Ali Yüce

Ein kleines Wunder

Mit unruhigem Herzen ging ich eine asphaltierte Straße entlang. In dem spärlichen Licht der wenigen Laternen erkannte ich einige Wohnhäuser; niemand war zu sehen, nichts war zu hören.

Da nichts meine Sinne beanspruchte, waren meine verworrenen Gedanken plötzlich unerträglich präsent, und ihre Last machte es mir unmöglich, einen Moment der Ausgeglichenheit zu finden. Immer und immer wieder spielte sich in meinem Kopf diese Szene ab, die sich vor keiner halben Stunde ereignet hatte. Und jedes Mal verzehrte mich ein Gefühl tiefer Melancholie.

Es war der Moment, in dem ich ihr meine Liebe gestehen wollte. Meine Wangen glühten vor Aufregung, als ich meinen Hals streckte, um in der riesigen Menschenmenge ihre Gestalt auszumachen. Ich würde ihr die Rose überreichen und ihr ins Ohr flüstern: „Ich liebe dich.“ Sie würde überrascht sein, möglicherweise erschrocken über so viel Unverfrorenheit. Und was würde sie antworten? Ja, das hätte ich auch gern gewusst. Ich erstarrte, als ich sie entdeckte. Plötzlich überkam mich eine unnatürliche Ruhe, so als versiegten meine Gefühle. Sie stand da. Körper an Körper mit jemandem, der mir unbekannt war, war sie in einen leidenschaftlichen Kuss versunken.

Es war mir zunächst ein wenig albern vorgekommen, dass es mich so sehr getroffen hatte. Ich hatte mich wie ein Charakter aus irgendeinem zweitklassigen Liebesfilm gefühlt. Aber kaum war ich so weit gewesen, dass ich darüber lachen konnte, war ihr Bild in meinen Gedanken aufgetaucht und hatte den kleinsten Anflug von Heiterkeit unterbunden.

Ich suchte mir einen Weg in eine belebtere Gegend, wo ich an einer Tankstelle Jägermeister kaufen konnte, als ich ein leises Klingeln wahrnahm. Ich schaute mich um und entdeckte eine weiße Katze, die hinter mir her lief. An ihrem Hals trug sie eine kleine silberne Glocke. Sie tat nicht so, als beachte sie mich.

Sie hielt etwa zwei Schritte Abstand zu mir und schaute, wenn wir an einem Haus vorbeikamen, durch die Gartenzäune hindurch, als suchte sie ihr Zuhause. Wenn das liebliche Bimmeln des Glöckchens ausblieb, wusste ich, dass sie ein Haus näher untersuchte. Und gerade als ich glaubte, sie hätte gefunden, was sie suchte, klingelte es leise, und sie schlenderte wieder hinter mir her. Sie blieb dabei stets in meiner Nähe und tat so, als hätten wir nur zufällig denselben Weg. Auf diese Weise wanderten wir stundenlang durch die Nacht.

Als der Morgen dämmerte waren wir uns schon etwas näher gekommen. Ich war während unseres Spaziergangs ab und zu stehen geblieben, um zu sehen, ob wir vielleicht doch nur zufällig den selben Weg hatten, oder ob sie mich wirklich verfolgte. Als ich angehalten hatte, war sie zu mir gekommen und hatte sich an meine Beine gedrückt. Ich war in die Knie gegangen und hatte ihr weiches Fell gestreichelt. So waren wir Freunde geworden.

Ich machte mir Sorgen, denn ich wusste nicht, was ich mit ihr anfangen sollte. Ich wollte nicht in einen Bus einsteigen und sie einfach so stehen lassen. Gerade als ich mich dazu entschlossen hatte, sie mit nach Hause zu nehmen, sah ich unmittelbar vor mir ein leuchtendes Augenpaar. Nach einigen Schritten erkannte ich unter einer Hecke einen schwarzen Kater. Dann passierte etwas, das ich niemals vergessen werde.

Meine Begleiterin näherte sich zögernd diesem Kater, bis sie sich direkt gegenüberstanden. Sie sahen sich nur an und beschnupperten einander. Sie hatte mich wohl vergessen, aber es kümmerte mich nicht. Ich kann die Freude nicht beschreiben, die dieses Bild in mir weckte. Ich fühlte, dass ich Zeuge von etwas Wunderbarem war, aber ich fühlte auch, dass ich nicht länger zusehen durfte. Lächelnd ging ich zur nächsten Bushaltestelle und glaubte dabei, hinter mir das Klingeln eines Glöckchens
wahrzunehmen, doch es waren Vögel, die den Morgen begrüßten.

Manchmal, vielleicht sogar nur ein einziges Mal im Leben, passiert etwas, das dich glauben lässt, ein Engel säße auf deiner Schulter und wache über dich. Es kann ein seltsamer Zufall sein, der dich vielleicht vor einem großen Schaden bewahrt. Es kann aber auch etwas ganz kleines sein, wie ein Geschenk eines dich liebenden Freundes, ein kurzes und tröstendes Lächeln oder ein Augenblick des Verstehens. Vielleicht steigt der Engel aber auch von deiner Schulter und begleitet dich durch die Nacht und läutet dabei fortwährend ein kleines silbernes Glöckchen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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