Monika Litschko

Sie hat niemals dieses Lied gesungen

 

 

„Verflucht noch mal, was macht die alte Schrulle auf meiner Bank?“ Jan blieb stehen und überlegte, wie er sie verscheuchen konnte, denn er war müde und hatte Hunger. Diese Kifferei machte eben Hunger, und die Bank nutzte er hin und wieder für ein Schläfchen. Aber nun saß diese alte Frau da und rührte sich nicht. Mit viel Glück war sie tot und er musste nur die Bullen anrufen. Zögernd ging er auf sie zu.
„He Sie, was ist mit Ihnen? Haben Sie sich verirrt? Sagen Sie mir, wo sie wohnen und ich rufe jemanden an. Aber das hier ist meine Bank. Es sind mindestens zwanzig Bänke frei, warum suchen Sie sich nicht eine davon aus?“
Die alte Frau zuckte zusammen und drehte sich leicht zur Seite. „Weil es hier am schönsten ist. Wissen Sie, ich beobachte so gerne die Enten. Sie gleiten so unbedarft über diesen kleinen See. Aber für sie gibt es ja nichts anderes. Es ist ihre kleine Welt und in der sind sie glücklich und zufrieden.“
Jan trat von einem Bein auf das andere. „Schön, dass wenigstens die Enten glücklich sind“, maulte er. „Im Altenheim gibt es gleich Abendessen, sollten Sie nicht langsam los?“
Die alte Frau schüttelte den Kopf. „Ich bin in keinem Altenheim, junger Mann. Warum setzen Sie sich nicht zu mir? Diese Bank ist doch groß genug für uns beide. Ich bleibe hier sitzen, ob es Ihnen passt oder nicht.“

 

Jan resignierte und setzte sich neben sie. Er hatte Hunger und wollte endlich etwas essen. Sollte sie doch sitzen bleiben, egal. Irgendwann würde das alte Schätzchen müde werden und verschwinden. Er bemerkte, dass sie ihn beobachtete. „Stimmt was nicht?“, fragte er genervt. „Ich möchte jetzt etwas essen, also beobachten Sie weiter die Enten.“ Hungrig packte er einen der zwei Burger aus, die er sich von den paar Kröten in seiner Hosentasche besorgt hatte. Sie waren mittlerweile kalt, aber das störte ihn nicht.
„Sie essen aber ungesund“, sagte die alte Frau und schüttelte besorgt den Kopf. „Das Zeug macht dick und krank. Wo man hinguckt, überall Fast-Food-Kinder. Hätten wir früher schon enge Jeans getragen und bauchfreie Pullover …Na ja.“
Jan verdrehte die Augen. „Was wäre dann gewesen? Sittenpolizei, oder so?“
Die Alte lachte. „Nein, aber wir hätten darauf geachtet, dass wir keinen Hüftspeck ansetzen. Aber anscheinend macht es den jungen Mädchen nichts mehr aus, wenn sie ihre ausladenden Hüften zur Schau stellen. Ach, hat ja auch alles Geld gekostet. Ich meine, was da über den Hosenrand quillt.“

 

Jan musste lachen. „Wie Recht Sie haben“, antwortete er kauend, „aber das Zeug schmeckt einfach zu gut. Aber ne‘ Alte mit Schwabbelspeck muss ich auch nicht haben. Wenn ich mir eine an Land ziehe, muss sie schon nach was aussehen. Tolle Figur, geiles Gesicht, auf so was stehe ich. Obwohl, ich hatte auch schon mal ne‘ Burgertussi. Wenn du die von hinten … äh, ich hoffe, Sie wissen was ich meine, na ja, auf jeden Fall kann man sich da prima festhalten.“ Jan zeigte auf seinen nicht vorhandenen Hüftspeck und grinste.
Wiedererwarten lachte die alte Frau. „Aus dieser Sicht habe ich das noch nicht gesehen. Jedem, wie es ihm beliebt.  Aber gesund sehen Sie auch nicht gerade aus. Sie haben Ringe unter den Augen, geht es Ihnen nicht gut?“
Jan verschluckte sich fast und würgte. „Was für Ringe? Jeder hat doch mal einen schlechten Tag.“
Die alte Dame öffnete ihre Handtasche und zog einen kleinen Handspiegel heraus, den sie Jan unter die Nase hielt. „Wie viel schlechte Tage hatten Sie denn? Von einem schlechten Tag allein sieht man nicht so aus.“

Widerwillig warf Jan einen Blick in den Spiegel und drückte anschließend ihre Hand beiseite. Was er gesehen hatte, gefiel ihm auch nicht. Er war erst 27 Jahre, hatte eine fahle graue Haut, dunkle Ringe unter den Augen und einen ungepflegten Dreitagebart. „Mann, Sie sind vielleicht nervig. Ok, ich mache gerade eine schwere Zeit durch. Es fällt einem nichts in den Schoss, auch wenn Mensch sich bemüht, seinen Weg zu finden.“

 

Die alte Dame steckte den Spiegel wieder in ihre Tasche und sah ihn skeptisch an. „Ich heiße Ruth.“
Jan kratze verlegen an seinem Bart und sah zu Boden. Bei dieser Frau fühlte er sich geborgen und gleichzeitig durchschaut. Gefühle, die er schon lange nicht mehr wahrgenommen hatte. „Ich heiße Jan. Ruth, wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf?“
„Sicher dürfen Sie das. Ich bin 80 Jahre jung, und Sie?“
„27, arbeitslos, WG-Bewohner, abgebrochenes Jurastudium. Das Studium habe ich abgebrochen wegen eines Traumes. Ich habe lange in einer Band gespielt. Texte und Musik stammten immer aus meiner Feder. Es war schon eine geile Zeit, die wir hatten. Als sich die Band auflöste, dachte ich, ich mache alleine weiter. Starallüren eben.  Am Anfang hatte ich viele kleine Auftritte, die dann immer weniger wurden. Jetzt halte ich mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Aus der Traum.“

 

 

Ruth hatte ihm schweigend zugehört. „Jan, an seine Träume sollte man glauben. Ich spreche aus Erfahrung. Warum haben Sie nicht ihr Studium fortgesetzt und nebenbei Musik gemacht?“
Jan lehnte sich zurück und betrachtete Ruth erstmals richtig. Sie war klein, hatte ein nettes Gesicht, graues dauergewelltes Haar und einen wachen Blick. „Weil ich blöd war und mein Traum größer.“
Ruth seufzte. „Dann machen Sie etwas aus ihrem Traum. Aber erstmal sollten Sie viel schlafen, richtig essen, sich rasieren und die Drogen aus dem Leib lassen. Suchen Sie sich einen Job und üben Sie sich nebenbei als Musiker.“        

Bei jedem anderen wäre er wütend geworden, aber nicht bei ihr. „Ich kiffe, stimmt. Andere saufen, ich kiffe. Was ist jetzt schlimmer?“
Ruth sah ihn vorwurfsvoll an. „Beides. Immer diese Ausreden. Kiffen ist nicht schlimm, trinken ist schlimmer. Blablabla. Bei beiden Sachen verabschieden sich allmählich die Gehirnzellen. Ob man sich nun das Leben schön kifft, oder schön, trinkt, ist gleich. Richtig wäre, man würde sein Leben mal so richtig ausmisten. Wegschmeißen, was belastet. In die Hände spucken und neu anfangen. Sich ein Ziel suchen. Sein Ziel suchen. Ich wurde 1934 geboren und 1939 kam der zweite Weltkrieg. 1940 wurde mein Vater eingezogen und für meine Mutter brach eine Welt zusammen. Plötzlich war sie alleine mit zwei kleinen Kindern. Ich war gerade sechs Jahre alt und meine Schwester ein paar Monate. Ich weiß noch, wie sie durch die Stadt marschierten, bevor es zur Front ging. Angehörige und Schaulustige säumten die Straßen. Sie hatten Fähnchen und winkten ihnen zu. Und sie sangen dieses Lied, Lilly Marleen. Aber ich habe es nicht gesungen. Ich kannte es, aber ich hatte nur Augen für die Soldaten, denn irgendwo dazwischen musste mein Vater sein. Und plötzlich sah ich ihn. Er winkte uns zu. Ein letztes Mal sah ich ihn lächeln. Ich weinte, aber sie sangen einfach weiter. Nur ich, ich habe es nicht gesungen. Ich habe niemals dieses Lied gesungen. Es waren harte Jahre für meine Mutter. Jahre, in denen sie sich krummlegte für uns. Jahre, in denen ich nur wartete. Aber mein Vater kam nicht zurück. Aber ich, ich glaubte weiterhin an ihn und an meinen Traum. Ich wusste, ich würde ihn wiedersehen.  1942, ich saß gerade in der Küche und machte Hausaufgaben, da sah ich ihn plötzlich über den Hof kommen. Ich lief zum Fenster und winkte wie eine Wilde. Mein Vater lächelte mich an und ging um unser Haus herum, so dachte ich jedenfalls. Ich lief nach draußen, damit ich ihn in die Arme nehmen konnte, aber ich stieß nur auf meine Mutter. Sie saß auf einer Bank und weinte bitterlich. Auf ihrem Schoss lag ein Brief, den sie mir mit zittriger Hand reichte.  Es hieß, mein Vater wäre gefallen. Ich suchte ihn den ganzen Tag. Rief seinen Namen, betete zu Gott, versprach ihm alles Mögliche, wenn er nur meinen Vater zu mir schicken würde. Aber er kam nicht. Als ich älter wurde, verstand ich, dass er zu mir zurückgekehrt war. Er hatte meinen Traum wahr werden lassen und mir ein letztes Lächeln geschenkt.  Wir hatten uns verabschiedet. Und ob Sie es nun glauben oder nicht, ich habe immer noch nicht dieses Lied gesungen.“

 

Jan hatte ihr aufmerksam zugehört. „Sie hatten ein einzigartiges Erlebnis, Ruth. Ich beneide Sie darum.  Sie haben so sehr an ihren Vater geglaubt, dass sich Ihr Traum erfüllt hat.“
Ruth lächelte glücklich. „Ja, so war das. Und ich weiß, wenn sie anfangen ihren Traum zu leben und alles dafür tun, werden Sie ihr Ziel erreichen. Schmeißen Sie ihr altes Leben über Bord und fangen Sie neu an. Es lohnt sich. Aber nun muss ich los, meine Tochter wartet bestimmt schon auf mich. Vielleicht treffen wir uns zufällig mal wieder, dann können wir weiter plaudern. Alles Gute für Sie.“

 

Jan verabschiedete sich von Ruth und blickte ihr eine Weile hinterher. „Sie hat niemals dieses Lied gesungen“, murmelte er und trat ebenfalls den Heimweg an.

 

Jan ging von nun an oft zu dieser Bank, aber er traf sie nie wieder und mit den Jahren vergaß er Ruth. Aber er hatte sich ihre Worte zu Herzen genommen und irgendwann sein altes Leben über Bord geschmissen. Er ging einer Tätigkeit nach und komponierte nebenbei seine Lieder.

2012 bekam Jan die Chance seines Lebens. Nach einem kurzen Auftritt kam ein Musikmanager auf ihn zu und nahm ihn unter Vertrag. Als er den Vertrag in den Händen hielt, dachte er an Ruth. Plötzlich war sie wieder da, wenn auch nur in seinem Herzen. Beschwingt setzte er sich an den Flügel und komponierte seinen größten Erfolg …‘Sie hat niemals dieses Lied gesungen‘….

 

 

 

©Monika Litschko



 

 

 

  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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