Angie Pfeiffer

Männerhort

Alfi setzt lustlos auf die Bank nahe der Rolltreppe und schaut resigniert seiner Frau hinterher, die sich geschickt zwischen vollgepackten Wühltischen und Kreuzwinkelständern durchschlängelt. ‚Reduziert’ steht auf fett bedruckten Schildern. Er hat schon vor langer Zeit festgestellt, dass sie süchtig ist. Nicht etwa nach Sex, Drugs and Rock’n’Roll, damit hätte er gut leben können. Nein, sie ist süchtig nach roten Etiketten. Gerade jetzt, in der heißen Phase des Schlussverkaufs scheint sie ihm immer weniger zurechnungsfähig zu sein. Neben ihm lässt sich ein Leidensgenosse nieder und zückt sein Smartphone.
„Ja, auch hier abgestellt worden?“, beginnt Alfi das Gespräch. Der Nebenmann starrt weiter auf das Smartphone, hält aber zwei Finger hoch.
„Du armes Schwein, zwei Kreditkarten?“, entfährt es Alfi schockiert, worauf der Angesprochene resigniert mit den Schultern zuckt. Kurz darauf murmelt er unflätig vor sich hin und tippt heftig auf das Display. Er scheint einen ziemlich brutalen Ego Shooter zu zocken. Alfi riskiert einen interessierten Blick, was den Nachbarn dazu veranlasst bis an die Kante der Bank zu rücken. Scheinbar ist mit diesem Typen kein vernünftiges Gespräch möglich. Alfi beschließt, ihn gänzlich in Ruhe zu lassen. Lange kann es ja nicht mehr dauern. Und mal ehrlich: Er ist froh, dass seine Frau ihn nicht mit zur Anprobe Kabine genommen hat.

Das letzte Mal kam sie, während er vor der Kabinentür stand und sich deplatziert vorkam, freudestrahlend und in einen lila Kaftan gehüllt hinaus, unter dem sie eine Pumphose trug. Sie drehte sich vor dem großen Spiegel im Hintergrund und wandte sich dann Alfi zu. „Was meinst du, sieht das gut aus?“
Diese Frage ist eine böse Falle, das hatte er aus bitterer Erfahrung gelernt. Er musterte sie vorsichtig. „Wie findest du es denn?“
Worauf sie stirnrunzelnd „Ich will aber deine Meinung wissen“ sagte.
Er war versucht zu antworten: „Das willst du doch sonst nie.“ Verkniff sich das aber lieber und murmelte stattdessen: „Es, äh, sieht toll aus.“
Wieder drehte sie sich prüfend vor dem Spiegel. „Es ist nicht perfekt, ich ziehe noch etwas anderes an.“
So war es eine ganze Weile gegangen. Das Ende vom Lied war gewesen, dass sie alle voluminösen Kleidungsstücke gekauft hatte. „Weil du sie so gut findest, mein Hase.“

Alfi schrickt aus seinen Gedanken auf, denn eine Frau hat sich fußwippend vor seinem Nebenmann aufgestellt. „Bist du endlich fertig?“, fragt sie und stellt mehrere Tüten vor ihm ab. Ergeben steckt der Mann sein Smartphone in die Jackentasche, greift sich die Tüten und trottet hinter ihr her.
Auch Alfis Frau kommt auf ihn zu. Erstaunlicherweise hat sie nur eine Tragetasche bei sich. „Och, du Arme. Hast du nichts gefunden?“, sagt er, doch sein Sarkasmus prallt an ihr ab. „Doch, das siehst du ja. Und nur Reduziertes. Ich habe so viel gespart!“ Triumphierend wedelt sie mit dem Kassenbon.
„Na dann ist ja gut. Dann können wir jetzt nach Hause fahren.“ Erfreut steht er auf, greift nach der Tragetasche.
Seine Frau strahlt ihn an. „Ach was. Bleib du hier ruhig gemütlich sitzen. Eine Etage höher gibt es reduzierte Dessous. Da muss ich doch mal durchgucken. Es ist ja nur für dich, mein Hase“, zwitschert sie aufgeregt. „Oder willst du mich begleiten und auch was aussuchen?“
Alfi lässt sich auf die Bank zurücksinken und schüttelt matt den Kopf.
Sie mustert ihn prüfend. „Ich glaube du langweilst dich ein wenig. Warum gehst du nicht in dem Mediamarkt im Untergeschoss und guckst dir dort etwas an. Aber nur gucken. Du weißt ja, den ganzen Technikkram brauchen wir nicht. Dafür brauchen wir unser sauer verdientes Geld nun wirklich nicht ausgeben ...“
© by Angie

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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