Heinz-Walter Hoetter

Henry

Der schwarz-weiß gefleckte Kater „Henry“ war noch ganz klein und jung. Trotzdem hielt er sich schon für das mutigste Tier in der ganzen Gegend.

Mama Katze hatte Henry nämlich schon sehr früh beigebracht, wie man sich an eine Beute, wie z. B. an eine Maus, heranpirscht und schließlich gekonnt fängt.

Henry lernte schnell. Er sprang seitdem mitunter auch andere Katzen an, sogar seine eigenen Geschwister, die sich von seinem aufdringlichen Verhalten ziemlich gestört fühlten.

„Jetzt, wo Henry Mäuse jagen kann, geht er auch auf uns los“, jammerten sie und beschwerten sich bei Mama Katze.

Die ermahnte Henry zwar, doch der kümmerte sich nicht darum und machte einfach weiter. Um ihn von seinen übermütigen Spielereien abzulenken, brachte Mama Katze ihrem Sprössling noch ein paar andere Dinge bei, die auch für kleine Katzen schon wichtig waren, z. B. wie man sich richtig die Pfoten leckt oder das Fell mit der rauen Zunge reinigt.


 

Henry war sehr klug. Bald konnte er alles, was seine Mutter ihm beigebracht hatte. Doch er leckte danach einfach an allem herum, was Fell hatte, sogar an Schnuppi, einem gutmütigen Langhaardackel aus der Nachbarschaft. Dem war das zwar mehr als ungemütlich, aber er ließ sich das Abschlecken von Henry ohne Murren gefallen. Er wollte eben die gute Nachbarschaft nicht unnötig aufs Spiel setzen, wenn er Henry wegen seines aufdringlichen Verhaltens wohl möglich verjagen würde.

So verging die Zeit und Henry tollte überall herum.

Als Mutter Katze ihre Jungen mal ans Wasser führte, sprang Henry voller Übermut in den kleinen Teich und spritzte alle anderen Tiere nass, die dort am Ufer herumstanden, um Wasser zu trinken, sogar die jungen Hühner von Bauer Sonntag.

Die Tiere beschwerten sich natürlich bei Mama Katze über ihren Sohn und fanden sein Verhalten überhaupt nicht lustig.

„Pass in Zukunft lieber besser auf deinen Henry auf“, sagten sie zur Mama Katze. "Wenn der so weiter macht, dann bekommt er eines Tages noch mal richtigen Ärger“, schimpften sie erbost und gingen.

Eines schönen Tages nahm Mama Katze ihre vier Kinder, darunter auch Henry, mit auf die Pirsch.

„Ihr bleibt alle dicht in meiner Nähe. Wer sich nicht daran hält, der kriegt was mit den Pfoten“, ermahnte Mama Katze ihre Kinder. „Ich will nicht, dass euch was passiert. Da draußen lauern viele Gefahren auf uns, besonders aber auf kleine Katzen. Also denkt daran! Und immer schön dicht bei mir bleiben.“

Die Katzen-Kinder nickten alle mit dem Kopf, besonders eifrig natürlich Henry.

Als sie gemeinsam durch das hohe Gras einer Wiese krochen, blieb Henry gehorsam am Boden, obwohl ihn jeder einzelne Grashalm am Bauch kitzelte. Deshalb mussten seine Geschwister und er manchmal fürchterlich lachen. Dann drehte sich Mama Katze jedes Mal mahnend herum und drohte mit den Krallen ihrer rechten Pfote. Die Katzen-Kinder rissen sich zusammen, schlichen einer nach dem anderen hinter Mama Katze her, und auch Henry behielt immer brav den buschigen Schwanz seines Bruders im Auge.

So krochen sie alle schleichend dahin. Doch Henry wurde es bald zu langweilig. Er schaute nach allen Seiten und sah plötzlich einen Katzensprung neben sich einen dicken Schlauch im Gras liegen, der sich hin und her bewegte. Er folgte den schlängelnden Bewegungen des Schlauches, der auf einmal unverhofft die Richtung änderte. Dann tauchte ein zischender Kopf auf, der sich bedrohlich vor dem Kater aufbaute. Henry bekam einen großen Schrecken, als er sah, dass der Schlauch in Wirklichkeit eine Schlange war, die ihn jetzt mit konzentriertem Blick anstarrte und nach ihm züngelte.

„Was willst du denn von mir, du kleines Katzenknäuel. Du bist ja noch nicht einmal aus den Kinderschuhen heraus und stellst einer Schlange wie mir nach? Ich könnte dich mit Haut und Haaren fressen, wenn ich wollte. Aber du hast Glück gehabt. Ich habe vorhin schon einen kleinen Hasen verspeist. Dich lasse ich deshalb noch mal davon kommen. Also verschwinde ganz schnell, bevor ich's mir noch anders überlege!“

Henry zitterte plötzlich am ganzen Körper. Er bekam es richtig mit der Angst zu tun, als die Schlange zischend auf ihn zu kroch. Im nächsten Augenblick sprang der junge Kater mit einem Satz nach hinten, drehte sich rasch um und verschwand mit lautem Miau im hohen Gras.

Als er weit genug weg war, wollte Henry zu heulen anfangen. Er wusste nicht wo seine Mutter und seine anderen Geschwister waren. Vielleicht suchen sie schon nach mir, dachte Henry und miaute bitterlich. Doch dann riss er sich zusammen.

„Egal, auch wenn ich vor der Schlange davon gelaufen bin, bin ich trotzdem noch immer der mutigste Kater weit und breit. Beim nächsten Mal, wenn ich größer bin, werde ich vor der Schlange bestimmt nicht weglaufen, sondern mit ihr kämpfen“, sprach Henry trotzig und trottete auf allen Vieren weiter durchs hohe Gras.

Mittlerweile stand die Sonne schon hoch am Himmel. Es wurde immer heißer.

„Ich glaube, ich werde jetzt erst einmal eine kleine Pause machen“, sagte Henry halblaut zu sich selbst und hielt Ausschau nach einem geeigneten Fleckchen in der näheren Umgebung, wo er es sich gemütlich machen wollte.

„Aha, da drüben ist ein großer Baum mit vielen starken Ästen. Da werde ich hinauf klettern und mir einen bequemen Platz zwischen einer Astgabelung suchen“, frohlockte Henry und stieg eine Weile später auf den Baum.

Oben angekommen fauchte ihn plötzlich etwas an. Es war eine Wildkatze mit spitzen Ohren.

„Was willst du denn hier? Das ist mein Platz. Ich war außerdem zuerst hier. Also verschwinde, bevor ich dir zeigen muss, wer hier der Boss ist“, knurrte die Wildkatze und zeigte demonstrativ ihre scharfen Krallen.

„Was du nichts sagst. Ich lasse mich doch nicht von dir verjagen. Ich habe auch Krallen, genauso wie du“, rief Henry mutig.

Doch die Wildkatze schlug kurz mit der rechten Pfote nach ihm und fegte Henry nur allein durch den Windstoß vom Ast. Der kleine Kater fiel zu Boden, rappelte sich aber sofort wieder hoch. Etwas benommen stand er da und blickte verängstigt nach oben zu dem Ast, auf dem die Wildkatze stand.

„Das geschieht dir nur recht, du vorwitziger Bursche. Das nächste Mal beiße ich dir ins Fell, wenn du dich hier noch einmal sehen lässt. Verschwinde lieber, bevor ich’s mir anders überlege“, knurrt sie böse.

Henry lief wie von der Tarantel gestochen davon, obwohl ihm die beiden vorderen Pfoten schmerzten. Als er endlich stehen blieb, zitterte er schon wieder am ganzen Körper. „Auch wenn mich die Wildkatze vertrieben hat, bin ich immer noch der mutigste Kater in der ganzen Gegend hier“, sagte er trotzig zu sich selbst und lief dann weiter.

Langsam wurde es später und später. Mittlerweile versank die Sonne am Horizont. Henry lief schon die ganze Zeit laut miauend durch die Gegend. Er wusste einfach nicht mehr, wo er war. Dann wurde es draußen dunkel. Henry wünschte sich, er wäre zu Hause bei seinen Eltern und den übrigen Geschwistern. „Ob sie schon nach mir suchen?“ fragte er sich traurig und bedauerte es zutiefst, einfach auf eigene Pfote gehandelt zu haben. Tränen kullerten ihm von den Wangen. Er hatte Hunger und langsam fing er an zu frieren. Dann überkam ihn eine tiefe Müdigkeit. Henry kroch ins Dickicht, um dort zu schlafen. Bald lag er da und schnurrte im Schlaf vor sich hin.

Auf einmal wurde er durch ein lautes Geräusch geweckt. Das Gras vor ihm zitterte und das Geräusch wurde lauter und lauter. Irgendwelche Tiere kamen näher und näher.

Henry spähte ängstlich aus seinem Versteck und erblickte eine Herde riesiger Tiere, die das Gras vor ihm genüsslich fraßen. Ihre Augen waren fast so groß wie sein Kopf und ihr Fell sah aus wie eine Landkarte. Hin und wieder muhte eines der Tiere, bevor es den Kopf senkte und weiter graste. Es waren die Kühe von Bauer Sonntag. Eine von ihnen entdeckte Henry plötzlich im Gebüsch.

„Hey, schaut mal her! Hier liegt ein kleines Bündel Fell. Sieht aus wie eine junge Hauskatze. Was macht die denn hier auf unserer Wiese? Die ist bestimmt von zu Hause weg gelaufen. Ich glaube, das ist Henry, der junge Kater, nachdem schon überall gesucht wird. Vorhin war noch sein Vater bei uns gewesen. Wir sollten ihn zurück muhen“, sagte die erste Kuh, die direkt vor dem Dickicht stand, wo Henry ängstlich kauerte.

Auf einmal muhte die ganze Herde. Es hörte sich schrecklich laut an. Schon bald erschien ein großer Kater auf der Bildfläche, der direkt auf Henry zulief. Der traute sich einfach nicht mehr aus dem Gebüsch hervor, weil er sich vor den großen Kühen fürchtete.

„Henry, da bist du ja! Wir haben überall nach dir gesucht. Hab’ keine Angst mein Sohn, ich bin dein Vater. Ich bin froh, dass die Kühe dich hier auf der Weide gefunden haben. Nachts lauern überall Gefahren, weil die wilden Tiere um diese Zeit auf der Jagd sind. Sie würden auch dich fressen. Die schrecken vor nichts zurück. So, ich nehme dich jetzt zwischen meine Zähne und trage dich nach Hause. Mutter und deine Geschwister haben sich wirklich große Sorgen um dich gemacht. Sie werden sich freuen, wenn du wieder da bist.“

Henry sagte kein Wort mehr. Er miaute nur die ganze Zeit jämmerlich vor sich hin. Als sie endlich zu Hause eintrafen, war Mama Katze und die übrigen Geschwister unendlich glücklich darüber, dass er wieder gesund und unversehrt bei ihnen war. Alle schnurrten und miauten vor Freude und schleckten Henry von oben bis unten ab. Der ließ sich das genüsslich gefallen.

„Du bist trotz allem ein mutiger Kater“, sagte sein Vater zu ihm. Es gibt keinen Mut ohne Angst. Aber für die Zukunft lass’ dir das eine Lehre sein, dass es noch andere Tiere gibt, die auch für uns Katzen gefährlich werden können. Deshalb muss du auf der Hut sein. Weiche ihnen lieber aus, wenn es geht, denn das ist oft schlauer, mein Sohn. Aber das wirst du schon noch lernen, Henry. Du hast noch viel Zeit. Das nächste Mal, wenn du mit Mutter auf die Pirsch gehst, bleibst du brav in ihrer Nähe. Das gilt auch für deine Geschwister. Das ist sicherer für dich und die anderen. Außerdem gehe ich das nächste Mal auch mit, denn ich habe viel Erfahrung im Umgang mit anderen Tieren. Ich kenne sie alle und kann zwischen Freund und Feind unterscheiden. Schau mal her! Mutter hat ein paar Mäuse gefangen. Die gibt es jetzt zum Abendessen. Und danach geht es ab ins Körbchen.“

Henry nickte nur brav mit dem Kopf, gesellte sich zu seinen übrigen Geschwistern und aß sich mal so richtig satt. Dann legte er sich schnurrend in sein Körbchen und bald war er tief und fest eingeschlafen. Manchmal zuckte er mit seinen beiden Vorderpfoten, gerade so, als wolle er im Traum nach etwas greifen oder weglaufen.

Tja, nur wer weiß denn schon, was Henry so träumt?

Das kann nur er selbst wissen.


ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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