Heinz-Walter Hoetter

Von Lemmingen und Menschen

Sie werden "Lemminge" genannt und leben hoch im Norden der skandinavischen Länder.

Lemminge sind eine Art von Nagetieren bzw. stummelschwänzige Wühlmäuse, die bis zu 15 Zentimeter groß werden. Normalerweise führen sie ein ziemlich geselliges, aber karges Leben, hausen in Erdhöhlen und verbringen die meisten Monate des Jahres in ihren Gängen unterhalb der Schneedecke.

Lemminge sind nachtaktive Pflanzenfresser und ihre größten Feinde sind die Schnee-Eule, der Polarfuchs und das Hermelin.

Das Hermelin beispielsweise macht das ganze Jahr über Jagd auf den kleinen Nager, auch im Winter, denn die Lemminge halten keinen Winterschlaf. Das Hermelin stellt ihnen nach und tötet sein Opfer durch einen kräftigen Nackenbiss.

In unregelmäßigen Zeitabständen jedoch - es können Jahrzehnte sein - finden sich die Lemminge in großer Zahl ein, um auf Wanderschaft ohne Wiederkehr zu gehen. Sie haben dann ein festes Ziel vor Augen und begehen sozusagen einen regelrechten "Massenselbstmord".

Tierforscher erklären diesen seltsamen Vorgang mit einer plötzlichen Überpopulation der Lemminge, was im ersten Moment einleuchtend erscheint; rätselhaft und unerforscht bleibt jedoch, warum sie von Zeit zu Zeit in großen Kolonnen an Flüsse, an Fjorde und an die Meeresufer ziehen, um sich an diesen Orten von den Klippen in das Wasser zu stürzen. Das tun sie zu Hunderten und zu Tausenden und fast gleichzeitig oder unmittelbar hintereinander.

Obwohl die Lemminge eigentlich sonst sehr scheue Lebewesen sind, die von Lebensangst geplagt werden, weil sie ständig von ihren Jägern verfolgt und gefressen werden, gehen sie dennoch blindlings und ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, in den Tod.

Seltsamerweise tun sie dies aber nur im Kollektiv, also nur in der Gemeinschaft.

Ein einzelnes Tier, das aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen den Anschluss an die Masse seiner Artgenossen verloren hat, verharrt am Rande des Abgrunds und wendet sich wieder dem Lande, also dem Leben, zu. Es macht den Massenselbstmord in diesem Falle komischerweise nicht mit.

Nun, ein solcher Überlebenswille beherrscht auch den Menschen, solange er körperlich, geistig und auch seelisch gesund ist.

Dass sich der Homo sapiens sapiens im Kollektiv allerdings wesentlich anders als auf sich allein gestellt verhält, ist den Psychologen und Verhaltensforschern schon lange bekannt.

Während Überlebenswille und Todesfurcht mehr oder weniger bei allen Menschen gleich ausgeprägt sind, weist jedoch ihr Kollektivverhalten deutliche Unterschiede zum vorgenannten, individualistisch bestimmten Verhalten auf.

Die Sehnsucht nach dem gemeinsamen Opfertod oder die Bereitschaft der Massen, mit einer großen Zahl gleichgesinnter Zeitgenossen z. B. in den Krieg zu ziehen, um auf einem Schlachtfeld im Kampf zu sterben, ist vergleichbar dem Phänomen der Lemminge.

Krieg ist Massenselbstmord, eine Art Lust an der Katastrophe.

Die wüste Freude, sich in den Abgrund des Todes zu stürzen überkommt die Menschheit immer wieder und in unbestimmten zeitlichen Abständen. Die Neigung zum Massenselbstmord, unter ganz bestimmten historischen Voraussetzungen und Zeitumstände, ist dem Menschen eigen.

Wir müssen nur in die Geschichte zurückblicken, auch in die jüngere, um festzustellen, das diese bittere Erkenntnis mehr als zutrifft.


 

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