Manfred Bieschke-Behm

Bahnhofsbekanntschaft (Berliner Mundart)

Karl-Gustav Hinkelstein ist mächtig aufgeregt. Er, der in einem kleinen Dorf bei Hannover zu Hause ist, hat eine Wochenendreise nach Berlin gewonnen. Karl-Gustav Hinkelstein war noch nie in Berlin, wollte eigentlich auch nie hin. ‚Viel zu groß’, hat er immer gesagt. ‚Was soll ich da?’ Seine Kollegen und die Verwandtschaft, denen er von seinem Gewinn erzählt hat, hatten große Mühe, ihn zu der Reise zu überreden.
„Du musst unbedingt in eines der zwei Zoologischen Gärten gehen“,
haben sie gesagt. „Auf den Fernsehturm musst du steigen, ins Museum gehen, dir die Nofretete ansehen, über den Kurfürstendamm spazieren, durch das Brandenburger Tor gehen, das Baumhaus bestaunen, auf der Spree eine Dampferfahrt machen.“
Von den vielen Empfehlungen wurde es ihm ganz schwindelig. Er war kurz davor, die Reise abzusagen. Dann sagte er sich: „Eine einmalige Chance: Bahnfahrt, Hotel mit Frühstück und ein Ticket für das öffentliche Straßennetz, alles für umsonst. Ich wäre ein Trottel würde ich das Angebot ausschlagen.“

Schon lange vor der Zeit steht er auf dem Bahnhof und wartet auf den Zug nach Berlin. Den kleinen Koffer hält er fest in der Hand und seinen Rucksack hat er so fest um den Leib gezurrt, dass er Schwierigkeiten beim Atmen hat. Endlich fährt der Zug ein. Vorsichtshalber fragt er einen Mitreisenden, ob der Zug auch wirklich nach Berlin fährt. Zufrieden mit der Auskunft setzt er sich in Fahrtrichtung fahrend, hin. Er freut sich, über den Fensterplatz, den er ergattert hat und macht es sich, so weit es geht, gemütlich. Den Rucksack behält er umgeschnallt. ‚Man kann ja nie wissen’überlegt er. Auf dem gegenüberliegenden Sitz liegt eine Tageszeitung. ‚Toller Service’, sagt er und schnappt sich die Zeitung. Erst später klärt ihn der Kontrolleur auf, das ein Reisender die Zeitung hat liegengelassen und das sie nicht tagesaktuell ist. Dass es sich bei dem Boulevardblatt um eine Berliner Zeitung handelt, bemerkt er erst, nachdem er wahllos ein paar Artikel gelesen hat. Unter anderen liest er, dass in Berlin eine Makake entlaufen ist. ‚Wer oder was ist eine Makake?’, fragt er sich. Er hat das Wort Makake nie zuvor gehört. Zwei Seiten weiter liest er, dass in Ägypten eine Mumie gefunden wurde. Karl-Gustav Hinkelstein kommt nicht dazu, den Artikel bis zu Ende zu lesen. Das monotone Zuggeräusch lässt ihn einschlafen. Er träumt, er wäre die Mumie, die gefunden wurde. Um ihn herum stehen mindestens zwanzig Experten und diskutieren, was sie mit der seltsam anmutenden Mumie, anstellen sollen. Einer der Experten meldet sich zu Wort. Er macht den Vorschlag die Mumie wieder einzubuddeln. „Die würde uns nur Ärger bereiten“, vermutet er. Die anderen Experten überlegen kurz und sind anschließend derselben Meinung. Gerade als vier Hilfsarbeiter anfangen eine Grube auszuheben, wird Herr Hinkelstein vom Schaffner unsanft wachgerüttelt. Schweißgebadet schaut er den Schaffner mit weit aufgerissenen Augen fragend an.
Is was?“,erkundigt er sich.
„Wir sind in Berlin angekommen. Endstation. Sie müssen aussteigen.“
Aussteigen“,wiederholt Herr Hinkelstein, steht auf und vergisst beinahe seinen Koffer mitzunehmen.
Die vielen Menschen, die auf dem Bahnhof hin und her eilen, verunsichern ihn. ‚Wo wollen die bloß alle hin?’, überlegt er. „Wäre ich doch bloß zu Hause geblieben“, sagt er so laut, dass das Gesagte ein Mann mit anhören muss, der in unmittelbarer Nähe neben ihm steht.
Wer hat dir denn jezwungen her zu kommen? Solch eenen wie du, brauchen wir nich in Berlin. Von deiner Sorte jibt es hier viel zu vielle. Alle kommse se nach Berlin uns wissen nich wat se hier sollen. Leute wie du nehmen anderen nur den Platz weg.“
Der Mann geht weiter und lässt den Neuankömmling ganz verdattert zurück. Er kann weder mit dem Dialekt anfangen noch mit dem Inhalt des Gesagtem. In der Nähe einer nach unten fahrenden Rolltreppe steht eine Bank, auf der nur eine Frau sitzt die unruhig hin und her schaut.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, fragt er höflich und bekommt zur Antwort: „Na klar können se sich hinsetzten. Is doch nich mene Bank auf der nur icke sitzen darf.“
‚Da ist er wieder, der Dialekt’,
schießt es Herrn Hinkelstein durch den Kopf, während er sich hinsetzt.
„So wat freundliches wie Sie, erlebt man nich alle Tage. Sie sind wohl nicht von hier?“, erkundigt sich die Frau, die nicht aufhört, sich ständig umzuschauen.
Richtig. Ich bin nicht von hier. Ich komme aus einem kleinen Dort in der Nähe von Hannover.“
„Ick komme aus Wedding. Deet is een Bezirk in Berlin.“
„Ach ja? Wie interessant.“
„Wat is denn daran interessant?“ ,
fragt die Frau ohne ihren Nachbarn anzuschauen.
„Ich finde den Namen Wedding so interessant. Wedding ist ein englisches Wort und bedeutet übersetzt Hochzeit“
„Det habe ick ja noch nie jehört. Sind sie sich sicher das Wedding heiraten heeßt?“
„Nicht heiraten, Hochzeit.“
„Na och egal.“
„Gestatten, dass ich mich Ihnen vorstelle. Ich heiße Karl-Gustav Hinkelstein und von Beruf bin ich Prothesenhersteller.“
„Wat stellen Sie her?“
„Wie der Name es sagt, Prothesen.“
„Dann sind se also Zahnklempner“

Nein meine Gute, ich stelle unter anderem Beispiel Beinprothesen her.“
Zaghaft schaut die Gute, wie Herr Hinkelstein die Frau nennt auf seine Beine.
„Was schauen Sie auf meine Beine? Stimmt was nicht?“
„Ick habe nur gekuckt ob Sie für Ihren Beruf Reklame loofen. Aber ick kann nüscht erkennen.“

Herr Hinkelstein muss lachen und macht mit seinem Lachen die Frau verlegen.
Nüscht für unjut“, sagt die Frau und kratzt sich aus Verlegenheit am Hinterkopf.“Ick bin Hauswartsgehilfin. In Berlin besser bekannt unter der Bezeichnung Putze.“
„Und hat die Putze, Verzeihung die Hauswartsgehilfin auch einen Namen?“
„Na klar habe ich och eenen Namen“,
empört sich die Angesprochene. „Haben Sie schon mal jemand kennenjelernt, der keenen Namen hat?“
Herr Hinkelstein muss über eine Antwort nicht lange nachdenken. Seine knappe Antwort lautet:„Nein.“
Er hofft, dass sie ihm ohne Aufforderung ihren Namen verrät, was sie nicht tut.
„Verraten Sie mir Ihren Namen?“
„Ick heeße Erika Haupt mit dt am Ende. Haupt wie Kopf“,
kommt es wie aus der Pistole geschossen.
„Nett Frau Kopf, dass ich Sie kennenlernen darf ...“
Empört schaut die Frau Herrn Hinkelstein an und sagt: Ick heiße nich Kop,f sondern Haupt, damit deet een für alle mal klar is Herr Hinkelbein.“
„Hinkelstein Frau Haupt. Hinkelstein nicht Hinkelstein.“
„Na denn sind wa ja quitt, wa?“

Beide scheinen peinlich berührt. Sie meiden Blickkontakt und schauen geradeaus. Nach einer geschätzten Ewigkeit fragt Herr Hinkelstein Frau Haupt, worum sie hier ist.
Ick bin mit meener Freundin verabredet. Eigentlich wollten wir uns zusammen die Kuppel vom Reichstagsgebäude ansehen. Ick war ja schon zwee Mal druff, aber meene Freundin noch nie. Sie müssen wissen, meene Freundin is so eene, die müssen se vom Fernseher wegziehen. Die kickt sich jeden Blödsinn an. Von morjens bis in die Puppenläuft die Kiste.“
„Bis in die Puppen?“,unterbricht Herr Hinkelstein Frau Haupt und schüttelt verständnislos den Kopf.
Bis in de Puppen heißt bei uns, bis spät in die Nacht.“
„Ach so. Verstehe. Und wo ist nun Ihre Freundin?“
„Nich hier, det sehnse doch, oder?“
„Warten Sie schon lange auf ihre Freundin?“
Länger als die Polizei erlaubt.“
‚Wieder so eine Redensart’,
denkt Herr Hinkelstein mit der er nichts nicht anzufangen weiß.Weil er sich nicht blamieren möchte, bleibt er stumm.
Jetzt kommt er mit einem Vorschlag der verblüfft.
„Was halten Sie davon, wenn Sie mir die Reichstagskuppe zeigen?“
„Ihnen?“
„Ja warum nicht?“
„Ick weeß nicht. Wir kennen uns doch kaum.“
„Sie müssen keine Angst haben Frau Haupt. Ich tue Ihnen nichts. Ich bin froh, wenn man mir nichts tut.“

Frau Haupt überlegt und mustert dabei Herrn Hinkelstein von oben nach unter und von unten nach oben. Schließlich sagt sie: „Und ihr Jepäck? Deet dürfen Sie nich mit in die Kuppel nehmen. Wegen Terroristen, wenn Sie versehn watt ick meene.“
„Sehe ich aus wie ein Terrorist?“
„Ich hab noch nie nich eenen Terroristen jegenüber jestanden. Ick wees nich, wie so eener aussieht“

Beide fangen an zu lachen und entscheiden sich gemeinsam die Kuppel zu besichtigen.
Frau Haupt kennt sich gut aus in Berlin, was für Herrn Hinkelstein von Vorteil ist. Im Bus erfährt er, dass Terroristen, sie meint natürlich Touristen, ihre Gepäckstücke kurzweilig aufbewahren lassen können. Kurz vor dem Erreichen ihres Ziels fragt Herr Hinkelstein, ob seine Begleitung davon gehört hat, dass in Berlin eine Makake entwischt sein soll.
„Ach wissen Se,“, erklärt Frau Haupt, „hier in Berlin loofen so vielle Affen rum, da kommt et uff eenen mehr oder weniger och nich mehr an.“
Durch die Aussage von Frau Haupt weiß er endlich, was eine Makake ist. Mit dem Doppelsinn allerdings kann er genauso wenig anfangen, wie mit „länger als die Polizei erlaubt.“
Weil er sich nicht erneut blamieren will, wechselt er das Thema.
„Ich habe gehört in Berlin befindet sich ein Baumhaus.“
„Deet kann schon sein. Sie müssen wissen, die Wohnungsnot in Berlin is riesengroß. Da sollte et mir nich wundern, wenn et Leute jibt, die sich Häuser in Bäumen bauen.“

‚Der Humor in Berlin scheint ein ganz spezieller sein’, schießt es Herr Hinkelstein durch den Kopf als er mit gewissen Abstand das Reichstagsgebäude mit seiner Kuppel entdeckt.
Nach dem Ausstieg entdeckt er eine leere Bank.
Wollen wir uns, bevor wir die Kuppel besteigen, einen Moment hinsetzten?“, fragt er, obwohl er bis eben gesessen hat und ausgeruht sein müsste.
Die Antwort lautet: „Ihnen qualmen wohl die Socken ha, ha, ha.“
„Wie meinen Sie?“
„Ick habe Sie jefragt, ob Ihnen die Socken qualmen?“
‚Eine Sprache voller Rätsel’,
stellt Herr Hinkelstein fest und schaut Frau Haupt hilflos an.
„Alles klar. Setzen wir uns “, beschließt Frau Haupt und setzt sich als Erste auf die Bank.
Als auch Herr Hinkelstein Platz genommen hat, fragt er, ob er sie zu einem Schnäpschen einladen darf und nennt sie versehentlich Frau Kopf anstatt Frau Haupt.
Natürlich protestiert Frau Haupt und sagt: „Ich heiße Haupt und nicht Kopf, Herr Hinkelbein.“
„Und ich heiße Hinkelstein und nicht Hinkelbein.“
„Na denn is ja alles klar Herr Hinkelstein.“
PAUSE
„Wo wolln Se denn hier uff die Schnelle Schnaps herbekommen Herr Hinkelstein. Meine Se der Schnaps fällt in Berlin vom Himmel?“
„Wenn ich unterwegs bin, stecke ich mir immer eine kleine Flasche Korn in den Rucksack. Für den Fall eines Falles verstehen Sie?“
Ick verstehe. Wenn Ihnen danach is, gönnen Sie sich eenen. Und jetzt scheint Ihnen jerade danach zu sein.“
„Richtig. Ich finde, es gibt Grund genug sich gemeinsam einen Kurzen zu gönnen. Sind Sie dabei?“
„Na klar bin ick dabei. Meene Zunge klebt schon am Gaumen vor lauter Trockenheit.“

Herr Hinkelstein löst den Bauchgurt und befreit sich von seinem Rucksack. Nach dem Öffnen kramt er die Flasche Korn hervor und zusätzlich zwei kleine Trinkbecher.
„Deet is ja praktisch. Hamse noch mehr Becher dabei? Ick meene, wenn et mal eene größere Runde is, dann sind zwee Becher zu wenig.“
Herr Hinkelstein geht auf das Gesagte nicht ein. Er reicht Frau Haupt die beiden Becher und füllt sie fast randvoll mit Korn.
Bevor sie trinken sagt er zu ihr: „Ich heiße Karl-Gustav.“
„Ick dachte Herr Hinkelstein.“
„Auch.“
„Ick heiße immer noch Haupt. Haupt, Erika.“
„Angenehm Erika, lass uns auf unsere Bekanntschaft anstoßen.“

Eigentlich geht es Erika Haupt ein bisschen zu schnell mit dem DU. Aber anderseits, warum denn nicht? Er sieht gut aus, ist ihr sympathisch und was kann ihr schon passieren, hier auf der Bank vor dem REichstagsgbäude.
„Uff een Been kann man nich stehen Karl-Gustav. Sei mal nich so geizig. Schenk mal noch eenen ein.“
Karl-Gustav hat nichts dagegen und schenkt nach.
„Sag mal Erika, müssen wir unbedingt auf die Reichstagskuppel?“
„Nich unbedingt. Ick war ja schon drinne. Haste eenen besseren Vorschlag?“
„Was hälst du davon, wenn wir zu mir ins Hotel fahren?“
„Nich so vielle. Kannst ja mit zu mir in den Wedding kommen. Aber globe ja nich, dass ick mir dir hinjebe. Sowat macht eine Erika Haupt nämlich nich.“
„Wo denkst du hin Erika“,
entrüstet sich Karl-Gustav, der das Gefühl hat, das nicht nur seine Socken anfangen zu qualmen.

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