Olaf Lüken

Georg der Angler


"Ein Weib bezähmen mit Zanken und Grollen ?"
Das heißt einen Fisch ersäufen zu wollen."


A. Roderich (1846-1936)


Ich kenne einen netten Menschen: Er heißt Georg, ist um die 70 Jahre alt,verheiratet, hat zwei Töchter und mit Leica und Alice, zwei treue und brave Hundedamen. Georg lebt im rheinländischen Troisdorf, ein Kleinstadtkaff vor den Toren Kölns.

Sein Motto ? " Wer nicht angelt, kann auch keinen Fisch fangen." Und - alle Fische legen Eier, russische sogar Kaviar. Ob am Troisdorfer Rotter See oder mit Freunden in Norwegen. Einmal im Jahr heißt es Angeln zwischen Fjord und Fjell oder Angeln vor der Küste und auf hoher See. Und das Meer fordert den ganzen Mann. Erst wenn die hohe See so richtig rau ist und der Wind Wellen und Wogen durch die Gegend peitscht und die geangelten Fische in Hülle und Fülle  aufs Deck purzeln und in die Höhe springen,  um wieder abzuhauen, dann heißt es auch hier - Petri Heil ! 

Georgs große und stille Liebe  gilt dem Angelsport und daher dem Fisch, jenem aquatisch lebenden Wirbeltier, das einen Kiemen hat.  Dort, wo es Natur pur gibt, lockt auch  ein entsprechendes Gewässer Wurmbader und andere Rutenfreunde an. Für Angler ist es nie zu kalt oder zu warm, um die Angelleine auszuwerfen. Ganz gleich, ob der Luftdruck steigt oder fällt, ob in der Frühe oder in den trüben und  lauwarmen Abendstunden. Kein Ufer ist zu steil oder zu nass. Für den Angler - wie für den Fisch -, gibt es kein Wetter. Kann es vielleicht sein, dass nicht der Angler den Fisch, sondern der Fisch den  Angler sucht ? 5 Millionen Angler sind es in Deutschland. Und jeder Rutenwerfer holt durchschnittlich 13 Kilogramm Fisch an Land. Jahr für Jahr. Das entspricht dem gesamten Fangergebnis der beruflich ausgerichteten deutschen  Binnenfischerei (2017).

So manches Mal sah ich Georg beim Angeln am Rotter See zu, auch dann, wenn die glatte Wasseroberfläche des einstigen Baggerteichs unter dem Ansturm der Mücken wie eine Pferdehaut zu zucken schien. Angler wie er  sind die eigentlichen Helden, zumindest in den Sommermonaten. Man findet sie an Teichen, inmitten von Parkanlagen oder in Wäldern, an Bachläufen und in Beton verkastelten Kanälen, nahe der großen Industriegebiete.

Neulich kam zu Georg eine alte Frau an das Ufer  des Rotter Sees und fragte: " Na, beißen die Fische heute ?" Georg erwiderte: "Heute wohl nicht, Sie können sie ruhig streicheln." Die Alte musste laut lachen.

Oft habe ich mich gefragt, was ihn am Angelsport so fasziniert. Heute weiß ich: Georgs Prioritäten heißen Naturerfahrung, Naturverständnis und Naturerhaltung. Seine Erkenntnis ? Das Leben ist zu kurz, um nicht zu angeln. Menschen wie Georg wissen intuitiv - woher wir kommen und wohin wir einmal gehen werden. Selbst seinen Sterbeort hat er sich sorgsam ausgesucht  Es ist ein großer und knorriger Baum inmitten eines abgelegenen Friedwaldes.

Große Reden sind seine Sache nicht. Lieber eine Pulle Bier aus der Kühlbox nehmen, köpfen und einen kühlen Schluck durch die trockene Kehle fließen lassen. Angler wie Georg zählen sich eher zu den introvertierten Persönlichkeiten. Oft ist er so still, als hätte er sich in sich selbst hineingestülpt. Man könnte an ihm vorbeigehen, ohne ihn gleich zu bemerken. Angler können mit dem Gestrüpp verschmelzen, auf dem sie sich niedergelassen haben, falls sie ihre Schultern nicht hochziehen. Die einen Rutenhalter, wenn sie in ihre faltbaren Campingstühle versinken, die anderen, weil sie in ihren kleinen und grünen Halbzelten abgetaucht sind, um sich herum eine Batterie von Stöcken liegend. Ausgelegt sind oft Bierdosen und aufgeschraubte Plastikgefäße, in denen sich Maden zu molligen Halbmonden kringeln. Konservendosen, aus denen blanke Messer ragen. Plastikeimerchen, leer, dazwischen Handys, die mehr achtlos abgelegt wurden. Gelegentlich frage ich mich, ob der Angelsport vielleicht auch eine Art archaische Achtsamkeitsübung ist, um dem ganzen Wahnsinn unserer Gegenwart zu  entfliehen. Wie dem auch sei: die Welt wäre entspannter, würden mehr Männer wie Georg ihre Angelruten in die Hand nehmen und über das Wasser halten, statt mit Nationalhymnen aufzumarschieren. Kleine Maden aufs Häkchen stecken, statt Kinder in Käfige. Auch mal die Klappe halten, statt ständig wie Donald Trump durch die Gegend zu twittern. Georg kann das alles und einiges mehr.

(C) Olaf Lüken (2018)

Georg der Angler. Erschien  im Online-Magazin von Andrea Lumina, August 2018,
publiziert am 1. Dezember 2018  im Monatsmagazin "Fischwaid" vom Deutschen Angler- und Fischerverband"

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Olaf Lüken).
Der Beitrag wurde von Olaf Lüken auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Fliehende Zeit von Heiger Ostertag



Eine gesichtslose Leiche im See,Feuertod und finstere Machtzirkel - ein neuer Fall für Anna Tierse und Kathrin Schröder? Diesmal kommt das Ermittlerduo fast an die Grenzen seines Könnens! Denn die Zeit flieht dahin ...

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)

Olaf Lüken hat die Funktion für Leserkommentare deaktiviert

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Wie das Leben so spielt" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Olaf Lüken

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Geldwelt der Angela Merkel von Olaf Lüken (Gesellschaftskritisches)
Hab dich ganz doll lieb von Achim Müller (Wie das Leben so spielt)
Multi-Kulti von Norbert Wittke (Multi Kulti)