Christian Keck

3 Ringe für Ibrahim

Neun UN-Diplomaten suchen auf einer kleinen, unbekannten Insel im Mittelmeer nach einem Ausweg aus der Flüchtlingskrise. An den Klippen vor der Insel liegt zerschellt ihr Schiff. Folgt ihre Mission dem gleichen Schicksal und scheitert oder gibt es Hoffnung auf einen Ausweg? Überraschenderweise befinden sich die Neun auf der Insel schnell mitten in der Lösungssuche wie im Geschehen. Denn die Diplomaten setzen sich schonungslos mit ihren verschiedenen religiösen Blickrichtungen und politischen Ansichten auseinander. Nicht durchweg friedlich. Die Unterschiede fordern stark heraus. Und die Insel liegt nicht weit von den Schlepperrouten aus Libyen…

 

Auf einer kleinen teilweise grünen Insel irgendwo im östlichen Mittelmeer stehen in nassen und zerfetzten Kleidern neun hochrangige UN-Diplomaten am weißen Strand und schreien gegen das beständige Rauschen der hereinbrechenden Meereswellen an. Gnadenlos brennt die gleißende Sonne von oben auf die Menschengruppe hernieder. Die Diplomaten sind aufgeregt. Sie befinden sich eigentlich auf UN-Mission. Sie sollen sich ein Bild von der Flüchtlingskrise machen und vor Ort nach Wegen aus der Krise suchen. Die Netzwerker kennen sich von zahlreichen internationalen Treffen, doch bilden sie keine Einheit. Ganz im Gegenteil, sie sind ein ziemlich bunter Haufen. Da gibt es den fünfzigjährigen Frauenarzt Jack aus den USA, ein stämmiger Evangelikaler aus Ohio wohl mit ägyptischen Wurzeln. Die drahtige, coole Ökonomin Alexa aus St. Petersburg, Ende Dreißig und wahrscheinlich mit Kontakten zum russischen Geheimdienst. Stephano, ein noch junger, hagerer Kurienkardinal aus dem Vatikan mit aschfahler Haut. Den französischen Philosophiehistoriker Francois mit meliertem, aber vollem Kraushaar, ein ehemaliger Friedens-Aktivist und Freigeist mittleren Alters aus Paris. Den über fünfzigjährigen, etwas streng dreinblickenden Deutschen Martin, Religionssoziologe aus der lutherischen Diaspora Bayerns. Die durchtrainierte israelische Logistikexpertin Miriam aus Tel-Aviv, ohne Kosmetik nun den vierzig Jahren deutlich näherstehend als den dreißig. Den leicht untersetzten spanischen Verwaltungsjurist Carlos aus Valencia, eine blasse Gestalt ebenfalls Anfang Vierzig. Den pfiffigen, jung gebliebenen Mathematiker Nabi aus dem nördlichen Marokko. Und den fromm-muslimischen, grauhaarigen und -bärtigen Chirurg Muhamed aus dem ägyptischen Kairo, wie Nabi um die Mitte 50. Vor diesen UN-Experten liegt am Boden eine gerade angeschwemmte dunkelhaarige Männerleiche. Die Leiche ihres italienischen Kollegen Marco aus Florenz, vor dem Unfa! ll ein a dretter Lebemann Ende der Dreißiger. Weiter vermisst sind der Türke Osman und der griechische Kapitän des gecharterten Unglücksschiffes.

Martin: Wir sollten die Leiche rasch bestatten. Die sieht zum Fürchten aus. Und stinkt.

Jack: Wie stellen wir das an: anzünden oder vergraben? Wir sollten auf das wenige saubere Wasser achten und Marco verbrennen. Pater, als Italiener war Marco bestimmt Katholik. Was schreibt Deine Religion vor?

Stephano: Nenn mich nicht Pater. Ich bin Weltgeistlicher. Im Übrigen dürftest Du auch Christ sein und weißt nur zu gut, was unsere Religion gebietet: Erdbestattung natürlich.

Jack: Könntest Du es zumindest hier sein lassen, für alle Christen zu reden. Du bist Katholik, mehr nicht. Also, was schreibt Dein Chef in Rom vor?

Carlos: Sag mal, habt Ihr Gringos denn allen Sinn für Pietät verloren. Die zwei Punkte sind doch klar: 1. Der Papst ist Oberhaupt der Christenheit. 2. Verbrennen lassen sich nur Heiden. Was gibt es da zu deuteln?

Nabi zu Muhamed: Na prima, nun streiten sich die Christen auch noch, was mit einem Leichnam zu tun ist.

Miriam: Oh, oh, jetzt wird es heiß. Ich bin auch ganz gespannt.

Muhamed: Bleib da, wo Du warst, Miriam. Ich wüsste nicht, dass ich Dich in meine Überlegungen einbezogen hätte.

Miriam: Sieh mal einer an. Kaum befinden wir uns nicht mehr auf internationalem Parkett, drückt sich Euer muslimischer Judenhass unverhohlen aus. Glück für uns alle, dass Osman noch nicht angeschwemmt wurde. Dann würde hier ein echter Religionskrieg ausbrechen.

Francois: Hey Leute. Kommt mal wieder runter. Wir sind nicht in der Situation, uns einen Streit leisten zu können. Korrigiert mich, wenn ich unzutreffend rekapituliere: Unser Schiff ist gestern in der Nähe dieser Insel an einer Klippe zerschellt und untergegangen. Außer dem Kapitän, Marco und Osman sind die übrigen neun Passagiere lebend gestrandet. Die Insel ist klein, immerhin hat sie einen Wald, eine Quelle und Wildtiere, die wir außer Fisch essen können. Wir haben zwei Feuerzeuge, zwei Messer und Kleidung. Wir könnten überleben, bis wir geortet und gerettet werden. Sieht irgendjemand von Euch Anhaltspunkte dafür, dass uns Verrohung und Streit weiterbringt? Ich meine, noch gestern früh haben wir uns in dem kretischen Luxushotel als UN-Diplomaten sehr korrekt und zivilisiert benommen. Ja, es gab unter uns sogar wohltuende Kordialität und Humor - kein Wunder, wo wir doch so lange schon zusammenarbeiten. Dann lasst uns bitte auch jetzt anständig miteinander umgehen und Streit vermeiden.

Alexa: Oh, die Zivilisation spricht. Gleich werden die Menschenrechte vorgelesen. Die Welt halte ihren Atem an. Aber Du hast recht, mon cheri. Streit können wir uns in der Lage am wenigsten leisten. Es geht ums Überleben. Streiten können wir später. Darin sind wir doch als Diplomaten Meister, Meister des Relativierens, Lavierens, Ausklammerns und Aushebelns. Aber entscheidend ist jetzt: Was machen wir mit Marcos Leiche? Das ist keine Frage von Religion, sondern Ressourcenschonung. Wir müssen ihn verbrennen, na klar. Unser Trinkwasser könnte sonst in ernsthafter Gefahr sein.

Martin: Soweit waren wir schon mal. Ich bin auch für Verbrennung. Das hat einen weiteren Vorteil: Wir entfachen damit ein weithin sichtbares Rauchzeichen. Vorbeifahrende Schiffe oder Suchtrupps könnten auf uns aufmerksam werden.

Jack nickt: Verbrennen!

Francois: Ich bin auch fürs Verbrennen.

Stefano: Halt, so einfach geht das nicht. Nur weil wir hier auf einer Insel feststecken, sind doch nicht die Regeln menschlicher Pietät außer Kraft gesetzt. Was wollt Ihr mit dem Argument Überleben noch alles legitimieren: am Ende noch Kannibalismus? Damit ich überlebe, esse ich Alexa – oder was?

Alexa: Monsignore, Sie können gern mal von meinem Fleisch probieren. Aber da sind ja Ihre Regeln schon unter normalen Bedingungen sehr streng, zumindest nach offizieller Lesart.

Jack lacht: Liebesgrüße aus Moskau? Schön, dass der Kalte Krieg beendet ist. Da haben wir nun alle was davon. Auch der Vatikan.

Stefano: Habt Ihr Amerikaner und Russen immer nur diese Themen im Sinn? Marco ist ums Leben gekommen und muss würdig bestattet werden. Auf dieser Insel gibt es für ein Grab genug Platz. Wollt Ihr seiner Seele das natürliche Anrecht auf eine pietätvolle Bestattung wirklich vorenthalten?

Muhamed: Stefano, Du bist für mich Muslim zwar ein Ungläubiger. Aber ein Grab will ich Deinem Bruder dennoch nicht verwehren. Marco war immerhin Christ, welcher Konfession auch immer. Seine Seele wird zwar verdammt sein. Allah gebietet es aber auch, Christen gegenüber Nachsehen zu üben und sie so zum wahren Glauben zu führen.

Carlos: Ihr sollt uns weder zu Eurem Glauben führen noch zwingen. Wir haben schließlich das Kreuz! Und das Heil! Für uns Christen seid Ihr die Ungläubigen. Aber eines muss man Dir, Muhamed, auf jeden Fall lassen: Immerhin beweist Du mehr Sinn für Pietät als mancher von diesen Herrschaften aus christlichen Ländern.

Miriam: Bei allem Respekt vor Eurer jeweiligen Religion. Über wahre Religion lässt sich bekanntermaßen immer streiten. Auch sind wir Juden durchaus bekannt dafür, Formen, Regeln und Gesetze der Religionsausübung über alles zu stellen. Hier geht es aber ums nackte Überleben. Und wir stehen hier als Menschen auf dieser Insel, wie Gott uns geschaffen hat – gerade mal in zerfetzte Kleidung gehüllt. Vielleicht ist es ja derselbe Gott, der uns vor dem Ertrinken gerettet hat und offenbar unser Überleben will. Geben wir ihm die Ehre, indem wir alles Erdenkliche zu unserer Rettung beitragen. Und dazu gehört der Schutz unseres Trinkwassers.

Nabi: Miriam hat recht. Die Religion ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Religion. Marco hätte das genauso gesehen. Ich habe mich mit ihm immer gut verstanden. Er wäre sicher unter diesen Umständen mit einer würdigen Feuerbestattung auch einverstanden gewesen.

Jack: In meinem Land lassen sich inzwischen viele Menschen feuerbestatten, insbesondere Christen.

Martin: Auch bei uns mehren sich Urnenwände auf den Friedhöfen. Und Miriams Hinweis auf den einen Gott sollte uns alle anhalten, friedlich und respektvoll miteinander umzugehen. Lasst uns die Bestattungsfrage interreligiös und pragmatisch angehen und Marcos Leichnam verbrennen!

 

Alle willigen ein. Die kleine Gruppe beginnt die Bestattung zu organisieren. Der Bestattungsort wird bestimmt. Marcos Leichnam wird dorthin verbracht. Einige sammeln Holz, andere schichten es am Bestattungsort auf, während die beiden Frauen Marcos Leichnam und Kleider herrichten. Marco wird im Beisein aller würdevoll verabschiedet. Stefano hält als Geistlicher eine kurze Andacht. Anschließend wird das Holz unter seinem Leichnam entzündet. Alle schweigen und gehen dann betreten auseinander. Jeder ist für sich. Erst nach einer Weile kommen die Neun wieder in ihrem Camp zusammen.

 

Martin: So schnell kann das Leben vorüber sein. Gestern noch voller Tatendrang auf UN-Mission, heute ein Häuflein Asche auf irgendeiner Robinson-Crusoe-Insel.

Jack: Die drei Todesfälle sind bedauerlich. Aber immerhin sind wir am Leben. Sicher wird bald Rettung eintreffen. So weit dürften wir vom bewohnten griechischen Archipel nicht entfern sein. Und auf Zypern wird man uns gestern Nacht als vermisst gemeldet haben. Wir müssen also nur warten. Lasst uns die Zeit nutzen und über unsere Mission sprechen. Das bringt uns auf bessere Gedanken.

Muhamed: Würde mich interessieren, auf welchem Territorium wir uns gerade befinden. Griechisch? Zyprisch? Türkisch? Am Ende sind wir schon in ägyptischem Hoheitsgebiet. Von einem kleinen unbewohnten Island im östlichen Mittelmeer habe ich jedenfalls bislang noch nie etwas gehört. Wisst ihr, diese Insel ist eigentlich ein ideales Etappenziel für Schlepper. Vielleicht bekommen wir ja noch Besuch?

Miriam: Theoretisch möglich, dass die Insel auch in israelischen Hoheitsgewässern liegt.

Muhamed: Na klar, das ist das wahrscheinlichste. Eine israelische Mittelmeerinsel. Und der Mossad baut hier eine Gefangeneninsel für straffällige Palästinenser auf.

Alexa: Schon gut, wir haben verstanden, dass Ägypten und Israel die ganz großen Vormächte im orientalischen Mittelmeer sind (alle schmunzeln). Doch finde ich Jacks Idee gut, die Zeit für eine eingehende Debatte über die mediterrane Flüchtlingskrise zu nutzen. Das ist schließlich unsere Mission. Und nun haben wir mal richtig Ruhe und Zeit, mehr, als die UN uns sonst zugesteht.

Francois: Die Strandung auf der Insel als Klausur oder besser als altgriechisches Symposion? Warum nicht? Nur wird uns die standesgemäße Bewirtung fehlen.

Carlos: Richtig ist, dass trotz aller Anstrengungen von EU und Nato die Zahlen der Flüchtlinge, die über das Meer kommen und in Europa Asyl beantragen, stetig steigen. Mein Heimatland Spanien kann ein Lied davon singen. Marcos Land Italien auch. Die Schleuser organisieren sich immer besser, und der Migrationsdruck erhöht sich aufgrund von Bürgerkriegen und wachsender Perspektivlosigkeit im Nahen Osten und Zentral- und Nordafrika. Zusammengebrochene Staaten wie Libyen bieten ideale Bedingungen für einen internationalen Schleusermarkt, der skrupellos Menschen ausbeutet, auf gefährlichen Schiffen übers Meer schickt oder gar auf See aussetzt. Die Frage ist doch die: Wie kann die internationale Gemeinschaft über ihre Organisationen diesen Markt ausschalten und die Auswirkungen dieser Migration gerecht auf alle reichen Staaten verteilen?

Alexa: Carlos, danke für Deine Lagebeschreibung. Doch das ist alles nichts Neues. Die Analysen sind uns hinlänglich bekannt. Ich finde Deine Frage falsch gestellt: Die UN muss dazu beitragen, die Ursachen der Flucht zu bekämpfen. Dazu gehört es, politisch zu einer Stabilisierung der Staatenwelt im Nahen Osten beizutragen, statt die Feinde dieser Ordnung zu unterstützen. Syrien hätten wir längstens wieder befrieden können, wenn der Westen nicht die Gegner der syrischen Regierung mit Waffen und Geld versorgen und den Fundamentalisten Spielraum geben würde. Wer so die Lunte an die bestehende Ordnung legt, der muss auch mit den Konsequenzen leben. Die Klage des Westens ist scheinheilig.

Jack: Tatsache ist doch, dass Russland seinen Einfluss in der Region auf keinen Fall verlieren möchte und daher lieber ein marodes Unrechtsregime stützt, als den Menschen in Syrien eine Zukunftsperspektive in Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zuzubilligen. Die gemäßigte Opposition hätte den Kampf um Syrien bereits für sich gewonnen, wenn die Russen nicht militärisch interveniert und das Selbstbestimmungsrecht der Syrer mit Füßen getreten hätten. Die massiven Luftschläge, die Perspektivlosigkeit und das hingenommene Erstarken der Dhihadisten sind die wahren Fluchtursachen, und für die ist Dein Land verantwortlich, Alexa.

Francois: Diese konträren Standpunkte haben wir schon oft ausgetauscht. Ich erinnere daran: Wir nehmen an der UN-Mission nicht in erster Linie als Interessenvertreter unserer Herkunftsstaaten teil, sondern als Spezialisten und Netzwerker, die dem UNHCR zwecks Krisenmanagement zur Verfügung gestellt werden. Unsere Aufgabe ist es, nach Lage der Dinge eine Lösung für das bestehende Flüchtlingsproblem und die noch bevorstehende viel größere Migrationskrise zu suchen. In den südlichen und östlichen Ländern rund um das Mittelmeer warten derzeit Millionen von Menschen auf einen Weg nach Norden. Das betrifft nicht nur die EU, sondern ganz Europa inklusive Russland, übrigens auch Israel. Die Stabilität der gesamten Welt ist damit in Gefahr. Das ist die eigentliche Dimension.

Stefano: Das klingt mir zu stabilitätspolitisch. Es geht doch um Menschenleben. Viele Staaten, auch etliche Herkunftsländer von Euch, bekennen sich zu den Menschenrechten. Die Würde des Menschen ist unantastbar, heißt es dort. Dazu gehört doch auch, dem Flüchtling sicheren Unterschlupf zu gewähren, wenn er in seiner Heimat in Gefahr ist. Asyl ist ein uraltes Menschenrecht gerade des hellenistischen Kulturraums. Und die Römer nannten auch mit Blick auf die Zusammengehörigkeit und gemeinsame Verantwortung aller mediterranen Völker das Mittelmeer das Mare Nostrum. Treffender hätte die italienische Initiative zur Bewältigung der Flüchtlingskrise gar nicht genannt werden können. Nur spielt stattdessen immer mehr der Gedanke der Abschirmung und Abschottung eine Rolle als der von Humanität und Menschenrecht. Der Heilige Vater hat deshalb alle sicheren Staaten des Abend- und Morgenlandes aufgerufen, sich der Verantwortung für Flüchtlinge zu stellen.

Martin: Der Bischof von Rom kann sich ja in seinem Kirchenstaat nennen wir er will, doch die Bezeichnung Heiliger Vater ist in diesem internationalen Diskurs nicht akzeptabel. Sie klingt nicht nur für mich als Lutheraner anmaßend und hohl, in den Ohren orthodoxer Christen und Andersgläubiger dürfte sie verletzen. Wir müssen die alte Debatte nicht wieder aufleben lassen, ich bitte nur um Verzicht auf Provokation. In der Sache sehe ich zwar in Deinem Einwurf, Stefano, einen wichtigen gedanklichen Orientierungspunkt, doch es gibt eben noch mehr. Die Worte Flüchtling, Gefahr und Not sind überstrapaziert. Die Idee des Mare Nostrum und des Asyls kann nicht dazu führen, dass Millionen von Menschen aus anderen Kulturkreisen in der Hoffnung auf ein wirtschaftlich besseres Leben nach Europa kommen und die mühsam aufgebauten politischen Systeme und sozialen Netze zum Zusammenbruch bringen. Wenn Fluchtbewegungen tatsächlich die Dimension von Völkerwanderungen annehmen, dann sind alle stabilen Staaten von Okzident und Orient betroffen. Auch Russland, das sich bislang in der Zuschauerrolle wähnt. Verantwortung besteht eben auch für die heimische Bevölkerung und den Weltfrieden. Jedes Signal, welches migrationswilligen Menschen in Afrika und Vorderen Orient Hoffnung auf Aufnahme gibt, halte ich aus diesem Grund sowie angesichts der enormen Risiken auf den Schlepperrouten für verantwortungslos. Lasst uns die migrationswilligen Menschen in ihren Ländern halten und ihnen dort eine Perspektive geben. Wir schaffen das, wenn alle Staaten kooperieren.

Nabi: Zunächst einmal nehme ich die Selbstbezeichnung von Stefanos Chef nicht so ernst, wie Ihr glaubt. Ich kann dessen hochheiligen Titel auch so stehen lassen. Der juckt mich nicht, da er ja aus dem Mund eines Ungläubigen kommt. Mit der Heiligkeit ist es somit nicht weit her. Dann zu Dir selbst, Martin. Aus Deinem Mund spricht ebenfalls Anmaßung. Die Arroganz Europas und des Westens. Denn im Blick habt Ihr Europäern doch nur die Stabilität, Prosperität und der Friede in Europa. Wie die Verhältnisse sich im Maghreb oder Vorderen Orient entwickeln, interessiert Euch doch nur in zweiter Linie, nämlich, wenn ein Desaster sich auf Euch auswirken würde. Europa hat sich doch schon lange, eigentlich schon immer, von Afrika abgeschottet. Die hohen Sicherheitsanlagen der spanischen Enklaven auf unserem Territorium, etwa in Ceuta, sprechen eine eindeutige Sprache: „Das ist unser, bleibt weg, keiner kommt rein!“ Und dass, obwohl Ceuta auf altem marokkanischen Gebiet liegt. Martin, da musst Du Dich nicht um klare Signale kümmern. Die europäischen Signale sind klar. Und doch sieht die Realität der Menschen anders aus. Angesichts von Perspektivlosigkeit und Not finden solche Signale kein Gehör. Die Sehnsucht und Hoffnung der Menschen ist stärker. Viele Migranten setzen lieber ihr Leben aufs Spiel als in ihrem alten Leben zu verbleiben. Übrigens sind die Maghreb-Staaten von Migration und Flucht viel stärker betroffen als Europa. Selbiges gilt für die stabilen Staaten im Nahen Osten. Was meinst Du, wie viele Menschen nach Marokko kommen und dann, wenn es nicht weiter nach Europa geht, dort bleiben? Was meinst Du, wie sich dies auf unsere Gesellschaft auswirkt. Ich habe neulich mit unseren Kollegen aus Jordanien und dem Libanon gesprochen. Die haben einen Flüchtlingsanteil von über einem Fünftel der heimischen Bevölkerung. Muhamed, erzähl doch mal von Ägypten!

Muhamed: Ihr Europäer sprecht immer von Kapazitätsgrenzen, die überschritten sind. Wenn ihr mal die Migrantenzahlen der orientalischen oder maghrebinischen Staaten auf Europa hochrechnet, dann seht ihr das völlige Ungleichgewicht Eurer Betrachtungsweise. Bei uns in Ägypten steht auch die Stabilität von Staat und Gesellschaft auf dem Spiel, und zwar ungleich höher. Aber da kommt ja dann sogleich der Verweis auf unsere angebliche Militärherrschaft. Die sei ja hässlich und unrecht. Aber die Ordnung und den Frieden, die von ihr ausgehen, die nimmt Europa gern in Anspruch. Das ist doch schizophren!

Francois: Offensichtlich gibt es auf der Seite der führenden muslimischen Mittelmeerstaaten einige Missverständnisse und Frustrationen. Gut, dass wir darüber sprechen. Denn eigentlich, so meine Wahrnehmung, liegen die Erwägungen und Interessen der meisten Beteiligten doch gar nicht so weit auseinander. Europa würdigt sehr wohl die Verdienste Eurer Staaten um Stabilität und humanitäre Flüchtlingspolitik, aber wahrscheinlich nicht deutlich genug. Wir säßen ja gar nicht zusammen, wenn hier nicht große Überschneidungen bestünden. Unsere gemeinsame Chance ergibt sich auf dem Feld der Abstimmung und Kooperation. Muhamed, Du hast recht, der Beitrag der stabilen Maghreb- und Nahost-Staaten muss gewürdigt werden, auch politisch und finanziell.

Carlos: Ja, Francois, ich habe sie schon vermisst, Deine abgedroschenen Parolen der alten De Gaulleschen Afrika-Politik. Nur kräftig rauf mit der Harmoniesoße. Und zahlen sollen bitte schön andere. Zum einen muss ich betonen, dass es sich bei Ceuta und Melilla um altes spanisches Hoheitsgebiet handelt, Bollwerke zur Sicherung der Reconquista, um Vorposten des Abendlandes, ja auch um Reste des antiken christlichen Afrikas. Zum anderen ziehen Nabis Marokko und Muhameds Ägypten mit Europa nicht gerade an einem Strang. Das gilt auch für die Türkei trotz deren Flüchtlingspakt mit der EU. Von echten Anstrengungen im Sinne einer Kooperation kann in diesen Staaten bislang nicht die Rede sein. Allenfalls wenn es um harte Währung geht. Was mir fehlt, sind eigenständige Bemühungen. Und ich meine nicht gerade eine polizeistaatliche Innenpolitik gegen oppositionelle Kräfte.

Miriam: Carlos, jetzt verkaufe uns doch die brutalen mittelalterlichen Kreuzzüge Spaniens nicht als rechtmäßigen Rückerwerb. Diese Märchen von der Reconquista hat die Welt schon zu lange gehört. Bis 1492 ist die religiös tolerante, fortschrittliche Hochzivilisation des maurischen Spaniens systematisch von kastilischen und aragonesischen Kreuzrittern vernichtet worden. Wie immer traf die Katastrophe zu einem großen Teil auch die Juden. Das sephardische Judentum blieb kein anderer Ausweg als Tod oder Vertreibung. Es waren vor allem auch die muslimischen Maghrebstaaten, allen voran Marokko und Ägypten, die einen Großteil der Juden aufgenommen und das Sephardische vor dem Aussterben gerettet hatten. Auch wieder eine alte Geschichte von Flucht und Migration. Wie sollen die Mittelmeer-Anrainer zu einer gemeinsamen Linie in der Flüchtlingskrise kommen, wenn es an einer übergreifenden Idee von gegenseitigem Respekt und geteilten Grundwerten fehlt. Das Mare Nostrum, das gemeinsame Meer der antiken Mittelmeervölker, war doch etwas Verbindendes, eine zusammengehörende Welt.

Martin: Miriam, Du hast recht. Die Bewältigung der Flüchtlingskrise kann nur gelingen, wenn wir uns der gemeinsamen Interessen und Grundlagen bewusst sind. Aber ist nicht gerade Israel ein eher entmutigendes Beispiel für fehlende Zusammenarbeit und gegenseitige Abwertung?

Miriam: Dass ausgerechnet Du als Deutscher uns Juden Vorhaltungen in Sachen Respekt und Humanität machst!

Jack: Halt, Miriam, so hat er das doch gar nicht gemeint. Muss denn immer auf dem Nationalsozialismus herumgeritten werden, wenn von deutscher Seite die israelische Palästinenserpolitik kritisiert wird. Richtig ist doch, dass die Gräben zwischen den muslimischen Mediterranen und den jüdischen in Israel nicht flacher, sondern tiefer werden. Einer übergreifenden Mittelmeer-Politik aller Anrainer ist das nicht gerade förderlich. Und die brauchen wir zur Überwindung der Flüchtlingskrise, damit liegst Du doch goldrichtig.

Miriam: Aber die Aggression gegen den jüdischen Staat kommt nun mal von der palästinensischen Seite und Israel muss sich dessen erwehren. Mit muslimischem Fundamentalismus haben wir doch seit Jahrzehnten zu tun, beginnend in Zeiten, als in Europa noch Dschihadismus und islamischer Terrorismus ein Fremdwort war. Jetzt, wo der Westen damit stärker konfrontiert wird, soll auf einmal alles konzertiert laufen. An Realismus und Weitsicht fehlt es vor allem Europa.

Muhamed: An Realismus und Weitsicht fehlt es Israel. Kein Volk kann auf Dauer um seine Rechte betrogen werden. Das muss sich rächen. Seit über 50 Jahren wird Palästina besetzt und rechtlos gehalten. Ein Großteil der palästinensischen Nation lebt als Flüchtlinge unter armseligen Bedingungen in libanesischen und jordanischen Camps. Die anderen müssen gerade hautnah miterleben, wie ihre Hauptstadt Jerusalem durch eine raffinierte Annexions- und Siedlungspolitik verloren geht. Wie soll da Frieden entstehen? Wie soll es da Zusammenarbeit über Religionsgrenzen hinweg geben?

Martin: Ja, aber vergesst nicht, dass ursprünglich bis zur israelischen Besatzung ein großer Teil der palästinensischen Bevölkerung auch christlich war. Die Definition palästinensische Nation erscheint mir vor dem Hintergrund künstlich. Und Israel hat ein Recht auf Selbstbehauptung, wenn ihm von islamischen Vormächten die Vernichtung angedroht wird!

Miriam: Danke Martin!

Nabi: Das ist doch nur eine Reaktion auf die perfide Besatzungs- und Annexionspolitik. Zum Ende des 2. Weltkriegs gab es noch kein Israel. Dieser Staat hat sich in den Nahen Osten geradezu hineingefressen.

Jack: Das Existenzrecht von Israel müssen wir nun wirklich nicht diskutieren. So kommen wir nicht weiter!

Stefano: Alle haben recht, wenn sie Respekt und Realismus anmahnen. Wie soll auf dem Feld der Flüchtlingspolitik eine gemeinsame Linie aller Mittelmeer-Anrainer entstehen, wenn noch nicht einmal wir Netzwerker eine gemeinsame Sprache und Haltung finden? Lasst uns nach vorne schauen!

Francois: Ja genau.

Alexa: Dann fordere ich alle auf, endlich in Syrien das rechtmäßige System des syrischen Präsidenten anzuerkennen und den Rebellen und Terroristen jede Unterstützung und Verständnis zu versagen. Dann könnte in Syrien wieder Friede einkehren und die Fluchtursachen für Millionen von Menschen würden wegfallen. Und Ihr Europäer könntet die vielen Asylanten wieder loswerden. Versteht Ihr denn nicht: Die Stabilisierung der politischen Ordnung im Nahen Osten ist der wichtigste Beitrag zur Überwindung der Flüchtlingskrise! Schaut doch nur, wie sich die Verhältnisse in Muhameds Heimatland Ägypten wieder beruhigt haben. Dieser sogenannte arabische Frühling war doch in Wirklichkeit nur ein gut getarnter Aufstand islamistischer Kräften, ein kaschierter Angriff von Terroristen auf die Weltsicherheit und mitnichten ein Akt der Selbstbestimmung der arabischen Völker. Der Westen hat entweder bei dieser politischen Verschleierung mitgewirkt, um aus den drohenden Umstürzen Kapital zu schlagen, oder er hat, was naiv genug ist, dieses Aufbegehren irrtümlich für demokratisch gehalten. In Syrien liegt der Schlüssel zur Beruhigung und Stabilisierung.

Jack: Alexa, natürlich liegt in Syrien ein Schlüssel zur Lösung . Aber dieser Schlüssel kann doch nicht die Anerkennung der verbrecherischen Machtpolitik des Präsidenten sein. Da mag Russland noch so sehr dem Regime die Fahne halten und mit Militärschlägen dessen Position stützen. Mit diesem Präsidenten will ein Großteil der Syrer nichts mehr zu tun haben. Was berechtigt Russland zu dieser massiven Intervention gegen die demokratischen Kräfte in Syrien? Dein Land, Alexa, betreibt doch reine Interessenpolitik. Was Du da vorschlägst, klingt nach allem, was in Syrien passiert ist, zynisch! Der arabische Frühling und der aufkommende Terrorismus wurden doch früh von Russland instrumentalisiert. Man siehe auch auf die russische Einflussnahme in Libyen. Statt nach der Niederschlagung des Gadhaffi-Regimes den Wiederaufbau von Ordnung und Staatlichkeit zu unterstützen, fördert Russland die Gegenkräfte und verlängert den Bürgerkrieg. Das ist dieselbe Handschrift der russischen Interessenpolitik wie in Syrien. Und bei der großen Flüchtlingswelle 2015 konnte man den Eindruck gewinnen, dass dem russischen Präsidenten eine Destabilisierung Europas regelrecht gelegen kam. Mein dringender Appell: Lasst uns an einem Strang in Syrien und Libyen ziehen!

Alexa: Jack, Du enttäuschst mich. Euer neuer US-Präsident ist da in der Abwägung der Optionen doch schon viel weiter. Natürlich geht es auch um Interessen, sonst wären wir doch alle nicht hier. Die Amerikaner haben Interessen, die Europäer, die Israelis, die führenden arabischen Länder und natürlich auch Russland. Das will ich gar nicht bestreiten. Wir müssen wie immer die Interessen abgleichen, dann lässt sich auch eine Lösung finden.

Carlos: Da müssen wir nicht viel abgleichen. Wir wollen doch alle, dass in Syrien und Libyen, aber auch in Afghanistan, Somalia und Sudan ein tragfähiger, nachhaltiger Friede einkehrt, dass diese Länder zu geordneter Staatlichkeit finden und dass damit die Fluchtursachen für migrationswillige Menschen wegfallen. Wir wollen eine Völkerwanderung verhindern. Alles, was diesem Ziel dient, müsste in unser aller Interesse sein, auch in Russlands Interesse. Und dann stellt sich die Frage, ob ein starres Festhalten am alten Regime in Syrien oder eine Unterstützung der Rebellen in Libyen diesem Ziel dient. Ich sage nein, denn tragfähig wird das in der Zukunft nicht sein. Und die Folgen einer bleibenden Fragilität kosten uns, einschließlich Russland, weitaus mehr, als eine konzertierte multilaterale Lösung für diese Länder. Natürlich muss auch der Westen Kompromisse eingehen, aber Kompromisse müssen eben alle schließen. Um eine solche Lösungsfindung auszuloten, wurden wir von der UN hierher geschickt. So verstehe ich unsere Mission.

Martin: „Mission“ ist gut gesagt. Unser Aufenthalt auf dieser Insel hat sicherlich keine Planungsgrundlage.

Nabi: Wer weiß?

Miriam: Jetzt komm nicht wieder mit dem Mossad!

Alexa schmunzelt: Oder mit dem russischen Geheimdienst.

Jack lacht: Komisch, dass der CIA als Akteur gar nicht mehr in Betracht gezogen wird. Hat der seine respektablen Ruf derart eingebüßt? Spaß beiseite. Müssen wir uns mit den üblichen Scharmützeln aufhalten? Diese Insel ist eine echte Chance. Wir sind keine klassischen Staatsdiplomaten, sondern UN-Netzwerker, und wir befinden uns hier an einem Ort, der nah am Geschehen ist und uns mal genügend Zeit zu einem vertieften Austausch lässt. Wir könnten doch mal aus dem gewohnten argumentativen Fahrwasser aussteigen und mögliche Lösungen nach ihren Auswirkungen durchspielen.

Stefano: Querdenken, das fordert Rom in vielen Verantwortungsbereichen schon lange. Und da geht es eben nicht nur um Interessenausgleich, sondern um Verantwortung für Gerechtigkeit und Frieden. Der Papst sieht im Vernünftigen und Wahrhaftigen die besten Grundlagen für Heil. Das streben wir doch an: Was aus den Fugen geraten ist, soll wieder ins Gleichgewicht. Deshalb lasst uns alle auch sorgfältig auf die Inhalte schauen und nicht nur auf reine Interessenwahrung. Das greift zu kurz!

Francois: Entschuldige, aber wann war denn etwas zuletzt in den Fugen? Das klingt ja so, als würden wir wieder zu etwas Heilem zurückkehren können. Ich kann beim besten Willen nicht erkennen, welche vormaligen heilen Zustände das denn sein sollen. Stefano, wir reden über Politik, nicht über die Rückkehr zum Paradies.

Muhamed: Ich denke, dass wir sehr wohl die religiöse Dimension in den Blick nehmen müssen. Auch stimme ich Stefano zu, wenn er frühere heilvolle Zustände zum Maßstab für Lösungen nimmt. Eine solche Sichtweise fehlt der Politik schon lange. Darum befinden wir uns ja in diesem Chaos. Weil der Mensch sich für zu wichtig nimmt, statt nach dem Beständigen und Wahren zu fragen. Doch der kurzfristige Vorteil ist des Teufels. Das, was Gott will, muss unser Weg sein. Diese Blickrichtung bewegte die Menschen im Arabischen Frühling, auch jetzt in den Ländern des Orients und im Maghreb.

Francois: Aber so kommen wir doch nicht weiter. Christen, Muslims und Juden haben doch alle sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, inwiefern es Gott gibt, wer Gott ist und wie wir zu einem besseren Leben finden. Dann kann doch gerade die religiöse Dimension nicht Ausgangspunkt unserer Lösungsfindung sein. Gemeinsame Grundlagen sind gefragt! Diese scheinen mir eher in gemeinsamen Interessen zu liegen. Das ist doch typisch für Politik oder?

Martin: Vielleicht gibt es auf dem religiösen Gebiet doch mehr gemeinsame Grundlagen, als wir denken?

Nabi: Es hat schon mal Zeiten gegeben, in denen sich die drei großen Religionen, die abrahamtischen Religionen, ihres gemeinsamen Monotheismus bewusster waren. Die maurischen Königreiche von Andalusien waren bis 1492 kulturelle Schmelztiegel, in denen ein Ausgleich zwischen den Religionen zumindest periodenweise gelang. Jedenfalls zogen diese Staaten daraus die Kraft, sich über 700 Jahre auf europäischem Boden als Vorposten des Islams gegen die Kreuzritter zu halten. Und die andalusischen Juden und Christen hielten dieser Ordnung lange die Treue.

Carlos: Nabi, übertreib doch nicht. Es waren allenfalls Perioden, sonst wäre nicht die Wiedereroberung durch die spanischen Königreiche so erfolgreich gewesen. Keiner dieser Staaten hat sich halten können. Der Islam hat immer Unterwerfung gefordert. Insoweit waren diese Vorposten nicht wirklich toleranter als andere muslimische Staaten. Und wenn, was sind schon Perioden?

Miriam: Die Perioden waren so oft und lange, dass sich das sephardische Judentum in diesen Staaten entfalten konnte, freilich nicht immer. Und die Christen hatten es dort nach meinem Kenntnisstand auch nicht schlecht. Zeig mir einen abendländischen christlichen Staat, für den diese Toleranz für so lange Zeit zutrifft! Stattdessen wurden Juden in christlichen Staaten häufig verfolgt und umgebracht. Und Muslime haben dort gar nicht erst leben dürfen. Dem Gedanken der Toleranz zwischen den drei Religionen hat Lessing in seinem Werk Nathan der Weise ein Denkmal gesetzt. Wahrscheinlich geht die zugrundeliegende Geschichte auf ein Lehrstück aus dem sephardischen Judentum zurück. Mit der Ringparabel hat Lessing deutlich gemacht, wie eng doch diese drei monotheistischen Heilsreligionen miteinander verwandt sind und wie viel ihre Vertreter von einer gegenseitigen Toleranz gewinnen können. Lessing zeigt das am Beispiel von Jerusalem und den Beziehungen zwischen dem muslimischen Herrscher Saladin, dem jüdischen Bankier Nathan und dem christlichen Tempelritter. Die Ringparabel veranschaulicht den drei Hauptfiguren ihre religiösen Gemeinsamkeiten und die Bedeutung der Toleranz. Kann das nicht unser Vorbild sein?

Jack: Worum geht es in dieser Ringparabel?

Miriam: Ein Mann besitzt ein wertvolles Familienerbstück, einen Ring, der die Eigenschaft hat, seinen Träger „vor Gott und den Menschen angenehm“ zu machen, wenn der Besitzer ihn „in dieser Zuversicht“ trägt. Dieser Ring wurde über viele Generationen vom Vater an jenen Sohn vererbt, den er am meisten liebte. Doch eines Tages tritt der Fall ein, dass ein Vater drei Söhne hat und keinen von ihnen bevorzugen will. Deshalb lässt er sich von einem Künstler exakte Duplikate des Ringes herstellen, vererbt jedem seiner Söhne einen der Ringe und versichert jedem, sein Ring sei der echte.

Nach dem Tode des Vaters ziehen die Söhne vor Gericht, um klären zu lassen, welcher von den drei Ringen der echte sei. Der Richter aber ist außerstande, dies zu ermitteln. So erinnert er die drei Männer daran, dass der echte Ring die Eigenschaft habe, den Träger bei allen anderen Menschen beliebt zu machen; wenn aber dieser Effekt bei keinem der drei eingetreten sei, dann könne das wohl nur heißen, dass der echte Ring verloren gegangen sei. Der Richter gibt den Söhnen den Rat, jeder von ihnen solle daran glauben, dass sein Ring der echte sei. Ihr Vater habe alle drei gleich gern gehabt und es deshalb nicht ertragen können, einen von ihnen zu begünstigen und die beiden anderen zu kränken, so wie es die Tradition eigentlich erfordert hätte. Wenn einer der Ringe der echte sei, dann werde sich dies in der Zukunft an der ihm nachgesagten Wirkung zeigen. Jeder Ringträger solle sich also bemühen, diese Wirkung für sich herbeizuführen.

Martin: Ein schönes Gleichnis. Wunderbar!

Jack: Ja, da ist schon was dran. Die drei Religionen sollten darin wetteifern, wie viel positive Wirkung von ihnen ausgehen, als darin, welche Religion wohl die wahre ist. Alle gehen sie jedenfalls vom Glauben an dem einen Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde aus.

Francois: Wenn dann diese Religionen sich endlich als friedvoll erweisen, dann soll es mir recht sein. Bislang ging von ihnen jedenfalls viel Aggression aus. Persönlich meine ich, dass zwar nichts gegen die Existenz einer höheren Instanz spricht, aber auch nicht so viel dafür, dass es sich lohnt, in religiösen Details eine Gotteslehre aufzubauen und sie von anderen als wahre abzugrenzen. Weder Christentum, Islam noch Judentum überzeugen mich. Aber das ist meine Privatmeinung.

Muhamed: Und deshalb sollte man auch nicht den Islam mit den anderen Religionen gleichsetzen. Der Islam hebt sich gerade in seiner überzeugenden Klarheit von den anderen Religionen ab. Es geht nicht wie im Gleichnis um Beliebtsein, sondern um Wahrheit. Der Islam ist nun mal der echte Ring. Das stand für Saladin auch außer Zweifel. Nur dieser ungläubige Autor hat ihm den Zweifel in den Sinn gelegt, um seine Toleranzidee zu untermauern. Eigentlich sollte Lessing mit der Geschichte das Christentum kritisieren, weil es blind und starr an seiner verkorksten Lehre festhält. Und dem Judentum sollte er vorhalten, dass es lieber den Glauben verunreinigt und verfälscht, statt in religiösen Fragen deutlich Position zu beziehen.

Stefano: Muhamed, ich gebe Dir recht, dass die Religionen nicht gleich gemacht werden sollen. In der Tat stellt sich die entscheidende Frage der Wahrheit. Und da läuft alles auf das Christentum hinaus. Meinetwegen schaue man sich mal die positiven Wirkungen an. Welche Religion hat die meisten Menschen für sich gewinnen können und sie mit ihren Glaubensinhalten dem Heil näher bringen können? Das Christentum. Dagegen geht aus dem Islam nur Streit und Krieg hervor, während das Judentum sich mit sich selbst beschäftigt.

Alexa: Natürlich halte ich als Russin das Christentum für die richtige Religion. Und so wird jeder es mit seiner Religion halten – außer vielleicht Francois mit seinem Atheismus. Aber wenn wir in der Suche nach Lösungen aus der Flüchtlingskrise Gemeinsamkeiten hervorheben wollen, müssen wir zurückkehren zur Kategorie der Interessen. In den Interessensüberschneidungen sehe ich die Chancen für konzertiertes Handeln, nicht in Glaubensinhalten.

Muhamed: Halt! Nicht wieder zurück zu den Interessen. Das ist in Wahrheit das Spielfeld der Stärkeren und Mächtigeren. Und es ist ein Spiel mit ungleichen Waffen. Ihr Russen seid doch darin Meister, wie man am Beispiel Syrien beobachten kann.

Jack: Endlich redet einer mal Tacheles. Hier werden doch Menschenrechte mit Füßen getreten! Wo bleibt das Recht auf Selbstbestimmung, wenn sich von außen einfach eine Macht in den Kampf der Bürger nach Freiheit einmischt.

Nabi: Und das sagen ausgerechnet die Amerikaner? Ihr seid doch auf Eure Weise auch in Syrien involviert. Die letzten Jahrzehnte haben genug amerikanische Interventionen derselben Art gezeigt. Von Nicaragua über Afghanistan bis hin zum Irak. Ohne die Vergeltungskriege für die Zerstörung des World Trade Centers hätten wir diese Größenordnung von Terrorismus gar nicht. Die US-Vergeltungspolitik hat doch erst Al-Kaida und IS groß gemacht.

Stefano: Mit dem alleinigen Blick auf die Interessen kommen wir also nicht weiter. Es geht bei der Flüchtlingskrise um eine humanitäre Herausforderung. Deshalb kommen wir an einem gemeinsamen Bekenntnis zur Humanität nicht herum. Und Humanität lässt sich nur aus dem Glauben begründen.

Francois: Warum bitte schön lässt sich Humanität nur aus dem Glauben begründen? Jetzt fehlt nur noch die Mär, dass Humanität sich dem christlichen Glauben verdankt. Wie die Mär von der Weihnacht, dem Kind im Stall, von der Dreifaltigkeit und so weiter. Das ist doch Unsinn.

Muhamed: Treffender hätte ich es auch nicht sagen können.

Miriam: Ich auch nicht!

Stefano: Mit dem Christentum ist die Liebe zu einer Kategorie des Denkens und Handelns geworden. Bis heute mahnt besonders die katholische Kirche eine Rückbesinnung auf humane Werte an. Denkt nur mal an die entschiedene päpstliche Politik zum Schutz des Lebens und gegen die Barbareien dieser Welt.

Martin: Stefano, jetzt komm bitte nicht mit den publicityträchtigen Papstreisen. Auch die anderen christlichen Kirchen setzen sich für Humanität und Leben ein, sicher ohne diese mediale Inszenierung und ohne Personenkult. Vielleicht hat die katholische Kirche nach den vielen dunklen Kapiteln der Kirchengeschichte ihren ramponierten Ruf in besonderer Weise wieder aufzupolieren. Ich möchte auch daran erinnern, dass das christlich-caritative Wohlfahrtswesen im Europa der letzten 200 Jahre auch viele Impulse von solidarischen Initiativen des jüdischen Gemeinde- und Gesellschaftslebens erhalten hat. Und die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, die ich bereits in islamischen Ländern erfahren habe, legen es nahe, dass auch in islamischen Gesellschaften Solidarität und Sorge für den Nächsten keine Fremdworte sind.

Nabi: Da sind wir schon wieder bei der Ringparabel. Wer hat mit seinem Ring die positivsten Wirkungen aufzuweisen? Kann das wirklich entschieden werden? Ist es nicht gerade der Sinn des Gleichnisses, den verbissenen Wettbewerb um den religiösen Wahrheitsbeweis – wie sagen die Europäer - ad absurdum zu führen? Sollten wir nicht stattdessen unsere Ringe dazu nutzen, dem Stifter der Ringe im Streben nach guten Wirkungen nachzueifern?

Martin: Ja genau. Warum fällt es uns so schwer, uns auf die gemeinsamen Grundlagen unserer Religionen zu besinnen? Ohne den jüdischen Glauben an Jahwe kein Christentum, ohne die Idee der Christus-Nachfolge keinen Islam. Man könnte auch noch weitergehen und an die gemeinsamen zivilisatorischen Grundlagen aller Mittelmeer-Anrainer erinnern. Stichwort Mare Nostrum. Ich gebe zu, das ist weitgetriebene Ideenpolitik. Aber kommen wir mit reiner Realpolitik wirklich weiter? Steht nicht mit einer drohenden Völkerwanderung für alle Staaten und die Welt zu viel auf dem Spiel, als dass wir uns die gewohnte Beschränkung auf die Interessen und Machtgesichtspunkte leisten können?

Miriam: Endlich gebt Ihr Christen auch mal offen zu, dass Eure Religion auf dem Judentum fußt. Aber wenn Ihr diese religiösen Anleihen genommen habt , warum diese Entstellung und Vereinnahmung der jüdischen Glaubensinhalte?

Martin: Euer pharisäisches Judentum ist doch auch eine Neufassung des Urjudentums. In das Christentum ist immerhin der größere Teil des antiken Judentums eingegangen, die hellenisierten Juden der Mittelmeer-Metropolen, und da sind wir wieder beim Mare Nostrum.

Jack: Bitte, bitte. Muss unsere Diskussion immer wieder zu einem gegenseitigen Vorrechnen führen?

Muhamed: Merk Dir, was Du sagen willst. Aber das kann ich auf keinen Fall so stehen lassen, dass der Prophet ein Abkupferer des Christentums und Judentums erscheint. Mohamed hat seine Inspirationen direkt von Gott erhalten, und er hat sie unverfälscht den Menschen mitgeteilt. Dagegen lagen bei Juden und Christen nur Verfälschungen des göttlichen Wortes vor. Bis zu dem Maße, dass die Christen wieder den Polytheismus eingeführt haben.

Stefano: Muss ich Dir schon wieder die Dreifaltigkeitslehre erklären. Warum geht Dir das nicht ein? Es ist doch ganz einfach…

Francois: Bitte komm nicht schon wieder mit der abstrusen Spekulation um die Trinität. Das versteht deshalb keiner, weil diese Lehre unlogisch und unverständlich ist. Ganz einfach!

Carlos: Die Dreifaltigkeit ist der wichtigste Glaubensinhalt.

Alexa: Das Mysterium Gottes… Diese Wahrheit spürt man doch!

Miriam: Eine spekulative Spitzfindigkeit der spätantiken griechischen Philosophie! Das hat doch kaum mehr etwas mit dem jüdischen Glauben an den einen Gott und Schöpfer zu tun.

Muhamed: Reiner Polytheismus.

Jack: Stopp! Wenn wir so weiter machen, führen wir bald auf dieser kleinen Insel einen Religionskrieg. Und das unter UN-Diplomaten, die nach Lösungen suchen sollen. Das ist ja lächerlich! Wir haben eine Mission, vergesst das nicht.

Nabi: Noch einmal. Wir haben alle unsere Ringe erhalten, um sie im Sinne des Stifters zu gebrauchen. Das Gleichnis gefällt mir gut. Und dieser Nathan scheint mir auch eine interessante Figur gewesen zu sein.

Martin: Mir liegt der zugrundliegende Gedanke auch am Herzen. Wenn mir manches an der christlichen Lehre schwierig und unverständlich erscheint, dann frage ich mich oft, ob nicht der Blick zurück auf die gemeinsamen Grundlagen hilft. Was ist das Messianische an Christus? Inwieweit ist Gott in Christus? Ist Christus nicht der Heiland aller Menschen? Wie andersartig ist doch Gott, als wir Menschen es meinen? Geben wir Gott dem Schöpfer hinreichend die Ehre? Wie sieht es aus mit den überlieferten Geboten und Gesetzen der Bibel? Achten wir hinreichend Gottes altüberlieferte Auserwählung seines Volkes? Brauchen wir zum Heil nicht auch die Brüder des ganzen Gottesvolkes, also auch die des pharisäischen Judentums oder auch die, die nach Mohamed die strikte Unterwerfung unter Gott betonen? War uns Menschen das Heil bislang nicht deshalb verwehrt, weil wir Wesentliches nicht beachtet haben? Wo bleibt das Prophetentum nach der Zeit der Evangelien? Gibt es nicht denn auch aus jüdischer und muslimischer Perspektive solche bohrenden, zweifelbehafteten, nach weiterer Erkenntnis strebenden Fragen?

Stefano: Ich widerspreche. Das sind Fragen, die vom Christentum längst beantwortet wurden. In den ökumenischen Konzilien. Mit diesen Fragen stellst Du Dich weit außerhalb der Christenheit!

Francois: Jetzt mach mal halblang, Stefano. Das sind Fragen, die ich ebenfalls gut kenne. Und auf die ich keine befriedigenden Antworten gefunden habe. Bei keiner christlichen Kirche. Die Trinität etwa ist ein einziges monströses Wirrwarr. Da kann man am Glauben auch verzweifeln. Da stimmt etwas nicht.

Stefano: Bei Dir stimmt etwas nicht.

Jack: Na, na. Das klingt reichlich respektlos.

Nabi: Ich muss zugeben, dass ich mich manchmal auch frage, ob meine muslimische Religion nicht Wichtiges übersehen oder zumindest zu wenig betont hat. Warum wird in meiner Religion so viel Gewalt zugelassen, warum werden so viele archaische Vorstellungen konserviert, so viele ungerechte Herrschaftsverhältnisse verfestigt und warum wird so wenig nach dem Heil für den einzelnen Menschen, ob Mann oder Frau, gefragt? Weshalb wird im Namen der Religion so viel und so radikal verdammt und abgewertet? Warum bekämpfen sich Sunniten und Schiiten derart brutal? Und wie lässt es sich rechtfertigen, dass Religionsfragen ausschließlich autoritär und absolut beantwortet werden, und zwar selten von unabhängigen, wissenschaftlich abwägenden Theologen, sondern meist von strikt fordernden wie strafenden Religionsführern oder Staats- und Hofgeistlichen? Haben uns denn nach Mohamed das Judentum und Christentum so wenig zu sagen, dass wir uns derart scharf von ihnen abgrenzen müssen? Mohamed hat, soweit ich weiß, sehr viele Anregungen aus diesen Religionen erhalten.

Muhamed: Nabi, schweige, bevor Du Dich weiter an unserer Religion versündigst! Der Prophet hat seine Lehren direkt von Allah. Es sind göttliche Offenbarungen. Gott und kein anderer hat ihn inspiriert. Schon gar nicht die Ungläubigen, die er wegen ihrer Irrlehren stets entschieden bekämpft hat. Vor allem aus Gnade hat er Juden und Christen nicht ausgemerzt, aber auch aus der Berechnung heraus, dass sie wegen mancher Ähnlichkeit den Weg zum muslimischen Glauben noch finden werden. Zu diesen Ähnlichkeiten gehören der Monotheismus, die Überlieferung von den Erzvätern sowie Propheten wie Jesus. Aber was wiegen diese Überschneidungen, wenn der Glaube falsch gegründet und ausgerichtet ist?

Stefano: Auch wenn ich als katholischer Christ den Irrglauben bei Euch Muslimen sehe, natürlich ebenfalls bei den Juden, auch wenn ich Muhameds Lehre für erfunden und substanzlos halte, so stimmen wir doch in unserer ablehnenden Haltung gegenüber billigen Relativierungen überein. Wie wahr, was wiegen Überschneidungen, wenn der Glaube falsch gegründet und ausgerichtet ist!

Carlos: Danke, Stefano. Diese Gleichmacherei ist für mich unerträglich. Ihr Muslime könnt das Heil nie finden, weil Ihr nicht an Christus glaubt und daher keine Erlösung erfahren werdet. Mag Euer Allah noch so unserem Schöpfer nachempfunden sein, Ihr verneint den einzigen Weg zu Gott, indem Ihr dem Sohn nicht die Ehre gebt. Jesus, der Christus, ist für Euch doch nur ein Prophet, nicht Gott vor aller Zeit und für alle Ewigkeit. Wie wollt Ihr denn der Hölle entgehen, wenn Ihr am Jüngsten Tag beladen mit aller Schuld dasteht? Nur über Christus werdet Ihr frei von der Schuld und zu ewigem Leben finden! Ansonsten bleibt Ihr des Teufels. Und Ihr habt die wunderbare Gnade zurückgewiesen, die heilige Jungfrau Maria um Hilfe auf dem Weg zum Glauben bitten zu dürfen. Die Gottesmutter weist mit ihrem Herzen für die Menschen den Weg und bietet Schutz vor aller Gefahr. Sie hat uns auch vor Euch Ungläubigen bewahrt.

Muhamed: Du selbst bist ein Ungläubiger. Schmähe nicht mit diesem Unsinn Mohameds Religion. Allein die Nachsicht und Gnade unserer Religion hat Euch Christen vor dem Untergang bewahrt. Falsche Nachsicht, wie sich herausgestellt hat!

Alexa: Wenn hier derart Tacheles geredet wird, dann lasse ich aber auch mal alle Diplomatie fallen. Was habt Ihr Fundamentalisten eigentlich zu bieten, dass Ihr so hochfahrend seid. Wir haben in Russland wirklich jede Menge Scherereien mit muslimischen Hitzköpfen gehabt. Immer deren Sorge um Beleidigung und Ehrkränkung. Ist denn Euer Prophet so schwach und angreifbar, dass Ihr bei jeder Infragestellung alle Vernunft fallen lasst und zum Schwert, pardon zur Kalaschnikow oder Bombe, greifen müsst. Dabei dürfte doch die Überlegenheit der christlichen Zivilisation offenkundig sein. Kultur und Fortschritt geben uns Christen recht, nicht den Muslimen! Verstritten, rückständig, roh und grausam seid Ihr radikalen Muslime – woher nehmt Ihr das Recht, uns Christen Ungläubige zu nennen! Und ich kritisiere dabei nicht jene besonnenen und überaus kultivierten Vertreter muslimischer Staaten wie dem Präsidenten von Syrien und seinen vernünftigen Staatsbürgern. Ja, wir Russen zählen uns wieder mit Stolz zur christlichen Welt. Ist Moskau doch als drittes Rom der legitime Erbe der ältesten Christenheit, den hellenistisch geprägten Metropolen von Konstantinopel, Antiochia und Alexandria. Auch wenn unser Patriarch diese altehrwürdige Tradition der frühesten Christengemeinden fortführt, war es unserem Staatspräsidenten ein Anliegen, dass auch der römischen Papst Russland dem Schutz der Gottesmutter empfiehlt. Russland hat sich gegen alle Angriffe des Westens wie auch des muslimischen Fundamentalismus erwehren können. Dagegen half nur unser starke Staat, dessentwegen Russland sich immer wieder kritisieren lassen muss. Mein Land hat sich im Zuge des Tschetschenienkriegs vom Westen viele Vorwürfe und Schmähungen anhören müssen. Heute ist dem letzten Europäer klar, dass es zum harten Auftreten gegen radikale Muslime keine Alternative gab.

Muhamed: Endlich habt Ihr Russen Eure Maske fallen lassen. Der syrische Präsident ist doch für Euch nur ein Bündnispartner, weil Ihr die syrischen Häfen und Militärbasen braucht. Eigentlich sind Euch die Menschen des Landes, uns Muslime, gleichgültig, ja zuwider. Ihr Ungläubigen habt in dem Land nichts zu suchen, so wie ich die Zusammenarbeit unseres ägyptischen Militärs mit den Amerikanern nur ungern sehe. Vollends inakzeptabel ist die Ausbreitung des jüdischen Geschwürs in Palästina! Dazu haben unsere Vorfahren zu hart für ein rein muslimisches Morgenland kämpfen müssen!

Miriam: Ihr Christen und Muslime habt doch Eure Religion von uns Juden. Ihr habt sie bei uns abgekupfert, ja geklaut. Deshalb habt Ihr Euer Heil auch nicht finden können. Wir sind das auserwählte Volk. Zu uns hat der einzige, allmächtige Gott gesprochen, zu den Erzvätern, zu Moses, zu den Propheten, meinetwegen auch zu Joshua von Nazareth. Auf diese jüdische Tradition beruft Ihr Euch, eine Tradition, die auf der einmaligen, besonderen Beziehung von Gott zu seinem Volk fußt. Und diese Tradition hat sich Eure Religionen regelrecht einverleibt. Ihr Christen verkennt, dass Joshua oder Jesus von Nazareth ganz selbstverständlich Jude war und als Messias angetreten ist, nicht als Gott. Als Messias hat er sich ganz offensichtlich nicht erwiesen. Sonst wäre im jüdischen Volk Friede eingekehrt und das Gottesreich wäre angebrochen. Seine Anhänger hat es aber nicht davon abhalten lassen, das Gegenteil zu behaupten, sogar ihn zu Gottes Sohn zu machen. Und um sich Rückhalt zu verschaffen, haben sie die jüdischen Traditionen an die Heiden ausgeliefert, die damit nach Belieben umgegangen sind: Dreifaltigkeit, Gottesmutter, Erlösung von Sünden, Jüngstes Gericht, ein Leben nach dem Tod in Hölle, Fegefeuer oder Himmel – der direkte Weg zurück in Polytheismus und Jenseitigkeit. Die jüdische Religion als Steinbruch. Und Mohamed hat es genauso gemacht. Erst klaut er uns die Lehre und wirft uns dann Irrglauben vor. Und dass alles für arabische Wüstensohne, die dringend einer moralischen Bindung und äußeren Ordnung bedurften, um nicht ins Chaos zu verfallen. Kein Wunder, dass bei diesem religiösen Patchwork nur Archaismus und Kriegsreligion herauskommt!

Stefano: Ich protestiere gegen diese Herabwürdigung des Heilands! Die Tötung des Messias hat Israel nur Unheil gebracht. Fürchtet Gottes Zorn.

Muhamed: Tod den Ungläubigen! Die Schmähung unserer Religion wird Strafe auf sich ziehen – für Juden und Christen gelichermaßen!

Carlos: Genau dasselbe könnte ich auch sagen – aber gewendet auf die erbärmlichen Nichtchristen.

Muhamed: Reiz mich nicht, Carlos, sonst vergesse ich mich!

Alexa: Ach, fühlt sich Muhamed wieder beleidigt und gekränkt? Muss er getröstet werden?

Muhamed: Nabi, komm, wir entfernen uns von diesen Teufeln!

Nabi: Nein Muhamed, da Du musst alleine gehen. Ich kann diese Kritik aushalten, zumal auch Christen und Juden mit Einlassungen nicht geschont wurden. Und ich halte etwas von dem Vorschlag, sich auf die Gemeinsamkeiten der drei Religionen zu besinnen.

Muhamed geht zornig weg

Francois: Danke, Nabi, dass Du uns wieder auf das Thema bringst. Regt Euch doch bitte ab! Was ist uns mit diesem Streit gedient. Wir müssen hier auf dieser kleinen Insel überleben, und wir müssen auch jenseits dieser Insel gemeinsame Lösungen rund ums Mittelmeer finden. Uns verbindet doch viel, geschichtlich und religiös, so dass wir auf dieser Grundlage die Herausforderung gemeinsam meistern können.

Stefano: Jetzt kommt der wieder mit seiner französischen Harmoniesoße a la „Wir sind doch gleich“. Willst Du denn nicht verstehen, wir sind höchst unterschiedlich. Man kann zwar diskutieren und Lösungen suchen, aber die Religionen kann man mitnichten auf eine Stufe stellen. Hier der Glaube an Gottessohn und Retter der Welt, dort ein stures Restjudentum, dass seine Hoffnung an den Heiland und das Gottesreich längst verraten hat, dort monotheistische Trittbrettfahrer, die mit ihren falschen Pseudooffenbarungen die Hoffnungsreligion des Gottesvolks zur Gewaltreligion deformiert haben.

Martin: Es reicht, Stefano. Gieß nicht wieder Öl ins Feuer! Francois und Nabi haben recht. Ich vermute, Jack, Miriam und Alexa werden ebenfalls zustimmen: Gegenseitiger Respekt, Verzicht auf absolute Wahrheitsansprüche, Bewusstsein für das Gemeinsame und Verbindende sowie Orientierung an tragfähigen Lösungen bringen uns weiter. Sage nur, Mare Nostrum.

Carlos: Lösungen möchte ich auch. Aber nicht um den hohen Preis der Selbstverleugnung und Relativierung von Religion und Glaube. Wir debattieren zwar gleichberechtigt, jedoch nicht von gleichwertigen Ausgangspunkten her. Das muss klar sein.

Jack: Von einer Überlegenheit des christlichen Standpunktes kann ich persönlich überzeugt sein, aber für eine übernationalen Debatte und Lösungssuche darf diese Überzeugung nicht leitend sein. Das widerspricht den UN-Regeln. Das weißt Du doch, Carlos. Und was die Gemeinsamkeiten der drei großen Mittelmeer-Religionen angeht, so kann ich dazu Persönliches beisteuern. Die drei Religionen verbindet vielleicht genauso viel wie es sie trennt. Ich habe das nicht an die große Glocke gehängt, aber ich bin vor meiner Zeit als US-Bürger in Ägypten aufgewachsen und war früher selbst…

Stefano: Komm Carlos, wir gehen. Das müssen wir uns nicht länger anhören. Zum Schluss geht es noch um blanke Häresie.

Stefano und Carlos verlassen hastig und empört den Versammlungsplatz.

Alexa: Jack, sprich nur weiter. Deine ägyptische Jugend interessiert mich. Davon hat mir unser Geheimdienst gar nicht erzählt.

Martin: Von acht Delegierten haben uns soeben drei verlassen. Entschuldige, aber da können wir nicht einfach unsere Jugenderinnerungen austauschen. Es ist elf Uhr. Unsere Magen knurren. Das schlägt aufs Gemüt. Wir müssen uns dringend etwas zum Essen besorgen. Früchte sammeln, Tiere jagen, Wasser schöpfen – Ihr wisst schon. Wie wollen wir das anstellen, wenn wir uns streiten, trennen, einschwören. Wir sollten Muhamed, Stefano und Carlos wieder ins Boot holen.

Francois: Ins Boot holen ist gut. Wenn wir eines hätten, wären wir längst nicht mehr hier. Aber Du hast recht. Mittelfristig ist das sinnvoll. Kurzfristig sollen sie ihre radikalen Positionen überdenken und zu unseren Geschäftsgrundlagen zurückkehren.

Nabi: Francois, wir befinden uns doch nicht am Verhandlungstisch. Wir müssen pragmatisch sein und uns organisieren. Lasst uns die anderen drei zurückholen. Die werden sich schon wieder einkriegen. Ich kenne doch Muhamed. Der verliert manchmal seine Nerven.

Miriam: Ich weiß nicht. Die müssen sich erst einmal abkühlen, dann aber auch ihren Dünkel ablegen. Warten wir ab. Die werden schon bescheidener auftreten. Vor allem, wenn es ums Essen geht.

Jack: Ich gebe Dir recht, Miriam. Denen tut eine Pause von uns gut. Vielleicht besinnen sie sich ja auf Gemeinsamkeiten, wenn sie merken, dass wir aufeinander angewiesen sind. A propos Essen. Wie stellen wir das mit dem Sammeln und Jagen an. Haben wir Know-How und Waffen?

Alexa: Gut, Jack. Wir organisieren uns zu fünft. Ich besitze in meinen Schuhabsätzen eine Minipistole mit zwanzig Schuss Munition. Die müsste sogar noch trocken sein.

Miriam: Oh, mein Gott. Du bist vom KGB. Alexa, ich mache nur Spaß. Natürlich weiß ich, dass Dich der russische Auslandsgeheimdienst für Notfälle ausgestattet hat. Ein Handy oder GPS-Sender hast Du zufällig nicht?

Alexa: Nein, die habe ich nicht. Du hast zu viel James Bond gesehen. Übrigens hat mich kein Geheimdienst ausgestattet, sondern mein fürsorglicher Ehemann. Ob die Knarre überhaupt geht, weiß ich nicht. Wie sieht es denn mit dem Mossad aus? Habt ihr keine Notfallausrüstung?

Miriam: Du wirst lachen. Ich habe zwar ein Taschenmesser, aber nicht für den Nahkampf. Eher für meine Birnenschnitze zum Frühstück. Hier, das ist alles, was von meinem Handtascheninhalt übriggeblieben ist.

Jack: Immerhin. Das müsste zum Jagen und Zerlegen schon gehen. Wenn Alexas Pistole tatsächlich funktionieren sollte, dann braucht es in dem kleinen Inselwald nur noch essbare Tiere. Kennt sich jemand mit der Fauna aus? Was lässt sich auf einer Mittelmeerinsel finden und verzehren?

Nabi: Mein Vater ist ein leidenschaftlicher Gärtner und Botaniker. Manches ist von seinem Wissen auch an mich übergegangen. Ich denke, dass ich helfen kann.

Martin: Prima. Dann lasst uns zwei Gruppen bilden. Ich und Nabi suchen nach Früchten. Alexa, Jack und Miriam, Ihr geht auf die Jagd. Die anderen Drei sollen uns nur beobachten. Wenn der Hunger größer wird, kommen sie zu uns zurück und kriegen sich wieder ein. Wir werden sehen.

Die Gruppe macht sich auf den Weg in den kleinen Inselwald, während Muhamed am gegenüberliegenden Strand unter einer Palme rastet und Stefano mit Carlos sich im Schatten des Waldrandes ausgestreckt hat. Letztere beobachten neugierig den Aufbruch der jüngst gebildeten Jagdgesellschaft.

Stefano: Hast Du den Schuss gehört? Haben die eine Waffe?

Carlos: Die gehen jagen. Mein Magen knurrt auch gewaltig.

Stefano: Dort an dem Baum hängen Früchte. Die nehmen wir uns. Dann brauchen wir Katholiken mit den übrigen Irrlichtern keine gemeinsame Sache zu machen. Das schützt vor weiteren Zumutungen, bis endlich Rettung naht.

Carlos: Das scheinen Orangen zu sein. Die hängen aber ganz schön weit oben. Das wird doch keine verbotene Frucht sein?

Stefano lacht: Du bist der Weltliche von uns. Du kommst geschickter auf den Baum.

Carlos: Nur wenn Du unten eine Räuberleiter machst.

Stefano: Wie sich das anhört – Räuberleiter. Gut, ich leiste Dir Starthilfe.

Carlos klettert mit Stefanos Hilfe auf den ersten Ast des Baumes, rutscht aber aus und fällt auf den Boden. In dem Moment stößt Muhamed von der anderen Inselseite herkommend auf die beiden.

Carlos: Autsch, jetzt habe ich mir den Arm lädiert.

Stefano: Kannst Du nicht aufpassen? Was veranstaltest Du da?

Carlos: Nach was sieht es aus? Ich bin ausgerutscht. Steig Du doch hoch, wenn Du es besser kannst!

Muhamed: Lass mal sehen! Ich bin Chirurg, wie Du weißt.

Carlos: Und, ist er gebrochen?

Muhamed untersucht Carlos: Ja, aber zumindest kein komplizierter Bruch. Warte, ich schiene Dir den Arm mit dem Stück Holz und diesem Schlingengewächs.

Carlos: Oh, das tut weh. Pass auf!

Stefano: Ah ja, Du hast ein Messer.

Muhamed: Die Schiene wird vorerst ihre Sache tun. Dein Arm ist nun begradigt und geschient. Kann sein, dass sich Dein Arm noch entzündet. Schone Dich. Falls Du Fieber bekommst, sag Bescheid!

Carlos: Danke. Muhamed, tut mir leid wegen vorhin. Ich wollte Dich nicht kränken,

Muhamed: Schon gut. Ich habe mich in Rage geredet. Beim Thema Religion lauf ich halt schnell heiß.

Carlos: Ich auch. Ich weiß nicht, was da mit mir passiert.

Stefano: Ich schon, Carlos. Du zeigst Eifer für das Richtige und Wahre. Magst Du in dem Eifer Muhamed ähnlich sein, so ist es der rechte Glaubenseifer, der Dich von ihm unterscheidet.

Carlos: Nicht schon wieder, Stefano. Ich kann Muhamed gut verstehen. Er setzt sich für seinen Glauben ein, ich für meinen. Er ist dazu nicht weniger berechtigt. Wichtig ist doch, dass wir trotzdem miteinander gut auskommen.

Muhamed: Du sprichst mir aus der Seele.

Stefano: Was wird das hier, eine Verbrüderung? Dann könnt ihr ja gleich zu den anderen gehen, die sich um das Gemeinsame sorgen. Und was heißt da „nicht weniger berechtigt“? Es ist eine heilige Pflicht, sich für das Wahrhaftige einzusetzen. Das gilt zuvorderst für den katholischen Christen. Wenn der Muslim sich für dieselbe Wahrheit einsetzt, soll mir das recht ein. Dann hat er aber aufgehört, Muslim zu sein.

Carlos: Stefano, sei mir nicht bös. Aber das ist mir jetzt zu spitzfindig. Ich finde Muhameds Haltung durchaus achtenswert. Er verschmäht wie ich billige Gleichmacherei und setzt sich für Geradlinigkeit und Aufrichtigkeit ein.

Muhamed: Ja, es ist mir zuwider, die Religionen aus einem Geist schwärmerischer Verbrüderung gleichzureden. Das heißt jedoch nicht, dass ich nicht vor dem Glauben von Euch Christen keinen Respekt hätte. Für mich ist es nur nicht der wahre Glaube.

Stefano: Unter umgekehrten Vorzeichen kann ich dasselbe sagen. Insoweit stimmen wir überein.

Carlos: Aber stellen wir damit nicht ebenfalls das Gemeinsame und Verbindende heraus?

Stefano: Es ist nicht verwerflich, Gemeinsamkeiten zu entdecken. Doch muss dies aus einer standhaften Glaubensposition heraus geschehen und nicht aus – wie hast Du formuliert? – schwärmerischer Verbrüderung oder einfach: Globalisierungsgebaren.

Muhamed: Besser hätte ich es nicht sagen können.

Carlos: Dann bleibst Du also bei uns?

Stefano: Ja, halten wir zusammen. Sollen die anderen gemeinsame Sache machen. Wir schlagen uns ohne sie durch.

Muhamed: So soll es sein. Schaut, ich habe das Messer. Mit dem können wir selber Essbares finden und zubereiten.

Carlos: Ich kann aber mit meinem gebrochenen Arm nur bedingt helfen.

Muhamed zu Stefano: Das schaffen wir schon. Gehen wir in den Wald. Du, Carlos, hältst die Stellung.

Nach zwei Stunden sieht man am Gestade der kleinen Insel - in sicherem Abstand voneinander - zwei Lagerfeuer brennen. Über beiden Feuern braten gejagte Vögel und Früchte. Die Stimmung an beiden Feuern ist zwar nicht gelöst, aber auch nicht wirklich gedrückt. Die Dämmerung zieht bald über die Insel. Müde von dem aufregenden Tag legen sich die Menschen der Lager allmählich zur Ruhe, während die beiden Feuer noch lange in der Nacht glimmen. Plötzlich nähert sich ein Schlauchboot der Insel und landet unweit des Lagers des „interreligiösen Geistes“. Fremde Stimmen dringen an die Ohren der Diversity-Experten und bringen diese jäh in Aktion.

Jack: Wer ist da? Carlos bist Du es? Oder seid Ihr ein Rettungsteam?

Libyer: Rettung? Das sind hier Flüchtlinge, Mann. Wir sind gestern von Libyen aufgebrochen. Die Leute kommen aus Afghanistan, Syrien, Somalia, Nigeria und sonst woher.

Alexa: Und wer und woher bis Du?

Libyer: Ich bin der Chef der Gruppe und komme aus Tripolis. Sind wir auf griechischem Territorium? Kommt schon, macht Licht und führt uns in die Aufnahmestelle!

Martin: In die Aufnahmestelle? Das muss ein Irrtum sein. Wir sind selbst auf der Insel gestrandet. Licht haben wir keines.

Libyer: Ihr macht Witze. Wollt Ihr Europäer uns nun auf diese Weise loswerden? Wir beantragen Asyl, habt Ihr kapiert!

Miriam: Leute, Ihr könnt hier kein Asyl beantragen. Unser Boot ist dort hinten an den Klippen im Meer gesunken. Wir sind Gestrandete und hoffen auf Hilfe. Hier Europa? Wir wissen noch nicht einmal, ob dieses Island nicht zu Israel gehört.

Palästinenser: Sagt bloß, Ihr seid Juden. Frau, weißt Du, weshalb ich mich mit diesen Leuten auf diese bessere Luftmatratze begeben habe? Um der israelischen Unterdrückung zu entgehen. Und dann soll ich ausgerechnet auf einer israelischen Insel an Land gehen?

Libyer: Hey, beruhige Dich. Die verarschen uns. Es gibt überhaupt keine israelische Insel. Wir sind Flüchtlinge und verlangen nach internationalem Recht Asyl, habt Ihr verstanden? Also lasst die Tricks und führt uns ins Registrierungszentrum!

Jack: Noch einmal. Wir sind selbst Gestrandete. Wir gehören zu einer UN-Mission. Ich bin US-Amerikaner, der ein Deutscher, der ein Franzose, ein Marokkaner und hier eine Israelin und eine Russin.

Syrerin: Eine Russin? Ihr Hundesöhne habt mein Haus bombardiert. Wegen Euch bin ich überhaupt auf der Flucht. Das Regime in Damaskus hätte ohne Euch längst aufgeben müssen. Ihr habt uns um den Sieg betrogen!

Alexa: Das stimmt so nicht. Und das Wort von den Hundesöhne nimmst Du sofort zurück. Oder Du bist schneller im Wasser, als Du hier an Land gekommen bist!

Nabi spricht mit den Flüchtlingen auf Arabisch und übersetzt anschließend.

Nabi: Ich habe ihnen bestätigt, dass es sich so verhält, wie von Euch dargestellt. Ich fürchte nur, nicht alle haben verstanden.

Afghane: Asyl!

Iraker: Asyl, Asyl!

Libyer: Wenn Ihr von den UN seid und einige von Euch Europa vertreten, dann beantragen wir trotzdem bei Euch Asyl.

Martin: Versteh doch, wir sind keine Regierungsorgane. Wir warten auf Rettung und haben noch nicht einmal eine Taschenlampe. Außerdem wissen wir nicht, auf welchem Hoheitsgebiet wir uns überhaupt befinden. Niemand von uns kann diese Insel zuordnen.

Afghane: Du Deutsch. Ich verstehe. Ich aus Kundus, Afghanistan. Dort für Deutsch Armee gearbeitet. Ich Asyl!

Alexa: Ein letztes Mal. Ihr könnt bei uns kein Asyl beantragen. Vergesst es. Am besten Ihr nehmt Euer verdammtes Schlauchboot und schippert mit Eurem libyschen Schlepper weiter. Das wird mir hier zu viel mit Euch!

Miriam: Genau. Wir geben Euch Wasser und ein paar von unseren Früchten. Und Ihr haut dann wieder ab! O.K.?

Libyer: Dann gehört Euch die Insel doch gar nicht. Wir können hier bleiben und nehmen, was wir wollen. Ihr habt uns gar nichts zu sagen!

Francois: Für so viele Menschen ist doch die Insel zu klein. Gerade werden das Wasser, die Früchte und Vögel für uns reichen. Abgesehen mal von dem Problem mit den Exkrementen. Im Nu kippt das Ökosystem um, und wir wissen nicht, wann uns Hilfe erreicht. Noch könnt Ihr mit Eurem Boot weiter zu einer griechischen Insel fahren. Das wird nicht weit sein.

Libyer: Und warum ist noch keine Hilfe gekommen? Nein, wir bleiben, solange wir wollen. Ihr habt uns nichts zu sagen.

Syrer: Wir wollen alle nach Europa! Und nicht auf dieser Insel bleiben. Dafür haben wir bezahlt!

Libyer: Mann, merkst Du nicht. Ich verhandle!

Nabi: A propos Verhandlung. Ihr bekommt von uns morgen früh Wasser und Nahrungsmittel. Und dann fahrt Ihr weg. Klar? Und jetzt geht Ihr bis zu dem Felsen dort und schlagt für den Rest der Nacht Euer Lager auf. Also hopp!

Martin: Du kannst doch die Leute nicht einfach so…

Alexa, Miriam und Nabi: Doch! Sei still!

Der libysche Schlepper teilt der Gruppe mit, dass sie einstweilen an einem Felsen Quartier nehmen und bis zum Morgen warten. Der Felsen liegt in der entgegengesetzten Richtung vom Lager der „standhaften Gottgläubigkeit“, wo man von dem Treiben der Diversity-Experten nichts mitbekommen hat und noch lange den Schlaf der Gerechten schläft. Die fünfzehn Flüchtlinge entfernen sich, schleifen das Boot hinter sich her und schlagen – kaum mehr sichtbar für das Willkommens-Komitee – ihr Lager auf. Die Stimmen legen sich. Kaum etwas deutet noch auf die Anwesenheit der Flüchtlinge hin.

Martin: So können wir doch nicht mit Flüchtlingen umgehen. Bei unserer Mission geht es doch gerade um humanitäre Lösungen, nicht um Vertreibung.

Francois: Das Argument mit den begrenzten Ressourcen leuchtet mir zwar ein, doch angesichts unserer bevorstehenden Rettung müssen wir uns nicht unnötig inhuman geben – da gebe ich Martin vollkommen recht. Ich meine, wie sieht das denn aus?

Jack: Ja genau. Stellt Euch vor, was in der Presse steht, wenn das herauskommt. UN-Vertreter auf Flüchtlingsmission gestrandet. Vor ihrer eigenen Rettung haben sie Flüchtlinge in den Tod geschickt! Ganz schlecht für unser Image. Martin, Du hast da ein gutes Näschen.

Alexa: Und was ist, wenn unsere Rettung gar nicht unmittelbar bevorsteht? Wenn wir noch lange auf den Rettungstrupp warten müssen? Ich habe jedenfalls noch kein Flugzeug oder Schiff gesehen. Vielleicht werden wir noch nicht einmal vermisst!

Miriam: Du denkst, dass irgendwer uns absichtlich in diese Situation geschickt hat und uns hier verrotten lässt?

Alexa: Habe ich zwar nicht so gesagt, aber wenn ich recht überlege: Die UN ist ein Haifischbecken. Vielleicht sollen wir ja mit unserer Mission keinen Erfolg haben. Wer weiß schon, ob nicht jemand hinter unserer Misere steckt.

Jack: Ach, das glaube ich nicht. Bislang drei Tote. Und wer weiß, was noch kommt. Die Nummer ist doch zu groß. Und wer sollte daran ein Interesse haben?

Francois: Hey, spinnt ihr jetzt völlig! Kommt mal runter. Die Kollegen suchen uns bestimmt längst. Morgen werden sie uns finden.

Martin: Immer dieses Misstrauen. Immer diese Verschwörungstheorien. Ihr seid ja berufskrank! Wie sollen wir denn mit so einer Haltung zu gemeinsamen Lösungen finden. Jetzt haben wir die Chance, uns mal aus unmittelbarer Nähe einen Eindruck von der Flüchtlingskrise zu verschaffen. Und Ihr habt nichts Besseres im Kopf, als die Leute schnellstmöglich wieder auf die offene See zu schicken. Lasst uns doch vorher mit denen ins Gespräch kommen und wertvolle Informationen bekommen.

Nabi: Ich halte weder etwas von Verschwörungstheorien noch von Bagatellisierung. Wir haben mit diesen Flüchtlingen ein ernstes Problem. Wir wissen nicht, wann unsere Rettung eintrifft. Bis dahin verfügen wir über nur sehr begrenzte Ressourcen. Und wir sind mit Muhamed, Carlos und Stefano uneins, um nicht zu sagen verstritten. Auf der anderen Seite sind die Flüchtlinge in der Überzahl. Sie sind über den Libyer organisiert. Und sie haben kaum etwas zu verlieren. Mir gefällt die Situation ganz und gar nicht.

Jack: Du hast recht. Wir brauchen einen klaren Kopf. Daher lasst uns noch ausruhen, damit wir morgen fit sind und richtige Entscheidungen treffen. O.K.?

Alle Diversity-Experten sind mit der Fortsetzung der Nachtruhe einverstanden und legen sich wieder schlafen. Bald kehrt völlige Ruhe ein. Nur das gleichmäßige Rauschen der Wellen ist noch zu hören, was die Ruhe der Erschöpften noch vertieft. Die Glut des Lagerfeuers verglimmt, während es dämmert. Schnell geht die Sonne über dem Meer auf. Plötzlich wecken Knallgeräusche die Schlafenden. Fremde Stimmen sind zu hören.

Alexa: Verdammt, die haben meine Pistole gestohlen. Vier Schuss bleiben ihnen noch.

Miriam: Und mein Mantel ist durchwühlt. Mein Messer ist weg.

Jack: Stefano und Co. können es nicht gewesen sein. Die liegen noch an ihrem Feuerplatz. Außerdem kam es aus der anderen Richtung. Dorther, wo heute Nacht die Flüchtlinge gelagert haben. Von denen sehe ich aber keine Spur.

Nabi: Doch, am Waldrand ganz hinten hat sich vorhin etwas bewegt. Das müssen die Flüchtlinge gewesen sein. Wie konnte das passieren?

Miriam: Der Libyer ist Profi. Und die anderen sehen mir auch nicht alle koscher aus.

Alexa: Und da schwafelt der Deutsche von Humanität!

Martin will protestieren.

Jack: Hey, jetzt keinen Streit. Martin hat es gut gemeint. Wir müssen die Lage unter Kontrolle bringen.

Francois: Jack, hinter Dir!

Der Libyer kommt mit einer Pistole auf die sechs zu. Seine Miene verrät nichts Gutes. Ihm folgen die fünfzehn Flüchtlinge, einige auf dem Fuße, einige in leichtem Abstand. Drei der vorderen Flüchtlinge tragen geschossene Vögel. Im Hintergrund laufen unbemerkt Muhamed, Stefano und Carlos in den Wald und halten sich bedeckt.

Libyer: Wir brauchen Feuer. Gebt uns Eure Feuerzeuge!

Alexa: Nichts geben wir Dir! Rück unsere Pistole und das Messer heraus, aber plötzlich!

Martin: Ihr habt einfach unsere Sachen durchwühlt und das mitgehen lassen? Das geht doch nicht.

Libyer: Schnauze, Dicker. Macht einfach, was ich sage! Feuerzeug her, sonst knallt es.

Francois: Macht keinen Fehler. Ihr wollt doch als Asylanten aufgenommen werden. Dann müsst Ihr Euch an die Regeln halten. Ihr gebt uns jetzt schön unsere Sachen zurück, dann vergessen wir…

Der Libyer schießt Francois vor die Füße. Alle UN-Beauftragten weichen erschrocken zurück und erstarren. Auch ein großer Teil der Flüchtlinge hält angstvoll inne. Der Libyer genießt die gewonnene Machtposition und nähert sich bedrohlich Miriam und Alexa. Als der Mann ihr gefährlich nahe gekommen ist, holt letztere plötzlich zu einem Schlag aus, der aber das Gesicht des Libyers verfehlt. Dieser war blitzschnell ausgewichen und schlägt dann seinerseits mit seiner Linken auf die Russin. Alexa fällt bewusstlos auf den Sand. Daraufhin händigt Miriam ihr Feuerzeug aus.

Martin: Hier mein Feuerzeug kannst Du auch haben. Was hast Du mit uns vor?

Libyer: Du sprichst zu viel! Stellt Euch der Reihe nach auf, mit den Händen nach oben! Abdou, durchsuch alle! Yussuff, mach an der Feuerstelle neues Feuer. Und Ihr da (zu den anderen Flüchtlingen gewandt), bereitet die Vögel zu und steckt sie auf einen Spieß. In der Zwischenzeit schau ich mir mal an, mit wem wir es hier zu tun haben.

Während Abdou eine sorgfältige Leibesvisitation durchführt, fragt der Libyer einen UN-Beauftragten nach dem anderen über dessen Name, Herkunft und Beruf aus. Sofern Abdou den Kleidern Pässe entnehmen konnte, studiert der Libyer aufmerksam die Dokumente. Gleichzeitig entfacht Youssuf ein Feuer. Manchmal spricht er mit den kleinen Flammen, um sie zum Entfalten einzuladen. Während diese Drei selbstsicher und zielstrebig ihren Tätigkeiten nachgehen, folgen die übrigen Flüchtlinge mehr oder weniger ängstlich den Anweisungen des Libyers und beginnen die Vögel zu entfiedern und zur Schlachtung vorzubereiten. Der Libyer wirft immer wieder prüfend finstere Blicke nicht nur auf die vor ihm stehenden UN-Leute, sondern auch auf diese zwölf Flüchtlinge, darunter sechs Frauen und zwei geängstigte Kinder. Er spielt dabei genüsslich seine Macht aus und wirkt bedrohlich. Schließlich ruft er eine schöne dunkelhäutige Frau zu sich, schaut ihr - dicht vor ihr stehend - tief in die Augen und übergibt ihr mit eindringlichen Anweisungen ein Messer zum Schlachten. Dann wendet er sich wieder den UN-Beauftragten zu und ruft mit einem Grinsen im Gesicht die Namen von Miriam und Alexa.

Miriam: Die erste Frau bin ich, die zweite ist die Dame, die dort im Sand liegt (weist mit dem Kopf auf Alexa, die zwar wieder bei Bewusstsein ist, aber noch nicht aufgefunden hat).

Libyer: Ah, dann war das also eine russische Visage, die meine Faust bearbeitet hat? Und Du Jüdin wirst auch noch meine besondere Zuwendung erfahren. Euch Juden mögen wir Muslime besonders! Knie nieder. Los, mach schon!

Nabi: Ich bin auch Muslim und bestehe darauf, dass Du internationale Regeln beachtest. Wir unterstehen direkt den UN. Das heißt, dass Du und Deine Leute hart zur Rechenschaft gezogen werdet, wenn hier irgendetwas passiert…

Der Libyer streckt mit einem Faustschlag Nabi zu Boden, der vor Schmerzen stöhnt. Die anderen UN-Beauftragten schauen sich kurz an, lassen aber von einer gemeinsamen Aktion sofort ab, als der Libyer die Pistole auf sie richtet. In dem Moment machen die übrigen zwölf Flüchtlinge auf die gebratenen Vögel aufmerksam, und ein Windhauch weht den Geruch von durchgebratenem Fleisch herüber. Der Libyer lässt die Waffe sinken und wendet sich an Abdou und Yussuf, sie sollten sich und ihm Essen bringen. Einige Minuten später sitzen die UN-Botschafter im Sand, Alexa wieder unter ihnen, und schauen mit knurrenden Mägen zu, wie der Libyer und seine zwei Komplizen sich zwei gebratenen Vögeln und einigen Früchten hingeben, während sich die zwölf übrigen Flüchtlinge mit den restlichen zwei Vögeln begnügen müssen. Die Mittagssonne steht brennend über ihnen. Ein Anflug von Hoffnungslosigkeit überkommt manche von ihnen. Vor allem Martin und Francois wirken mitgenommen. Hingegen prüfen Alexa und Nabi ihre Wunden. Miriam hält mit Mühe ihre Wut zurück. Inzwischen wirkt die Dreiergruppe um den Libyer satt und ist mit der Verdauung beschäftigt. Einer von den Dreien beginnt schon zu gähnen. Da schleichen sich Muhamed, Stefano und Carlos vom Waldrand herkommend an das Lager heran. Ihre UN-Kollegen haben sie bereits gesehen und schöpfen Mut. Sie suchen einander anzusehen, um sich abzustimmen. Doch auch in der Gruppe der zwölf Flüchtlinge wird man nun auf die Herannahenden aufmerksam. Entgegen der ersten Befürchtungen halten die Flüchtlinge still. Selbst die beiden Kinder reagieren nicht. Mit einem Mal werfen sich Muhamed, Stefano und Carlos mit Stöcken auf den Schlepper und seine Komplizen. Diese nehmen sofort den Kampf auf. Dabei fällt ein Schuss, und Muhamed fällt vor dem Libyer zu Boden. Von hinten springen nun Jack und Alexa auf den Bewaffneten und schlagen ihn! mit kon zertierten Fausthieben nieder. Die beiden Komplizen suchen ihrem Anführer zwar zu Hilfe zu eilen, die Waffe können sie aber nicht mehr ergreifen, sondern werden von Miriam, Francois und Martin mit Fußtritten bearbeitet. Carlos, Stefano und Nabi hingegen sind noch außer Gefecht gesetzt. Die zwölf Flüchtlinge sitzen wie versteinert und rühren sich nicht von der Stelle.

Jack mit Pistole zum Libyer: So Freundchen. Hände hoch. Ganz schnell.

Martin mit einem abgenommenen Messer zu Abdou und Youssuf: Und Ihr Zwei rührt Euch nicht vom Fleck. Sonst fließt Blut. Viel Blut!

Miriam: Genau, Martin. Mein Messer soll dabei nicht ungenutzt bleiben. Mich juckt es richtig.

Alexa nähert sich langsam: Warte, ich möchte auch noch mein Hühnchen rupfen! Der stinkende Libyer soll mein russisches Blut richtig kennenlernen.

Stefano mit lädiertem Gesicht: Leute, kommt runter. Ruhig Blut. Es ist nicht an uns zu bestrafen.

Carlos: Aber es geht um Macht und Autorität. Es soll keiner von denen denken, dass wir nicht handlungsfähig sind. Um Notfall werden wir Exempel statuieren.

Francois: Verdammt. Diskutiert nicht herum, sondern helft Muhamed. Der hat den Schuss abbekommen und blutet.

Jack gibt Carlos die Pistole: Warte. Ich bin, wie Ihr wisst, ebenfalls Arzt. Lass mal sehen, Muhamed. Das scheint ein Streifschuss zu sein. Auch kein tiefer. Wir werden das verbinden. Bist Du sonst O.K.?

Muhamed ist von dem Vorfall noch ganz mitgenommen, nickt aber. Jack und Francois reißen ein Stück von seinem Hemd ab und geben einer Flüchtlingsfrau Anweisungen, das Stoffstück in Wasser zu tränken und dann kurz in das noch brennende Feuer zu halten. Danach verbindet Jack mit dem Stoffstock Muhameds Wunde. Gleichzeitig sammelt Alexa das Schlachtmesser der Flüchtlingsgruppe ein, was die Gruppe ohne Widerstand geschehen lässt. Martin kann die UN-Beauftragten davon überzeugen, dass sich wegen der starken Sonneneinstrahlung und Hitze ein Umzug an den Waldrand empfiehlt, zumal dort eine Gefangensetzung des Libyers und seiner zwei Komplizen am ehesten möglich wäre. Die Szene verlagert sich also an den Waldrand oberhalb der Feuerstelle. Dort werden die drei Gefährder mit Schlingpflanzen an Bäume gebunden. Carlos hat mit der Pistole bewaffnet den ersten Wachdienst übernommen. In Abstand dazu sitzt an einem neuen Feuerplatz die Gruppe der UN-Beauftragten, währen die zwölf Flüchtlinge einen eigenen Platz zugewiesen bekommen. Nabi befragt die Flüchtlinge nach Herkunft, Namen und Fluchtwegen. Von Jack, Miriam und Martin wird das Flüchtlingsboot herangeschafft, um als Abstellfläche und Schutzplatz zu dienen. Das Feuer des alten Lagers wird am Lodern gelassen. Es soll dabei helfen, Schiffe auf die Insel aufmerksam zu machen.

Carlos: Eigentlich sollte man die Drei ins Boot schaffen und in See stechen lassen. Dann sind wir den Aufwand der Bewachung los. Haben sie sich doch selber eingebrockt.

Francois: Das könnte aber ihren Tod bedeuten. Wir haben die Situation wieder unter Kontrolle. Eine Gefährdung von Menschenleben haben wir nicht nötig. Die übergeben wir den Behörden, sobald wir gerettet sind.

Muhamed: Die bisherige Überfahrt hätte doch ihren Tod bedeuten können. Das Risiko sind sie auch eingegangen! Warum sie nicht in das Boot zerren, mit Früchten und Wasser ausstatten und ins Meer schicken? Das gilt auch für die zwölf Flüchtlinge dort. Denn die können für uns auch gefährlich sein. Wer weiß denn, inwieweit die sich nicht mit dem Libyer solidarisieren? Was dann? Die sind in der Mehrzahl.

Carlos: Ja, unsere Position steht und fällt mit der Pistole und den drei Messern. Wir haben nur noch neun Schuss Munition!

Alexa: Ja, mit der Munition haben wir die Situation unter Kontrolle. Aber mit dem letzten verbleibenden Schuss kann unsere Lage kippen.

Stefano: Wie Ihr da redet, kann es einem eiskalt den Rücken runterlaufen. Müsst Ihr immer alles berechnen? Habt Ihr kein Mitleid? Habt ihr keinen Sinn für Humanität?

Martin: Gestern hattest Du die Prinzipien des katholischen Glaubens an die erste Stelle gestellt. Da rangierte die Humanität auch nicht an erster Stelle!

Stefano: Humanität gehört zu den Prinzipien des Glaubens, übrigens auch des Glaubens in lutheranischer Abwandlung.

Nabi: Ich darf mal Euren Glaubensdiskurs unterbrechen und mit Fakten aufwarten. Ich habe alle Flüchtlinge befragt. Folgendes ist herausgekommen: Das Boot gehört einer Schlepperorganisation, für die der Libyer arbeitet. Die beiden Komplizen sind eigentlich nur Flüchtlinge aus Syrien, allerdings aus dem Spektrum der Islamisten. Die haben sich seit Fahrtbeginn den anderen Flüchtlingen gegenüber als Gewaltbereite aufgespielt. Vor der Bootsfahrt haben sich die Flüchtlinge nicht gekannt. Sie hatten in unterschiedlichen Lagern gewohnt und eine Überfahrt mit einem nur kleinen Boot nach Kreta geordert, weil sie alle nicht viel Geld besaßen. Dass es dann ein Schlauchboot wurde, hatte jeden überrascht, aber auch nicht abgeschreckt. Sie hatten ihr Geld schon bezahlt, eine andere Chance gab es für sie nicht mehr. Eine Familie kommt aus Homs in Syrien. Zu ihr gehören die zwei Kinder. Ein christliches Ehepaar hat sich vom westlichen Irak nach Libyen geflüchtet. Der eine junge Mann ist Somalier, der andere ein minderjähriger Afghane. Zwei 19jährige Frauen stammen aus dem Südsudan. Sie erzählten mir, dass sie in Libyen zur Prostitution gezwungen wurden. Sie scheinen psychisch instabil zu sein. Und die beiden anderen Frauen machen kaum Angaben, scheinen aber aus Palästina zu kommen. Pässe haben sie keine bei sich.

Martin: Die können wir unmöglich wieder ins Boot stecken. Insbesondere auf die traumatisierten Frauen müssen wir aufpassen.

Carlos: Was meinst Du mit aufpassen?

Francois: Ach komm, Du weißt was er meint. Die dürfen wir nicht überfordern. Die brauchen ein Gefühl von Sicherheit.

Muhamed: Du meinst, Nabi, dass von den zwölf Flüchtlingen keine Gefahr ausgeht?

Nabi: Das kann ich nicht garantieren. Aber die Möglichkeit einer Solidarisierung mit dem Libyer dürfte eher ausgeschlossen sein. Die haben sich alle verärgert über den Schlepper und die Islamisten geäußert. Inwieweit der Somali und der Afghane gewaltbereit sind, kann ich nicht genau beurteilen. Die machen auf mich einen widersprüchlichen Eindruck.

Alexa: Muhamed, Du bist Araber und kannst Muslime bestimmt gut einschätzen. Kannst Du mit den beiden noch mal sprechen?

Muhamed: Erstens bin ich kein Araber, sondern Ägypter. Zweitens spreche ich genauso wenig ihre Muttersprache wie Du. Und aus deren bruchstückhaftem Englisch und ihrem Auftreten kann ich auch nicht mehr Schlussfolgerungen ziehen wie Du. Mach es doch selbst!

Alexa: O.K., ich habe verstanden. Ich war undifferenziert. Tut mir leid, ich wollte Dich nicht in ein Schubfach stecken. Ich werde mit ihnen reden.

Muhamed: Schon gut. Ich komme mit.

Während Alexa und Muhamed die jungen Männer einem prüfenden Gespräch unterziehen, wirft Carlos in der Runde noch einmal die Frage auf, ob man nicht zumindest den Libyer mit Abdou und Yussuf einfach ins Boot stecken und „abschieben“ sollte. Dann hätte man, sofern die anderen Flüchtlinge kooperieren, das Bewachungsproblem gelöst.

Francois: Du kennst die UN-Regeln. Es besteht derzeit keine Notlage, die es rechtfertigen könnte, die Drei einer solchen Gefahr auszusetzen. Außerdem hat der Schlepper gegen internationales Recht verstoßen. Das muss von Behörden ermittelt und von einem ordentlichen Gericht bestraft werden.

Miriam: Ja, wir würden vielleicht wertvolle Informationen über die Netzwerke und Organisationsstrukturen erhalten. Mit einer Befragung aller Flüchtlinge könnten wir bereits jetzt beginnen. Mich würde nicht zuletzt die palästinensische Herkunft der beiden Frauen interessieren.

Jack: Dein israelisches Nahost-Thema in allen Ehren, aber mit diesem Interesse wirst Du allein dastehen. Als UN-Beauftragte sollten wir uns eher den Schlepper und die Islamisten vorknüpfen. Schließlich wurden wir in Mission geschickt, um uns einen Eindruck über die Flüchtlingskrise und Möglichkeiten für eine internationale Lösung zu verschaffen. Dann sind wir mitten in unserem Job!

Martin: Ich bin einverstanden. So nutzen wir unsere Zeit. Lasst uns unser Vorgehen abstimmen.

Nabi: Wir brauchen eine Organisation. Wer bewacht? Wer sorgt für Essen? Wer hält nach Rettung Ausschau?

Francois: Und überhaupt - heißt das, dass Carlos, Stefano und Muhamed sich wieder uns anschließen?

Die UN-Beauftragten beraten und beschließen eine „übergreifende Struktur“: Muhamed, Stefano und Carlos rücken wieder ins gemeinsame Lager ein, die Mission wird wieder aufgenommen und die Aufgaben der Nahrungssuche, Essenzubereitung, Bewachung und Befragung verteilt. Alexa ist zuständig für den Haftvollzug. Sie erklärt dem Libyer, Yussuf und Abdou, dass sie im Namen der UN gefangen gesetzt sind. Jack und Muhamed tragen die Verantwortung für die übrigen Flüchtlinge, die offiziell der Ordnung der UN unterstellt werden. In amtlichem Englisch unterrichtet Muhamed die Flüchtlinge über ihre Recht und Pflichten. Die Flüchtlinge fügen sich seinen Anweisungen. Die Frauen erklären sich zur Mitwirkung bei der Nahrungssuche und Essenszubereitung bereit. Die Männer werden von Jack zur Arbeit an der Feuerstelle eingeteilt. Die übrigen UN-Beauftragten hingegen lösen sich bei der Bewachung der drei Gefangenen ab. Vor den Essenszeiten wollen die freien Kräfte mit den verbleibenden Waffen auf die Jagd gehen. Für das nächste Abendessen ziehen Carlos, Martin, Stefano und Miriam in den Wal, während Nabi zusammen mit Alexa Wache schiebt.

Carlos: Jetzt haben wir so lange hier gelauert und haben keinen einzigen Vogel erledigen können.

Martin: Wie denn auch mit diesen zwei Messern. Kaum wirfst Du Dich damit auf die Viecher, sind die schon weggeflogen.

Mariam: Den letzten Kleinen hätte ich beinahe gehabt. Zumindest habe ich den Luftstrom seiner Flügel gespürt.

Stefano: In Italien haben wir einige Erfahrung mit der Vogeljagd, aber mit Gewehren. Wir sollten uns die Pistole von Alexa holen.

Martin: Aber die braucht Alexa, um den Libyer in Schach zu halten. Die Fessel aus Kleidung ist zu wenig zuverlässig. Außerdem haben wir nur noch wenig Munition.

Miriam: Vielleicht sollten wir die übrigen Flüchtlinge fragen, ob sie mit der Vogeljagd ohne Gewehre Erfahrung haben?

Carlos: Kann man denen trauen? Würdest Du denen hier ein Messer überlassen? Ruck zuck hast Du das im Rücken.

Stefano: Na ja, bei der Essenszubereitung bekommen sie auch ein Messer. Damit könnten sie uns ja auch in den Rücken fallen. Haben sie aber bislang nicht getan. Ich halte das für sehr unwahrscheinlich. Die wollen ja in Europa Aufnahme finden, und da müssen sie mit uns schon kooperieren.

Miriam: Die beiden Palästinenserinnen haben auf mich einen vernünftigen Eindruck gemacht.

Stefano: Weil sie Palästina verlassen?

Miriam: Unsinn. Die sind wirklich in Ordnung. Sie wollen in Frieden leben. Solche bräuchten wir viel mehr im Nahen Osten.

Martin: Dann überrede sie doch lieber zur Rückkehr!

Miriam: Ihr haltet mich wohl für naiv. Natürlich sehe ich, wie verhärtet die Fronten im Nahen Osten sind. Selbst innerhalb der feindlichen Lager gibt es Konflikte zwischen den Radikalen und den Kompromissbereiten. Schnell führt das zu Gewalt. Das gilt in vielleicht abgemildeter Weise auch für die israelische Politik. Aber insgesamt lässt sich sagen: Wer zwischen die Fronten gerät, der lebt im Nahen Osten gefährlich. Da kann man schon mal die Perspektive verlieren.

Carlos: Ich will nur ungern Eure politischen Betrachtungen stören. Aber wir müssen nach Nahrung suchen. Wenn wir so nicht weiterkommen, müssen wir die Flüchtlinge einbeziehen.

Martin: Das machen wir. Miriam und Stefano, könnt Ihr weiter nach Pflanzen suchen. Wir gehen zurück ins Lager und kommen mit Verstärkung zurück.

 

Gesagt, getan. Carlos uns Martin konnten unter den Flüchtlingen zwei Männer und eine Frau rekrutieren. Der Somali und der Afghane erklärten, sie hätten viel Erfahrung im Jagen mit Messern. Auch die Kongolesin hält sich für eine gute Jägerin – sogar ohne Messer. Carlos und Martin waren von dem Selbstbewusstsein der fremdländischen Jäger beeindruckt und beschlossen es auf die Probe zu stellen. Tatsächlich ging es nach der Bildung der erweiterten Jagdgesellschaft sehr schnell. Der Somali und der Afghane meldeten nach Aushändigung eines Messers recht bald Jagderfolge: vier Vögel haben die beiden erlegt. Am meisten verblüffte aber die Kongolesin. Sie kam auch ohne Messer mit drei großen Vögeln zurück. Da Miriam und Stefano ihrerseits mit zahlreichen Früchten und Kräutern aufwarten konnten und damit die mediterrane Zivilisationsehre retteten, beschloss man, sogleich zum Lager zurückzukehren. Dann würde das Essen rechtzeitig zum Abend zubereitet sein.

 

Martin: Das riecht ja hervorragend! Ganz exotisch.

Carlos: Wenn das mal nicht Rettungskräfte anzieht.

Francois: Die Flüchtlinge verschaffen uns eine wahre cuisine nouvelle!

Martin: Die hättest Du erst einmal jagen sehen müssen. Während wir uns zuvor vergeblich um Beute bemüht haben, kommen die in kurzer Zeit mit sieben erlegten großen Vögeln zurück.

Francois: Sehen wir zu, dass wir ihnen beim Abendessen näher kommen und ein gewisses Gemeinschaftsgefühl aufbauen. Das macht es uns leichter und sichert unser Überleben.

Martin: Ah, die Prinzipien der Republik: Wenn schon nicht egalite, dann zumindest fraternite.

Carlos: Verbrüderung? Warum nicht, wo doch die Syrerinnen ganz schön anzusehen sind.

Francois: Ich meine das ernst!

Miriam: Wir auch! Divide et impera. Warum nicht der römischen Staatsraison folgen, wenn es um das Mare Nostrum geht? Hier die guten Flüchtlinge, dort (zeigt auf den Lybier und seine Kumpanen) die schlechten. Außerdem wollen wir doch die Jagdkünste der Guten nutzen.

Carlos: Stimmt. Für unser Inselleben ist das eine passende Maxime. Das trifft noch keine generelle Entscheidung darüber, wer bleiben darf und wer zurück muss.

Martin: Wir üben hier ja keine staatliche Gewalt aus, auch wenn wir im Namen der UN Ordnung aufrechterhalten. Aber wir vertreten dabei keinen Staat. Wir wissen noch nicht einmal, ob die Insel nicht sogar lybisches Hoheitsgebiet ist. O.K., das ist höchst unwahrscheinlich. Doch was immer wir hier tun, es ist kein staatliches Handeln für oder gegen ein Zielland.

Francois: Muss man denn alles durchrationalisieren? Das ist doch jetzt in dieser Situation völlig egal. Die Flüchtlinge haben uns beim Jagen geholfen. Wir sind eine Überlebensgemeinschaft. Und da hält man zusammen. Mehr nicht. Punkt. D`accord, les filles sont tres belles! Das ist aber eine ganz andere Sache…

Miriam: Gib zu, die eine gefällt dir schon sehr, Francois. Oh la la la, Francois…

Jack: Darf ich Euer tete a tete unterbrechen. Das Essen ist fertig. Kommt und holt Euch Euren Teil ab!

Alexa: Jack, mach hier nicht zu sehr auf barbecue!

Stefano: Ich habe mir überlegt, ob wir vor dem Essen nicht noch ein gemeinsames Gebet sprechen sollen.

Muhamed: Stefano, soll das Dein Abendmahl oder die Speisung der 500 werden? - Nur wenn wir ein Gebet an den einen allmächtigen Gott sprechen, kann ich dem zustimmen!

Nabi: Immerhin. Das wäre ein überreligiöses Gebet der drei Weltreligionen. Das wäre ja schon sehr viel!

Miriam: Von mir aus.

Stefano: Also ein Gebet an den Schöpfergott. Was haltet Ihr…

Muhamed: Halt! Wie Du das sagst, gefällt mir nicht. Nicht an einen Gott von mehreren Göttern, eben mal den Schöpfergott, sondern an den Einen und Einzigen soll sich das Gebet richten.

Stefano: Ja, an den Dreieinen Gott in der Person des Schöpfergottes – so meinte ich das.

Martin: Ach Stefano, kannst Du nicht mal die Finessen beiseite lassen. Das mit der Dreifaltigkeit oder Dreieinigkeit versteht doch ohnehin niemand. Du gießt damit nur wieder Öl ins Feuer der religiösen Leidenschaften. Wir hatten uns auf den einen allmächtigen Gott geeinigt. Wenn Du ihn den Gott der Schöpfung nennen willst, ist das genauso O.K., wie wenn Muhamed zu ihm Allah sagt oder Miriam Jahwe.

Stefano: Du brauchst mich da überhaupt nicht zu belehren. Gut, dann werde ich auf meine Korrekturen beim Gottesbild ausnahmsweise verzichten, obwohl mich das als Katholik und Christ hart ankommt. Aber dann schlage ich zumindest das Vater Unser als dasjenige Gebet vor, das Christus uns Menschen als sein Gebet an seinen Vater vermacht hat.

Miriam: Jetzt kommst Du über das Hintertürchen wieder mit Deiner Trinität. Das nervt. Respektiere doch einfach, dass die Juden wie auch die Moslems mit der Gottessohnschaft Jesu nichts anfangen können.

Jack: Aber vielleicht könnt Ihr ja zumindest mit der Vaterschaft Gottes für die Menschen etwas anfangen? Da schwingt das Erzeugen und Erschaffen mit, aber auch das Lieben und Vergeben des Vaters.

Miriam: Muhamed, Du verzeihst, dass zunächst ich antworte. Als Tochter eines Rabbi kann ich darauf sogar theologisch entgegnen, dass aus älteren Gebetstraditionen des Tanach sehr wohl diese Gesichtspunkte bekannt sind. Wahrscheinlich hat Jesus mit seinem Vater Unser aus diesen Traditionen geschöpft, auch wenn er den Gedanken des liebevollen Vaterseins nach unserem Geschmack etwas zu stark betont hat. Für uns ist Jahwe in erster Linie der Herr und König der Welt und nicht der zärtelnde „Abba“. Insgesamt ist Euer Vater Unser ein zu christlich inspiriertes Gebet, als dass ich es uns als überreligiöses Gebt dienen kann.

Muhamed: Auch wenn wir Jesus für wichtigen Propheten halten, so ist auch nach unserer Auffassung Allah vor allem der allmächtige Herrscher von Himmel und Erde, nicht der Duzi-duzi-Gott. Euer Vater Unser ist für mich ebenfalls ungeeignet.

Alexa: Ich glaube, wir lassen das mit dem gemeinsamen Gebet. Das Essen ist jetzt heiß und soll nicht wegen endloser Diskussionen kalt werden.

Nabi: Wir können ja nach dem Essen darauf zurückkommen und nach einem gemeinsamen Gebet für das morgige Essen suchen.

Francois: Meinetwegen könnt ihr später so viel diskutieren wie ihr wollt. Aber jetzt habe ich Hunger und will essen.

Der entschlossenen französischen Willensbekundung wird spontan applaudiert. Insbesondere aus der Gruppe der jungen Flüchtlingsfrauen kommt einiger Beifall, der zugleich den Auftakt zu einer geordneten Essensausgabe am Feuer gibt. Während die Frauen dem nahe stehenden Francois das erste Fleischstück übergeben, bildet sich hinter ihm wie in einer UN-Kantine eine Reihe. Minuten später wird hastig und voller Hingabe gegessen. Der Hunger muss allenthalben beträchtlich gewesen sein. Denn zunächst fällt im allgemeinen Geschmatze gar nicht auf, dass die UN-Gefangenen, der Libyer, Youssuf und Abdou, auf ihre Bedürfnisse nach Nahrungsaufnahme aufmerksam machen. Als der Libyer schließlich laut um Essen bittet, nimmt Alexa von den Fleischresten und wirft sie den Dreien zum Fraße hin. Von den Früchten bekommen sie dafür etwas mehr. Wasser gießt sie aus dem Schiffseimer in die zum Gefäß geformten Hände. Ihr rüdes Vorgehen wird von den anderen nicht beanstandet. Selbst Martin und Francois erheben nicht für Gleichheit und Humanität anwaltschaftlich ihre Stimme. Gefangen ist schließlich gefangen. Und die Schuld der Drei wog ja schwer. Nach dem gemeinschaftlichen Mahl wird es ruhig. Der Abend bricht herein. Die Sonne ist am Untergehen und taucht alles in ein blutrotes Licht. Das Meer wird ruhig. Die Wellen plätschern nur mehr am Gestade. Die Atmosphäre hat etwas Heiliges. Nachdenklich nimmt Nabi den Faden der vorherigen Diskussion wieder auf.

Nabi: Ich finde es schade, dass wir nicht gemeinsam Gott danken und um seinen Segen für unser Mahl bitten konnten. Da heißt es immer, die drei Weltreligionen sind sich trotz aller großen Unterschiede zumindest in ihrem Glauben an den allmächtigen Gott einig. Und dann kriegen wir in größter Not noch nicht einmal ein gemeinsames Bitt-, Dankes- oder Lobesgebet hin. Das finde ich schwach. Und auch gefährlich. Wir wollen doch überleben. Und dazu brauchen wir Beistand und Gemeinschaft!

Francois: Auch wenn ich, wie Ihr alle wisst, nicht viel von Religion halte, stimme ich Dir voll zu, Nabi. Eine Besinnung auf gemeinsame Grundlagen kann uns in der Situation nur helfen. Lasst uns nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner suchen.

Muhamed: Den kleinsten gemeinsamen Nenner? Du nennst Gott den kleinsten Nenner?

Stefano: Und Du willst Gott zum Kitt unserer Bruchstellen benutzen?

Miriam: Besinnen auf gemeinsame Grundlagen müsst vor allem Ihr Euch. Eure Religionsstifter haben unberufen die heilige Quelle des jüdischen Glaubens angezapft und das herausgesogene Quellwasser mit anderen verderblichen Flüssigkeiten verunreinigt. Ein Zurück zu den Quellen macht aus Euch zwar keine Juden, aber zumindest bringt es Euch ein wenig der Erkenntnis näher.

Carlos: Ihr pharisäischen Juden seid doch die Abtrünnigen. Gott hat vor 2000 Jahren den Menschen, zuvorderst den Juden als seinem erwählten Volk, einen neuen Bund angeboten. Der Allmächtige hat uns Christus und seine Frohe Botschaft geschenkt, damit wir alle zu ihm zurückfinden können. Der Messias und Gottessohn war unter den Menschen. Die Prophezeiungen hatten sich erfüllt. Und der Großteil der Juden hat auch das göttliche Angebot angenommen und somit den Grund für das neue Gottesvolk und seine Ausrichtung auf das himmlische Jerusalem gelegt. Nur die Pharisäer haben sich aus niederen Machtinstinkten heraus entgegengestellt und den neuen Bund hintertrieben. Sie haben den Gottessohn töten lassen und einen Teil des Gottesvolkes dem Allmächtigen entfremdet. Diese Restjuden haben die Glaubensgrundlagen verraten. Und verwirrt davon ist Jahrhunderte später Mohamed in die Irre gegangen und hat millionenfachen Unglauben erzeugt.

Miriam und Muhamed protestieren lautstark und empört.

Nabi: Carlos, jetzt hast Du Deinen Sermon aber brav heruntergeleiert. Stefano wird sicher sehr befriedigt sein (Stefano nickt einvernehmlich). Doch meinst Du nicht, dass Muhamed und Miriam nicht genauso lückenlos und ausführlich zugunsten ihres jeweiligen Glaubens ausschließliche Position beziehen können? Miriam hat uns ja gerade schon ein kleines Schmankerl gegeben. Nur: So kommen wir nicht weiter. Wir betonen damit nur einseitig die Unterschiede und werten die anderen Religionen ab. Wir wollen doch den umgekehrten Weg gehen. Wir wollen doch auch mal die Gemeinsamkeiten betonen. Es steht außer Frage, dass es sie trotz aller Abgrenzung gibt. Selbst Glaubensautoritäten haben das immer mal wieder kleinlaut eingeräumt: Juden, Christen und Moslems glauben an den einen allmächtigen Gott, an den Gott Abrahams, den Gott der Urväter. Sie erkennen damit Teile der jeweils anderen Glaubensschriften an. Sie glauben an die göttliche Offenbarung und sein verheißenes Heil. So wird es doch manchmal und eher leise in vorsichtigen diplomatischen Floskeln zugegeben. Vor allem, wenn es dringlich um Ausgleich und Frieden geht. Dringlich haben wir es hier auch. Findest Du nicht?

Martin: Das ist doch ein sehr konstruktiver Ansatz, Nabi. Ich finde, wir sollten uns von Deinem Anstoß bewegen lassen und demgemäß nach Gemeinsamkeiten suchen statt uns ängstlich religiös abzugrenzen. Das passt auch ganz gut zu dem, was wir neulich diskutiert hatten.

Stefano: Du meinst die Diskussion am Strand, in deren Zuge Muhamed, Carlos und ich sich zurückgezogen hatten? Ich wüsste nicht, was sich seither geändert haben sollte.

Francois: Ich schon. Schau Dich doch hier mal um! Ist das nicht eine völlig veränderte Situation? Wir sitzen hier zusammen mit Flüchtlingen aus aller Herren Länder. Wir haben uns mit vereinten Kräften Nahrung beschafft, diese zubereitet und nun auch gegessen. Wir haben so bislang überlebt. Wir haben uns zusammen mit Erfolg des Terrors erwehrt. Die Gefangenhaltung des libyschen Schleusers und der beiden Fundamentalisten trägt. Die übrigen Flüchtlinge verhalten sich kooperativ. Wir warten aber immer noch auf Rettung. Ist das Herausstellen von Gemeinsamkeit nicht ein Gebot der Stunde?

Carlos: Von mir aus einverstanden. Aber dann müssen alle sich mit Polemik zurückhalten. Ich bin gerne bereit, dem Judentum eine Bedeutsamkeit für das Christentum zuzugestehen. Aber ich lasse mir nicht vorwerfen, …

Jack: Ich glaube, da hat sich in Miriam ihr rabbinischer Vater zur Wort gemeldet. Ich bin sicher, dass auch Miriam sieht, wie wichtig in dieser Situation eine Besinnung auf die Gemeinsamkeiten der Religionen ist. Oder Miriam?

Miriam: Sorry, Carlos. Ich wollte Dich nicht reizen. In der Tat sollten wir aus den Bahnen der gegenseitigen religiösen Abwertungen aussteigen. Hier sitzen genug Flüchtlinge, die gerade diese Anfeindungen hinter sich lassen wollen und den Frieden suchen.

Syrerin: Ja, das stimmt. Ich bin vor dem Krieg geflohen, aber auch vor der religiösen Intoleranz in meinem Land. Ich bin Muslimin, mein Mann aber Christ. Weder meine Familie noch seine sind damit klar gekommen. Das gab immer Ärger und Streit. Wir wurden sogar zuletzt verfolgt. Alles, was wir suchen, ist Frieden.

Martin: Danke für Deine Worte. Wie heißt Du?

Syrerin: Ich bin Fatima. Das ist mein Mann Ibrahim.

Jack: Mein Vorschlag. Bilden wir doch um das Feuer einen echten Kreis. Nicht dieses wilde Räuberlager. Und dann lasst uns doch gemeinsam ins Gespräch kommen. Lasst uns sprechen über Gott und die Welt! Vielleicht nicht ganz so allgemein. Lasst uns nach einem gemeinsamen Gebet an Gott suchen.

Martin: Halt. Die Idee ist grundsätzlich gut. Doch haben sich Stefano und Muhamed noch nicht geäußert. Die beiden sind aber wichtig für uns. Fragen wir doch zunächst beide, ob sie mitmachen würden oder zumindest keine Einwände haben.

Stefano: Wenn wir dabei nicht die bestehenden Unterschiede zwischen den Religionen einfach zukleistern wollen, bin ich einverstanden. Ein Gebet und Gemeinsamkeiten suchen, meinetwegen, aber bitte keine bittersüße Harmoniesoße.

Muhamed: Ich mache auch mit, aber mit demselben Vorbehalt.

Alexa: Mich hat noch keiner um mein Einverständnis gebeten. Ich bin Orthodoxe, vor allem bin ich Russin. Mir wiederstrebt es, mich in Glaubensfragen abzugleichen mit derart Andersgläubigen. Ich habe mich gerade zwingen müssen, nicht das Wort Ungläubige zu verwenden.

Miriam: Das ist ja schon mal was!

Alle lachen. Im Hintergrund rufen Abdou und Youssuf gerade noch vernehmbar: „Ihr seid doch alle Ungläubige! Allah ist mächtig…“ Mit einem drohenden Blick bringt Alexa die beiden sofort zum Schweigen, während der Libyer überlegen zu schmunzeln versucht.

Alexa: O.K., es scheint sich wohl zu lohnen, allein der beiden Islamisten wegen in eine solche Suche nach Gemeinsamkeiten einzutreten. Das verdirbt denen den Spaß. Aber gehörig. Immerhin haben wir alle gemeinsam, dass wir diesen Irren die Stirn bieten. Mein übliches Plädoyer für mehr Pragmatismus spare ich mir jetzt. Setzen wir also bei den geteilten Inhalten an.

Francois: Gut, dann mache ich den Moderator. Dadurch, dass ich zum Christentum in Abstand stehe, bin ich der einseitigen Parteinahme einigermaßen unverdächtig. Statt nach einem Gebet aus den drei Religionen zu suchen, das interreligiös geteilt werden kann, schlage ich vor, dass wir ein Gebet selbst schreiben. Wir könnten es vor jeder Mahlzeit zusammen sprechen. Ist das O.K. für Euch?

 

Alle stimmen zu, auch Nabis erweitertem Vorschlag, dass dies den Auftakt nach einer Suche nach Gemeinsamkeiten, einem echten interreligiösen Dialog bilden könnte. Vieleicht, so ergänzt Martin, ließe sich ja auf die Weise auch der Begriff des Mare Nostrum mit etwas mehr Inhalt füllen. Die neun UN-Beauftragten und zwölf Flüchtlinge begeben sich in einen fruchtbaren Austausch darüber, inwieweit sie sich gemeinsam an den einen allmächtigen Gott mit Bitte, Dank und Lob wenden können. Natürlich eint alle die übergreifende Sorge um das Überleben. Doch besinnen sich dabei alle auch darauf, dass ihre Religionen eine gemeinsame uralte Narration von Gott, von seinen Erwartungen und Verheißungen haben und dass sie diese Narration über das Mittelmeergebiet hinweg verbindet. Der Spott und die Flüche der Gefangenen vertieft das Gefühl der Verbundenheit. Die Menschen überlegen, vergleichen, suchen, lachen, lieben und leben zusammen. Sie vergessen die Zeit. Tief in der Nacht, der Mond wirft von hoch oben seinen hellen Schein auf das Lager, können sie sich schließlich auf eine Gebetsversion einigen, die von allen als gut und richtig befunden wird. Es handelt sich um drei Passagen eines jüdischen, christlichen und muslimischen Gebetes, die zu einem überreligiösen Friedensgebet zusammengestellt werden. Miriam steuerte dazu ein Gebet von Jonathan Magonet bei, Carlos eines von Angelo Fernandez, und Nabi vermochte ein passendes muslimisches Friedensgebet aus seiner Erinnerung zu rezitieren. Alle in der großen Runde, auch die Flüchtlinge, wägen ab und treffen die Entscheidung, ob und in welcher Reihenfolge welcher Gebetsausschnitt zu einem überreligiösen Gebet zusammenmontiert wird. Stefano und Muhamed bringen sich mit ihrem strengen Blickwinkel ein, geben dabei mehr zu bedenken als dass sie gutheißen. Martin hat die endgültige Version auf einem Papierfetzen aufgeschrieben un! d liest ihn zu guter Letzt vor.

Martin: „Gott, der du alles geschaffen hast, wir beten in Ehrfurcht zu dir, getrieben von dem Traum, dass ein harmonisches Zusammenleben zwischen den Menschen möglich ist. Wir kommen aus den unterschiedlichsten Traditionen, wir sind geprägt von gemeinsamen Glaubens- und Lebensweisheiten, aber auch von tragischen Missverständnissen; wir teilen große Hoffnungen und erste bescheidene Erfolge.

Entfalte in uns einen größeren Geist persönlicher und gemeinschaftlicher Verantwortung, damit die Schätze der Erde - statt für die Zerstörung unseres Planeten - in kluger Anwaltschaft und in einer lodernden Flamme uns gemeinsam umschließender Liebe dazu genutzt werden, die Menschen der Erde in Freiheit, Freundschaft, Gerechtigkeit und Frieden zusammenzuführen.

Lobpreis sei dem Herrn der Welt, der uns erschaffen
und allen Stämmen und Nationen Land gegeben hat, auf dass
wir einander kennen mögen, nicht um einander Verachtung zu zollen.“
 

Francois: O la la, quelle belle priere. Da kann man ja wieder richtig schön religiös werden. Nur dumm, wenn jemand nicht an Gott glauben kann.

Jack: Du bist doch nicht dumm, Francois. Mach das einfach!

Miriam: Sei nicht sarkastisch, Jack. Einfach ist das nicht, wie wir gemerkt haben. Ich bin oft wenig religiös, manchmal vielleicht gar nicht. Besonders religiös werde ich, wenn ich mich mit anderen religiösen Richtungen konfrontiert sehe. Dann macht sich mein rabbinischer Vater in mir bemerkbar.

Francois: Vielleicht ist Religiosität keine kategorische, sondern eher eine dimensionale Angelegenheit.

Alexa: Oh, das ist mir jetzt zu viel. Jetzt rufst Du gleich wieder Stefano und Muhamed auf den Plan. Lasst uns schlafen legen. Es ist spät. Wer weiß, was uns der kommende Tag alles abverlangt.

Martin: Aber weil es so schön war, können wir ja morgen Abend unser neues gemeinsames Gebet sprechen und nach dem Essen wieder in unser interreligiöses Gespräch eintreten.

Stefano: Mal sehen. Kommt Zeit, kommt Rat, Martin.

Muhamed: Vielleicht kommt morgen endlich Rettung. Es wird Zeit.

Francois: Rettung? Vor was? Unser Aufenthalt kann meinetwegen noch einen Tag länger dauern. Das war doch ganz schön eben.

Fatima (zeigt auf die Flüchtlingsgruppe): Was passiert mit uns, wenn Rettung kommt?

Francois: Da wird es schon eine Lösung geben.

Ibrahim: Eine Lösung kann für uns gut oder schlecht ausfallen. Die entscheidende Frage ist: Werden wir Asyl erhalten?

Jack: Wir sind nur UN-Beauftragte. Wir wissen nicht, auf welchem Territorium wir uns gerade befinden. Und wir wissen nicht, wer uns in welcher Eigenschaft sucht und rettet. Asyl könnt ihr nur bei befugten Behörden eines Staates beantragen.

Francois (sieht die jungen Palästinenserinnen an): Vielleicht kommt für Euch alles gut. Wir werden sehen.

Carlos: Wir können keine Versprechungen machen, Francois. Aber wir werden sehen.

Alexa: Wir werden jetzt vor allem schlafen. Gute Nacht!

 

Rasch löst sich die Versammlung auf. Die Menschen gehen auseinander und suchen einen Schlafplatz: einige selig, andere nachdenklich, die meisten einfach nur müde. So stieß Francois mit seiner Idee ins Leere, mit einem kleineren Kreis die interreligiöse Verständigung zu verlagern und dort in aller Seligkeit fortzusetzen. Es fand sich dazu niemand mehr, auch keine Flüchtlingsfrau, bereit. Stattdessen wird die Wache eingeteilt. Carlos macht für zwei Stunden den Anfang, danach übernimmt Martin den Dienst, schließlich kommt Francois doch noch zum Zug, freilich anders als gewünscht. Im Nu schlafen alle außer Carlos ein. Fast alle, denn im Haftbereich ist noch ein leises Grummeln und Fluchen zu hören. Einige Stunden später dämmert es. Die aufgehende Sonne taucht die Insel in ein feuerrotes Licht, bevor ein neuer Tag seinen Lauf nimmt, einen Lauf ohne jede Besonderheit und Abwechslung. Aufstehen, Wachwechsel, Nahrung besorgen, Feuer schüren, Essen bereiten, Ausschau halten, Nerven massieren, Mut zusprechen, Konflikte ausräumen, Nahrung besorgen… Am Ende des Tages gibt es immer noch keine Hinweise auf Rettung. Zwei Schuss sind weniger in der Pistole – um den Speiseplan für den Abend durch größere Federtiere aufzubessern, vielleicht auch, um den Häftlingen und Flüchtlingen die Bereitschaft und Fähigkeit zum Waffeneinsatz zu demonstrieren. Oder geht diese Deutung zu weit? Immerhin wird vor dem Abendessen das gemeinsame Gebet an den allmächtigen Gott gerichtet und nach dem Essen soll dann ein interreligiöses Gespräch stattfinden – unter Beteiligung der Flüchtlinge. Nabi erklärt sich bereit das Gebet zu sprechen. Schnell ist das Geflügel mit den Früchten verzehrt. Wer gestern Brustfleisch hatte, bekam heute hot wings. Die mangelnde Abwechslung beginnt an den Nerven zu zehren. So begibt sich Runde allzu schnell in das überreligiöse Gesprä! ch. Zu s chnell, wie sich zeigt. Die Atmosphäre ist weit weniger selig als gestern.

 

Carlos: Was mir an unserem Gebet fehlt, ist die Erwähnung des Gottessohnes. Warum könnt ihr da nicht mitgehen? Warum kann Jesus Christus bei Euch Muslimen nur Prophet, bei den Juden noch nicht einmal Messias sein? Nur weil er am Kreuz gestorben ist? Müsste er nicht gerade deshalb der Besondere, der Erwählte, sein?

Francois: Oh, muss das jetzt sein? Wir drehen uns im …

Miriam: Weil er gekreuzigt wurde? Ich muss mich jetzt zusammenreißen. Es sind in der Geschichte doch massenweise Menschen an abscheulichen Strafen gestorben. Unzählige haben den Kreuzestod erlitten. Und darunter dürften viele Unschuldige und Rechtschaffene gewesen sein. Einige davon mochten ihre Marter mit einer beeindruckenden Ruhe und Weisheit hingenommen haben. Aber warum soll gerade der Kreuzestod Jesu von Nazareth diesen als Erwählten, ja als den Sohn Gottes, qualifizieren?

Martin: Nicht doch. Das hatten wir doch…

Stefano: Aber er ist doch von den Propheten geweissagt worden. Sein Kommen wurde sehnlichst erwartet. Der große Johannes hat ihn vor der Taufe als den Geweissagten bezeugt…

Muhamed: Tatsache ist, dass sich mit Jesus von Nazareth am Zustand dieser Welt nichts geändert hat. Auch als das Christentum römische Staatsreligion wurde, blieb die Herrschaft Gottes aus. Bereits kurze Zeit nach der schmählichen Kreuzigung hatten sich die Anhänger des Jesus zu streiten begonnen und sich untereinander ihren Glauben abgesprochen. Die Worte des Gottgefälligen waren zwar getragen von großer Erkenntnis, das anerkannte auch Mohamed, aber sie waren doch nicht mehr als prophetische Worte und Offenbarungen, die leider allzu früh verfälscht wurden. Reine göttliche Offenbarungen kamen hingegen von Mohamed, dem größten aller Propheten…

Stefano: Und warum hat sich in der muslimischen Welt nicht göttlicher Segen eingestellt? Wir sprechen bei den muslimischen Ländern immerhin von Problemländern, ja echten Brennpunkten. Diese Regionen sperren sich aufgrund von kultureller Selbstblockade und theologischem Chaos systematisch jeder neuen Erkenntnis und jeglichem Fortschritt. Stattdessen überziehen sie die Welt mit ihrer unseligen Überspanntheit und Gewalt. Allenthalben verletztes Ehrgefühl, allenthalben Aggression. Von wegen hinterhältige Angriffe anderer Religionen. Eure Religion steht sich selbst im Wege. Und zwar weil sie unausgeglichen ist, weil sie nicht stimmt.

Nabi: Können wir nicht…?

Muhamed: Seht Euch doch Eure sogenannte Kultur an. Falls es eine christliche Kultur überhaupt je gab, löst sich diese gerade selbst auf. Und das, was Du Fortschritt nennst. Übrigens verbindet man den nicht gerade mit dem Vatikan. Zum Glück (Nabi stöhnt genervt). Denn der hat gemerkt, dass der Teufel in seine Glaubensprovinzen gefahren ist und dem Untergang des Christentums vorgearbeitet hat. Sag mir: Wer richtet sich denn in Euren Gesellschaften nach göttlichen Regeln und Geboten? Falls das denn jemals ansatzweise der Fall war, dann ist es nun gänzlich weggebrochen. Ihr im Vatikan seid Führer ohne Truppen. Euer Abendland ist des Teufels. Ein Beweis für Jesu Gottessohnschaft? Allenthalben für seine Prophetie.

Jack: Hey Leute, das führt doch nicht weiter!

Alexa: Muhamed, warum schaust Du einseitig auf den Vatikan? Für den mag manches von Deinen Einwänden gelten. Aber stellt nicht ein so großes Reich wie Russland, in dem die Menschen trotz harter Glaubensverfolgungen am christlichen Glauben festhalten, das Gegenbeispiel dar? Sieh Dir an, wie täglich dieses Reich durch seine Verankerung im christlichen Glauben wieder an Stärke gewinnt und bald als einzige Supermacht zurückbleibt. Suchst Du nach einer politischen Lösung in Syrien, musst Du vor allem mit Russland sprechen! Moskau ist schon seit Jahrhunderten das neue Rom. Nichts deutet auf Zerfall oder Untergang hin. Im Gegenteil, die christliche Weltherrschaft steht in ihrer Totalität erst bevor.

Miriam: Ach, unter einer solchen Weltherrschaft haben wir Juden schon seit Konstantin zu leiden gehabt. Seine Erhebung zur Staatsreligion ist dem Christentum gehörig zu Kopf gestiegen. Die Glaubensrichtung, die sich früher geschickt mit ihrem Märtyrertum in Szene gesetzt hat, trat nun als aggressiver Machtblock auf. Abgrenzung nach außen und Gleichschaltung nach innen – das römische Machtgen wirkt seither recht effektiv, das trifft übrigens nicht nur für Katholiken und Orthodoxe zu. Man hüte sich genauso vor dem protestantischen Glaubenseifer, an dem die Welt genesen soll. Aber überzeugend ist der christliche Glaube keinesfalls. Erst übernimmt man vom Judentum zentrale Inhalte, reichert sie dann mit unvereinbarem Allerlei an, um später spitzfindig dank spekulativer Philosophie eine windige Glaubensarchitektur zu basteln.

Martin: Miriam, bitte. Das haben wir doch alles schon…

Miriam: Ja, alles zusammengebastelt! Monotheismus, aber Dreifaltigkeit, Präexistenz, aber zwei Naturen, Sühnetod, aber Fegefeuer, nahe Parusie, aber tausendjähriges Warten, Nachfolge, aber Ablass – das passt doch alles nicht zusammen. Das unerträglichste daran ist der verdeckte Polytheismus. Und zwar inflationär (Muhamed säufzt). Erst wird der Allmächtige durch andere göttliche Personen relativiert. Dann der Gottessohn durch die Gottesmutter. Und später dreht sich alles um den Heiligen Vater und Heiligen Stuhl.

Stefano: Das ist doch blanker Unsinn, was Du…

Miriam: Schaut, welche Wendung das durch Euch fast ausgemerzte Judentum inzwischen genommen hat. Endlich haben wir wieder unseren eigenen Staat, und zwar auf historischem Boden. Der Zionismus hat sich als echter Segen herausgestellt. Israel ist einer der wenigen noch handlungsfähigen modernen Staaten. Im Zusammenhang mit Syrienkrieg und Flüchtlingskrise erweisen sich viele westliche christliche Staaten als ungeschickte und hilflose Akteure. Nur Russland nimmt maßgeblich Einfluss. Doch christlich tritt diese Macht wahrlich nicht auf (Alexas Miene verfinstert sich). Und die Chinesen lehren uns Weltherrschaft neu zu definieren. Also macht mal halblang (Jack beginnt ebenfalls verdrießlich dreinzublicken).

Carlos: Und möchten alle Juden dieser Welt in Israel leben? Warum, meinst Du, sträuben sich die meisten Juden davor? Ich sage es Dir: Weil es in der jüdischen Glaubenskultur zu eng ist. Da dreht sich alles um Gesetze, nicht um Inhalte. Und wenn es noch so widersinnig ist, wird eisern an Gesetzen festgehalten. Und doch gibt es jede Menge Zwist und Streit. Und da schreckt man vor keinen Mitteln zurück. Ausgrenzung bis hin zum religiösen Mord. Eigentlich braucht das Judentum seine Anfeindungen von außen, sonst hätte es sich im Streit längst innerlich aufgelöst.

Miriam (schüttelt energisch mit dem Kopf): Antisemitismus pur!

Carlos: Aber Ihr habt ja noch ein anderes starkes Motiv: Das göttliche Erwähltsein. In keiner anderen Religion ist es schwerer einzutreten als im Judentum. Denn Jude kannst Du eigentlich nur über Deine Mutter werden. Man wird in das erwählte Gottesvolk über die Mutter hineingeboren. Du hast das Jüdische dann im Blut und saugst es mit der Milch auf. Wie arrogant und abweisend! Geradezu elitär. Die Menschen anderer Völker und Rassen können an dieser Gotterwähltheit nicht teilhaben. Das macht das Judentum eben nicht sympathisch und geheuer. Merkwürdig nur, dass so viele Juden sich assimilieren. Ihr Judentum abstreifen. Zumindest aber lieber in der Diaspora leben, als im zionistischen Staat. Ist es in Israel zu eng? Zu radikal? Vielleicht auch zu gefährlich? Miriam, ich sehe Dich selbst mehr in der westlichen Welt herumjetten, als dass Du wirklich in Deinem Staat lebst. Komisch oder?

Martin: Stopp! Noch einmal Stopp! So kann das doch nicht weitergehen. Immer wieder das gleiche Zeug. Wir sind von unserem Vorhaben wirklich weit abgekommen, die anderen Religionen nicht abzuwerten, sondern stattdessen nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Stets von Neuem diese Herabwürdigungen. Schaut auf die Zwölf: Was sollen denn die Flüchtlinge denken? Wir wollten doch ein interreligiöses Gespräch…

Francois: Oh, unser Luther. Anwalt des reinen Gewissens: „Ich stehe hier und kann nicht anders - als ein tiefes interreligiöses Gespräch zu führen.“ Mach Dir mal keine Sorgen, was die Flüchtlinge alles denken. Die wollen ja immerhin zu uns nach Europa kommen, nicht nach Israel, Ägypten, Marokko und auch nicht Russland. Das muss mal betont werden. Hier geht es aber nicht um religiöse Überzeugungskraft oder Mission. Zumindest noch nicht, wenn ich manche Kollegen richtig verstehe. Es geht um zielorientierte Zusammenarbeit und Zusammenwirken im Zeichen einer Krise. Und das gelingt besser und leichter, wenn wir uns der gemeinsamen Grundlagen von Werten und Interessen bewusst sind. Als Atheist würde ich mir diese ewigen religiösen Schleifen nicht anhören, wenn nicht wichtige Ziele...

Nabi: Aber wir alle haben doch auch etwas erreicht: Gemeinsamkeit hergestellt. Wir haben ein Gebet, das jeder aus der Perspektive seiner Religion mitsprechen kann. Nun müsste noch ein Gespräch moderiert werden, das die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Glaubensrichtungen benennt, ohne dass wir einander abwerten. Und das betrifft die drei großen Religionen, aber wohl auch den Atheismus.

Francois: Der Atheismus ist doch keine Religion.

Nabi: Warum denn nicht? So wie ich Dich erlebe, „glaubst“ Du doch daran. In Deinem Eifer für einen geradlinigen Atheismus unterscheidest Du Dich kaum von der Eingenommenheit der anderen. Oder handelt es sich bei Deiner Haltung um eine abgespeckte Form des Christentums?

Ibrahim: Darf ich auch etwas sagen?

Alle Un-Beauftragten schauen den syrischen Flüchtling erstaunt an. Es entsteht eine kurze Pause. Alles ist still und gespannt. Dann bewegt Stefano seine Hand in Richtung Ibrahim - eine mehr gewährende als einladende Geste.

Ibrahim: Ich bin Christ, komme aber aus einem arabisch geprägten Land. Ich bin mit einer schiitischen Muslimin verheiratet. Ihr kennt sie, Fatima (zeigt auf sie). Wir syrischen Christen haben mit dem Umgang gegenüber dem Islam wie auch dem Judentum eine lange Erfahrung. Unsere Erfahrungen waren auch mit dem Mehrheitschristentum mitunter schwierig. Von denen werden wir abwertend bis heute Monophysiten genannt, obwohl die Theologen die Differenzen um die Natur Jesu Christi mittlerweile nur auf Missverständnisse zurückführen. Ihr hört richtig: jahrhundertealte Anfeindungen aufgrund von Missverständnissen. Verleumdung und Verfolgung, nur weil man sich nicht richtig verstanden hat! Jedenfalls beginnt sich nun das Verhältnis zu den Christen, die das Konzil von Chalcedon anerkennen, teilweise wieder zu entspannen. Schade nur, dass der syrische Krieg uns jetzt vertreibt. Denn Syrien ist auf jeden Fall meine Heimat. Die Christen haben sich mit den muslimischen Nachbarn meist arrangieren können, auch wenn es mitunter sehr schwer, manchmal auch gefährlich war. Fatima und ich sind das Beispiel dafür, dass es mit gegenseitigem Respekt, mit Bemühen um Verständigung und natürlich auch mit Liebe gehen kann. Unsere Familien waren zunächst gegen die Ehe. Sie haben uns ihren Segen verweigert. Doch als dann die beiden Jungs auf die Welt kamen (zeigt auf die schlafenden 6- und 8jährigen) haben sich meine Familie und ihre mit dieser gewagten Verbindung versöhnt. Im letzten Jahr waren beide sogar damit recht glücklich, weil der Krieg in unsere Heimatgegend kam und unsere zusammengenommen weitgespannten Kontakte sich als vorteilhaft erwiesen. Der Krieg hat unsere Familien zusammenrücken lassen – ungeachtet der Religionsunterschiede. Doch für Fatima und mich ist klar: Wir glauben beide an Gott, den Allmächtigen und Vater, den Schöpfer von Himmel und Erde. Ich glaube es vermittelt durch Jesus Christus und sein Evang! elium, F atima mittels Mohameds Offenbarungen im Koran. Sie hat ihre religiösen Traditionen, und ich habe sie. Fertig. Weitere theologische Grenzziehungen brauchen wir nicht. Sonst gibt es nur wieder Missverständnisse, Anfeindungen und Gewalt.

Nabi: Danke Ibrahim. Deine Erzählung berührt mich. Wir in Marokko haben auch lange Erfahrungen mit dem Zusammenleben von Religionen. Schon zu den Zeiten, als das muslimische Reich über die Straße von Gibraltar hinüber nach Andalusien bis zu den Pyrenäen reichte, haben seine Herrscher die Religionsausübung der Juden und Christen geachtet. Ich hatte meinen Kollegen davon erst neulich erzählt. Diese Toleranz verhalf so viel von der antiken Zivilisation in die neue Zeit hinüberzuretten, dass das islamische Andalusien den Zeitgenossen als das reichste Land des Abendlandes, ja der damaligen Welt galt. Wissenschaften und Künste standen in Blüte…

Martin: Ja, ja genau. Das ist wieder einmal eines Deiner großartigen Plädoyers für ein tiefgründiges Verständigungsgespräch, das endlich die ängstlichen, teils polemischen Abgrenzungen hinter sich lässt und angesichts der großen Herausforderungen zu gemeinsamem Handeln führt. Ich spreche mich entschieden für ein solches Gespräch aus und sehe Dich, Nabi, durchaus als einen geeigneten Moderator. Leite Du das Gespräch. Wir stecken zwar auf dieser Insel fest. Doch haben wir Zeit und sitzen mit denen zusammen, um die es geht: Den Flüchtlingen und ihren Schleppern. Trotz des öden Tagesablaufs heute: Wir befinden uns mitten in unserem UN-Auftrag. Wir sind in Klausur.

Ibrahim: Aber eine Frage von mir als Flüchtling: Was heißt es denn für uns, wenn ihr zu gemeinsamem Handeln findet, wenn ihr die Herausforderung der Flüchtlingskrise meistern und Massen an der Flucht hindern wollt? So wurde es doch eben gesagt. Was bedeutet das für uns Flüchtlinge?

Nabi: Eine sehr interessante Frage. Doch würde ich die gern zurückstellen. Denn sonst kommen wir gar nicht erst dazu, dass sich diese Menschen aus verschiedenen Staaten mit unterschiedlichen Religionen überhaupt auf Gemeinsamkeiten besinnen. Wir greifen Deine Frage später auf!

 

Ibrahim runzelt die Stirn. Von weiter hinten am Waldrand, jenseits des rötlichen Flammenscheins dringt ein verächtliches und spöttisches Grummeln an die Ohren der Versammelten. Es sind Kommentare der Häftlinge, allerdings zu dumpf für die Anwesenden, um sie gegen das Stimmengewirr und das Prasseln des Feuers vernehmen zu können. Wer aber auf die drei Gefangen geachtet hätte, wäre auf den plumpen Bezug zu Ibrahim und seiner Frage gestoßen. „Was glaubst Du wohl, Du Idiot. Dass die Dich gern aufnehmen? Lass Dich doch nicht verarschen...“, so das konspirative Geschwätz. Jedoch sind die Stellungnahmen der UN-Beauftragten zu laut, beherzt und einnehmend, als dass Ibrahim hätte in Unruhe geraten können. Unterdessen sprechen sich alle UN-Beauftragten, auch Stefano, Carlos und Muhamed, ja selbst die pragmatische Alexa und der religionskritische Francois, für ein interreligiöses Verständigungsgespräch aus und sind mit Nabi als seinem Moderator einverstanden. Zu Nabis eigener Überraschung, ließen doch die bisherigen Gespräche kaum erkennen, dass ein geordneter Diskurs unter Leitung eines Nichtchristen möglich oder gar gewünscht war. Er ließ sich aber nichts anmerken und ging sogleich zur Moderation des Gesprächs über, ohne sich noch mit Rückbindungen an Ibrahim, Fatima und die anderen Flüchtlinge aufzuhalten.

 

Nabi (in konferentiellem Ton): Gut, meine lieben Teilnehmer, mein erster Impuls soll dahingehen, ob denn aus dem Blickwinkel der jeweiligen Glaubensrichtungen und Überzeugungen etwas grundsätzlich gegen die Suche nach Gemeinsamkeiten spricht. Gibt es Argumente grundsätzlicher Art gegen die Annahme, dass die drei Religionen und ihre aufklärerisch-atheistischer Pendants überhaupt etwas Gemeinsames verbindet? Mare Nostrum, mediterraner Kosmos, monotheistisches Wurzelwerk der Offenbarungsreligionen – sind dies denn allseits akzeptierte Chiffren für einen gemeinsamen Urgrund, für eine schicksalhafte Verbundenheit, die bis in die heutigen Tage reicht? Wer mag dem widersprechen?

Sorgte Nabis offiziöser Konferenzstil zunächst für Erstaunen oder Schmunzeln, so wurde es im Nachklang auf seine direkte Frage ruhig. Keiner regte sich. Nur das Prasseln und Knacken des Lagerfeuers war noch zu hören. Die Gesichter der Anwesenden sahen im roten Schein des Feuers maskenhaft aus. Dann kam Bewegung in die eine und andere Miene. Noch bevor diese Bewegung in Schwung kam, setzte Nabi wieder an.

Nabi: Sicher, die Unterschiede zwischen den Religionen, ihren Kulturen und Traditionen sind gewaltig. Doch lässt sich das schon einmal festhalten: Nach der Überzeugung und tiefen Empfindung der hier Anwesenden, UN-Diplomaten wie Flüchtlingen, verbindet diese sehr unterschiedlichen Richtungen auch einiges. Es gibt Gemeinsames. Über viele Jahrhunderte hinweg. Das Mittelmeer als Raum gegenseitigen Austausches und Einflusses bildet eine gemeinsame Basis. Welche konkreten Gesichtspunkte sprechen für diese Verbundenheit, so dass sie ein verantwortliches gemeinsames Handeln verankern können? Wer mag solche Aspekte benennen? Wir hatten ja schon manches angeschnitten!

Stefano: Nabi, nimm es mir nicht übel. Aber findest Du nicht, dass wir hinsichtlich der „Richtungen“, wie Du formulierst, neben den Gemeinsamkeiten nicht auch die Trennlinien aufzeigen sollten. Das würde mir helfen, mich auch zu den Gemeinsamkeiten zu bekennen. Nach dem Motto: Das und das haben wir gemeinsam. In dem und dem Punkt unterscheiden wir uns eben auch, in der Regel sogar sehr deutlich.

Nabi: Ich bin da hin und her gerissen. Einerseits soll Dir und den anderen ein solches Vorgehen gestattet sein, wenn es der Beantwortung meiner Frage wirklich dient. Andererseits befürchte ich einen Schlagabtausch, wie wir ihn schon so oft hatten. Der führt uns nicht weiter. Wenn Ihr mir versprecht, auf einer rein sachlichen Ebene…

Muhamed: Aber logischer dürfte es sein, die Trennlinien aufzuzeigen, um dann auch nach eventuellen Gemeinsamkeiten zu suchen.

Martin: Muhamed, bitte. Nicht schon wieder!

Jack: Blicken wir doch auf Prinzipien, auf heute noch gültige, überzeitliche wie universale Grundsätze! Menschenrechte, Demokratie, Rechtstaat etc. Ich vertrete ja eine Nation, die viel gescholten wird, aber doch die letzte Supermacht geblieben ist. Die Vereinigten Staaten von Amerika verstehen sich durchaus als christliche Vormacht, auch wenn sie Juden und Muslimen mit Toleranz und Offenheit begegnet. Wir sind zwar in Syrien nicht so engagiert wie die Russen, aber gegen den IS kämpfen wir in führender Stellung. Darauf kommt es an, seine Macht zum Wohl der Menschen einzusetzen und nicht mit Diktaturen gegen das Land zu paktieren.

Nabi: Danke, Jack. Das hatten wir schon. Lass es mich mal anders…

Jack: Da fragt mal die syrische Opposition, wie gut die es findet, dass ausländische Staaten das Kräfteverhältnis im eigenen Land verzerren. Die große Mehrheit der Syrer wird doch derzeit um ihre Freiheit und Perspektive gebracht. Gegen diese Niederdrückung tritt Amerika auf. Bei unserer Politik geht es auch um Glaubwürdigkeit des Christentums. Wir denken, dass sich eine solche Politik auf lange Sicht auszahlen wird. Sie wird viele Betroffene überzeugen, manche vielleicht auch unserer christlichen Religion zuführen. Das ist eine Mission im doppelten Sinn…

 

Und es werden noch Tage und viele Stunden auf diese Weise vergehen, bis die erhoffte Rettung vom Mittelmeer her eintrifft. Bis dahin kreisen um die kleine Insel nicht nur die Gestirne, sondern auch Gespinste. Sie folgen in fester Ordnung ihren gewohnten Bahnen. Schleifen über Schleifen. Nabi wird es grundsätzlich schwer haben, sich in der Mitte der Gespräche und ihrer Teilnehmer zu halten. Die Fliehkräfte sind einfach groß. Schnell gerät Lessings Geschichte vom Ring aus dem Blick, wenn es um Wahrheit und Prinzipien geht. Dann wird wieder und wieder um den echten Ring gestritten. Auch wird das Gebet der Religionen zum Mahl nur mehr selten gesprochen. Meist ist es schon gut, wenn überhaupt in Gemeinschaft gespeist wird. Manchmal wird jeder nur für sich essen, eben das wenige, was der einzelne als Jäger und Sammler dann so ergreifen kann. Viel kann es so nicht sein. Aber den Prinzipien und Wahrheiten ist man es schuldig. Und überhaupt hat man hat ja Zeit, alle Zeit der Welt – so fern von der Zivilisation.

 

Ende

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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