David Zwick

Dunkelwald

Entkommen

 

Ich bin Daniel, ein arbeitsloser Journalist. Für mein Studium zog ich aus meiner dörflichen Heimat in die Stadt. Es war vielleicht naiv, aber ich erhoffte mir der Einsamkeit und der dörflichen Öde zu entkommen. Ich habe gedacht mit dem Journalismus-Studium käme ich in der Welt herum und würde viele verschiedene Menschen mit ihren Geschichten kennenlernen. Naja, aktuell suche ich nach Arbeit und lebe in einem 20 Quadratmeter WG-Zimmer. Ich gehe selten raus und verbringe den Großteil meiner Zeit am PC. Ich bin sowieso nicht gerade begabt im Kontakte knüpfen. Fremde Menschen sind für mich intransparente Mysterien. In Gesprächen, gerade wenn noch Emotionen im Spiel sind, werde ich nervös und bin nicht sehr redegewandt. Im Anschluss versuche ich das Gesagte einzuordnen, meist vergeblich. Nachts wache ich oft schweißgebadet auf und mir gehen unzählige Gedanken durch den Kopf, welche ich nicht verarbeiten kann. Ich habe keine Freunde und sonst keine bedeutsamen Kontakte. Hinzu kommt meine nicht wenig offensichtliche Entstellung. Meine Iris im rechten Auge ist seit meiner Geburt verformt, sodass ich auf dem Auge schlecht sehe und wie ich finde, fast animalisch aussehe. Nur der Gedanke daran, dass ich eine junge Frau ansprechen sollte, bereitet mir am ganzen Körper Schweißausbrüche. Falls ich es vergessen habe zu erwähnen, ich neige zu starker Nervosität und zu Hygienezwänge. Sobald ich in emotionale Gespräche verwickelt werde, beginne ich stark zu schwitzen und reiße mir Nagelhaut von den Fingern. Am schlimmsten wird es, wenn mir Personen sehr aufgebracht oder sogar aggressiv gegenübertreten. Generell bin ich sehr unsicher im Umgang mit Anderen und mit mir selbst. Ich nehme daher hauptsächlich online am Leben teil. Hier sieht mich keiner und bewertet mich lediglich anhand meiner Beiträge oder meines Wissens. Neben Onlinespiele ist mein Hobby das Schreiben und Recherchieren über geheimn! isvolle Orte und deren Storys. Schon länger habe ich den Drang meinem tristen Alltag zu entfliehen, um endlich etwas Aufregendes zu erleben. Viellicht erhoffe ich dadurch mich persönlich zu verändern. Die Messlatte liegt zwar nicht sonderlich hoch, jedoch fühle ich deutlich, dass sich etwas ändern muss. Eines nachts träumte ich, dass ich diesen traurigen Ort verlassen würde, dadurch zu einer anderen Person werde und dies ein großes Abenteuer wird. Der Traum hielt mich noch weitere Nächte vom Schlafen ab. Seit längerer Zeit befasse ich mich mit einem Ort, verbunden mit einer alten Legende. Diese umfasst den abgelegenen Ort Dunkeleck. In mehreren Quellen las ich über die Geschichte der Burg Bärenruf. Auf diesem Hügel soll der legendäre Germanenfürst Erowin mit seinem Stamm gelebt haben. Um ihn ranken sich zahlreiche Mythen, wie seine Prophezeiungen und seinen bisher nicht auffindbaren Schatz. Die späteren Fürsten, welche die Burg auf dem Hügel errichteten und später darin lebten, forschten bereits vergeblich nach Erowin´s Hinterlassenschaften. Die mystischen Geschichten um den Ort fand auch im dritten Reich ihre Aufmerksamkeit. Zuletzt laß ich einen der wenigen Berichte über den Ort. Darin soll ein junger Mann, welcher bereits über den Ort berichten wollten, nach einem Besuch nicht mehr aufzufinden sein. Wenn es einen Grund geben sollte endlich ein Abenteuer zu erleben, dann ist dieser Ort wohl die richtige Gelegenheit für mich.

 

Bärenauge

 

Erowin war bereits im Jugendalter klar, dass er zum furchtlosen Anführer geboren wurde. Allerdings galt sein älterer Bruder Rainor als rechtmäßiger Nachfolger. Nach einer Streitigkeit beschlossen beide ihren Zwist im Zweikampf zu beseitigen. Erowin tötete dabei seinen Bruder. Somit war Erowin der alleinige Thronerbe. Durch seine Lage in den dichten Wälder westlich des Rheins, blieb der Stammt von römischen Invasion nahezu unberührt. Mit ihrem Stolz und der furchtlosen Art zu Kämpfen bezwangen sie jegliche befeindeten Stämme. Als Erowin‘s Vater zunehmend dem Wahnsinn verfiel, erkannte Erowin, dass seine Zeit gekommen war den Stamm zu führen. Bei einer Stammesfestlichkeit sackte der Fürst beim Mahl zusammen und starb unter mysteriösen Umständen. Erowin wuchs über seines Vaters Erbe hinaus und nahm zahlreiche feindliche Stämme ein. Er häufte sich dadurch einen erheblichen Schatz an. An einem nebligen Morgen überfiel ein verfeindetet Stamm das Dorf des Erowin. Er und seine Krieger töteten dabei alle Angreifer. Eine junge Bäuerin ging kurz nach der Auseinandersetzung auf das Schlachtfeld und beweinte die gefallenden Krieger. Beim Anblick der weinenden Frau schämte sich Erowin zum ersten mal für seine Heldentaten. Als er die junge Frau beobachtete, wusste er, dies soll seine zukünftige Gemahlin werden. Erowin ging in einer dunklen Nacht in den Wald, um seine heimliche Liebe zu treffen. Er stieß stattdessen auf einen ausgehungerten Bären. Der Bär näherte sich langsam aus dem Gebüsch mit aufgerissenen Mund und knurrte. Erowin wusste, dass er unbewaffnet war, so blieb ihm nur ein Stein von der Erde um sich zu verteidigen. Der Bär setzte zum Angriff an und sprang in Richtung Erowin. Dieser soll den Bären mit einem einzigen Hieb auf den Kopf getötet haben. Bevor der Bär zur Erde fiel, schlug er noch einmal mit seiner Pranke aus und traf Erowin im Ges! icht. Di eser hatte seitdem eine große Narbe über der rechten Gesichtshälfte, welche direkt über sein Auge ging. Von nun an hatte er den Beinamen „Bärenauge“. Nach einer Legende soll Erowin den toten Bären anschließend aufgegessen haben, um seine Kraft aufzunehmen. In weiteren Schlachten mit gegnerischen Stämmen hieß es, Erowin schlug mit seinem Schwert 20 Männer ganze Gliedmaßen ab, ohne einen Kratzer vorzuweisen. Sein animalisches Schreien in der Schlacht soll angeblich schon Gegner in die Flucht geschlagen haben. Ab da erzählte man im ganzen Land, er sei weder durch ein Schwert, noch durch eine Axt zu töten. Nur die Naturgewalten von den Göttern selbst gesandt können ihn niederringen. Als sich das Frankenreich zunehmend ausbreitete, sahen diese Erowin und sein Stamm als Bedrohung an. Nicht zuletzt Erowin‘s Ruhmtaten über alle Grenzen hinweg schürte bei dem Frankenkönig große Neider. Die Franken bezeichneten Erowin und seinen Stamm als barbarisch und Tier-gleich. Sie würden barbarische Rituale durchführen, bei denen Menschen geopfert werden. Die Franken griffen mit dreimal so vielen und besser bewaffneten Kriegern an. Allerdings konnten sich die Franken mit ihren Reitern in den dunklen Wäldern nicht so gut zurechtfinden wie Erowin. Dieser kämpfte mit seinen treuen Kriegern bis zum letzten Mann. Letztlich konnte er wieder nicht in der Schlacht nicht getötet werden. Durch eine List der Franken lockte man ihn und seine Gemahlin ein Jahr später auf einen Platz im Wald, wo beide in eine ausgehobene Grube fielen. Die Franken gossen Öl über die beiden und entzündeten dieses. Beide verbrannten bei lebendigem Leib. Noch in der Grube soll Erowin geschworen haben, dass sich eines Tages sein Blut erheben würde um zu herrschen. Die Franken töteten jeden Blutsverwandten und jeden treuen Anhänger. Er muss dieses Schicksal geahnt haben, denn nie fand m! an sein legendäres Schwert, seinen Bärenmantel, oder seine Reichtümer. Auch die Grabstätte von Erowin und seiner Gemahlin wurde nie gefunden. Bis heute erinnert man sich gerade in der Gegend um Dunkeleck an seine Legende. Auch das aus der Zeit stammende Bärenfest wird heute noch praktiziert. Das dritte Reich war bekanntlich besessen von germanischer Geschichte und Okkultismus. Allen voran die SS schickten Archäologen und Forscher durchs ganze Land, um die Ursprünge der „Herrenrasse“ zu erforschen. Angeblich waren diese besonders von der Legende um Erowin angetan. Sie gaben Unsummen für die Entdeckung seines Grabes und deren Schätze aus. Allerding war die Suche vergeblich. Jedoch entstand zu dieser Zeit in Dunkeleck angeblich ein geheimnisvoller Kult. Diese hielten Rituale auf der Burg Bärenruf ab und untersuchten jedes Kind nach jeglichen aberwitzigen Anzeichen für das Erbe des Bärenauges. Die Nazis versprachen sich durch die Prophezeiungen Erowin´s den unbesiegbaren, arischen Supersoldaten. Die Legenden konnten zwar nie belegt werden, allerdings fand der Kult großen Anklang in der dortigen Bevölkerung.

 

 

Freunde in der Nacht

 

Eine lange schmale Straße durch dichten Wald führt nach Dunkeleck. Schon von weitem erhebt sich auf einem Berg die Burgruine Bärenruf. Die untergehende Sonne wirft die davorstehende Burg in ein mystisches Licht. Der Ort liegt meist im Schatten der umliegenden Berge. Daher soll auch der Ortsname stammen. Im Ort leben geschätzt 1000 Einwohner. Dunkeleck besitzt eine alte Schule, ein Metzger, einen kleinen Lebensmittelladen und eine kleine Tankstelle. Viele Wohnhäuser verfügen über alte Bauernhöfe, wobei viele noch heute genutzt werden. Die umliegende Gegend ist generell sehr landschaftlich geprägt. Wer größere kommerzielle Einkaufswünsche hat, muss eine lange Fahrt in Kauf nehmen. Im Ortskern liegt meine Unterkunft. Ein altes Motel, welches noch aus der Vorkriegszeit stammt. Am Dorfplatz sitzen drei alte Leute die mich mit kritischen Blicken beobachten. Im Motel angekommen begrüßt mich eine kräftige Frau mit einer alten Schürze an. Mit tiefer Stimme fragt sie mich: „Sie kommen wohl von weiter her?“ „Ja, ich war den ganzen Tag unterwegs.“ Die Empfangsfrau ist sehr wortkarg und wirkt fast einschüchternd. „Ich bin Gertrud. Wir haben hier nicht so oft Gäste von außerhalb. Ich habe Ihnen das Zimmer bereits vorbereitet. Frühstück ist um 7.“ Ich möchte ungern Fragen stellen, bedanke mich rasch und begebe mich direkt auf mein Zimmer. Das Motel wirkt mit seiner Einrichtung wie eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert. Auch das Zimmer ist sehr altbacken, aber für meine Bedürfnisse ausreichend. Bevor überhaupt an Ruhe zu denken ist, muss ich das Zimmer und vor allem das Bad gründlich putzen. Wie gesagt, mein Hygienezwang. Es dauert zwei Stunden bis ich mir sicher bin, dass jetzt alles seine Richtigkeit hat. Nach einer unruhigen Nacht in dem alten Bett mache ich mich bereit die Burg Bärenruf zu besuchen. Der Aufstieg startet auf einem großen Scho! tterplat z. Danach geht es zwei Kilometer einen Schmalen Weg Bergauf. Am Fuße der Burgruine finde ich auf großen Sandsteinen alte Inschriften, vermutlich aus der germanischen Zeit. Von der ursprünglichen Burg aus dem Spätmittelalter ist wenig erhalten. Ich bin mir nicht sicher was ich mir erhoffe zu finden, dennoch zieht mich dieser Ort direkt in den Bann. Auf dem großen Westturm herrscht eine fast mystische Ruhe. Man erblickt die weite Ferne aus dunklem Wald mit einzelnen Lichtern aus den umliegenden Dörfern. Außer dem Wind ist nichts zu hören. In einem der ehemaligen Burgräume liegen leere Bierflaschen, vermutlich von einer Feier. Ich habe es zugegebenermaßen nicht ganz durchdacht, wie ich die Spuren des Erowin finden sollte. Ebenso frage ich mich, wie ich das Verschwinden des jungen Mannes lösen kann. Ich schau mich zunächst auf dem Gelände der Ruine um. Nach zwei Stunden beschließe ich frustriert den Abstieg anzutreten. Es ist mir jetzt erst aufgefallen, dass es fast dunkel ist. Mit der Taschenlampe erleuchte ich mir den mittlerweile stockfinsteren Weg hinab. Auf einmal sehe von weitem andere Taschenlampen und höre Gelächter. Vor mir erscheinen drei Personen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich zu dieser Zeit auf andere Menschen treffen würde. Leicht nervös stoße ich auf drei junge Leute etwa in meinem Alter. Zwei der jungen Männer haben Bier in der Hand und die junge Frau die Taschenlampe. Ich bin wie versteinert als mich einer mit lauter Stimme anspricht. „Hey du, wer bist du?“ Mit einem verängstigten Stottern antworte ich ihm: „Ich bin Daniel, wer seid ihr?“ Der junge Mann antwortet mir direkt: „Was zu Geier machst du hier, los sag schon.“ Ich fühle mich bedrängt und weiß nicht was ich ihm antworten soll. Als er näher an mich herantritt, fängt er plötzlich an laut zu lachen: „Leute schaut euch den Freak mit seinem Auge ! an. Ich glaube wir haben eine Schlange gefunden.“ Die junge Frau, schätzungsweise ein bisschen jünger wie ich, greift ein und meint zu ihm: „Komm Sven, was soll das, lass ihn in Ruhe.“ Dieser Sven wirkt aufgebracht und antwortet fast aggressiv: „Anna halt die Schnauze, wenn ich mit dem Touristen rede.“ Ich beschließe ihm lieber zu antworten. „Ich wollte mir nur die Burg ansehen, weil ich über diese schreiben möchte.“ Sven darauf: „Was soll man den über diese scheiß Ruine schreiben?“ Der andere junge Mann sagt zu Sven: „Kommt Leute wir trödeln hier rum, wollen wir endlich mal hochgehen?“. Sven verdreht die Augen und winkt die anderen mit sich. Im Weggehen ruft er mir noch zu: „Schöne Heimfahrt noch du Freak.“ Ich bin erleichtert, dass diese Situation endlich vorbei ist und gehe in schnellen Schritten in Richtung des Schotterplatzes am Fuße der Burg. Im Motel kann ich kaum schlafen. Ich sitze am Boden in der Dusche und schäme mich für meine Schüchternheit während der heutigen Begegnung. Nach dem Frühstück ringe ich mich durch die Betreiberin Gertrud nach dem Verschwinden des jungen Mannes zu fragen. Gertrud antwortet mir wie anfangs sehr kühl und abweisend: „Darüber weiß ich nichts. Wie gesagt, wir haben hier nicht so oft Gäste.“ Ich beschließe hier nicht weiter nachzuhaken. Es hat sowieso keinen Sinn. Mittags will ich mich ein wenig im Ort umsehen. Am Dorfplatz treffe ich auf einen alten Dorfpfarrer. Er winkt mir direkt zu: „Hallo Fremder, ich bin Pfarrer Heinrich. Willkommen in Dunkeleck. Kann ich Ihnen irgendwie weiterhelfen?“ Ich freu mich endlich über einen freundlichen Menschen. „Hallo, ich bin Tourist und schreibe über die Geschichte der Burg Bärenruf.“ Der Pfarrer lacht: „Ach das haben Sie wohl viel zum Schreiben“. Ich nutze die Gelegenheit um meine Fragen zu ! beantwor ten: „Wissen Sie etwas über den verschwundenen jungen Mann der vor Jahren hier war und sich bereits für die Burg interessierte?“ Der Pfarrer schaut kurz nachdenklich in die Luft und erwidert: „Hmm ich kann mich lediglich mal an einen jungen Mann erinnern, der den Ort plötzlich verlassen hatte und man nie wieder was gehört hatte.“ Ich hake direkt nach: „Hat dieser was über die Burg oder die Geschichte des Ortes gefunden? Wissen Sie woher hin ging oder herkam?“. Der Pfarrer denkt wieder kurz nach: „Nein dazu weiß ich nichts. Das mit dem Jungen war schon etwas länger her.“ Ich bin mir nicht sicher ob das der Richtige ist, oder was ich damit anfangen sollte. Der Pfarrer ergänzt noch: „Wenn Sie etwas brauchen stehe ich Ihnen aber gerne zu Verfügung.“ Da fällt mir noch eine Frage ein: „Für meine Recherche würde ich gerne erfahren, ob Sie etwas über diesen angeblichen Kult aus der Zeit des NS-Regimes wissen?“. Der Pfarrer wirkt auf einmal sehr ernst und seine Stimme wird leiser: „Nein dazu weiß ich nichts, das ist doch nur Gewäsch aus diesen Sensationsmedien.“ Da er auf einmal sehr genervt wirkt, bedanke ich mich und beschließe weiterzuziehen. Mir fällt auf, dass außer den eher wenig erfreulichen Begegnungen ich kaum andere Ortsbewohner angetroffen habe. Man lebt hier scheinbar sehr zurückgezogen. In meinen Gedanken habe mir diese Reise weitaus anders ausgemalt. Die Realität hat mich mal wieder eingeholt. Vor der Dorfkneipe entdecke ich wieder die drei jungen Leute während Sie rauchen und Bier trinken. Ich versuche unbemerkt die Straßenseite zu wechseln, um danach irgendwo unbemerkt abzubiegen. Auf einmal ruft dieser Sven, welcher mich nachts so bedrängt hatte: „Hey, schau mal da der Freak wieder.“ Ich bin dabei schnell die Straße zu wechseln. Da ruft der andere Junge: „Komm zu uns, Sven! hat das nicht so gemeint. Komm, wir geben dir ein Bier aus.“ Ich überleg was ich jetzt machen soll. Einfach weiter gehen könnte dazu führen, dass diese sich noch mehr lustig machen. Gehe ich hin und folge der Aufforderung könnte mich dieser Sven wieder belästigen. Sven ruft auf einmal: „Na los, was stehst du so da? Komm schon rüber.“ Mir bleibt wohl keine andere Wahl als die Begegnung zu riskieren. Sven stellt mir direkt ein Bier an den Stehtisch. Der andere Junge stellt sich mir vor: „Hey ich bin Bruno, das ist Anna und naja, Sven kennst du ja schon.“ Anna wirkt sehr schüchtern und wortkarg, fast wie ich. Sven schaut mich dagegen immer noch sehr ernst aber sagt kein Wort. Bruno wirkt eigentlich sehr freundlich und lächelt mich an. Nachdem Sven sein Bier auf einmal austrinkt fragt er mich: „Du bist wohl nicht hier aus der Gegend, sagst du mir jetzt was du hier willst?“ Ich entgehe wohl kaum dieser Konfrontation, wähle deshalb sorgfältig meine Worte: „Ich habe von der Legende des Bärenauges und dessen Schatz gelesen. Ich wollte den Ort unbedingt besuchen.“ Sven lacht sarkastisch und erwidert: „Ach, ihr Städter glaub auch alles. Das sind Märchen für Kinder.“ Sven trinkt sein zweites Bier aus und verlässt abwinkend den Tisch. Auch der Rest macht sich wortlos auf den Weg. Anna lächelt leicht in meine Richtung und winkt mir. Wieder im Motel zweifle ich noch mehr als zuvor an meiner Reise. Ich habe mir wohlmöglich zu viel aufgelastet. Oder viel mehr bin ich nicht der Typ für Veränderungen. Es überfordert mich dermaßen, dass ich nicht weiß wohin mit meinen inneren Emotionen. Gerade als ich in Gedanken und Mitleid versinke, fliegt etwas an die Scheibe. Ich schaue erschrocken aus dem Fenster. Auf der Straße steht Bruno. „Hey Daniel, mach mal auf.“ Ich strecke den Kopf auf dem Fenster. Bruno ruft mir weiter zu: „Tut mir le! id wegen den letzten Begegnungen. Sven ist ein wenig skeptisch Fremden gegenüber und leicht reizbar, aber wir wollen dich nicht runtermachen.“ Ich weiß nicht recht was dazu sagen soll und antworte kurz: „ok, danke.“ Bruno ruft mir weiter zu: „Morgen Abend feiern wir ein bisschen am Dorfplatz. Komm doch ein bissen vorbei. Bis morgen dann.“ Bruno geht weiter und ich setze mich auf mein Bett und grüble darüber, ob dies eine gute Idee sei dort hinzugehen. Das Nachdenken zieht sich noch bis in die Nacht. Ich habe regelrecht Angst vor einer weiteren Begegnung mit Sven. Auch weiß ich nicht wie ich mich vor den anderen verhalten sollte. Den nächsten Mittag verbringe ich in meinem Zimmer und lese. Gegen Abend klopft es an meiner Tür. Es ist Bruno und Anna. „Hey Daniel, wir dachten uns das du auf Grund unseres letzten Treffens vielleicht schlecht von uns denkst. Wir möchten es wieder gut machen und dich abholen.“ Naja, sie haben mir wohl die Entscheidung abgenommen. Ich begleite die beiden zum Dorfplatz. Wenn was schief läuft kann ich ja einfach wieder gehen denke ich mir. Am Dorfplatz sind etwa 10 junge Leute zwischen 15 und 20 Jahren. Alle trinken und rauchen ausgelassen. Anna und Bruno begrüßen Sven und ein paar andere Leute. Sven schaut mich nur mit ernstem Blick an. Ich setze mich sicherheitshalber allein auf eine Bank und versuche keinen besser anzusprechen. Sven stellt sich vor mich: „Tourist, hast du schon mal richtig gesoffen?“ Mir fällt erneut nichts Passendes ein und daher lächle ich einfach. Sven drückt mir eine Flasche klaren Schnaps in die Hand. „Los komm, trink schon den Scheiß.“ Ich habe bisher vielleicht einmal ein Biermischgetränk getrunken. Aber welche Wahl habe ich schon. Also setze ich die Flasche an, verkneife mir den Würgereiz und nehme einen großen Schluck. Sven nimmt die Flasche wieder an sich und läuft lachend weg. Das war es Wert de! nke ich mir. Anna setzt sich neben mich auf die Bank und bietet mir wortlos eine Zigarette an. Ich winke dankend ab. Dabei fallen mir ihre vielen Narben auf beiden Armen auf. Hat sie sich diese selbst zugefügt? Und wenn ja, warum? Ich traue mich selbstverständlich nicht zu fragen. Auch sonst weiß ich nicht was ich zu ihr sagen sollte. Ich habe mich fast überwunden der schweigend dasitzenden Anna eine belanglose Frage zu stellen, da Ruft Sven laut: „Los, kommt alle her.“ In einem Kreis stehen mehrere Leute. In der Mitte steht Sven mit einer kleinen Fackel in der Hand. Er hebt die Fackel in die Luft und sagt: „Wer möchte sich dem Feuer stellen und unserem Erbe gerecht werden.“ Keiner reagiert auf Svens Aufforderung. Er selbst krempelt sich den Pullover hoch, nimmt die Zigarette in den Mund und macht sich scheinbar bereit. Die Anderen schauen euphorisch zu. Sven hält sich die Fackel unter seinen Arm. Er beißt auf seine Zigarette und hält den Schmerz etwa eine Minute aus. Ich stehe ein bisschen abseits, dennoch rieche ich das verbrannte Fleisch. Sven schmeißt die Fackel auf den Boden und schreit jubelnd. Alle feuern ihn an. Ich denke, dass ich doch noch etwas zu trinken brauche. Als die Stimmung wieder entspannter wird, traue ich mich endlich auf Sven zuzugehen. Der Schnaps motiviert mich von Sven vielleicht ein paar Antworten auf meine Fragen zu bekommen. Ich frage ihn schließlich: „Sven, war das eben so eine Art Ritual? Habt ihr noch viel Bezug zu der Vergangenheit?“ Sven zieht an seiner Zigarette und schaut mich nicht mal an. Er zieht seinen Pullover über seinen angebrannten Arm und antwortet kurz: „Das war nur eine Spinnerei von Besoffenen, sonst nichts.“ Ich nutze die Chance und frage ihn weiter nach der Zeit als die Nazis hier nach den Schätzen suchten. Sven dreht sich zu mir und schubst mich plötzlich von sich. Mit aggressiver Stimme antwortet er: „Du gehst mir auf den Sack mit deinen dum! men Frag en. Halt endlich dein Maul und trinke was oder geh.“ Aus irgendeinem Grund schubse ich ihn leicht zurück. Sven packt mich am Kragen und schreit mir ins Ohr: „Was soll der Scheiß? Willst du dich mit mir anlegen?“ Ich bin wie erstarrt. Alle anderen schauen schweigen zu uns. Anna fasst an Svens Arm und bittet ihn: „Bitte lass ihn, er hat doch keine Ahnung.“ Sven lässt von mir ab und dreht sich um. Im Weglaufen brabbelt er vermutlich irgendwelche Beleidigungen. Ich bin immer noch wie gelähmt. Bruno kommt zu mir. „Komm Daniel, wir haben alle viel getrunken. Ich bringe dich zurück ins Motel.“ Wortlos laufen wir den Weg entlang. Ich bedanke mich kurz bei Bruno und gehe in mein Zimmer. Noch bis in die späte Nacht sitze ich wieder am Boden meiner Dusche. Mich juckt es überall und ich zittere. War es das, was ich rausfinden oder erleben sollte?

 

Ieldranblod – Das Blut der Ahnen

 

Wieder kein Schlaf. Noch im Bett liegend höre ich wie unten Getrud das Frühstück vorbereitet. Ich gehe nach unten und setze mich an den Tisch, um die gewöhnungsbedürftige Wurstspezialitäten zu essen. Getrud ist wie auch die letzten Tage sehr schweigsam. Kurz bevor sie wieder in die Küche zurückgeht ruft sie mir nur kurz zu: „Mahlzeit“. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt. Nach dem Essen überlege ich nochmals die Burg zu besteigen. Ich bin mir nicht sicher warum eigentlich. Aber möglicherweise um einen Schlussstrich zu ziehen, beziehungsweise Abschied zu nehmen. Als ich durch den Ort laufe, sehe ich ein paar Häuser weiter Sven stehen. Ich bleibe stehen und meine Hände fangen an zu schwitzen. Ich möchte umdrehen und schnell zurück ins Motel. Kurz bevor ich mich umdrehen kann, sieht mich Sven und hebt die Hand. „Hey, warte.“ Ich bin versteinert, kann mich weder rückwärts- noch vorwärtsbewegen. Sven läuft zügig auf mich zu. Ich bleibe immer noch stehen, obwohl ich wegrennen möchte. Sven steht vor mir und lächelt. „Hey komm, das gestern war nicht so gemeint. Wir haben alle getrunken. Du bist doch nicht nachtragend oder?“ Ich antworte ihm: „alles ok.“ Dabei ist nichts ok. Ich möchte das dies einfach schnell vorbei geht. Doch Sven wirkt auf einmal freundlich und streckt die Hand aus. „Komm schlag ein. Manchmal bin ich schnell gereizt. Fangen wir nochmal von vorne an ok?“ Ich gebe ihm die Hand und komischerweise fällt eine riesen Last von mir ab. Als Sven noch meine Hand hält fragt er mich: „Ich sag dir was. Zuhause bei mir gibt es gutes Essen heute Abend. Als Wiedergutmachung lade ich dich ein, ok?“ Ich nicke ihm zu und schüttle seine Hand. Sven erwähnt noch: „Komm um sechs einfach in den Metzgerladen von meinem Alten.“ Sven geht wieder in die andere Richtung. Ich breche mein Vorhaben ab auf! die Bur g zu gehen und kehre lieber zurück ins Motel. Ich muss mich schließlich emotional auf heute Abend vorbereiten. Um kurz vor sechs stehe ich vor dem alten Gebäude wo sich im unteren Stock der Dorfmetzger befindet. Im Laden steht ein großer stämmiger Mann mit Schnurrbart und Schürze hinter der Theke. Er schaut mich grimmig an und fragt mit tiefer Stimme: „Was darf es sein?“ Ich erzähle ihm von Sven´s Einladung. Er legt die Schürze ab und brummelt in seinen Bart: „Davon hat mir der Nichtsnutz nichts erzählt. Naja, dann komm halt mit nach hinten.“ Ich folge ihm nach hinten in den Wohnbereich. Der Metzger läuft in ein anderes Zimmer und sagt mir weggedrehtem Rücken: „Ich bin Franz, setzt dich an den Tisch. Essen kommt, wenn es fertig ist.“ Die Einrichtung wirkt wie aus einer anderen Epoche. Alles ist sehr rustikal und dunkel. Sven kommt herein und setzt sich zu mir. „Hallo Daniel, meinen alten Herren hast du ja schon kennen gelernt. Er redet nicht sehr viel. Ich hoffe du hast Hunger? Heute gibt es die beste Wurst die du je gegessen hast.“ Ich lächle und antworte ihm höflich: „Vielen Dank. Ich freue mich schon.“ Die Küchen Tür knallt auf und Franz bringt eine Platte voller Schweins- und Rindswürste. Er setzt sich ohne Worte hin und nimmt sich ein paar Würste von der Platte auf den Teller. Sven füllt meinen Teller und wartet scheinbar auf meine Reaktion des Geschmacks. Beim ersten Bissen würde ich am liebsten die Wurst zurück auf den Teller spucken, aber dies sollte ich wohl lieber lassen. Mit vollem Mund nicke ich Sven grinsend zu. Dieser fängt auch an zu essen. Ich frage mich wo Svens Mutter ist. Da die Wohnung nicht den Eindruck vermittelt, dass hier auch eine Frau wohnen würde, unterstehe ich mir jegliche Fragen. Als eine fast erdrückende Stille herrscht, klopft Franz auf den Tisch. Ich erschrecke mich derart, dass ich mich fast! verschl ucke. Er schaut Sven an und brüllt: „Wo bist du, wenn man dich mal braucht? Nichts kann man mit dir anfangen?“ Sven erwidert ihm: „Ich habe keine Lust jeden Tag in Schweinefleisch zu baden.“ Franz springt vom Stuhl auf, packt Sven im Nacken und drückt seinen Kopf auf den Tisch. „Wie sprichst du mit mir? Sie froh, dass ich dich versorge mit allem. Eine Schande bist du. Würde deine Mutter noch leben würde sie vor Scharm zusammenbrechen.“ Franz lässt von Sven ab und isst wütend seine Wurst weiter. Ich sitze regungslos im Stuhl und wünschte mir ich wäre nie hierhergekommen. Franz steht auf, wirft seine Serviette auf den Tisch und läuft ins Wohnzimmer. Sven steht ebenfalls auf und signalisiert mir, dass ich mit nach draußen kommen soll. Im Hausgang fällt mir ein altes schwarz-weiß Bild auf, auf dem drei Männer mit offensichtlicher SS-Uniform zu sehen sind. Ich folge Sven nach draußen. Sven setzt sich auf eine Mauer und steckt sich eine Zigarette an. Er sagt mit ungewohnter leisen Stimme: „Tut mir leid wegen dem. Ich wollte dir etwas Gutes tun und hab es verkackt.“ Jetzt habe ich Mitleid mit Sven und setzte mich neben ihn: „Ach das macht doch nichts.“ Sven bietet mir ein Zug seiner Zigarette an. Ich ziehe daran und muss direkt husten. Wir müssen beide lachen. Sven schaut mich schmunzelt an: „Du bist gar nicht so verkehrt.“ Ich fühle mich jetzt nicht mehr angespannt in seiner Gegenwart und frage ihn zu dem Bild im Gang. Sven erklärt mir: „Das war mein Großvater im Krieg. Ich denke mit seinen Offizieren. Keine Ahnung. Wir reden darüber nicht so viel hier.“ Sven springt von der Mauer auf und schlägt mir vor: „Komm, ich habe eine Idee. Ich habe das Gefühl du kennst die ganze Scheiße die ich auch erlebe. Ich möchte das wir von nun an eine Verbindung haben.“ Sven zieht sein Oberteil aus und holt ein Mess! er aus s einer Hosentasche. Ich bin erschrocken und finde keine Antwort. Sven fordert mich auf: „Scheiß dich nicht ein. Zieh auch dein Oberteil aus. Ich schneide dir schon nicht den Kopf ab.“ Ich folge seiner Anweisung und werde immer nervöser, weil ich nicht weiß was er gerade plant. Sven hebt das Messer. „Lass und Brüder sein in der Nacht. Schließen wir heute eine ewige Verbindung.“ Ich habe ein wenig Angst vor dem was kommt aber bin gleichzeitig positiv aufgeregt und fühle mich fast geehrt. Sven macht einen Schnitt an seiner Arminnenseite und packt darauf meinen Arm. Der Schnitt erfolgt so schnell, dass ich ihn kaum spüre. Sven drückt meine Wunde auf seine. Wir lächeln uns an. Ich fühle tatsächlich eine magische Bindung. Sven löst sich und holt hinter sich ein Glas und füllt es mit Bier aus einer Flasche. In das volle Glas lässt er einen Tropfen Blut von seinem Arm tropfen. Er hält mir das Glas hin und fordert das Gleiche. Danach trinkt er daraus und hält es erneut in meine Richtung. Ich trinke ebenfalls. Ich fühle mich irgendwie berauscht durch dieses Blutsritual. Sven stellt das Glas weg und sagt zu mir: „Wir sind jetzt Brüder für immer. War doch gar nicht so schlimm oder? Ich geh jetzt pennen. Bevor ich es vergesse, morgen Abend feiern wir ein bissen vor dem Bärenfest oben auf der Burg mit noch ein paar der Anderen.“ Ich antworte Sven: „Alles ok. Vielen Dank, dass du mich eingeladen hast und sonst. Gerne komme ich morgen vorbei.“ Wir verabschieden uns und ich kehre wieder ins Motel zurück. Seit langem habe ich mich nicht mehr so gut gefühlt. Endlich kann ich mal in Ruhe schlafen. Am nächsten Morgen fühle ich eine tiefe Zufriedenheit. Wieder macht mir die schweigsame Gertrud das Frühstück. Ich überlege wie die Feier heute Abend wohl verlaufen würde und was ich anziehen soll. Heute wird mein letzter Tag in Dunkeleck sein ! bevor ic h abreise. Mein ursprüngliches Ziel war es, der Legende von Bärenauge und seinem Vermächtnis nachzugehen. Auch konnte ich letztlich nichts über den verschwundenen jungen Mann in Erfahrung bringen. Dennoch fühle ich mich nicht mehr schlecht deswegen. Ganz im Gegenteil. Ich fühle mich zufrieden. Auch wenn ich quasi nichts gefunden habe, konnte ich endlich Anschluss finden und werden so akzeptiert wie ich bin. Mittags will ich vor der Feier nochmals durch den Ort schlendern. Die Vorbereitungen auf das Bärenfest sind nicht zu übersehen. Überall sind Blumen auf den öffentlichen Plätzen angerichtet und auf dem Dorfplatz wurden Festzelte aufgebaut. Auf einer Weide soll ein großes Feuer entzündet werden zu Ehren der Ahnen. Auf viele Menschen treffe ich allerdings noch nicht. Ich bemerke, dass es schon spät nachmittags ist und ich mich besser auf heute Abend vorbereiten sollte. Es ist kurz nach 7, Kleider sind rausgelegt und ich habe mich moralisch auf heute Abend vorbereitet. Ich begebe mich in Richtung der Burg. Auf dem Weg nach Oben fallen mir direkt die Fackellichter auf der Burg ins Auge. Ich bin etwas nervös, aber möchte mir nichts anmerken lassen. Auf der Burg angekommen sind etwa 30 Leute im Burghof versammelt und trinken an einem großen Feuer. Viele davon haben eine seltsame Uniform an. Sie erinnern mich an die der Pfadfinder. Es gibt reichlich Bier und es läuft Musik. Sven begrüßt mich direkt als ich den ehemaligen Burghof betrete. „Schön, dass du gekommen bist. Los, nimm was zu Trinken, wir feiern anständig.“ Ich nehme das Bier was mir Sven hinstreckt. In der Menge sehe ich bereits Anna und Bruno. Bruno sieht mich auch und winkt mir aus der Entfernung. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung. Ich stehe recht Abseits, weil ich nicht wirklich mit Fremden reden möchte und mich zudem noch nicht richtig zugehörig fühle. Bruno kommt und bringt mehrere Schnäpse. &bdqu! o;Hey Da niel. Heute wird gefeiert. Ich möchte, dass du mit mir trinkst.“ Ich stoße mit Bruno an und überwinde mich den Schnaps runter zu würgen. Anna kommt hinzu und fragt wie es mir geht. In ihrer Gegenwart bin ich nervös und antworte ihr unbeholfen: „Hey Anna mir geht’s gut soweit. Willst du auch mit uns trinke?“ Etwas Besseres ist mir zu dem Zeitpunkt nicht eingefallen und ich habe mich dadurch auch noch selbst gezwungen mehr Schnaps zu trinken. Alle drei stoßen wir zusammen an. Ich verstehe immer noch nicht was diese Uniformen bedeuten und ich frage deshalb Bruno danach: „Was sind das für Uniformen? Seid ihr sowas wie Pfadfinder?“ Bruno lacht und antwortet: „Ach, das ist so eine Art von Landjugend. Schon unsere Großväter hatten zur Festzeit so eine Uniform. Ich finde es auch ein bisschen lächerlich, aber es ist halt Tradition.“ Bevor ich näher nachfragen kann, bietet mir Bruno schon den nächsten Schnaps an. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mal derart viel getrunken hatte. Alles wirkt schon verschwommen und meine Gedanken überschlagen sich in meinem Kopf. Auf einmal ertönt Svens Stimme laut aus der Menge: „Es ist Zeit, kommt her.“ Sven steht auf einem Stein und die Leute versammeln sich um ihn herum. Sven zeigt mit dem Finger auf mich und ruft mich herbei: „Daniel, komm her vor mich.“ Ich bin erschrocken und kann es nicht glauben, dass er mich meint. Als er seine Aufforderung widerholt, schwanke ich volltrunken in seine Richtung. Gefühlt stehen plötzlich alle um mich herum. Ich fange an mich unwohl zu fühlen. Was habe ich mit all dem gerade zu tun. Sven schaut in den Himmel und ruft: „Heute ist die Nacht wo die Ahnen zuschauen und sich das Blut vereint.“ Ich stehe versteinert da und weiß nicht was ich tun soll. Alle Leute um mich herum entzünden eine Fackel. Ich frage Sven: „Sven, was passiert hier? Ich verstehe es ni! cht. Was muss ich hier machen?“ Sven antwortet mir grinsend: „Dachtest du wirklich du kommst her um den Ort zu erforschen? Du wurdest gerufen. Deine Auge ist keine Entstellung sondern ein Mahl. Du hast eine Prophezeiung zu erfüllen. Du bist es, der eine neue Zeit einleiten wird“. Alle schauen schweigend auf mich. Auch entdecke ich die schweigsame Gertrud in der Menge mit einer Fackel in der Hand. Ich beginne wieder zu stark schwitzen. Weglaufen scheint unmöglich. Ich rede auf Sven ein: „Von was sprichst du? Ich bin das nicht. Lass uns weiter feiern.“ Sven schaut mich ernst an und fordert mich auf: „Gehe zum Altar und vollziehe deine Bestimmung“. Ich schaue mich nach Bruno um, in der Hoffnung dieser könnte mir helfen, aber ich kann ich nicht entdecken. Zwei Männer packen mich gleichzeitig an beiden Armen und führen mich zu einem großen flachen Stein. Sie signalisieren mir, dass ich mich darauf legen soll. Mir ist schwindelig und langsam bin ich mir nicht mehr sicher ob ich vielleicht träume. Alles dreht sich und fühlt sich surreal an. Ich liege auf dem kalten Stein und blicke in den Himmel. Ich kann mich nicht bewegen, nur daliegen und den Film an mir vorbei ziehen lassen. Ich höre wie Sven Anna herbei ruft. Kurze Zeit später spüre ich wie Anna sich zu mir auf den Stein legt. Als ich sie fragen will was hier passiert, signalisiert sie mir zu schweigen. Sie zieht ihre Hose aus und zieht ebenso meine herunter. Immer noch bin ich wie versteinert. Was ist hier los? Alle stehen um uns herum. Anna bewegt sich auf und ab. Habe ich etwa Sex? Ich spüre nichts. Der Himmel und die Sterne drehen sich. Um mich herum drehen sich die Fackeln der Leute. Meine Augen fallen zu. Alles ist dunkel.

 

 

Wo ich bin, werde ich sein

 

Meine Augen öffnen sich langsam. Ich habe gerade keine Orientierung. Ich liege in einem Bett. Als ich wieder einen klaren Blick habe, schau ich mich um. Im Zimmer steht ein Schrank und ein Schreibtisch mit einem Computer. Als ich mich erheben möchte, geht die Zimmer auf. Ein Mann mit einer Art Krankenhauskleidung seht im Türrahmen. Er ruft mir zu: „Daniel, hast du wieder nicht geschlafen? Sag bloß du fängst jetzt wieder mit dem Scheiß an. Du schwitzt schon wieder. Nerve mich heute bloß nicht.“ Ich verstehe nicht wo ich bin und ich hier mache. Ich frage den Mann wer er ist und wo ich hier bin. Er antwortet mir mit genervter Stimme: „Na wer wohl? Sven. Bitte fang nicht wieder von diesem Bärenauge-Scheiß an. Ich kann es nicht mehr hören.“ Ich sitze auf meinem Bettrand und kratze mich nervös an den Fingern. Ich komme kaum zu mir und fühle mich deswegen sehr verwirrt. Was soll das alles hier? Was macht Sven hier? Habe ich gerade geträumt? Meine Fragen überschlagen sich im Kopf und ich bin derart nervös, dass ich Panik bekomme. Sven steht immer noch in der Tür und eine zweite Person kommt zu ihm. Sind diese Leute sowas wie Pfleger? Bin ich in einem Krankenhaus? Der eine Pfleger meint zu Sven: „Heute schon wieder Journalist? Hat er seine Tabletten schon genommen?“ Sven schaut genervt zu mir: „Daniel, jedes mal muss ich mir das geben. Beruhige dich, es gibt bald Mittagessen.“ Sven und der andere Pfleger schließen wieder die Tür hinter sich. Ich muss mich erstmal sammeln. Beim Aufstehen bemerke ich auf meinem Schreibtisch ein Buch. Der Titel lautet: „Die Legende von Bärenauge“. War das vielleicht wirklich nur ein Traum? Aber warum bin ich hier? Ich beschließe das Zimmer zu verlassen, um mich umzusehen. Auf dem Gang stelle ich fest, dass dies kein Krankenhaus ist. Ich befinde mich in einer Art von Heim. Vor mir ist ein Gemeinschaftsraum, wo bereits Le! ute am T isch sitzen. Sie warten wohl auf das von Sven angekündigte Mittagsessen. Eine Person dreht sich rum und schiebt den einzigen leeren Stuhl vor. „Komm Daniel setz dich. Es gibt gleich Essen“. Ich setze mich zu weiteren 6 Personen an den Tisch. Die meisten wirken auf den ersten Blick geistig verwirrt, beziehungsweise krank. Mein Tischnachbar schaut mich an und fragt mich: „Geht es dir wieder nicht so gut heute?“ Ich erwidere ihm: „Ich bin verwirrt und weiß nicht was ich hier mache“. Einige am Tisch lachen. Bin ich vielleicht wirklich krank und wohne hier? War dies alles ein Traum? Sven und der andere Pfleger servieren das Essen. Da ich sehr hungrig bin, stelle ich keine Fragen mehr und konzentriere mich auf das Essen. Als ich und die anderen soweit fertig sind mit Essen, sagt der eine Pfleger zu mir: „Daniel du bekommst gleich Besuch. Du kannst schon mal in dein Zimmer.“ Wer soll mich hier besuchen kommen? Ich weiß nicht mehr was ich fragen soll und begebe mich daher in mein Zimmer um abzuwarten wer kommt. Im Zimmer warte ich ungeduldig auf meinem Bett und kaue nervös an meinen Fingernägeln rum. Ich schau auf meine Hände und bemerke meine kaputten Finger. An allen Nägel ist die Haut abgerissen. Langsam bekomme ich das Gefühl tatsächlich hierherzugehören. Die Tür geht langsam auf. Es ist Bruno. Dieser kommt lachend in mein Zimmer aber sein Gesichtsausdruck wird auf einmal ernster. Er fragt mich: „Daniel geht es dir etwa heute nicht so gut?“ Ich frage ihn direkt: „Bruno was mache ich hier? Ich verstehe gerade nichts. Ich bin sehr verwirrt.“ Ich war vorher noch auf der Burg Bärenruf und wache dann hier auf. Beziehungsweise weiß ich nicht ob es ein Traum oder Realität war“. Bruno setzt sich neben mich aufs Bett und legt seine Hand auf mein Knie. „Es wird alles gut. Wirken die neuen Medikamente noch nicht richtig?“ Ich frage Bruno was er hier macht und! warum i ch hier bin. Bruno wirkt verzweifelt und erklärt mir: „Ach Daniel, fast jedes mal, wenn ich her komme stellst du mir unzählige Fragen. Ich bin dein Bruder und du wohnst hier bereits seit 8 Jahren.“ Bruno versucht mich zu beruhigen. „Daniel komm, ich bin extra weit hergereist. Ein bisschen zusammenreißen könntest du dich schon für mich.“ Ich würde am liebsten losrennen, aber wohin nur. In mir brennt gerade ein Feuer, dass sich zunehmend ausbreitet. Mein Körper macht was er will. Auch wenn alle genervt wirken muss ich weiter Fragen stellen. „Sind es wirklich schon 8 Jahre. Erzähle mir bitte alles darüber was ich hier mache. Ich verstehe gerade nichts. Bitte helfe mir.“ Bruno sammelt sich kurz und erzählt mir: „Es ist zwar immer das Gleiche, aber ok von mir aus. Du kommst aus Dunkeleck. Wir hatten dort ein Metzgerbetrieb. Kurz nach der Geburt wurde schon festgestellt, dass du kein normales Baby bist. Ein Tag später starb unsere Mama. Papa kam nicht so gut klar mit dir und deinen Besonderheiten. Ich kümmerte mich größtenteils um dich, aber alle anderen hackten nur auf dir rum. Eines Tages liefst du einfach davon und keiner konnte dich finden. Es hieß du bist du fast nackt ganze 15 Kilometer bis ins nächst größere Dorf gelaufen. Dort schnappte dich die Polizei auf und übergab dich den Behörden. Nach einigen Prüfungen wurdest du letztlich hier in dieses Heim einquartiert.“ Meine Verwirrung hat sich in Verzweiflung umgewandelt. Ich kann es kaum glauben, aber Brunos Geschichte scheint mir schlüssig. Dunkeleck ist kein Traum, es ist Realität und ich träume scheinbar wirres Zeug drüber. Bruno steht auf und läuft Richtung Tür. „Daniel ich lass dich mal ein bisschen runterkommen. Ich gehe ein bisschen in die Cafeteria und komme später nochmal zu dir.“ Ich weiß nicht mehr was ich sagen soll und winke einfach in! seine R ichtung. Ich bin gerade tatsächlich zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Die Fragen lassen mir keine Ruhe. Dieser Traum war einfach so real. Auch wenn es ein Traum war, muss dieser doch auf realen Geschehnissen beruhen. Aber wohlmöglich habe ich das Buch auf meinem Tisch zu viel gelesen und mir eine Geschichte im Kopf zusammengespunnen. Ich halte es in dem Zimmer nicht mehr aus. Ich muss an die frische Luft oder einfach hier raus. Im Gang führt eine Treppe zum Eingang. Als ich den Gang entlang laufe kommt eine Rollstuhlfahrerin aus ihrem Zimmer. Mit gesenktem Kopf streckt sie direkt die Hand nach mir aus. Als ich ihr die Hand gebe sehe ich die vernarbten Arme. Sie hebt den Kopf. Es ist Anna. Leise flüstert sie mir zu: „Hallo Daniel, geht es dir wieder nicht gut?“ Ich verstehe das alles nicht. Warum sitzt Anna im Rollstuhl? Ich gehe auf die Knie vor ihr und frage sie: „Anna, was ist mit mir los?“ Anna schaut mir traurig ins Gesicht und nimmt meine beiden Hände in ihre. „Ach, das wird schon wieder. Morgen sieht alles wieder anders aus, glaub mir.“ Ich bin mir nicht sicher was das bedeuten soll. Es scheint keine Antworten auf meine Fragen zu geben. Ich brauche erstmal Zeit zum Nachdenken. Ich stehe wieder auf, lasse Anna´s Hände los und begebe mich ohne Worte zu verlieren in Richtung Ausgang. Auf dem Parkplatz angekommen entdecke ich einen angrenzenden Park. Vielleicht sollte ich mich hier mal umsehen und ein bisschen Laufen, um klare Gedanken zu fassen. Im Park angekommen sitzt ein Mann auf einer Bank, der aussieht wie der Pfarrer Heinrich aus meinem Traum. Es ist langsam dunkel geworden und ich kann ihn aus der Ferne nicht richtig erkennen. Als ich auf dem Gehweg an ihm vorbeilaufe, sitzt er rauchend mit einem luftigen Hemd und kurzen Hosen auf der Bank und bläst den Rauch in die Luft. Das muss der Pfarrer aus meinem Traum sein. Ich überlege kurz in anzusprechen. Doch was soll ich schon sagen. Als ich wortlos an ihm vorb! ei laufe beachtet er mich nicht einmal wirklich. Ich frage mich was ich hier überhaupt mache und was ich mir erhoffe. Mein Leben findet wohl hier statt. Mein Traum war die Hoffnung auf etwas was ich nie sein werde. War ich überhaupt schon einmal wo anders als hier und was, wenn ich morgen wieder das Gleiche durchlebe? Bei all dem, frage ich mich schlussendlich was ich überhaupt für eine Krankheit haben soll. Ich hätte lieber genauer nachfragen sollen, warum ich ins Heim gekommen bin. Aber die Erkenntnis kommt schnell. Egal wie, es gibt wohl keinen anderen Weg. Keine Andere Wahrheit. Ich lauf bis zum Ende des Parks. Auf einer Wiese ist liegt ein Stapel geschnittenem Holz. In meiner Hosentasche entdecke in ein Feuerzeug. Warum auch immer dieses in meiner Tasche ist. Rauche ich? Bisher wusste ich das nicht. Aber was weiß ich zurzeit schon mit Sicherheit. Ich habe den inneren Drang den Holzhaufen zu entzünden, wohl um mich besser zu fühlen. Was soll das bringen. Ich nehme ein Stück Zeitung welches neben einem Mülleimer liegt und steckte das endbrannte Stück in das Holz. Warum ich das getan habe? Ich weiß es nicht. Als das Feuer entbrannt fühle ich mich tatsächlich etwas erleichtert. Doch die Flammen werfen Funken, welche auf die umliegenden Sträucher fliegen. Es dauert nicht sehr lange bis sich das Feuer weiter ausbreitet. Ich bekomme langsam Panik. Was habe ich getan und vor allem warum? Ich vernehme das Ertönen von Sirenen. Was bedeutet das alles hier? Ich fühle mich alleine und kann keinen Sinn in meiner Existenz sehen. Ich höre die Stimme des Pfarrers sagen: „Du musst werden was bestimmt ist.“ Ich schau mich erschrocken um, aber niemand außer mir ist hier. Verliere ich jetzt komplett den Verstand. Wohlmöglich hat mein Traum doch eine Bedeutung.

Ich bin vielleicht wirklich zu etwas Anderem bestimmt als das. Ich muss etwas verändern, etwas Großes tun. Ich lege meine Kleider ab und stehe vor dem Feuer. Meine Emotionen sind wie verstummt. Ich bin fokussiert auf die Flammen. Ich stehe auf steinigen Vorsprung. Unter mir ein tiefer Hang aus brennendem Holz. Etwas bewegt mich vorwärts in die Flammen. Die Sirenen kommen näher. Ohne einen weiteren Gedanken springe ich in das Flammenmeer. Ich wache auf. Mein Blick ist in Richtung klarem Sternehimmel. Ich liege nackt auf einem Hügel in einem Fell gehüllt. Als ich mein Kopf aufrichte, sehe von dem hohen Hügel auf dem ich liege in die weite Umgebung. Nichts außer weitem Wald. Schöner stiller dunkler Wald.

 

 

Sagst du mir wer ich bin. Ich bin was ich erblicke. Ich bin was ich mir wünsche. Auch wenn du mir sagst was ich erblicke und meine Wünsche das sind was sich andere für mich wünschen. Wünsche sind für Träumer.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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