Heinz-Walter Hoetter

Hazan, der Zauberlehrling

Hazan sprang aus seinem Bett und stolperte halbnackt und verschwitzt zum offenen Fenster. Die Nacht war ungewöhnlich schwül gewesen, doch jetzt nahte ein Sturm heran, wie er ihn nie zuvor gesehen hatte.

Der Horizont versank in einer tiefen, grauschwarzen, furchterregenden Finsternis aus der ohne Unterlass Blitzstrahl auf Blitzstrahl hernieder fuhr. Das grelle Aufflackern der Blitze bewegte sich zuerst langsam entlang des Horizonts, doch dann kam das Gewitter plötzlich näher und näher, bis heftige, ohrenbetäubende Donnerschläge die Grundfesten des großen Bauwerkes erschütterten. Wie er hier hingekommen war, das konnte er sich selbst eigentlich nicht erklären. Er war einfach da, und damit hatte es sich.

Der heulende Wind fegte mit heftigen Böen über das flache Dach, rüttelte überall an den klappernden Fensterläden und es schien, als ritten Dämonen auf den düster dahin ziehenden Regenwolken wie wilde Furien um die Wette.

Hazan bekam es mit der Angst zu tun und beeilte sich damit, das offene Fenster wieder zu schließen. Der Regen schlug prasselnd herein. Aber vorher mussten noch die beiden hölzernen Fensterläden rein geholt und in der Mitte mit einem Holzbalken fest verriegelt werden. Hazan fingerte mit nassen Händen nach den Eisenhaken draußen an der Fenstermauer, drückte sie herunter und löste auf diese Art und Weise einen Fensterladen nach dem anderen, um ihn anschließend nach innen zu ziehen.

Dabei kam es ihm fast so vor, als wollten ihn unsichtbare, bösartige Windgeister vehement daran hindern, sich vor den gnadenlosen Gewalten des fürchterlichen Unwetters in Sicherheit zu bringen.

Endlich hatte er es geschafft, wenngleich auch unter großen Anstrengungen, beide Fensterläden mit einer Hand festzuhalten, um sie, nur wenige Augenblicke später, geschickt mit einem kleinen Querbalken in der Mitte zu sichern. Durch die Ritzen der schrägen Lamellen pfiff der nasskalte Wind, was Hazan dazu veranlasste, auch das innere der Glasfenster zu schließen.

Die Stille im Zimmer stellte sich augenblicklich ein. Irgendwie unheimlich, dachte er und kam sich plötzlich vor wie in einem Gefängnis.

"Seltsam, wie bin ich hier bloß hingekommen", fragte er sich mit halblauter Stimme und dachte angestrengt darüber nach. Eine schlüssige Antwort darauf fand er aber nicht.

Er konnte seine Gedanken einfach nicht auf diese Frage konzentrieren. Deshalb dachte er nicht weiter darüber nach. Doch irgendwie schlich eine böse Ahnung in ihm hoch, die ihn schier verzweifeln ließ.

Hazan riss sich jetzt zusammen und konzentrierte sich auf das, was sich gerade in seiner unmittelbaren Gegenwart abspielte.

Schnell warf er sich den langen Mantel über, setzte die braun lederne Kopfhaube auf und verband sie mit den zwei locker herunter hängenden Schnüren durch einen Schleifenknoten direkt unter seinem Kinn. Dann öffnete er die Tür und trat nach draußen in den Schutz des Vordaches, das durch eine Anzahl wuchtiger Säulen aus Moos beflecktem Stein abgestützt wurde. Hazan ging hinüber zur klobigen Eisenbrüstung, hielt sich daran fest und spähte leicht nach vorne gebeugt hinaus in die Sturm gepeitschte, Regen durchwühlte Gewitterlandschaft.

Hier und da rissen an manchen Stellen die pechschwarzen Gewitterwolken auf, die immer wieder von innen durch gewaltige Blitzentladungen erhellt wurden. Nur schemenhaft erblickte Hazan den unsteten Vollmond, der es tatsächliche hier und da schaffte, sich für kurze Momente dahinter zu zeigen.

Der dämonenhafte Sturm brauste beinahe von allen Seiten her gegen das große Gebäude. Hazan musste sich mit aller Gewalt an dem nassen Geländer der Eisenbrüstung festhalten, damit er nicht von den heftigen Sturmböen in die dunkle, geisterhaft anmutende Nacht hinausgefegt wurde.

Aus der nachtschwarzen Wolkendecke direkt über ihm stieß plötzlich ein infernalisches Lichtzucken herab, so nah, dass er die Hitze spüren konnte. Dann folgten noch zwei weitere Erscheinungen dieser Art, wodurch die Umgebung um ihn herum in ein schwarz-weißes Licht getaucht wurde. Es entstand der düstere Eindruck, als bestünde die tobende Landschaft um ihn herum aus mattem Silber und geschmolzenem Blei, aus der tausendfache Fratzen hervorquollen.

Ein mächtiger Blitzstrahl traf jetzt das obere Ende des Daches und versprühte ein Feuerwerk glühender Funken in alle Richtungen. Dann folgte ein ohrenbetäubender, vernichtender Donnerschlag, der alles übertönte, sogar das Heulen des gewaltigen Sturmes.

Hazan erschrak so heftig, dass er sich ängstlich zu Boden warf und starr vor Schreck liegen blieb. Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete er, wie direkt vor ihm unter dem Dach ein knisterndes Feuer ausbrach. Mehr als die Hälfte der Dachplatten waren einfach verschwunden. Die lodernden Flammen griffen trotz Regen und Sturm rasend schnell um sich und fanden im trocken gebliebenen Dachstuhl reichlich Nahrung. Immer höher schlugen die Flammen in den nächtlichen Sturmhimmel. Es war die reinste Apokalypse.

Ein heißer Brandgeruch strich über sein Gesicht. Hazan sprang augenblicklich auf, doch seine Knie versagten im gleichen Moment den Dienst. Offenbar hatte er sich beim Fallenlassen auf den Boden verletzt. Trotzdem versuchte er hüpfend weiterzukommen.

Abermals zuckten kurz hinter einander grellweiße Blitze, begleitet von heftigen Donnerschlägen, vom rasenden Himmel herunter.

Hazan war wie gelähmt vor Angst. Das schreckliche Unwetter nahm einfach kein Ende. Ein Frösteln breitete sich auf auf seinem Kopf aus und kroch langsam über seinen Rücken hinab bis zu den Zehenspitzen. Er stieß jetzt einen tiefen, von Hilflosigkeit gepeinigten Schrei aus, der allerdings im unablässigen Heulen des Sturmes unterging. Dann sank er langsam auf die Knie, streckte seine Arme aus wie ein kleines Kind, das sich nach Vater und Mutter sehnt.

Ganz plötzlich wusste er auch, warum er hier war. Die Erinnerung daran kam spontan zurück.

"Meister, hol' mich hier raus! Ich bereue zutiefst! In Zukunft werde ich dir immer ein getreuer Lehrling sein und deinen Anweisungen bedingungslos folgen. Ich gebe zu, dass ich einen großen Fehler gemacht habe. Habe Erbarmen mit mir, großer Magier!"

Schluchzend und bebend am ganzen Körper kamen Hazan diese verzweifelten Worte nur schleppend über seine zitternden Lippen. Dann schaute er sich nach allen Seiten um, in der Hoffnung, dass ihn der Meister erhört hatte.

Würde er ihm verzeihen und kommen?

Hazan bereute zutiefst und wartete, was geschehen würde.

***

 

Das kugelförmige Konstrukt schwebte über dem brennenden Dach des großen Gebäudes. Es drehte sich wie im Zeitlupentempo darüber hinweg und glitt leicht wie Seide dahin.

Hazan musterte das seltsame Ding mit halb zugekniffenen Augen. Obwohl er es genau kannte, verfolgte er es mit großem Interesse. Die Außenhülle war aus einem unglaublich dunklen Metall und von solcher Schwärze, dass es sich sogar vor dem Unwetter umtobten, pechschwarzen Nachthimmel abhob.

Die seltsame Kugel hing plötzlich direkt über ihm wie ein riesenhafter Ballon. Kurz darauf öffnete sich leise eine mannshohe, oval geformte Einstiegsschleuse. Einen Moment lang tat sich nichts

Dann ertönte eine mächtige Stimme, die von überall her zu kommen schien.

"Kein richtiger Zauberlehrling kann je ein richtiger Meister werden, wenn er sich nicht an die altehrwürdigen Regeln und Vorschriften der Magie hält. Lass' dir das eine Lehre sein, mein lieber Hazan! Mein strafender Zauber hat dich hier in diese Welt gebracht und du schafftst es nicht einmal, wieder aus ihr herauszukommen. Du musst noch viel lernen! Aber ich übe heute weise Nachsicht mit dir und hoffe, du hast aus deinen schlimmen Fehlern gelernt. Als Magier und Zauberer trägst du mal eine große Verantwortung. Damit spielt man nicht! Das nächste Mal lasse ich gewiss länger auf mich warten und werde dich über das gebührende Maß hinaus in noch schlimmeren Welten schmoren lassen, bis ich dich von meinem Strafzauber befreie. Denke das nächste Mal daran, Zauberlehrling Hazan! - So, und nun steig' in die Kugel und die Sache ist vergessen. Es warten noch harte Jahre des Lernens und Übens auf dich. Die Magie ist eine strenge Lehrmeisterin, sie verlangt äußerste Disziplin und verzeiht keine Fehler. Ich erwarte dich noch heute in der großen Halle, wo die anderen Zauberlehrlinge schon auf dich warten. Wir wollen gemeinsam ein üppiges Mahl zu uns nehmen."

Die mächtige Stimme verstummte so plötzlich wie sie gekommen war.

Als Hazan erleichtert durch die offene Einstiegsschleuse schritt, schien sich das schreckliche Unwetter schlagartig zu verziehen und die Welt wurde abermals auf den Kopf gestellt.

Bevor die düstere Gewitterlandschaft nach und nach von der Bildfläche verschwand, hatte sich die Einstiegsluke auch schon wieder geschlossen.

Aber draußen schien plötzlich die Sonne, als wäre nichts geschehen.

Hazan machte sich schleunigst auf den Weg nach Hause, wo der Meistermagier und die übrigen Zauberlehrlinge bereits auf ihn warteten. Er freute sich besonders auf das gute Essen im Kreise seiner Mitschüler und Freunde.


 

ENDE


 

©Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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