Ingo R. Hesse

Gesines Ausflug nach "Bad Steele"

Zweimal im Monat gönnte sie sich diese Tour. Seit etwa zwei Jahren. Noch vor vier Jahren hatte die damals 54jährige Personal-Disponentin keinen Blick für die Besonderheiten dieser „Kleinstadt in der Großstadt“ gehabt. Ihr damaliger Chef hatte sie zu einem Bummel über den gemütlichen Weihnachtsmarkt eingeladen. Ihr „Nein!“ in einer düsteren Ecke des Glühwein-Standes hatte dann den Grundstein für ihre jetzige Lage gelegt.

 

Aber darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken. Ein Freitag-Vormittag im Sonnenschein. Die Straßen fast frei. Vorhin hatte ihr ein junger, freundlicher Cabrio-Fahrer die Vorfahrt überlassen und versucht sie an zu flirten. Und der kurze Blick auf die Tankanzeige ihres roten Volvo S40 war beruhigend. Was also könnte heute noch schiefgehen? Nichts! Es sei denn, der Randstreifen an der Hengler Straße wäre wieder einmal, ….

 

War er nicht! Wie gesagt, ein guter Morgen im Sonnenschein!

 

Gesine stieg aus und brachte sich auf dem Bürgersteig in Sicherheit, bevor sie ihr langes, braun-gelocktes Haar über den Kragen ihres hellgrauen, luftigen Blazers hob. Ihr Outfit mit der taubenblauen Jeans und den ebenfalls hellgrauen Pumps hoben ihr gutes Gefühl. Nun noch die Sonnenbrille ins Haar. Wenn Hans das wüsste! Sie lachte, als sie daran dachte. Nie würde Hans Verständnis dafür haben, dass eine Brille nicht immer eine Brille, sondern gelegentlich einfach nur ein Accessoire ist. Doch heute würde sie sicher auch noch zum Schutz der Augen benötigt werden.

 

Diese Gedanken hatten sie zur Kurt-Schumacher-Brücke geführt. Wie schnell man doch zum Gewohnheits-Tier wird, dachte sie als sie die alte Frau den offensichtlich müden Golden-Retriever geduldig an der Ruhr entlang hinter sich her ziehen sah. Schon oft hatte Gesine diese Frau und ihren Hund hier gesehen. Und schon oft war sie bis zur Mitte der Brücke gegangen um das Bild auf sich wirken zu lassen. Bei jedem Wetter bisher. Und so würde sie es wohl immer wieder tun. Zweimal im Monat. Falls nicht doch noch ein Wunder geschähe.

 

Doch was sind schon Wunder die man erhofft, gegen Bilder die man real vor sich hat? Menschen, die sich sportlich betätigen. Hier und da wird Händchen gehalten. Ab und zu hört man eine Fahrradklingel und ein freundliches „Danke!“. Unter sich das beruhigende Fließen des Wassers. Enten und ab und zu ein Schwan oder ein Reiher. Eins sein mit der Natur. Nein, so weit ging Gesines romantische Ader doch nicht. Sie genoss diese Momente. Aber sie freute sich auch auf die Geschenke der Zivilisation.

 

Ein paar Minuten später musste sie darüber lachen. Schade, dass Hans nicht wissen durfte, was sie hier her führte. Wie gerne hätte sie mit ihm über diesen Gag gelacht. Er teilte ihren Sinn für schräge Situationen. Und das hier war eine. Denn gerade als sie von der Dreiringstraße nach links in die Bochumer abbog, traf die verstimmte Gitarre und die grelle Kopfstimme einer jungen Straßen-Musikantin ihr empfindliches Gehör. Meine Güte! Zivilisation bringt eben doch nicht nur Gutes hervor. Da hatten doch selbst die Enten am Ruhr-Ufer Melodischeres geboten.

 

Gesine ließ den kleinen Spontan-Flohmarkt, auf dem sie sonst gerne herumstöberte, rechts liegen und steuerte die Mariensäule an. Sie sah schon von Weitem, dass sich dort ein Quartett auf seinen Auftritt vorbereitete. Akkordeon, Klarinette, Violine und Gesang. Menschen deren Herkunft deutlich zu erkennen, deren geläufige Benennung aber im Laufe der Jahrzehnte der Political Correctness zum Opfer gefallen war. Aber egal ob nun „Migrationshintergrund“ oder diese ungeliebte Bezeichnung, Gesine mochte ihre stets melancholisch-fröhliche Musik. Und gerade legten sie los.

 

Doch schon als sie wie immer vor den „Stolpersteinen“ aus Messing, die in den Boden vor einem Hauseingang eingelassen waren, einen kurzen Moment stehen blieb, war Gesine klar dass sie auch dieses Mal den Euro in der Tasche halten würde. Es hatte Zeiten gegeben, in denen sie freigiebiger gewesen war. Viel freigiebiger. Doch heute prallte auch das etwas unverschämte „Schönen Tag noch!“ des Verkäufers der Obdachlosenzeitung an ihr ab. Fast. Denn am liebsten würde sie all diesen Anbietern erklären, warum sie die falsche Adresse für ihr Werben wäre.

 

Aber damit hätte sie sich selbst der schützenden Maske und des Kostüms der Zugehörigkeit entledigt. Und genau dafür war sie doch hier. An diesem sonnigen Tag in „ihrem Bad Steele“. Ein paar Stunden normal leben. Etwas kaufen. Eine Kleinigkeit. Und sei sie auch irgendwo auf der Welt von Kindern gefertigt worden. Gesine war schon lange nicht mehr in der Lage, für eine Überzeugung zu kaufen oder gegen bestimmte Entwicklungen zu boykottieren.

 

Schon als sie in die Hansastraße einbog, hatte sie die Namen auf den kleinen aber aufrüttelnden Gedenksteinen vergessen. Wieder einmal. Aber sie sah noch Bilder vor sich. Bilder aus einschlägigen Filmen, die hier und anderswo einmal grausame Realität gewesen waren.

 

Dem musikalischen „Migranten“, der ihr allzu aufdringlich mit dem offen gehaltenen Hut gefolgt war, war sie jetzt schon ein bisschen böse. Und dabei hatte er sie doch aus diesen düsteren Gedanken in die helle, bunte Realität dieser Fußgängerzone zurück geholt. Und eigentlich hatte er sie nur in dem bestätigt, das sie so gerne selbst geglaubt hätte. Nämlich, dass sie eine wäre die dazu gehörte. Eine die genug hat. Ausreichend um davon etwas abzugeben.

 

Gesine genoss das Getümmel der Passanten. Keine leerstehenden Ladenlokale. Ein breites aber doch übersichtliches Angebot. Und Anonymität für sie. Dafür war sie hier. Hier hatte sie weder Verwandte noch Freunde, Bekannte oder ehemalige Kollegen. Wenn sie sich gleich auf dem Kaiser-Otto-Platz einen der beliebten Plätze an der Sonne sichern würde, würde sie eine von Vielen sein.

 

Eine, die nicht gezwungen sein würde ihren Niedergang einzugestehen oder über ihre aussichtslose Situation zu referieren. Eine der man nicht riete, das Auto abzuschaffen oder in eine noch kleinere Wohnung umzuziehen. Vor allem aber eine, die nicht genötigt wäre auf „die nächste Runde auf mich!“ zu bestehen.

 

Meine Güte! Genau konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, wann sie diese devote Haltung zum ersten Mal in einer Fußgängerzone gesehen hatte. Betteln auf den Knien. Was für eine Erniedrigung. Im wahrsten und schmerzhaftesten Sinn des Begriffs.

 

Ja, Gesine kannte die Gerüchte. Banden, die morgens diese Bedauernswerten mit Kleinbussen auf die einträglichen Plätze verteilen. Gauner, die diesen Unterdrückten abends eine Dose Ravioli zu essen geben, sie unter Brücken schlafen lassen und ihnen das erbettelte Geld abnehmen. Und eine Exekutive, die wegschaut.

 

Aber Gerüchte hin oder her, muss das sein? Eine offensichtlich best-gekleidete junge Frau zieht etwa 60 Zentimeter vor der Nase dieser alten, knöchernen, knienden Bettlerin, ihrem ebenso edel gekleideten Sprössling die Designer-Jeans hoch und geht dann weiter, als gäbe es diese Frau gar nicht.

 

Bin ich eigentlich besser, nur weil ich einen großen Bogen mache? Gesine mochte diese Gedanken nicht. Und so wie sicher vielen Menschen, wäre es ihr lieber gewesen, es gäbe Not und Elend nicht. Auch nicht ihre eigenen Probleme. Und doch war all das real.

 

Aber zum Glück auch der Sonnenschein auf dem Kaiser-Otto-Platz. Und Gesines Platz in der ersten Reihe. Ein Milchkaffee und ein Mettbrötchen. Was für eine Zusammenstellung! Aber heute sah ja niemand zu. Jedenfalls niemand der ihr seine Meinung dazu gesagt hätte. Hans war nicht dabei. Ja, Hans! Gesine lächelte als sie die Sonnenbrille aus dem Haar nahm und sie auf die Nase setzte. Dann lehnte sie sich zurück und genoss den Moment.

 

Vor der Apotheke gegenüber bezog ein weiterer Musikant seine kleine Bühne. Kinder spielten in dem Tümpel, der von Ötte und Willem, den in Bronze gegossenen Kumpel eigentlich bewacht werden sollte. Und doch teilten auch Hunde mit ihnen das immer noch etwas kühle Nass. Naja, dachte Gesine, vielleicht stört das die Hunde nicht. Wieder lachte sie in sich hinein. Hans war anscheinend doch irgendwie bei ihr.

 

Der Musikant, den Gesine gerne als Afrikaner bezeichnet hätte, fing an seine Trommeln zu bearbeiten. Noch in ihrer Kindheit hätte sie diesen attraktiven Mann ganz ohne Häme oder böse Absicht so genannt, wie sie es sich heute selbst in Gedanken verbot.

 

Aber schon als er mit den ersten Tönen seiner gewaltigen, einnehmenden und ergreifenden Stimme den Kaiser-Otto-Platz füllte, schloss sie die Augen und ließ sich ein paar Minuten in eine schönere Welt treiben. Doch dann zahlte sie ihr Gedeck, stand auf und warf dem Musiker im Vorbeigehen mit einem freundlichen Lächeln ein Zwei-Euro Stück in den Hut. Er lächelte zurück als habe er ihren nicht ausgesprochenen Dank verstanden.

 

Eine Viertelstunde später war sie wieder an ihrem Wagen. Sie tauschte den Blazer gegen ein dünnes Kapuzen-Shirt. Hier, wo die vielen Jogger unterwegs waren, fiel sie damit nicht auf. Aber nachher würde sie sich wieder so unwohl fühlen, wie jedes Mal wenn sie die Kür ihres Ausflugs nach „Bad Steele“ mit der lästigen Pflicht abschloss. Doch nun faltete sie die blaue Ikea-Tasche zusammen und gab sich einen Ruck.

 

Am späten Nachmittag war das alles vergessen. Fast. Wie zur Zeit eigentlich alles in Gesines Leben irgendwie „fast“ war. Sie hatte die Schnäppchen, die sie in dem Container hinter dem Supermarkt ergattert hatte, gereinigt und in Kühlschrank und Gefriertruhe geräumt. Sie hatte geduscht und sowohl die Blicke der hinter dem Laden rauchenden Angestellten, wie auch ihre drängelnde Konkurrentin vergessen. Fast.

 

In zwei Wochen würde sie wieder diese Tour machen.

 

Aber wenn eines Tages doch noch ein Wunder geschähe, würde sie wöchentlich dort herum flanieren. Und sie würde jedem einen Euro oder zwei geben, der mit Hut oder offener Hand darum bäte. Selbst der zur Gitarre singenden Studentin mit der Brachial-Stimme würde sie einen Moment zuhören und ihren Obolus entrichten.

 

Doch was sind schon Wunder, wenn man real einige Packungen Räucher-Lachs im Kühlschrank hat, die erst gestern „abgelaufen“ sind?

 

Gesine ging zum Telefon. Sie würde Hans zum Frühstück einladen.

 

Und sie würde ihm nichts von ihrem Ausflug erzählen.

 

Wieder einmal. 

 

*Diesen Text habe ich anlässlich eines Schreib-Aufrufs zum Thema "Neulich in Steele" geschrieben. Das ist der Essener Stadtteil, in dem ich lebe. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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