Gherkin

DAS WRACK

DIE SUBLIM-SUBTILE FASZINATION DES HEIMLICHEN GRAUENS (eine SITRA ACHRA-Story)          © Gherkin

Dr. Gebhard Zwolle wirkte aufgrund seiner intellektuellen Ausstrahlung faszinierend:

Hohe  Stirn, Brille mit hervorragend optimiertem Gestell und Goldrand, passend zum kantig-ernsten, bartlosen, stets glatt rasierten, immer rosig-frischen Gesicht. Darin höchst aufmerksame, listig blinkende, stahlgraue Augen, die das Gegenüber sicher und klar anzuschauen gewohnt waren, frei von Angst oder Scheu. Auffällig der fein geschnittene Mund mit sensiblem Lippenschwung – ja, das machte einigen Eindruck auf den Betrachter. Schön? Nein, als schön konnte dieser Zwolle nun nicht gerade bezeichnet werden, aber er mochte  als äußerst interessante, für Frauen durchaus attraktive Erscheinung gelten. Erfolgreich als 2. Prokurist einer expandierenden großen Industrietechnik-Vertriebsgesellschaft tätig (es war sein ausgemachtes Ziel, innerhalb von 3 Jahren 1. Prokurist zu sein!), hatte er es zu, sagen wir, bescheidenem Wohlstand gebracht. Ihn reich zu nennen, das wäre übertrieben, Zwolle nannte ein nettes Eigenheim, ein nagelneues Auto – und natürlich eine kleine Familie sein Eigen.

Die rechte Doppelhaushälfte hatte er vermietet. An ein ruhiges Ehepaar mit wohlerzogenen Kindern. Bevor er den Mietvertrag unterschrieb, hatte Zwolle das Ehepaar vierfach „abgecheckt“, über die Schufa, den Verband Creditreform, die Auskunftei Schimmelpfeng und einen etwas merkwürdigen Privatdetektiven namens Wolfram Siebenkreutz. Erst, als er von allen 4 Seiten das klare O.K. bekommen hatte (Bonitätsstufe überall zwischen 200 und 100), war er bereit, dem Ehepaar Küng (nicht verwandt mit dem Theologen) die rechte Doppelhaushälfte zu einem vertretbaren Preis zu vermieten. Es mag dies ein gewisses beleuchtendes Element auf den Privatmann Zwolle werfen, der durchweg konservativ, abseits allen „weltlichen Trubels“, seine biederen Kreise zog. Sowohl im Beruf als auch privat galt Gebhard Zwolle als etwas „angestaubt“, ein ganz klein wenig langweilig. Daher wurde er auch beim Chef der Firma, für die er tätig war, für eine Beförderung zum 1. Prokuristen langfristig nicht in Betracht gezogen – dies aber war Zwolle nicht bekannt. Sein Chef setzte auf "innovative Kräfte mit Eigeninitiative". Davon war G. Zwolle weit entfernt.

Die andere Doppelhaushälfte bewohnte er selbst mit Frau und Kindern. Laster kannte er keine, er rauchte und trank nicht, hatte dies nie getan. Selbst in seinen "wilden"  Zeiten, die es eigentlich nur dem Namen nach gab (Zwolle hatte sich ein einziges Mal auf ein Skateboard gestellt und war kläglich gescheitert), hatte er niemals auch nur einem Exzess gefrönt, war nie aufgefallen. Lieblingsmusik: Adamo und die Wildecker Herzbuben, Lieblingslektüre: Financial Times. TV-Highlights: ZDF Fernsehgarten, Küchenschlacht, einige Quiz-Shows und Notruf Hafenkante. 4 Sprachen, alle perfekt: Englisch, Spanisch, Französisch und Niederländisch, da die meisten Kunden des Süchtelner Betriebs in den Niederlanden zu finden waren. Sein Lieblingsfilm war „Ein Schweinchen namens Babe“, weil die Ehefrau und auch die Kinder diesen Film bevorzugten. Es war üblich für die Familie Zwolle, an den Osterfeiertagen Teil 1 und 2 an den aufeinander folgenden Feiertagen zu sehen. Jahr für Jahr… Wie Dinner for One. Unabänderlich.


Zwolle gab sich nicht dem Glücksspiel hin und besuchte niemals auch nur eines der vielen Bordelle oder „Clubs“ in Mönchengladbach. Kurz, Gebhard Zwolle war das Musterbeispiel eines Mannes, dem man ansah, dass er nicht nur sein Leben meisterte, sondern zudem auch noch gern lebte. Denn er hatte Prinzipien, Ziele und Aufgaben zu einer Einheit verwoben, er lebte strengstens auf Einhaltung aller Regeln bedacht. An seiner Seite: Eine liebende Frau, sie war ihm treu ergeben, schien ihm zugetan und unterstützte liebevoll, fürsorglich und kameradschaftlich seine Ziele, die sie auch, aus praktischen Erwägungen heraus, zu den ihren erkoren hatte, und den beiden Kindern,  friedlich vor sich hin. Als Ehefrau und ‚Rückenstärkerin’ achtete sie darauf, dass die häuslichen Probleme, sofern überhaupt vorhanden und augenscheinlich geworden, den Gemahl kaum erreichten. Die Kinder, ein Junge und ein Mädchen, dessen Namen er ab und an vergaß, was ihm jedes Mal sehr peinlich war, sie hatten ihm niemals auch nur für eine Minute Kummer bereitet, passten hervorragend ins bislang als erfreulich wahrgenommene Bild – in seiner kleinen Welt, mit sich und seinem Schicksal sehr zufrieden, gab es keinen Horror und keine Probleme. Durchaus glücklich also lebte dieser Zwolle inmitten der umtosten Steinwüste, abseits von Leid, Not und Elend, von Kummer, Entbehrung und Zweifeln aller Art. Und doch war es gerade diesem Mann bestimmt, ja auch und gerade ihm, auf bitterste Art und Weise, in nie gekannter Manier, den Becher der Erkenntnis bis zur Neige zu leeren. Dem sonntäglichen  Kirchgänger sollte eine harte Lektion durch das pralle Leben erteilt werden.

Und ergo musste Zwolle eines Tages erkennen, dass es diese andere Seite gab, die wir hier einmal 'SITRA ACHRA' nennen wollen.

An einem Morgen im Mai, als sein fast fabrikneuer Opel Zafira 1.6 CNG ecoFLEX Turbo Erdgas-Van streikte (er hatte ihn aus reiner Solidarität mit den von Magna geschluckten und deutlich abgebauten Arbeitnehmern der autarken Ex-General Motors-Belegschaft gekauft, obschon er einen flotten kleinen Toyota im Blick gehabt hatte), sah sich Zwolle erstmalig gezwungen, auf den Linienbus der Linie 15 oder 19 auszuweichen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren drohte eine Verspätung, diese harte Tatsache machte ihm doch etwas zu schaffen. An der Haltestelle angekommen, musste er feststellen, dass hier nur alle 40 Minuten Verbindung zur Außenwelt unterhalten bzw. angeboten wurde. Die Linie 15 in Richtung Industriereservat verkehrte bis 7:45 Uhr im 20-Minuten-Takt, ab dieser Zeit jedoch nur noch im 40-Minuten-Abstand. Jetzt war gerade ein Bus dieser Linie um die Ecke gebogen, Zwolle konnte ihn noch sehen. Er unterdrückte einen Fluch. Hätte er geflucht, so wäre ihm wahrscheinlich ein „verdomme“ herausgerutscht. Dies war sein Zugeständnis an die holländischen Handelspartner, oft genug hatte er diesen Fluch hören müssen, ob am Telefon oder in den vielen Arbeitssitzungen. Aber Zwolle pflegte nie zu fluchen. Sich auf die Lippe beißen, bei Gebhard Zwolle kein bildhafter Ausspruch, nein, er biss sich tatsächlich auf die Unterlippe, auf dass kein Fluch seinen gepflegten Mund- und Rachenraum verlassen konnte. Ein schneller Blick auf die teure Uhr, der einzige Luxus, den er sich gönnte – es war bereits 7:48 Uhr, nicht daran zu rütteln. Der nächste Bus also würde in ca. 35 Minuten fahren. Die 19 fuhr, wie ein Aushang deutlich machte, gar nicht mehr von hier aus. Ein Taxi? So überlegte Zwolle und verwarf den Gedanken rasch. Nein, entschied er sich spontan, und Spontaneität war nun wirklich nicht sein zweiter Vorname. Kein Taxi.


Abenteuer würzen den Eintopf der Belanglosigkeiten im Leben. Warum sollte er, Zwolle, nicht auch einmal etwas zu spät zur Arbeit kommen?!? Mein Leben, es verläuft in absolut geraden Bahnen, ja, ich bin fast geneigt zu sagen, es ist sogar ein wenig eintönig, einförmig, fad. So sinnierte er vor sich hin. Da tut etwas Unruhe wohl, philosophierte Zwolle weiter, hernach weiß man umso mehr die soliden Grundpfeiler seiner gesicherten Existenz zu schätzen. Also fand sich Zwolle ab und sprach gönnerhaft sich selbst einigen Mut zu, indem er halblaut vor sich hin murmelte: „Wie kann ich je vermisst werden, wenn ich doch immerzu Präsenz demonstriere, permanent anwesend bin?“ Diese beinahe rebellischen Gedankengänge mit einem vagen Schmunzeln verscheuchend, suchte sich Zwolle eine Sitzgelegenheit, um die nächste halbe Stunde bequem überdauern zu können. Dann fiel ihm der Anruf ein. Er schaute sich um. Obschon er nur wenige Minuten von hier entfernt wohnte, war er doch an diesem Ort noch nie gewesen. Nirgendwo eine Telefonzelle, so musste ein Telefonanruf entfallen, denn er hatte aus gewissen Erwägungen heraus, die jetzt und hier nicht näher erläutert werden sollen, auch das Handy nicht dabei. Sollten sich sein Chef und die Kollegen und Untergebenen ruhig etwas Sorgen machen. Der nicht sonderlich gefürchtete Zwolle nannte seinen Mitarbeiterstab für sich persönlich stets „die Untergebenen“, offen hätte er diese Bezeichnung aber niemals gebraucht.


Schlimmer war, dass seine stets sehr gewissenhaft unterrichtete „Heim-Organisation“, sehr engagiert von der Ehefrau geleitet, jetzt nicht informiert werden konnte, die sonst über wahrlich jeden seiner Schritte und Termine exakteste, minutiöse Angaben erhielt. Jetzt dachte Zwolle schon daran, die etwa 800 m bis zu seinem schmucken Haus zu laufen; etwas unsicher machte er sich auf den Weg – da bemerkte er sie! Er wollte heim, um dort die restlichen Minuten bis zur Abfahrt des Linienbusses zu verweilen.


Doch da...


Da sah er die Bank. Sie stand etwas abseits von der Haltestelle, seltsamerweise waren dortselbst keine Sitzgelegenheiten, am Parkeingang. Zwolle ging nun zur Bank, setzte sich und streckte die Beine aus. Er sah sich um. Etwas begann sich neben ihm, auf der zweiten Bank, zu rühren. Überrascht konstatierte Zwolle nun, dass es sich um ein Bündel Mensch handelte. Es war wohl einer jener Individuen, denen man in der Regel gern aus dem Weg geht. „Der innere Zustand eines Menschen“, so pflegte sich Zwolle gern auszudrücken, auch den „Untergebenen“ gegenüber, aber auch im Familienkreis, „lässt sich leicht am äußeren Gesamtbild ablesen!“ So sprach er gern zu Frau und Kindern und achtete daher Zuhause streng penibel auf Sauberkeit, auf Hygiene, perfekte Kleidung, unauffällig und adrett, und stets auf ein „angenehmes äußeres Erscheinungsbild“. Und seine Ansichten bezüglich des Erscheinungsbildes im Zusammenhang mit der psychischen Verfassung schienen gerade hier zu greifen, schienen sich gerade hier zu bestätigen. Das Bündel auf der Nebenbank entpuppte sich als ein Mann unbestimmbaren Alters; ächzend und schwer röchelnd hievte sich der Mensch von der horizontalen Lage in die vertikale, hielt kurz inne, als suche er nach Anhaltspunkten, die ihm Aufschluss darüber geben könnten, wie er in diese Situation geraten war, schmatzte einige Male, grunzte und quetschte ein paar undefinierbare Laute heraus, furzte dann in kurzen Abständen knatternd etwa gut 1 Dutzend mal, sah sich kurz um, bemerkte Zwolle, den angewidert dreinblickenden Nachbarn dort, und fuhr, diesen fortwährend anstarrend, sich nun mit gelben, zitternden Händen, knorrigen Stümpfen gleich, durchs wirre, Schmutz starrende Haupthaar. Beinahe nachdenklich musterte er den entsetzt glotzenden Zwolle, der alle Gebote der Höflichkeit vergessen zu haben schien. Seine Mutter, aber auch seine Frau, hätten ihm gesagt: „Man glotzt doch nicht so auf andere Leute, Gebhard! Schau doch da nicht so hin… Und mach endlich den Mund zu!“


Beinahe nachdenklich musterte der bärtige Mensch dort drüben den entsetzt starrenden Zwolle, kraulte sich dabei den verfilzten, strähnig-grauweißen Bart und rülpste laut. Dann wandte sich der Mann abrupt ab. Er schien plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, Zwolles Anwesenheit vollkommen ignorieren zu wollen, und ohne ihn weiter zu beachten zog der offensichtlich Wohnsitzlose geräuschvoll hoch, brachte gesammelt den so erzeugten Morgenschleim räuspernd zur Zungenspitze, tastete die Bröckchen darin mit Zähnen und Zunge ab – und spuckte hernach, anscheinend ganz zufrieden mit dem Ergebnis, wuchtig aus. Ein dicker, zäher Faden gelblich-braunen Gemenges klatschte mit einem satten Laut vor die Füße des Unbeschreiblichen. Gleich würgte dieser ein zweites Schleimklümpchen zusammen, wieder landete es deutlich hörbar auf dem Boden. Dem letzten, vermutlich toxischen Gemisch war ein Blutfädchen beigegeben, dies schien die volle Aufmerksamkeit des Mannes zu erregen. Er beugte sich unter gewaltigem Gestöhne vor, wobei er seinen mächtigen Wanst anhob und quasi zur Seite schob, tippte den hässlich braun-gelben Zeigefinger mit der stark abgenagten Kuppe in den dickbreiigen Schleimhaufen und rührte ein wenig darin herum, so, als wolle er dem Blutfaden durch das Vermengen weniger oder vielleicht auch gar keine Bedeutung mehr zukommen lassen. Mag sein, er dachte sich dabei, umgerührt sieht dieser Schleim-Blut-Klumpen nicht mehr gar so Furcht erregend aus... Wer konnte schon ahnen, was in einem solchen Hirn vor sich geht? Ging da überhaupt irgendetwas vor sich? Das fragte sich Gebhard Zwolle nun.
Mittlerweile waren höchst unangenehme Gerüche an Zwolles Riechorgan gelangt. Extreme Körperausdünstung, der Gestank der Kleidung und die trockenen Stakkato-Fürze, all dies zusammen ergab einen solch penetranten und  für Gebhard Zwolle niemals zuvor bewusst wahrgenommenen Pesthauch des Todes, dass er befürchten musste, sich jetzt und auf der Stelle zu übergeben, ohnmächtig zu werden oder gar beides zusammen. Dies jetzt gleich hier „erleiden“ zu müssen, hier, im Freien, unter den Augen eines anderen Menschen, das konnte und wollte Zwolle nicht hinnehmen.



Er kämpfte sehr heftig dagegen an. Verwesungsgeruch schlimmsten Kalibers überflutete ihn gleichsam, ihm ist selten im Leben so schlecht gewesen. Das war nur vergleichbar mit der miserablen Paella, die er in Ciutadela (auf Menorca), an der Placa d’es Born, zu sich genommen hatte. Keine 20 Minuten später war ihm schlecht geworden. Aufgrund seiner perfekten Spanischkenntnisse hatte er damals eine komplette Mahlzeit für die ganze Familie erstritten, den teuren weichen Brandy aber zurück gehen lassen. Dies hier schien ihm eine völlig neue Dimension des Begriffes „mir ist schlecht“ zu sein/zu werden. Während nun der von Zwolle als asozial eingestufte Mann dort drüben mit dem rechten kleinen Finger tief in seinem rechten Ohr bohrte, starrte er aus kranken, kleinen, dumpfen, erstaunlich roten, enorm blutunterlaufenen Augen auf Zwolles offensichtliches Bestreben, die drohende Besinnungslosigkeit abzuwenden. Leicht belustigt, und ja, fast schon ein wenig triumphierend schien der Blick des eben erst Erwachten. Ein Speichelfaden fand wie in Zeitlupentempo den Weg zum dichten, Unrat durchwirkten Bartgestrüpp. Doch mehr noch lag im Blick des menschlichen Wracks: Da Angewidertsein eine gewisse Form der Faszination nicht gänzlich auszuschließen in der Lage ist, konnte Zwolle im Kampf gegen das Aufbegehren seines reinlichen und gepflegten Körpers angesichts dieser für ihn albtraumhaften Vorgänge neben ihm nicht wegsehen, nein, wie unter Hypnose suchte er den tumben Blick des Mannes aus dieser für ihn anderen, kaputten, grotesken und surrealen Welt. Er las trotz seiner permanenten Übelkeit (oder glaubte doch zumindest, dies aus dem Blick des Anderen schließen zu können), dass das Wrack in düster-hilflosem Neid und in unbezwingbarer Gier nach dem sicher Unerreichbaren hier eine Art trauriger Ersatzbefriedigung fand – in Zwolles Ekel angesichts solcher Existenzpräsentation (schonungslos, absolut und  enthemmt, Grenzfälle der menschlichen Lebensform radikal aufzeigend und dennoch auch  irgendwie persiflierend/konterkarierend) sah der Obdachlose wohl eine Chance zur Kompensation seines eigenen, nicht gerade zufriedenstellenden Schicksals. Der Magen rebellierte, der Brechreiz wurde fast übermächtig, Hitze stieg in Zwolle hoch.


Eben hatte das Wrack zu husten begonnen. Es hörte sich fast so an, als würde ein recht altersschwacher Motor mit fast leerer Batterie gestartet. Aus tiefstem Inneren grollte und rollte ein heiseres Krächzen heran, versuchte, eine Art Hustenlaut daraus hervorzubringen, ohne jedoch den hierzu benötigten Ton fassen zu können, erstarb im Ansatz, um dann kurz darob in einem neuen, noch angestrengteren Anlauf leiernd auszubrechen. Der Mann mühte und plagte sich, hochrot bereits der massige Schädel, in Richtung Magenta tendierend, doch mehr als ein trocken rebellierendes Bellen entfuhr dem weit aufgerissenen Rachen nicht. Nach etlichen Startversuchen, stetig wiederkehrendem Abwürgen, heiserem Leiern im Hustenniemandsland, und nach schwer röchelndem Luftschnappen in den kurzen, bangen Pausen dazwischen, schienen dem konvulsivisch durchgebeutelten Mann nun vollends die Augen aus den Höhlen springen zu wollen. Die Adern an den Schläfen verdickten sich jetzt zu fingerbreiten Strängen, bläulich-rot, zu fetten, pulsierenden Wattwürmern, in das  bereits  von der Anstrengung völlig verzerrte, violette Gesicht kam Bewegung. Gewaltige Emotionslandschaften durchwogten das Antlitz, rollende Augen, stark hochgezogene, wildbuschige Brauen, Schütteln und Schleudern des gewaltigen Kopfes... Endlich kam dann doch noch der mühsam erarbeitete erste und leidlich geglückte Hustenlaut zustande. Jetzt erst löste sich die Anspannung des Mannes, er schien endlich zufrieden. Ein dritter Flacken gewaltigen Ausmaßes gesellte sich zu den bereits zuvor produzierten Schleimklumpen am Boden. Zwolle übergab sich.



Während des Würgens und Spuckens glaubte er, ein heiseres, höhnisches Kichern zu hören, das keinem menschlichen Rachenraum zu entspringen schien, doch war es viel zu leise, um exakt bestimmt werden zu können. Nachdem sich Zwolle einigermaßen gereinigt hatte, schaute er sich nach allen Richtungen um, ob ihn auch niemand beobachtet und bei der für ihn äußerst peinlichen Szenerie etwa erkannt hätte. Außer seinem Banknachbarn konnte Zwolle jedoch niemanden ausmachen, es war kein Mensch weit und breit zu sehen. Erleichtert, aber auch sehr erschöpft, aschfahl im Gesicht, ließ sich Gebhard Zwolle wieder auf die Parkbank zurücksinken, von der er beim ersten Strahl des so urplötzlich aus ihm heraus geplatzten Erbrochenen  aufgesprungen war. Mit seinem zweiten Taschentuch, Zwolle führte stets zwei absolut saubere und täglich ausgetauschte, sorgfältig gefaltete Stofftaschentücher mit Initialen, einem gestickten Monogramm, bei sich, wischte er sich nun den kalten, perlenden Schweiß von der hohen Stirn. Seine Frau Griseldis nannte die Tücher "Sacktücher", was ihm sehr missfiel. Sie war aus Schwaben, sprach auch heute noch, nach über einem Jahrzehnt in Nordrhein-Westfalen, mit einem breiten schwäbischen Akzent. Das vollkommene Glück scheint es in dieser Welt einfach nicht zu geben.


Als Zwolle sich die Brille wieder aufsetzte, wie immer auf eine nahezu enervierend umständliche Art (zuerst stülpte er mühsam die beiden Bügel über seine großen Ohren, dann schob er, wie bei einem Ritual, mit einem kecken Druck des rechten MIttelfingers, die Brille an den richtigen Platz auf der Nase), musste er jedoch feststellen, dass das menschliche Wrack verschwunden war. An diesem Tag ging Gebhard Zwolle nicht mehr zur Arbeit. Ein Affront. Eine Zäsur. Ein Sakrileg. Punkt.


Die Werkstatt betonte, man wolle den Opel gern bevorzugt behandeln, dennoch müsse er, Zwolle, mit mindestens 3 Tagen Reparaturzeit rechnen. Denn gerade bei nahezu fabrikneuen Wagen sei der Defekt oftmals nur sehr schwer auszumachen, hier sei ein umfassender Check vonnöten, ein Generalcheck. So also sah sich Gebhard Zwolle gezwungen, erneut respektive zum ersten Mal überhaupt auf den Bus der Linie 15 zurückzugreifen. Sein erster Gedanke am anderen Morgen war, er hatte sein Erlebnis Zuhause mit keinem Wort erwähnt; sein Unwohlsein hatte die Gattin stark beunruhigt – und nur mit Mühe war der Anruf beim Hausarzt zwecks Terminvereinbarung verhindert worden, eine etwas weiter entlegene Haltestelle dieser Linie als Wartepunkt zu wählen. Er war besser vorbereitet, hatte jetzt auch das Handy dabei.


Doch eine in keiner Weise zu erklärende Magie aus dem seltsamen Zusammenwirken von Neugierde, Faszination des Grauens und diesem befremdlichen Drang, das gestern Erlebte wirklich und real bestätigt zu bekommen, trieb es Zwolle erneut zu genau jener Haltestelle am Park. Von weitem schon sah er die bekannte Gestalt des Berbers, der, bereits erwacht, in sich zusammengesunken auf der Bank mehr hing als saß, und gerade, da Zwolle ihn einwandfrei identifizierte, aus einer großen 2-Liter-Flasche Billigrotwein, ein Verschnitt aus mehreren europäischen Ländern, zu trinken begann. Dabei schien er nicht zu schlucken, er ließ die Flüssigkeit gluckernd laufen, mit nur mäßigem Adamsapfeltanz. Stark schmatzend und gurgelnd ergoss sich der Inhalt in den aufnahmebereiten Schlund des Wracks. Zwolle ging unbeirrt und recht zielstrebig auf die freie, zweite Bank zu und setzte sich. Der Mann hatte die Flasche komplett ausgetrunken, leicht bedauernd prüfte er diesen Tatbestand. Da war einerseits die leere Flasche, „Bombe“ genannt, die doch eine gewisse Traurigkeit auszulösen schien, andererseits die Vorfreude auf die relativ schnell einsetzende Trunkenheit, die ja immerhin gute 60 Minuten anzuhalten in der Lage war. Sicher und vor allem dadurch ausgelöst, dass hier gute 600 ml innerhalb von nur 12 Sekunden die Kehle hinabgestürzt worden waren. Alles zusammen ergab, summa summarum, eine Patt-Situation im verschwurbelten Hirn, die Emotionen glichen sich hier nahezu aus.


Übermäßige Freude und grenzenlose Trauer zur selben Zeit, das ergibt? Richtig: Eine Art Normzustand, business as usual. Jetzt ließ das Wrack die Bombe achtlos neben die Bank fallen, grinste Zwolle erkennend an, wie einen alten Bekannten oder einen willkommenen Saufkumpanen, und begann hernach umständlich, sich den linken Schuh auszuziehen. Ein vor Schmutz starrender, sockenloser Fuß kam zum Vorschein, der nun fast liebevoll befingert und betätschelt wurde. Beim näheren Hinsehen bemerkte Zwolle, wie der Typ sich konzentriert mit dem linken Mittelfinger die Zehenzwischenräume säuberte, und das jeweils zum Mini-Kügelchen geformte Schmutzprodukt befriedigt anglotzend, um es hernach, Zehe für Zehe die gleiche Prozedur, im hohen Bogen wegzuschnippen. Das jetzt aufkommende Unwohlsein bekämpfend, wandte sich Zwolle etwas ab und nahm sich vor, den Penner diesmal nicht zu beachten – doch gelang es ihm nicht. Er erwischte sich schon kurze Zeit später dabei, wenigstens die sämigen Schleimpfützen vor dem Wrack auf der Nebenbank zu zählen. Er entdeckte zwei (sein Nachbar rülpste gerade gewaltig, in seinem riesigen Bauch gluckerte und rumorte es unausgesetzt) und stellte sich innerlich schon auf die dritte Nervenvergewaltigung am frühen Morgen ein – und prompt kamen, zusammen mit krachenden Rotweinfürzen, die bekannten Grunz-, Röchel- und Würgetöne, durch ein heiseres Krächz-Bellen unterbrochen.


Wieder musste Zwolle hinsehen, er hatte absolut keine Chance, sich der Faszination des Horrorgemäldes zu entziehen. Das Wrack hatte besonders intensiv hochgezogen, durchgekaut und gesammelt, es lief zur Hochform angesichts des ihm jetzt schon bekannten Betrachters auf, doch statt des dritten Schleimklumpens spie dieser Unbeschreibliche nun Blut aus – dunkles, dickflüssiges Blut, viel davon, und durchzogen mit Fädchen aus Speichel und Schleim. Und auch aus dem rechten Nasenloch troff es schwer herab, hier war das Blut noch deutlich dunkler, noch zähflüssiger. Der Berber wischte es grinsend aus dem ungemein schmutzigen Gesicht, in welchem kaum noch eine Form von Mimik auszumachen war, beugte sich nun vornüber, sich zuvor vergewissernd, ob der Banknachbar auch zusah, um nun einem langen Blutspeichelfaden, der sich nicht vom Mundwinkel trennen mochte, die Gelegenheit zu geben, sich endlich vom etwas geöffneten Maul zu lösen – und japste plötzlich auf. Erschrocken fuhr Zwolle zusammen und sah, wie das Wrack unendlich langsam einknickte, einsackte, implodierte, schließlich zur Seite kippte und dann von der Bank rutschte, in ‚slow motion’, dabei ständig den Blick Zwolles suchend, bis zuletzt, da ein Blickkontakt nicht mehr möglich war. Unfähig, sich überhaupt zu bewegen, musste Zwolle mit ansehen, wie das zuckende Bündel Mensch vor seinen Füßen zu existieren aufhörte, vom Menschen zum Kadaver mutierend. Ein leichtes Zittern durchströmte den erschlafften Körper noch, ein kurzes Seufzen war zu hören, ein letzter, knatternder Furz entwich dem bereits leblosen Wrack, dann lag dieser "Unerhörte" , wie Zwolle ihn für sich selbst nannte, ruhig. Die speckig glänzende Jacke war zur Seite gerutscht und gab den Blick frei auf ein altes, in ziemlich desolatem Zustand befindliches T-Shirt mit der für Zwolle äußerst beunruhigenden Forderung "Legalize Crime!" . Er dachte nur kurz über diesen für ihn sinnfreien Schriftzug nach, dann sickerte die Tatsache langsam in seinen Verstand ein: Der Mann dort, dieses Wrack, war tot. Mausetot. Jetzt, plötzlich, würgte es in ihm. Er sah Blut aus dem linken Ohr des unzweifelhaft Toten tropfen.


Gebhard Zwolle sprang gleichwohl ziemlich abrupt auf, beugte sich vor, den von der treusorgenden Gattin liebevoll ausgesuchten Schlips heftig an den Bauch pressend, und übergab sich endlich. Der frische Mageninhalt ergoss sich exakt über den bereits verkrustet getrockneten Fladen des Vortags, wieder ein Gemenge aus Milchkaffee, Knusperflakes und Früchteshake. Sah wie der Bärlauchfladen einer bekannten Bäckerei aus Süchteln aus. Merkwürdigerweise dachte Zwolle gerade an den Preis für solch einen Fladen: 1,65 EUR. Keuchend verharrte der ewige 2. Prokurist einige Minuten in der vornüber gebeugten Haltung, mit spitzen Fingern nach den zwei Sacktü... äh, Taschentüchern tastend. Er würde heute beide brauchen.
Da ertönte hinter ihm, so gänzlich unerwartet, die schrille Stimme einer älteren Frau: „Sie sollten sich was schämen, Sie… Ich kenne Sie doch? Wohnen Sie nicht dort drüben, in den Arkaden? Also wissen Sie… Es ist erst kurz nach 8 Uhr morgens – und Sie beide, Ihr Kumpan und Sie, sind bereits vollkommen besoffen! Es ist nicht zu fassen! In was für einer Welt leben wir bloß, ich bin nur froh, dass mein Mann selig solch eine Unglaublichkeit nicht mehr hat erleben müssen. Und dabei sehen gerade Sie, ja, Sie meine ich, im Anzug, gar nicht mal wie so ein Stadtstreicher aus. Sie entsprechen überhaupt nicht dem typischen Bild eines… eines Penners. Gehen Sie in sich, Mann, suchen Sie sich eine Arbeit und schauen Sie, dass Sie endlich vom Alkohol loskommen. Wenn Sie erst vom Suff weg sind, regelt sich der Rest doch wie von selbst, Sie werden sehen. Bitte glauben Sie mir, Sie können es schaffen! Der dagegen (hier zeigte die resolute ältere Dame mit knochigem Zeigefinger auf den tot daliegenden Mann neben der zweiten Bank, wobei ihre Stimme wieder anklagend geworden war, wo sie noch eben, bei der langen Rede an die Adresse Zwolles, einen durchaus eher besänftigenden, nur leicht mahnenden Unterton aufgewiesen hatte, jedenfalls nach dem ersten, empörten Ausruf ‚Sie sollten sich was schämen’), der da, ist ja wohl bereits hoffnungslos kaputt, dem kann keiner mehr helfen!“ Wenn sie wüsste, wie Recht sie damit hat, dachte Zwolle ein wenig amüsiert und doch auch deutlich voll der Scham. „Kehren Sie um, damit Sie nicht enden wie der da“, hub die alte Vettel erneut an (das dachte Zwolle tatsächlich, und er schämte sich im gleichen Moment dafür) und zeigte wieder mit dem knochigen Finger auf den Toten, anklagend und erbost, „kehren Sie um, Mann, bevor es zu spät ist!“ Da Zwolle sie weder groß beachtet noch einer Antwort für würdig befunden hatte, entfernte sich die Frau kopfschüttelnd und brabbelnd, vereinzelte Satzfetzen drangen noch an Zwolles Ohr: „Undankbares Volk“, „Perlen vor die Säue“, „Völlig unerreichbar, diese Penner“ usw., ganz zum Schluss hörte Zwolle noch: „Das ist ja völlig sinnlos, mit solchen Wohnsitzlosen  überhaupt zu reden!“


Gebhard Zwolle, der zweite Prokurist einer weltweit operierenden Industrietechnik-Vertriebsgesellschaft, ist aufgrund dieser Ausnahmesituation absolut nicht in der Lage gewesen, irgendetwas halbwegs Vernünftiges zu erwidern. Was sollte er auch sagen? Ärger und Wut erhitzte sein Gesicht. Solch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit! Und das ihm! Noch letzten Sonntag hatte der Pastor von Hiob gesprochen. Jetzt erkannte Zwolle den Zusammenhang.


Er war ja eigentlich gar nicht gemeint. Schlimm genug, dass die Alte ihn so gut wie erkannt hatte. DAS war die eigentliche Tragik, DAS war es, was ihn wurmte und schmerzte. Es kam noch hinzu, dass er noch nie zuvor einen Toten gesehen hatte. Noch nie. Alle seine Verwandten (ja, selbst Oma und Opa beider Familien!) lebten noch, er hatte tatsächlich bis auf den heutigen Tag keinen Leichnam gesehen. Und nun dies. Zwolle hatte sich nun endlich notdürftig gesäubert und betrachtete jetzt den toten Berber. Panik überkam ihn, Entsetzen machte sich in ihm breit, die nackte Angst packte ihn.


Eine unbekannte, gänzlich neue Angst, nie zuvor so verspürt. Und sie stieß ins Ungewisse, diese Angst, sie war nicht so richtig greifbar und auch nicht so richtig in Worte zu kleiden. Zwolle rannte so rasch wie nur irgend möglich heim. Wieder versäumte er die Arbeit – und er ging auch am folgenden Tag nicht hin. Eine seltsame Wandlung machte sich beim Haushaltsvorstand und Versorger dieser kleinen Familie bemerkbar. Gebhard Zwolle vernachlässigte seine Pflichten, sein Äußeres und seine Prinzipien, ließ sich am Telefon verleugnen, warf sein Handy in die Mülltonne seiner Nachbarn, die auch seine Mieter waren, saß nun immer häufiger, und dann sogar täglich auf „seiner“ Parkbank an der Haltestelle der Linie 15, von morgens früh bis zum späten Abend. Er hörte weder auf die Vorhaltungen seiner Frau, noch auf die Mahnung seiner Eltern, noch auf die immer erboster formulierten Briefe seines Chefs und Mentors im Betrieb – und schon gleich gar nicht auf die wenigen Freunde, die ihn „zur Vernunft bringen sollten“, nach Maßgabe der liebenden Gattin. Die vielen Warnungen und die sehr ernst gemeinten Hinweise seiner wichtigsten Kollegen, der „Untergebenen“ und des 1. Prokuristen, die bezüglich seiner Arbeitsstelle sehr, sehr eindringlich ausfielen, ignorierte er geflissentlich. Leugnen gehörte ab sofort zur Basis seiner kompletten Existenz, die mehr und mehr verkümmerte.


Schließlich wurde ihm gekündigt. Doch dafür interessierte sich Zwolle längst nicht mehr. Er hatte zu trinken begonnen.


Er saß auf seiner Parkbank, man gewöhnte sich an ihn, er sprach viel mit sich selbst, und er begann folgerichtig mehr zu trinken. Zwolle verkam zusehends, und zwar innerlich wie äußerlich. Zuhause hielt er es kaum noch aus. Aus seiner liebevoll agierenden Gattin war eine allzeit nörgelnde und stetig kritisierende Ehefrau geworden, die zum Ende dieser Geschichte hin bei seinem Anblick nur noch in ein haltloses Schluchzen ausbrach, die in den Nächten, da Zwolle sich „herumtrieb“, in die Kissen der ehelichen Bettstatt heulte und trotz einer recht verzweifelten Suche nach der Antwort auf die unendlich vielen Fragen, die sein Verhalten bei ihr auslöste, keine auch nur annähernd befriedigende Erklärung fand. Immer öfter blieb Zwolle über Nacht aus, immer weniger wurde er daheim vermisst. Es ist schon eine seltsame und doch auch relativ einfache, simple Struktur im gesellschaftlichen Rahmen des menschlichen Lebens – ein missing link wird nicht lange vermisst; so schnell findet man sich zu neuer Ordnung zusammen, so wahnsinnig schnell findet diese neue Ordnung den neuen Anführer; Griseldis Zwolle war nun der Haushaltsvorstand, Finanzchef und Hüter der kleiner werdenden Familie in einem. Und sie machte diesen Job nach nur kurzer Anlaufzeit so gut, als habe sie in den letzten 12 Jahren ihrer Ehe eigentlich nie etwas anderes getan. Not gebiert Tugend. So lief der Laden also, Zwolles Frau hatte alles fest im Griff. Sonntags ging man immer noch, ohne Zwolle, in die Kirche. Diese neue Ordnung wurde immer dann geprüft, wenn das ehemalige Familienoberhaupt doch einmal nach Hause zu kommen die frechdreiste Stirn besaß. Denn, wenn er kam, dann zu unmöglichen Zeiten, oft zur nachtschlafenden Zeit, sehr oft (und immer öfter) in unmöglichem Zustand, der vor den Nachbarn (und Mietern), vor den Kindern und vor den Freunden kaum zu verbergen war – obschon Griseldis Zwolle jedes Mal sofort alle Vorhänge zuzog, wenn ihr uniformierte und deutlich amüsierte Beamte erneut den jetzt immens ungeliebten Ehemann in hilflosem Zustand übergaben, komplex stinkend und, wie stets, volltrunken lallend. Nun, sie schämte sich seiner und war gar nicht einmal unglücklich darüber, als Zwolle dann eines Tages recht lauthals verkündete, nur noch auf „seiner Parkbank“ zu nächtigen. Längst hatten die beiden Kinder Angst vor ihrem Vater, längst hatte sich Heiner, ehemals der beste Freund Zwolles, der zur großen Form auflaufenden Griseldis angenommen, längst waren die Finanzen neu und auf erlösend positive Art geregelt, und so hatte niemand etwas dagegen, als „dieser Kerl“, so wurde er im Haushalt Zwolle nur mehr genannt, nicht mehr nach Hause kam. Heiner ließ alsbald die Schlösser austauschen, was sich noch als sehr sinnvoll herausstellen sollte.


Und so geschah es: Letztlich blieb Zwolle nun tagsüber und auch zur Nachtzeit seiner Parkbank treu. Bärtig, mit trunken-tumbem Blick und stark aufgedunsenem Gesicht, das schweinchenrosa Vollmondgesicht des Permanent-Spiegel-Kampftrinkers, saß Zwolle nun Tag für Tag dumpf vor sich hinbrütend, brabbelnd und sabbernd, auf dieser Bank am Park und wartete auf das Unmögliche, nie Eintretende: Nämlich darauf, dass jenes Individuum wenigstens 1 x noch würde erscheinen können, um ihm diese oder auch eine gänzlich andere Frage beantworten, um ihm dies und das erklären zu können. Die Fragen, zuvor so fundamental und existenziell, einst wohl und gut formuliert, waren Zwolle längst entglitten, die Erklärungen schienen mit der Zeit nicht mehr gar so drängend zu sein, alles ebbte ab, alles „ergab sich“ nach und nach. Es wurde völlig belanglos. Andere Dinge wurden wichtig. Das Geld für die tägliche „Bombe“ wurde wichtiger als die Frage, woher die nächste Mahlzeit kommen könnte. Anfangs ließ er sich noch bei der Viersener „Tafel“ blicken, besuchte eine Suppenküche, wurde vorstellig im Asyl für Obdachlose, später wurde all dies nichtig und bedeutungslos, es war egal, ihm war alles „eins“. Total egal… In helleren, lichten Momenten gab es sie noch, diese Fragen, für die Zwolle keine Antworten, keine Erklärungen fand, Fragen, auf die Zwolle trotz recht angestrengten Nachdenkens, das ihm immer schwerer fiel, er konnte einen Punkt im Kopf nicht lange festhalten, keinen Gedanken auf Dauer an sich binden, keine Antworten fand, und somit folgerichtig, nach und nach, auch aufhörte, über diesen Fragen zu grübeln und zu meditieren. Das Endstadium war erreicht. Und der Leser wird überrascht sein, wie schnell solch ein Abstieg vor sich geht. In nur 7 ½ Monaten war es geschafft, die Metamorphose vom smarten Erfolgstyp zum absoluten Niemand, zum stinkenden,  bedauernswerten Penner und, schließlich, zum Wrack. Aufgedunsen, unfähig zum Dialog, stinkend, rülpsend, furzend und innerlich verwesend, so saß Zwolle auf der Bank und dachte überhaupt nicht mehr nach. Meinetwegen sollen sich die anderen die Köpfe zerbrechen, ich habe meinen nur noch dazu, „Bombentränen“ einzusaugen, aufzunehmen, einzugluckern. Billigen Alkohol in mich einzuflößen, das ist mein einziger Lebensinhalt, mein Lebenssinn und -zweck, einen anderen Sinn sehe ich nicht mehr im Leben. Nichts geschah und niemand kam. Man mied Zwolle, jenes extrem stinkende Bündel Mensch, das, seiner Würde und der Selbstachtung beraubt, ein ziemlich sorgenfreies Leben führte, oft fror und mitunter heulte (ohne dies jedoch wirklich wahrzunehmen). Die Frage nach neuer Unterwäsche und neuen Socken, sie stellte sich nicht. Die Notwendigkeit, in immer gleichen Klamotten sein Leben fristen zu müssen, entledigt quasi allen Gedankenguts der Basis: Wie komme ich an frische Wäsche? Gleichmütig wird akzeptiert, dass frische Wäsche kein Thema ist. Ich stinke, also bin ich. Und wenn ich selbst den Gestank aushalte, ihn anzunehmen bereit bin, so bedeutet dies doch auch, dass "das System soweit funktioniert".


Man ging Zwolle aus dem Weg, wo es nur irgend möglich war. Seine Frau hatte längst die Scheidung eingereicht und ihm Hausverbot erteilt, seine Kinder machten einen weiten Bogen um die Haltestelle der Linie 15 am Park. Der Respekt einflößende Mensch Dr. Gebhard Zwolle hörte an dem einen Tag zu existieren auf, und das Individuum Zwolle verfiel bis zur totalen Unkenntlichkeit, nichts mehr erinnerte an jene faszinierende Persönlichkeit, die ihr Leben voll im Griff zu haben schien, glatt rasiert und klaren Blicks, der mit beiden Beinen voll auf dem Boden der Tatsachen gestanden hatte, der Habitus, Status, positive Attitüde und starke Contenance auszustrahlen in der Lage war, der Herr über Haus und Familie gewesen ist. Es bedurfte nur einer einschneidenden und allerdings sehr extremen Situation, um alles zu verändern und Zwolles Leben innerhalb von nur 31 Wochen aus der völlig geordneten Umlaufbahn ins gnadenlose Chaos der allumfassenden Unwägbarkeit zu werfen. Auf Crash- und Konfrontationskurs. Immer steil bergab.


Als der ehemalige Gebhard Zwolle, wie ihn seine Frau Griseldis bei Eheschließung kennengelernt hatte, eines Tages, es war möglicherweise noch recht früh am Morgen, das konnte er nicht überblicken (seit er seine Uhr versetzt hatte, war ihm jegliches Zeitgefühl abhanden gekommen), mit immanent schlimmem Kater und entsetzlich verfaultem Taubgeschmack im Schlund ächzend, stöhnend und wuchtig grunzend auf seiner Bank erwachte, war es ihm so, als würde er beobachtet. Auf der freien Bank nebenan saß ein Herr mittleren Alters, enorm gepflegt, wohl duftend und mit sehr markanten Gesichtszügen im fein geschnittenen Antlitz (bartlos rosig-frisch, und ganz hervorragend rasiert), der ihn angewidert fasziniert betrachtete. Ein dicker Klumpen Schleim saß Zwolle im Hals fest. Neugierig den Blick dieses Fremden suchend, zog er hoch und würgte. Er tastete nach der Bombe. Das entsetzliche Gesöff war vom Hersteller "Himmelsträne" benannt worden. Leberkleister par excellence.

Spätherbst. Bald würde es kühl werden. Instinktiv zog Zwolle den Kragen hoch.
 
ENDE   
 
 
 
Ach dieses unendliche, unerhörte Maß an Verantwortung, es wird leider nicht wahrgenommen...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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