Monika Litschko

Hitzekoller Geschichte

 

 

Hitzekoller Geschichte

 

Herr Meier hatte endlich Feierabend und betrat müde den Aufzug, der jedoch im 12. Stock hielt, da die Putzfrau fünfzig volle Joghurtbecher nach unten bringen musste. Als sie fünfundzwanzig gestapelt hatte und sich aufmachte die nächsten fünfundzwanzig Becher zu holen, schloss sich die Aufzugtür und Herr Meier setzte seine Reise fort. Im 10. Stock hielt der Aufzug und Meier betrat nervös den Flur.
Er suchte Zimmer 102 auf, in dem eine rassige Schönheit, die einen quietschegelben Bikini trug, schon auf ihn wartete. Herr Meier duschte, schlüpfte in eine rosafarbene Badehose, setzte einen neongelben Sonnenhut auf und ließ sich von ihr das linke Bein rasieren. Als sie sein rechtes Bein rasieren wollte, klopfte es und eine Männerstimme rief: „Ich weiß, dass du einen Geliebten hast!“ Herr Meier versteckte sich im Schrank und verließ diesen erst wieder, als der wütende Ehemann im Bad nach dem unerwünschten Geliebten suchte.
Er fuhr hoch in den 30. Stock, suchte die Gemeinschaftsküche der sich selbst versorgenden Beamten auf, bewaffnete sich mit einer Bratpfanne, falls der wütende Ehemann ihn doch noch erwischen sollte, und begab sich wieder zum Aufzug. Dieser hielt abermals im 10. Stock, da ein dicker Brummer kurzeitig auf dem Drücker notgelandet war. Herr Meier erschrak und hielt die entwendete Bratpfanne schützend vor sich. Doch statt des wütenden Ehemanns flitzte ein Stachelschwein an ihm vorbei, kauerte sich in eine der vier Ecken und fletschte die Zähne. Als Herr Meier sah, dass es Schaum vor dem Mund hatte, schloss er mit seinem Leben ab.
Im 1. Stock hörte er über seinem Kopf ein eigenartiges Geräusch und sah glühende Schweißnähte aufleuchten. „Gleich habe ich dich, du Ehebrecher!“, rief die gefürchtete Stimme. Das Stachelschwein hatte Meier mittlerweile K. O. geschlagen. Natürlich mit der Bratpfanne.
Als er endlich im Erdgeschoss ankam und die Fahrstuhltür sich öffnete, rieselten Schweißfunken auf ihn herab, die aussahen wie funkelnde Glitzersternchen. Herr Meier verneigte sich kurz vor dem Hausmeister, der ihn verwundert ansah, und schenkte ihm seinen Sonnenhut.
Dem gehörnten Ehemann, der sich durch die Aufzugdecke geschweißt hatte und nun mit drohender Faust auf ihn zustürzte, reichte er das Bild einer Frau, welches in seiner Aktentasche steckte und gab ihm bereitwillig ihre Adresse. Dieser lobte daraufhin Meiers Badehose, erlaubte ihm sein Deo weiterhin zu benutzen und begab sich dann eilig zum Ausgang:
Herr Meier betrat erneut den Aufzug. Er zählte die Knöpfe … E, 1,2,3,4,5,6,7,8,9,10, 11,12 und suchte die Putzfrau auf, da er einen Joghurtbecher umgeschmissen hatte, als das Stachelschwein K.O ging, welches noch immer mit verdrehten Augen und Schaum vor dem Mund im Aufzug lag. Er steckte ihr zwei Euro zu, brachte das Stachelschwein zu einem Tierarzt, kaufte sich eine Kamera und ging nach Hause. Dort kletterte er die marode Fassade hoch, schwang sich auf das nächste Fenstersims, zückte die Kamera und fotografierte das entsetzte Gesicht seines Nebenbuhlers, dem er das Bild einer Unbekannten gegeben hatte. Er hatte es in Müllers Schublade gefunden, die er hin und wieder heimlich durchsuchte.
Meier, 59 Jahre, ledig, fiel vom Sims, als er sah, wie seine Mutter verführerisch den Morgenmantel fallen ließ. Dabei wäre er nächstes Jahr in Rente gegangen.

 

Die Frau im quietschegelben Bikini ließ sich scheiden und rasierte von nun an Männerbeine. Ihr Gatte heiratete Meiers Mutter, die ihm das marode Haus vermachte, welches nach einem anstrengenden Jahr ihm gehörte. Der Hausmeister legte ein merkwürdiges Verhalten an den Tag, in dem er Sonnenhüte sammelte, und die Putzfrau stapelte von nun an rote Pizzaschachteln. Das Stachelschwein erholte sich und litt noch einige Zeit an Kopfschmerzen und leichten Magendruck, da ihm das Mentos mit Cola nicht bekommen war. Beides hatte es in der hauseigenen Kantine gefunden. Nicht ahnend, dass in seinem Maul anschließend eine Explosion stattfinden würde, die es in sich hatte. Als es in den Aufzug stürmte, erhoffte es sich Hilfe von Herrn Meier, die ihm leider versagt wurde. Stattdessen gab es einen mit der Bratpfanne, die obendrein noch geklaut war.          

 

Herr Meier ist mittlerweile glücklich und zufrieden, denn er segelt, nur mit einer pinken Badehose bekleidet, auf einer violetten Wolke sitzend, über die Karibik. Ein dicker Posaunenengel leistet ihm Posaune blasend Gesellschaft und erklärt ihm ab und zu die himmlische Ordnung. Welche Ordnung eigentlich? Und in welchem Stockwerk arbeitete eigentlich Herr Meier, als er noch unter uns weilte?

 

©Monika Litschko

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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