Richard Wilhelmson

Die Wang

Die Augen fielen mir zu aber einen letzten Klick schaffte ich noch und schon war das Ding bezahlt. Nun besass ich ein solarbetriebenes Mini-Mikrofon. Es hatte sogar Bluetooth. Das war schon ein cooles kleines Gerät. Es war nur noch zu überlegen wozu ich es benutzen wollte. Weil mir spontan nichts einfiel, stand ich vom Küchentisch auf, klappte den Laptop zu, schlurfte zum Bett und liess mich hineinfallen, doch nicht ohne vorher noch einen beiläufigen Blick auf den kleinen Plastikcontainer zu werfen der unterm Bett stand. Vollgestopft mit ehemals supercoolem Krimskrams, wie zum Beispiel dem selbstleuchtenden USB Ventilator, dem batteriebetriebenen Kaffeetassenwärmer, der kleinen Lügendetektorplatine, die aber nur etwas anzeigte wenn man die Elektroden an Frida, meine fleischfressende Pflanze anschloss und sie fütterte, und noch ein Dutzend weitere Spontankäufe aus dem Onlineshop. Ich machte das Licht aus und schloss die Augen.

Die Plattform schwankte leicht und der Wind brachte die Stahlseile an der sie hing zum vibrieren. Joey, mein Kollege im Bereitschaftsputzdienst der Organisation, nahm mit der linken Hand die Sprühflasche mit Reinigungsmittel, sprenkelte ein bisschen auf die Aussenseite des Fensters vor ihm und wischte mit einer einzigen, oft trainierten Bewegung kunstvoll den Staub und den Fliegendreck vom Glas. Ich machte dasselbe mit dem Fenster auf meiner Seite, nur nicht so effizient. Die ganze Fensterfront war vielleicht in einer Woche zu schaffen wenn das Wetter mitspielte. Ich schaute unauffällig durch die Scheibe in das Büro dahinter und sah wie eine kleine, stämmige Asiatin in schwarzen Pumps und grauem Businesskostüm auf und ab durch den Raum tigerte. Sie sprach in Ihr Smartphone, hielt die Ellenbogen weit abgespreizt als wollte sie abheben und hatte den Zeigefinger ihrer freien Hand wahlweise an der Hüfte, an der Stirn oder in der Nase. Ich hörte absolut nichts. Die Fenster waren dreifach verglast. Das brachte mich auf eine Idee. Ich bückte mich auf den Boden der Plattform und steckte meine Hand in die Umhängetasche mit den Mittags-Sandwiches. In der lag schon seit Tagen mein Mini Mikrofon, auf seine erste sinnvolle Beschäftigung wartend. Ich musste den richtigen Moment abpassen um das kleine Gerät unauffällig am Fenster anzubringen. Es war nur halb so gross wie eine Kreditkarte. Ich spuckte meinen Kaugummi aus, klebte es auf die Rückseite des Mikros um die Solarzelle auf der Vorderseite, vom Fenster weg, der Sonne entgegen richten zu können und schaute unauffällig wieder ins Büro. Die Frau sass jetzt an einer kleinen Sitzgruppe und hatte das Gesicht vom Fenster abgewandt. Ich streckte mich höher, täuschte mit der Linken eine Putzbewegung am Fenster vor und klebte dabei hastig mit der Rechten das Mikro in die rechte, obere Ecke der Scheibe. Es hielt. Ich drehte mich zufrieden um … und sah Joey. Er stand hinter mir ! und scha ute mich einige Sekunden lang fragend an. Dann legte er sehr, sehr langsam die Hand auf den Steuerknüppel der Plattform und liess sie an quietschenden Stahlseilen nach unten zur nächsten Fensterreihe gleiten. Er sagte kein Wort.
Kurz vor Schichtende waren wir beide im Geräteraum im Keller und zogen uns um.
„Sag mal ...“, fing er an
„Was warn das da, am Fenster Heute?“
„Was war was?“
„Komm, stell Dich nicht blöd. Das Fenster im Dritten Stock, vor der Mittagspause. Da haste was drangepappt. Was warn das?“
Joey hatte den Fensterjob jetzt schon vier Jahre am Stück gemacht. Er war fit wie ein Eichhörnchen und so harmlos wie ein Stück Toastbrot, dachte ich.
„Ich wollte es mal ausprobieren.“
„Ausprobieren?“
„Na dieses neue Teil was ich im Internet gekauft habe. Ist ein solarbetriebenes Mikro“
„Aha“
„Ich weiss auch nicht. Ich habs schon ein paar Tage bei mir rumliegen und irgendwie hab ich daran gedacht, Heute, auf der Plattform.“
„Aha, n'Mikro … sag mal bist du völlig plemplem?“
„Wieso?“
„Na n'Mikro an der Fensterscheibe der Direktorin der Abteilung für Afghanistan und Pakistan. Weisst du eigentlich was passiert wenn das der Sicherheitsdienst mitkriegt? Haste Dir mal überlegt das wir hier nicht die Fenster einer Dübelfabrik im Oberammergau putzen, sondern die einer Internationalen Organisation mit Diplomaten aus allen möglichen Ländern? Es gibt hier Kameras die permanent die Fassaden sämtlicher Gebäude überwachen.“
„Na ja, ich ...“
„Also wenn ich nicht wüsste dass Du so ein verklemmter kleiner Technikfreak bist, dann ...“
Die Tür des Geräteraumes sprang auf und Louis, unser Boss und der Adjunkt des Oberhausmeisters, stürmte herein. Er beachtete uns nicht weiter, befühlte nur kurz das faustgrosse Schlüsselbund an seinem Gürtel, seufzte und ging zu den Toiletten Nebenan. Man hörte es plätschern und dann ein Stöhnen. Joey sagte im Flüsterton:
„Wenn die Sicherheitsleute das mitbekommen haben, dann sind wir beide am Arsch, ist Dir ja wohl klar. Also wenn irgendeiner von denen Dich fragt ob Du was verdächtiges gesehen hast, beim putzen, dann hältst Du verdammt noch mal die Klappe, klar?!
Ich nickte.
Joey zog seine Jacke zu, setzte seine Schirmmütze auf und rief laut in Richtung Toilette:
„Hey Louis, was macht die Prostata? … Ich mach jetzt Feierabend.“
Louis stöhnte auf.

Die Woche verging. Die Fensterfront war fertig geputzt und der Sicherheitsdienst wollte weder etwas von mir noch von Joey. Ich sass vor Schichtbeginn in der Nähe eines Seiteneinganges, trank den ersten Kaffee des Tages und las E-Mails auf dem Handy. Das Display zeigte plötzlich ein neues Bluetooth Gerät in Reichweite an und der Name kam mir bekannt vor. Mein Mikro! Es lebte noch. Ich bestätigte die Verbindung, gab den Code für das Gerät ein und lud vorsichtshalber alle Tonaufzeichnungen herunter die sich bislang angesammelt hatten. Es waren 47. Dann ging ich zum Bereitschafts-Putzraum um mich mit Mopp,Besen und Eimer zu bewaffnen und auf Anweisungen der Hausmeisterei zu warten.

Es wurde kein ruhiger Tag. Eine iranische Delegation kam zu Besuch und es mussten Gebäudeteile mit beweglichen Barrieren abgesperrt werden, die zu Schleppen ich abkommandiert wurde. Dann sollte ich zwei Anderen dabei helfen einen Wandteppich abzuhängen weil in einer Ecke des Motivs drei paar nackte Frauenbrüste sichtbar waren und der iranische Botschafter, ein Mann, sich schon bei einem vergangenen Besuch darüber beschwert hatte. Ich kam erst dazu mir die Aufnahmen des Mikro anzuhören als ich nach Schichtende auf dem Nachhauseweg in der Bahn sass, mir die Kopfhörer einstöpselte und die Augen schloss.

Aufnahme 1:
„... mein Schatz, sei schön lieb. Die Aisha hat dir doch was ganz leckeres gemacht … mmmhhh Spaghettiiiiii …. das magst Du doch so gerne... mmmmhhh das ist bestimmt gaaaaanz lecker. Gibst du das Telefon mal der Aisha, mein Schätzelein, damit die Mami ihr was sagen kann …jaaaaa... küsschen,küsschen,küsschen, … Aisha? Hallo! Hör mal, kannst du Meine Kleine heute Nachmittag um Vier Bitte zu Oma Li bringen. Die Adresse hab ich dir aufgeschrieben. Da kann Sie bleiben bis ich sie abends abhole und Du hast Frei. …. ja genau … danke, ok. Dann bis morgen. Tschüss.“

 Aha, eine fürsorgliche Mutter mit Kleinkind, unsere Wendy. Mal sehen was es noch gab. Ich übersprang ein paar Aufnahmen die nur wenige Sekunden dauerten und hörte weiter.

 Aufnahme 13:
„Guten Tag, hier ist Wendy Wang von der Organisation. Ich hatte ein Telefongespräch mit Botschafterin Jackson angemeldet … ja genau … kein Problem, ich warte ... Guten Tag Frau Botschafterin, hier ist Wendy Wang, wie geht es Ihnen? … danke gut … Frau Botschafterin ich wollte noch einmal auf unser letztes Gespräch zurück kommen. Es ging um die Verhandlungen mit dem Iran am kommenden Montag. Ich glaube ich hätte da etwas, was für die amerikanische Position nützlich sein könnte. … natürlich ... inoffiziell. Wir als Organisation sind ja per Mandat zu Neutralität verpflichtet … … wir haben erfahren, dass die Nichte des iranischen Botschafters sich vor kurzem bei unserer Abteilung für Umweltfragen beworben hat, aber nicht erfolgreich war. … Richtig … Nun sind wir gerade dabei in meiner Abteilung eine neue Position zu besetzen, im Ressort Umwelt. Die Interviews sind diesen Freitag. … Ich will da ganz direkt sein Frau Botschafterin. Wenn sie der Meinung sind dass ein weiteres inoffizielles Entgegenkommen sich positiv auf Ihre Verhandlungen mit den Iranern auswirken könnte, dann … Ja natürlich … nein, ich bin offiziell nicht an den Verhandlungen beteiligt. Niemand aus der Organisation ist das. Wir helfen nur dabei die Parteien zusammenzubringen und die Treffen zu organisieren. Wenn Sie also meine Idee für nützlich halten, Frau Botschafterin, müsste ich bis spätestens Donnerstag Abend von ihnen Hören. … genau … wir werden in jedem Fall alles vorbereiten und die Nichte des Botschafters als neue Kandidatin ganz normal in unseren Auswahlprozess mit einbeziehen. Wenn Sie mir am Freitag grünes Licht geben sollten wird es kein Problem sein die Nichte in den Interviews als beste Kandidatin herauszustellen und sie zu engagieren. … ja das kann ich garantieren ... Falls sie sich jedoch gegen den Vorschlag entsch! eiden, F rau Botschafterin, läuft unser Auswahlverfahren normal weiter und die Nichte wird es nicht schaffen. … ganz bestimmt. … In Ordnung … gut dann verbleiben wir so. Es freut mich, dass Sie meine Idee in Erwägung ziehen. Ein kurzer Anruf bei mir reicht, Ihr Assistent hat meine Handynummer. … natürlich Frau Botschafterin … Ihnen noch einen schönen Nachmittag.“

Aufnahme 15:
Linda, hallo hier ist Wendy. Du, Du weisst doch dass wir gerade eine neue Position in Umweltfragen besetzen wollen und da viel mir ein dass Ihr vor ein, zwei Monaten auch so eine Stelle ausgeschrieben hattet. Würde es Dir was ausmachen wenn ich mal einen Blick auf die Liste Eurer Bewerberinnen werfen könnte? Also die, die es nicht geschafft haben? … Unsere Kandidatenliste ist bisher nicht so vielversprechend. Sind auch nicht genug Frauen dabei. … so um die 10 werden reichen. … Prima, ich danke Dir. Tschüss.

Aufnahme 16:
Hallo Linda, ich bins nochmal. Also eine Eurer abgelehnten Kandidatinnen, Frau Shadeh Bourgani hat ein ganz interessantes Profil. Ich denke die hätten wir gerne noch auf unserer Liste. Kannst du mir da helfen? Du weisst, ich als Verantworliche der Stellenausschreibung kann nicht einfach so eine Kandidatin direkt anschreiben, noch dazu wenn sie sich nicht selbst bei uns beworben hat. Dass sähe nicht gut aus..... mmmhhmm … lässt sich da was machen? … ok … Du würdest dass machen und Ihr vorschlagen sich auf die Stelle bei uns zu bewerben? … Aaach, ich danke Dir Linda. Das würde mir soooo helfen. Wirklich. Danke, Danke. Das ist lieb von Dir. Da ist noch ein online Test den Sie auch machen muss. Ich schick dir den Link gerade. Schreib ihn bitte 'rein in Deine E-Mail an, wie heisst Sie noch … Shadeh. … ja, klasse. … und bitte auch dass Sie ihre Bewerbung und Unterlagen an Adnan schicken soll. Der koordiniert das bei uns. ….. Suuuper, ich schulde dir einen grooossen Latte. Tschühüüüsss!“

Aufnahme 17:
Adnan. Ich brauche eine Uhrzeit für ein zusätzliches Telefoninterview am Freitag. Die Interviews für die Stelle bei uns. … Ja.... Die Bewerbungsfrist ist schon vor zwei Wochen abgelaufen? Das interessiert mich herzlich wenig mein Guter. Wir machen eine Ausnahme … Ja ich weiss das es Standards und Regeln gibt …dann mach es so dass es nicht auffällt. Mein Gott, stell dich nicht so an! … es gibt einen schriftlichen online Test vor dem Interview? Ok, schick mir den Link dazu und, … liegen die Testfragen, immer noch im selben Ordner auf dem Server? ... Gut. Die müssen überarbeitet werden. … JA VERDAMMT NOCHMAL, ich weiss dass alle Kandidaten den gleichen Test machen müssen. Du wirst bis Morgen eine zusätzliche Bewerbung geschickt bekommen und einen Test auch. …. Nein, nein nicht von MIR, sondern direkt von einer neuen Bewerberin. Das war dann alles Adnan. Ach mach mir doch schnell einen Espresso. Und damit du Bescheid weisst, ich muss heute früher gehen, meine Kleine ist ganz fürchterlich krank. Tschüss.“

 Ich nahm die Kopfhörer ab und war nicht überrascht. Was in der Organisation alles gemauschelt wurde, wer wem einen Gefallen tat, ob es legal war oder nicht, wer wessen Nichte wo einstellte, …. ging mir am Arsch vorbei … dass passierte doch überall, mal mehr, mal weniger offensichtlich. Die Bahn hielt am Hauptbahnhof, ich stieg aus und kaufte mir ein Börek mit Käse und ein Bier und beobachtete wie die Drogendealer sich bemühten unauffällig zu wirken während sie im Eingangsbereich der Bahnhofshalle nach Kunden und Konkurrenz Ausschau hielten. Zuhause angekommen liefen im Fernsehen Nachrichten über die Iraner und ihre Verhandlungen mit dem Westen. Es ging um Flüchtlinge im afghanisch/iranischen Grenzgebiet. Die Europäer und Amerikaner wollten erreichen dass man Afghanen nicht an der Grenze abwies sondern sie im Iran Asyl beantragen konnten. China mischte auch mit, als Vermittler. Nach dem Bier hatte ich keine Kraft mehr den Laptop hochzufahren um nach Zerstreuung im Netz zu suchen und ging schlafen.

 „Was drauf?“
„Hä?“
Ich sass in der Mittagspause auf dem Rasen im Park hinter dem Gebäudekomplex der Organisation und ass meinen Sandwich. Die Sonne schien. Joey hatte sich von hinten angeschlichen.
„Dein Mikro Dingsda … läufts?“
„'paar Telefongespräche. Mit dem Kindermädchen, mit Kollegen. Irgendwelche Interviews, was weiss ich. Nichts weltbewegendes“.
Er stellte sich neben mich und blinzelte in die Sonne.
„Aber es funktioniert?!“
„Jo. Ist ja auch gutes Wetter. Im Herbst wird dem Akku wohl der Saft ausgehen bevor die Solarzellen ihn nachladen können. Dann ist Ende Gelände.“
Er setzte sich neben mich.
„Ich hab mich mal ein bisschen umgehorcht über die Frau Wang.“
„Irgendwas interessantes bei rausgekommen?“, fragte ich und kaute weiter am Weissbrot.
„Sie kommt aus Hong Kong, hat aber einen amerikanischen Pass. War an einer Elite Uni in Amerika hat aber keinen guten Abschluss gemacht.
„Na ist ja toll.“
„Ja, aber rate mal wer Ihr Ex-Mann ist!“
„Du wirst es mir vermutlich gleich sagen!“
„Ihr Ex ist Li Wangxi. Besitzer der drittgrössten Reederei im chinesischen Logistikkonglomerat GlobalCN. Die wickeln einen guten Teil der Schiffslogistik zwischen China und Westeuropa ab. Inklusive Hongkong, Vietnam, Indien und Pakistan. Läuft alles über den Golf von Aden und den Suezkanal ins Mittelmeer.“
„Dann wird sie ja keine Geldsorgen haben, unsere Wendy.“
„Und weisst Du noch was?“
„Na was“, ein Stück Brot klebte hartnäckig unter meinem Gaumen.
„Wenn Du die Reederei mal googlest findest Du das Europol die auf dem Kieker haben, wegen organisierter Kriminalität und Heroinschmuggel. In den letzten zwei Jahren sind drei Ladungen von jeweils einer Tonne Heroin in europäischen Häfen aufgebracht worden. Alle auf Schiffen die Li Wangxi gehören. Interessant was?“
„Mmmmhhmmm. Und, willste die Wang jetzt gleich verhaften oder kann ich meinen Sandwich noch zu Ende essen?“
Joey sah mich beleidigt an.
„Man, Dir ist ja wohl auch alles egal!“
Damit hatte er wohl gar nicht so unrecht.
„Nee, nicht alles. Nur das wogegen ich nichts machen kann.“
Nach einer langen Pause stand er auf und ging.
„Woher weisst Du eigentlich soviel über die Wang?“ rief ich Ihm nach.
„Meine Frau … Personalabteilung“, dann verschwand er im Gebäude.

In der Bahn auf dem Weg nach Hause dachte ich wieder an die Unterhaltung mit Joey. Ich setzte die Kopfhörer auf und arbeitete mich weiter durch die Aufnahmen des Mikros, suchte gezielt nach solchen die sich wie Gespräche zwischen geschiedenen Eheleuten anhörten. Und fand nichts. Es gab nur eine einzige Aufnahme die vielleicht etwas hergab weil sie komplett auf Chinesisch ablief, zwischen einem Mann und Wendy Wang. Es hätte auch Koreanisch, Japanisch, Vietnamesisch oder sonst was sein können. Ich brauchte eine Übersetzung. Am Bahnhof angekommen verliess ich die Station in Richtung Restaurantviertel. Nach ein paar hundert Metern kam ich in den „Garten des Glücks“, bestellte Phô und ein TsingTao und fragte nach Fang Fang. Kurz darauf kam Sie in einem bekleckerten Kittel aus der Küche und lächelte mich an.
„A-lo! Alle gud?
„Hallo Fang Fang. Ja alles gut, danke. Siehst gut aus!“
„Fang Fang ich muss Dich um was bitten. Kannst Du mir beim Übersetzen helfen?“
Sie nickte: „Aba nig vil said. Mus kuche ab-eit“
Sie setzte sich, fasste sich mit beiden Händen an die Stirn und machte einen konzentrierten Gesichtsausdruck. Ich spielte die Aufnahme ab. Nach den ersten paar Sekunden sagte sie:
„Kantonesi, ig kaan guud veh-te-hen.“ und lächelte.
Mein Bier kam und ich trank einen Schluck. Als die Aufnahme zuende war sagte Fang Fang:
„Du kau-ven ja-min-tee. Ig di sa-gen wa sa-gen Flau un Man!“
Der Jasmin-Tee ging klar und was sie mir dann erklärte verstand ich so: Wendy Wang rief einen Mann an und sagte ihm, das mit der Iranerin war erledigt. Sie sagte, die Amerikaner dachten nun die Idee stamme von Ihr selbst und die Amis würden die Sache als Geschenk an die Iraner bei den Flüchtlingsverhandlungen benutzen. Dann fragte Wendy den Mann ob es Neuigkeiten gäbe, über die Ladung von drei Tonnen Material aus Afghanistan, die auf iranischem Gebiet fest sass und ob die Iraner noch neue Forderungen hatten ausser dem Geld und dem Gefallen mit der Nichte. Der Mann sagte nein. Er sagte das Geld würde von seinen Freunden morgen überwiesen werden und wenn Wendy dass mit der Nichte geregelt hatte, sollte alles laufen wie besprochen. Die geplante Verladung des Materials in Karachi würde sich verzögern und die Ankunft in Piräus auch, aber wenigstens war nicht alles verloren. Der Mann sagte er träfe sich mit seinem iranischen Gegenstück zum Abendessen in der Stadt, Abseits des für die Flüchtlingsverhandlungen angesetzten Dinners, an dem die Delegationen Amerikas, Europas, des Iran und Chinas teilnahmen. Erst danach wüsste er mit Sicherheit ob die Iraner hatten was sie wollten und sie die Ladung für den Weitertransport freigeben würden. Dann fragte Wendy wie es der kleinen Ai Bei ginge und der Mann sagte, dass seine Mutter sich sehr gefreut hatte zum ersten mal Ihre kleine Enkelin im Arm zu halten.
Ich fischte mit den Essstäbchen ein paar Nudeln aus der Fleischbrühe des Phô und versuchte von Fang Fang zu erfahren um was für Material es bei der Lieferung ging, aber sie meinte, dazu hätten die Beiden nichts gesagt. Mir rauchte der Kopf. Ich bedankte mich bei Fang Fang, bestellte noch ein TsingTao und ass zu Ende. Das Nachdenken musste warten.

 Am nächsten Morgen war mein Kopf zwar klarer, aber die grosse Einsicht hatte sich ebensowenig eingestellt wie die Entschlossenheit etwas zu tun. Unter dem Bett verstaubten immer noch die ehemals coolen und jetzt alten Elektronik-Gadgets und Frida hatte über Nacht fünf Blätter verloren. Auf dem Weg zur Arbeit durch den Bahnhof gehend sah ich, wie eine dürre, blasse Gestalt mit verfilzten Haaren von Rettungssanitätern aus den Bahnhofstoiletten in einen Krankenwagen getragen wurde. Wahrscheinlich ein Junkie der sich den letzten Schuss hatte setzten wollen. Im Gebäude der Organisation erzählte Joey, die iranische Delegation sei abgereist und den ganzen Vormittag lang verschüttete kein einziger der 1500 Angestellten irgendwo Kaffee, sodass ich mich im Kellerkabuff ungestört mit mir selbst beschäftigen konnte und begann die Kordeln an meinem Wischmopp zu zählen. Was sollte ich machen? Sollte ich überhaupt etwas machen? Was konnte ich schon ändern? Niemand wusste das, was ich wusste. Nichts zu tun wäre die einfachste Lösung. Nachdem ich alle 243 Kordeln des Mopps einzeln begutachtet hatte, suchte ich mir auf dem Handy die E-Mail von Europol heraus und schrieb eine Nachricht. Ich schrieb von der Möglichkeit einer drei Tonnen Ladung Heroin die von Karachi nach Piräus auf einem Schiff der Reederei Li Wangxi's transportiert werden sollte und die wahrscheinlich diese Woche in Karachi ablegte. Ich schrieb meinen Namen und meine Telefonnumer dazu und schickte die E-Mail ab, mit dem Gefühl,dass es jetzt nicht mehr mein Problem war. Es hielt nur kurze Zeit an.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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