Wolfgang Küssner

Mal wieder ohne

Mal wieder ohne Führerschein gefahren. Mal wieder ohne Schlüssel das Haus verlassen? Mal wieder ohne Schmerzen, oder mal wieder ohne Schulden? Mal wieder ohne Brille ins Büro, oder mal wieder ohne Übergewicht auf der Waage? Mal wieder ohne Allergien durch den Frühling gekommen, oder mal wieder ohne vollen Tank auf der Autobahn? Mal wieder ohne Punkte in Flensburg, oder mal wieder ohne Mundgeruch? Mal wieder ohne Salz die Kartoffeln aufgesetzt, oder mal wieder ohne – Sie wissen schon – Sex gehabt? Mal wieder ohne Geld in der Tasche, oder mal wieder ohne Tabletten schlafen gekonnt? Mal wieder ohne Sonnencreme in den Urlaub gefahren, oder mal wieder ohne eine feste Beziehung? Mal wieder ohne...., mal wieder ohne.... Mal ist es angenehm, erwünscht oder gar vorteilhaft, mal ist es nachteilig, negativ, schlecht, blamabel. Hier eine kleine positive Geschichte. Mal wieder ohne - aber mit Jan als Protagonisten.

Irgendwann entdeckte der Gaumen von Jan, dass Wein mehr sein kann als nur gekelterter Traubensaft. Und da er neugierig war, las er Bücher über Weinanbau- und regionen, über die Entstehung edler Tropfen. Er beschäftigte sich mit Aromen und Alkoholgehalt, mit Reintönigkeit, Farbtiefe, mit Gerbstoffen und Säure, mit Bukett und Barrique, mit Dekantieren und Nase, mit Abgang und Weinstein, mit Harmonie, mit Weintemperaturen, dem optimalen Weinglas, und mit vielen anderen Dingen rund um den Rebensaft. Er nahm einen aktuellen Weinführer zur Hand und setzte sich mit Bewertungen, Lagerfähigkeit und anderen Details auseinander. Doch das waren leider alles nur Trockenübungen. Jan meldete sich zu je einer Weißwein- und Rotweinverkostung an und fand in dem Weinexperten einen Begleiter für viele weitere Jahre.

Edle Gewächse von Kirschrot, über Purpurrot und Tintenfarben bis nahezu Schwarz hatten es ihm angetan; nicht zuviel Barrique. Fruchtige und Beeren-Noten kitzelten fortan seinen Gaumen. Die Weine durften gern 13 oder 14 oder auch mehr Umdrehungen haben, wie er den Alkoholgehalt spaßhaft bezeichnete. Er genoss aus der Region Kastilien-León, dem Ribera del Duero und dem Rioja den spanischen Tempranillo; Shiraz aus dem Yarra oder Barossa Valley, aus Coonawarra im Südwesten Australiens; südafrikanischen Shiraz aus Stellenbosch und andere kräftige, rote Tropfen. Wobei Tropfen leicht untertrieben ist. Der Shiraz durfte auch mal mit Mourvedre, Grenache oder Cabernet Sauvignon verdedelt sein. Und zu ganz besonderen Anlässen stand eine Flasche Barolo aus dem Pietmont oder Brunello di Montalcino aus der Region Siena auf dem Tisch. Hin und wieder genoss er zum kräftigen Rotwein feinste Zartbitterschokolade mit hohem Kakao-Anteil. Genuss pur.

Jan pflegte immer ein kleines Kontingent an Rotwein in seiner Wohnung vorrätig zu haben. Doch zwei Gläschen am Montag und zwei am Dienstag und zwei Gläschen am Mittwoch und zwei am Donnerstag ließen die Vorräte ganz langsam schwinden. Und bekanntlich hat eine Woche auch ein Ende. Zu kräftigen und herzhaften Gerichten der spanischer Küche mussten am Freitag, Samstag und Sonntag je eine Flasche ihren Inhalt opfern. Jeder Bestand ging somit zur Neige und war Jan mal wieder ohne, fand er schnell den Weg zum Weinhändler seines Vertrauens. Neue Verkostungen, neue Entdeckungen, neue Einkäufe.

Eines Tages – an den Auslöser konnte er sich nicht mehr erinnern – wurde Jan bewusst, dass er in fast jeder Woche fünf Flaschen Rotwein konsumierte. Das ist sicherlich keine große Menge an Alkohol, doch er hatte gelesen, einen Alkoholsüchtigen zeichne nicht nur ein täglicher Rausch aus, nicht nur die Sucht nach dem betäubenden Getränk, sondern auch der regelmäßige Konsum. Da hatte zwar ein weltbekannter südafrikanischer Herzchirurg vor Jahren verkündet, zwei Glas Rotwein pro Tag seinen für Herz und Kreislauf gesund. Doch erfüllten zwei Glas pro Tag nicht auch den Tatbestand der Regelmäßigkeit. Professor Barnard hatte von Herz und Kreislauf gesprochen; doch was ist zum Beispiel mit der Leber?

Jan stellte sich die Frage, ob er nach obigen Kriterien bereits zu den Alkoholabhängigen zählen würde, oder ob er auch ohne edle Tropfen leben könnte. Ein Test musste her; ein zeitlicher Test. Und so beschloss er, vier Wochen lang keinen Alkohol zu trinken. Würde er durchstehen, oder gebe es eventuell sogar Entzugserscheinungen? Test beschlossen. Gesagt, getan.

Neben der Bedingung, keine alkoholischen Getränke zu trinken, stellte Jan sich die zusätzliche Aufgabe, generell keinen Alkohol zu konsumieren. Also keine Rot- oder Weißwein, keine Cognac geschwängerten Saucen. Keine mit Sherry gelöschten, oder in Pernod gegarten Garnelen. Das war noch einfach umzusetzen, zu kontrollieren. Im Laden – da wurde es schwieriger - achtete Jan auf die Inhaltsangaben der Produkte seiner Einkaufsliste. Schokolade, selbst Leckereien für die Kleinen und Speiseeis, Konfitüren und viele andere Lebensmittel, sogar Medikamente enthalten manchmal Alkohol. Selbst sogenanntes „alkoholfreies Bier“ beinhaltet bis zu 0,5 % Alkohol. Eine Pflicht zur Kennzeichnung von Alkohol in Lebensmitteln gibt es erst ab 1,2 Prozent, bei Bier ab 0,5 %. Und Jan lernte weiter, der Alkohol muss nicht unbedingt ausgewiesen sein. Wofür gibt es schließlich  E-Nummer? Hinter E 334 (Weinsäure) oder hinter E 1519 (Benzylalkohol) wird beispielsweise der Alkohol einfach versteckt. Ein berauschtes Land.

Entzugserscheinungen hatten sich bei Jan nicht eingestellt. Im Gegenteil, es machte sich mit jedem weiteren Tag, mal wieder ohne, so etwas wie ein zunehmendes Glücksgefühl breit. Und nach vier Wochen hatte er erstens den Test bestanden und des Weiteren die Überlegung, noch einen Monat dranzuhängen. Auf jeden Fall hatte er für sich beschlossen, diesen Test von nun an jedes Jahr zu wiederholen. Es ist eine wunderbare Gelegenheit, sich bewusst zu machen, wie oft man im Alltag mit dieser Droge Alkohol konfrontiert wird. Jan hat sich seit vielen Jahren an eine Auszeit gehalten und so heißt es immer wieder für mindestens einen Monat: Mal wieder ohne.

August 2017

© 2017

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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