang und saugte kleine, knisternde Blitze von der Stromleitung. Die Scherben der zerbrochenen Whiskyflasche zu Rolands Füssen erwachten zum Leben und hüpften aufgeregt im Rhythmus der donnernden und kreischenden Stahlräder. Das Glas funkelte im Laternenschein und sah aus wie ein Haufen lebendiger Sterne. Roland lächelte. Sie waren zu ihm auf die Erde gekommen, um für ihn zu tanzen.

Der Lärm verstummte zu einem fernen Donner eines abziehenden Sturms. Die Tänzer kamen zur Ruhe, und Rolands Blick fiel auf das Etikett der Flasche. Es thronte wie ein Eroberer auf dem erloschenen Sternenhaufen und nahm Roland die Freude, die er vor einer Sekunde noch gespürt hatte. Diesen zweiten Weg in die Dunkelheit hatte Roland bis heute aus seinen Gedanken verbannt gehabt, obwohl er ihn so oft gegangen war. Roland kannte ihn unter den Namen Jack oder Johnny. Sie waren Rolands Begleiter in die Finsternis. Die Augen zu schließen, war verglichen mit dieser triefenden Schwärze nichts weiter als ein Schatten in der Mittagssonne. Seufzend verließ Roland die Brücke. Noch nie war es in ihm so dunkel gewesen.

Im Slalom erreichte er eine überdachte Bushaltestelle und wünschte sich, dass bald ein Nachtbus auftauchte. Als er sich in das Wartehäuschen stellte, blickte er in zwei eiskalte Augen, die ihn abschätzend musterten. Der Rest des Gesichts verschwamm zu kaleidoskopischen Mustern aus Falten und grauen Haaren. Das Kaleidoskop rümpfte angeekelt die Nase und verließ das Häuschen, um sich an das entfernte Ende der Haltestelle zu begeben. Roland stellte erstaunt fest, dass es Arme und Beine hatte. Nach einer Sekunde klärte sich Rolands Blick, und er sah einen vielleicht siebzig jährigen Mann, der in militärisch einwandfreier Haltung starr gerade aus guckte. Er versuchte sich so weit von Roland abzuwenden, dass es ihm schon Schmerzen bereiten musste. Roland visierte mit dem Zeigefinger die beschlagene Glaswand des Wartehäuschens an und beschmierte sie mit den Worten “Ignornts Ar“. Mitten in der Schaffensphase vergaß er, wie weit er schon war, und versuchte das Geschriebene zu lesen. Er schaffte es nicht. Anstatt wieder von vorn zu beginnen, lehnte er die Stirn an die feuchte Scheibe und genoss ihre Kälte...

Er keuchte vor Panik und fuhr sich mit der Hand über das schweißüberströmte Gesicht. Hier geschlafen? Im stehen? Ich? Wie lange schon?

Das Kaleidoskop drehte den Kopf- erst zu Roland, dann von ihm weg. Wenn es nicht aus purem Vergnügen dort steht, dachte Roland, ist der Bus wohl noch nicht gekommen. Roland wollte nicht mehr warten und

hoffte verzweifelt, dass es keine Freude am Stehen fand.... Warum nicht? Er hatte es eben noch gewusst. Aber der Faden war ihm irgendwo zwischen Hoffnung und Freude entglitten.

Der Rahmen, in dem sich der Fahrplan befinden sollte, war aufgebrochen und enthielt nichts außer unleserlichen Schmierereien. Jemand hat das Wartehäuschen ausgeraubt, dachte Roland. Hoffentlich wurde niemand verletzt. Er war eigentlich froh darüber, dass der Plan nicht da war. In seinem Zustand hätte er es sowieso nicht geschafft, die Buchstaben und Zahlen zu entziffern, und seine Enttäuschung wäre umso größer gewesen. Außerdem hatte er keine Uhr bei sich. “Tschulligen Sie, bitte“, sprach er zu Kaleidoskop. “Wiss ́n Se vielleicht, wanner Bus kommt?“


Ohne Roland anzuschauen brummte Kaleidoskop: “Um halb fünf.“ Es tat es mit so viel Ekel und Kälte, dass Roland trotz der vier Meter Pufferzone zurückschreckte und mit dem Hinterkopf gegen die Wand stieß. Hätte er den Mut dazu gehabt, hätte er es auch nach der Uhrzeit gefragt. Es war wohl kurz vor halb fünf, das reichte Roland vorerst als Information.

Halb fünf? Ach, du meine Güte! So spät?

Es begann zu regnen. Zuerst nieselte es unsichtbar, aber dann prasselten dicke, schwere Tropfen auf den Asphalt. Kaleidoskop hielt hartnäckig die Position und weigerte sich eine strategisch günstige Abwehrhaltung gegen den Beschuss einzunehmen. Vielleicht hatte es aber noch nicht bemerkt, dass es beschossen wurde. “Es regnet“, rief Roland ihm zu und deute mit dem Zeigefinger nach oben.

Kaleidoskop reagierte nicht.

“Das ist Wasser“, erklärte Roland. “Kaltes Wasser.“ Endlich stellte es den Kragen seiner Jacke hoch. Roland nickte zufrieden. Na also, dachte er. Es geht doch.

Eine rote, wollige Wolke schwebte an Kaleidoskop vorbei und grüßte es. “Morgen“, grüßte Kaleidoskop zurück. Roland blinzelte und schaute noch einmal hin. Wolke war eine Frau, deren sonniges Lächeln sein Herz erwärmte. Das Rot umwölkte ihr rundes, sommersprossiges Gesicht und weckte in Roland Erinnerungen an flackerndes Feuer. Er wusste nicht warum, denn wie Feuer sah es eigentlich nicht aus. War es wirklich ihr Haar? Es wogte in dem Takt ihrer schnellen Schritte, und wenn Roland nicht scharf genug hin sah, zerfloss es mit der Farbe des Himmels. Aus irgendeinem Grund, den er nicht erfassen konnte, beunruhigte ihn das.

Wolke trat zu Roland ins Trockene und sagte ihm: “Guten Morgen.“ Sie hatte eine melodische aber heisere Stimme, die Roland eine Gänsehaut bereitete.

“Wirklich?“ hätte Roland beinahe gefragt. Er entschied sich dann aber für ein “Moin“, weil er keine Diskussion beginnen wollte, die er mit Sicherheit verlieren würde. Seine Kraft reichte nur noch für das Besiegeln von Friedensverträgen. Außerdem war das “Moin“ leichter auszusprechen.

“Tschulligen Sie, bitte“, sagte er und zupfte am Ärmel ihrer grünen Regenjacke. “Tschulligen Sie?“

Ihre Augen strahlten, als sie in die seinen blickte. “Ja? Warum soll ich denn tschulligen?“

“Wiss ́n Sie vielleicht, wie spät es is ́?“

Sie schaute auf ihr Handgelenk. “Halb fünf.“

“Danke.“

“Kein Problem... Wie war die Feier?“

Rolands Stirn legte sich in Falten. “Weiß nicht. Bin auf keiner gewesen. Gab ́s denn eine?“

Sie lachte so herzhaft, dass Roland auch lachen musste. Er wusste zwar nicht warum, aber er wehrte sich nicht dagegen. Er spürte, dass es ihm gut tat. “Du bist witzig“, sagte sie. “Sag bloß, du hast dich ganz alleine betrunken.“

Roland nickte. “Hätt ́ ich lieber nicht tun sollen.“


Sie lachte noch lauter. “Gut, dass du wenigstens das dabei herausgefunden hast. Dann ist ́s nicht ganz umsonst gewesen.“

Das Gesicht, das Roland machte, hätte man mit einem Fragezeichen austauschen können. Es hätte keinen großen Unterschied gemacht. “Hä? Versteh ́ ich nicht.“

“Ich meine, zu was kann Saufen schon gut sein?“

Roland war empört! Er hatte nicht sinnlos gesoffen. Es hatte Sinn gehabt. Er erinnerte sich an seine Dunkelheitstheorie. “Wissn Sie, dass hier nachts die Wolken nie dunl... ich meine dunkel sind?“ fragte er sie. “Sie sind rot. Überall rote Wolken.“

“Jetzt, wo du es sagst... Ist das nicht großartig?“

“Großartig?“ staunte Roland.

“Aber ja! So etwas sieht man ja nicht immer und überall.“

Der Bus kam, fuhr durch eine Pfütze und hielt. Das Kaleidoskop fluchte. Auf seiner grauen Hose war deutlich zu sehen, dass die Reifen nicht nur Wasser aufgespritzt hatten. Es folgte Wolke hinein und beschwerte sich bei dem Busfahrer. Der Fahrer murmelte: “Ja, ja. Ist schon gut“, und winkte es durch. Er drückte auf einen Knopf, und die Türen schlossen sich mit einem Zischen.

Roland stand noch draußen und sah Wolke abziehen.

 

2001Ali Yüce, Anmerkung zur Geschichte

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Ali Yüce).
Der Beitrag wurde von Ali Yüce auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Von Schindludern und Fliedermäusen: Unglaubliche Geschichten um Großvater, Ole und Irmi von Diethelm Reiner Kaminski



Erzieht Großvater seine Enkel Ole und Irmi, oder erziehen Ole und Irmi ihren Großvater?
Das ist nicht immer leicht zu entscheiden in den 48 munteren Geschichten.

Auf jeden Fall ist Großvater ebenso gut im Lügen und Erfinden von fantastischen Erlebnissen im Fahrstuhl, auf dem Mond, in Afrika oder auf dem heimischen Gemüsemarkt wie Ole und Irmi im Erfinden von Spielen oder Ausreden.
Erfolgreich wehren sie mit vereinten Kinderkräften Großvaters unermüdliche Erziehungsversuche ab.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Sonstige" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Ali Yüce

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Ein kleines Wunder von Ali Yüce (Sonstige)
SICHTBARE KÜSSE von Christine Wolny (Sonstige)
A Tear von Sara Puorger (English Stories)