Aylin

Anders

Anders

 

Er wirkte anders heute. Sie hatten sich lange nicht gesehen, nur kurze Mails geschrieben wegen des Umzugsstresses von Anna.

Er war anders. Das wusste sie über ihren vertrauten Studienfreund schon seit vierzig Jahren. Sie war damals die einzige gewesen, der er es erzählt hatte. Damals, als sie beide noch jung waren.

Er brachte Brot und Salz zum Einzug mit, liebevoll dekoriert mit einer roten Schleife, so wie eine beste Freundin es tun würde. Seine Umarmung jedoch war fahrig, als wäre er mit seinen Gedanken ganz woánders.

„Ich wollte ihn anrufen. Er ist gestern achzig geworden.“ Es brach aus ihm heraus, einfach so. Anna wusste sofort von wem die Rede war und schwieg. Er schaute auf die vertrocknenden Rosen, die ihr Mann ihr erst vor drei Tagen gekauft hatte. Dieses heiße Sommerwetter war nicht gut für Schnittblumen.

 

Nach zwanzig Jahren hatte Anna ihm damals schon empfohlen, dass sein Freund, seine große Liebe, seine Ehefrau einweihen sollte, sie gemeinsam einen Weg finden müssten. Nun streichelte sie seine Hand, wie man es bei einem Kind tut, das man trösten will. „Du hättest es vielleicht tun sollen. Wenigstens als Freund, als Kumpel, Zutritt zu seinem Leben zu bekommen, irgendwie. Sonst wirst du nicht einmal erfahren, wenn er einmal krank ist oder stirbt.“ Er nickte, unendlich traurig.

Nun schaute Anna auf die Rosen. Ließ ihm Zeit für eine Antwort.

„Ich wollte es,“ flüsterte er fast tonlos und ein erstes Rosenblatt fiel lautlos von dem Strauß herab auf die kalten Fliesen.

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Aylin).
Der Beitrag wurde von Aylin auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Repuestos: Kolonie der Verschleppten von Marianne Reuther



Die letzte Unterrichtsstunde war zu Ende, das Wochenende stand bevor. Studienrat Edmund Konrad strebte frohgemut auf seinen blauen Polo zu. Hinterm Scheibenwischer steckte der Werbeflyer eines Brautausstatters, und indem er das Blatt entfernte, fiel ihm beim Anblick des Models im weißen Schleier siedend heiß ein, daß sich heute sein Hochzeitstag zum fünften Mal wiederholte.
Gerade noch rechtzeitig. Auf dem Nachhauseweg suchte er in einem Blumenladen für Lydiadie fünf schönsten Rosen aus und wurde, ehe er sich versah, durch eine Falltür in die Tiefe katapultiert ...

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Zwischenmenschliches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Aylin

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der blaue Arm des Gesetzes von Aylin . (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Es menschelt in Manhattan von Rainer Tiemann (Zwischenmenschliches)
Vorsicht Wellness-Bad von Engelbert Blabsreiter (Humor)