Wolfgang Küssner

Auslaufmodelle

“Wo laufen sie denn? Wo laufen sie denn hin?” So hören wir die beiden Besucher „Auf der Rennbahn“, einem Sketch von Wilhelm Bendow und Franz-Otto Krüger aus dem Jahr 1946 reden. Bei den meisten Lesern ist die Szene vermutlich eher als Zeichen-Trickfilm von Loriot aus dem Jahr 1972 bekannt. Diese kleine Geschichte aus dem Pferderennsport bereitet dem Betrachter, dem Zuhörer auch heute noch Spaß. „Ach ist das schön.“

Die Rennpferde hatten ihren Auslauf, die Besucher auf einzelne Modelle gesetzt und vielleicht gewonnen. Der Sieger ist erfreut und denkt „Ach ist das schön“; die Verlierer ist traurig, betrübt, sauer, ungehalten, vielleicht sogar in Rage geraten. Hätte er doch nur auf das richtige Modell bei diesem Auslauf gesetzt.

Sauer ist sicherlich auch der Käufer eines Notebooks im Technik-Markt, wenn er erfährt, es war ein Auslaufmodell, was er da so günstig erworben hat. Die neue Generation ist schon auf dem Containerschiff aus Asien unterwegs nach Europa. Ob Laptop, Smartphone, Auto, Rasierer; ob Mode, die Brille für die Augen oder fürs Klo, ob Schmuck für die Hand oder den Christbaum, irgendwie kaufen wir fast immer Auslaufmodelle. Die nächste, die neueste Produktion ist längst kreiert, präsentiert, produziert und eingelagert.

Es wurmt uns, macht uns ärgerlich – zumindest für eine kurze Zeit, denn wir wissen ja, die neuen Kollektionen warten nur auf den entsprechenden Platz auf den Verkaufsflächen. Und dann gibt es Auslaufmodelle, da entsteht zumindest der Eindruck, es interessiert fast niemanden. Doch wenn diese Modelle erst einmal vom Markt, aus unserem Blickfeld und Alltag verschwunden sind, werden wir lange, sehr lange auf ein neues Angebot, ein neues Sortiment, auf Ersatz warten müssen.

Da wäre zum Beispiel der aufrechte Gang. In hunderten von Jahren, ungezählten Generationen, hat der Mensch daran gearbeitet, um sich nach etlichen Rückschlägen dann doch endlich vom Affen befreien, lossagen zu können. Runter vom Baum, rauf auf die Erde. Und stolz war der Mensch, als er endlich aufrecht gehen konnte. Schaut man sich heute auf den Straßen und Plätzen um, sieht man mehr und mehr Menschen ein kleines technisches Gerät vor sich haltend, immer intensiver und länger auf das Display schauend und dabei den Körper in die optimale Krümmungskurve zum Smartphone oder Tablet bringen und den aufrechten Gang – der modernen Technik anpassend - zu opfern. Der Mensch ist auch diesmal stolz, hat er doch das neuestes Modell in seinen Händen. Für seinen Körper ist parallel der lange bewährte aufrechte Gang längst zum Auslaufmodell geworden.

An die ersten Worte eines Menschen wird sich wohl kaum jemand erinnern. Ob die ausgestoßenen Urlaute von U und A und O nun bereits Worte waren, mag der eine oder andere bezweifeln. Aus A und U wurde später Au. So oder so ähnlich könnte es seinerzeit angefangen haben, die Sprache entstanden sein. Bis hin zu Mary Poppins „Supercalifragilisticexpialigorisch“. Doch was heißt „die Sprache“? Tausende von äußerst unterschiedlichen Sprachen sind es, die aus diesen ersten Artikulationsversuchen  hervorgegangen sind. In hunderten von Jahren haben sich diese Sprachen entwickelt, verfeinert, zu filigranen, kulturellen Schätzen entwickelt. Eine gemeinsame Sprache stiftet Identität, Heimat, Zusammengehörigkeit. Was wäre ein Volk – z.B. der Dichter und Denker - ohne die Sprache?

Doch von der Entwicklung der Sprachen und ihren Möglichkeiten wurden schnell bestimmte Gruppen ausgeschlossen. „Warum muß ein Arbeiterkind studieren?“ Wissen und Bildung sind Macht. Eliten haben immer gewußt, ihre Privilegien zu pflegen; die Teilhabe anderer zu verhindern, zu reduzieren. Muß denn jeder Proll richtig Deutsch sprechen können? Zeichnet sich der Proll nicht durch eine eigene – vorsichtig formuliert – Sprache aus?

Handwerker, Bauern, Seeleute konnten sich bei ihrem Tagewerk noch unterhalten, einige sollen sogar gesungen haben. Mit den Manufakturen, der Industriealisierung war Schluß mit dem Reden am Arbeitsplatz. Die Maschinen lärmten, erforderten volle Konzentration. Die kurzen Pausen reichten gerade fürs Klo und die BILD. In der Vor-Fernsehzeit saßen Familien und Freunde und Nachbarn abends beim Gespräch zusammen. Mit dem Einzug der Flimmerkisten zog die Konversation aus, reduzierte sich auf „Das Bier ist alle!“, „Toooor.“, „Sei doch mal ruhig.“ Aber es wurde noch gesprochen, rudimentär.

Dann hielten Computer, Tablets und Smartphones Einzug und für Gespräche hieß es „Ade zur guten Nacht....“. Ja, wir sind dabei, unsere Sprachen zu verlassen. In der Straßenbahn, der U-Bahn, im Bus, im Restaurant, in der Bar und an vielen anderen Plätzen sitzen Menschen zusammen und schweigen. Sie sind mit ihrem Tablet, mit ihrem Smartphone beschäftigt. Sie teilen 1000 und mehr angeblichen Freunden mit, daß sie zu deren Followern zählen und „Gefällt mir! I like it.“ Und sie sind der Meinung, es handele sich dabei um Kommunikation. Die Sprache wird so zum Auslaufmodell.

Da sitzen ungezählte Autoren in allen Teilen der Welt, schreiben sich die Finger wund und hoffen, vielleicht noch gelesen zu werden. Gelesen zu werden in Zeiten sprachlichen Niedergangs. Doch lebt eine Sprache vom Austausch, von der Kommunikation, von der Weiterentwicklung. Ob die jetzt angekündigte neue Generation sprachgesteuerter Computer die Rettung ist? Oder ob sich hier nur die Ohnmacht der Sprache vor der technischen Innovation verdeutlicht, wird die Zukunft zeigen.

Aus heutiger Sicht müssen die in tausend und mehr Jahren entwickelten Sprachen um ihre Existenz fürchten. Sie sind Auslaufmodelle. Im Jahr 2013 wurden auf diesem Globus etwa 6.500 verschiedene Sprachen ermittelt. Es wurde allerdings auch prognostiziert, daß die Hälfte davon vom Aussterben bedroht sei. Es ist nicht nur die Globalisierung, die diesen Prozeß forciert. Jeder von uns kann seinen Beitrag dazu leisten, diesen Prozeß zu verlangsamen, vielleicht sogar zu stoppen. Nutzen wir intensiver das Wort, die Sprache, das Miteinander, den Austausch, die Kommunikation. Rückblickende, klagende Seufzer blieben uns so erspart und wir könnten weiterhin sagen: „Ach ist das schön.“

July 2017

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