Thomas Koch

Hunger

Dieser verdammt nagende Hunger ließ ihn aufwachen. Er konnte sich nichtmehr daran erinnern, wann er das letzte Mal etwas gegessen hatte und auch nicht was es denn war, was er da gegessen hat. Sein Magen knurrte hörbar und er meinte zu spüren, wie sich seine Magenwände aneinander rieben und dieses ekelhafte Gefühl herbeiführte, das er zuletzt in der Kriegsgefangenschaft in solchem Maß verspürt hatte.

Er wollte sich aufrichten, hinsetzen um klarer zu werden aber was war da los? Er konnte sich nicht bewegen! Panik griff mit eiserner Hand nach ihm. Er konnte sich nicht bewegen! Weder einen Arm heben, noch eine Hand bewegen und die Beine? Nein auch die Beine nicht! Nicht mal einen Fuß konnte er drehen. Panisch wollte er den Kopf zur Seite wenden um zu sehen was um ihn herum los war… Nicht um einen Zentimeter bewegte sich sein Kopf.

Er riss die Augen soweit auf wie er konnte, doch sein Blick konnte nur die weißgestrichene Decke über ihn erblicken. Alles in ihm krampfte sich zusammen, von Hunger war jetzt nichts mehr zu spüren. Er fing an zu schwitzen und seine Augäpfel führten ein wildes Stakkato in seinem Kopf auf. Seine Gedanken überschlugen sich, was war los, wie ist er in diese Lage gekommen und warum? Er versuchte zu rufen, es kam aber nur ein unverständliches, gurgelndes Gekrächze aus seinem Mund. Er stieß seine Zunge vor und zurück und von rechts nach links, dann öffnete und schloss er seinen Mund und versuchte es nochmal. Nichts, außer diesem Krächzen, das nur er hörte.

Obwohl erst wenige Minuten vergangen waren, fühlte es sich an wie Stunden die ins Nichts gegangen waren. Er versuchte sich zu beruhigen, doch die panische Angst ließ nicht nach, hielt ihn weiter mit eiserner Hand fest. Die gleiche panische Angst, die ihn fest im Griff hatte, damals in der Gefangenschaft, wenn der Iwan in die Zelle kam und ihn zum Verhör holte. Aber er wusste doch nichts, da konnten sie ihn auch noch so lange prügeln. Er wusste damals genauso wenig wie er jetzt wusste, wie hier. Wo immer dieses Hier auch sein mochte. Er wusste es nicht. Atme. Atme tief ein und lang aus. Beruhige dich, versuch einen klaren Gedanken zu fassen. Atme die Angst und die Panik weg. Nur so, wenn du ruhig bist, kannst du auch klar denken. Gut so. Genauso ist es richtig. Mit jedem tiefen Atemzug wurde er ruhiger. So und jetzt Schritt für Schritt. Versuch dich zu erinnern und die Fragen, eine nach der anderen, zu beantworten.

1. Warum kannst du dich nicht bewegen? Er versuchte nochmals Arme, Beine und Kopf zu bewegen. Vergebens. Er spürte wieder wie Panik in ihm aufstieg. Ruhig. Atme. Atme tief ein und aus. Fixiert? Man hatte ihn fixiert! Natürlich, dass musste die Erklärung sein. Aber er spürte keine Riemen und Schnallen. Warum spürte er nichts dergleichen? Natürlich. Er musste schon länger fixiert sein, sodass sein Körper die Riemen und Schnallen nichtmehr wahrnahm! Nur das konnte die Erklärung sein. Aber warum hatte man ihn fixiert? Hatte er randaliert, jemanden angegriffen und wenn ja warum? Er konnte sich an nichts erinnern. Vielleicht hatte man ihn fixiert und dann mit einer Spritze ruhiggestellt, nachdem er, wer weiß warum auch immer, randaliert hatte. Das musste auch der Grund sein, warum er nicht sprechen und rufen konnte. Gut, also Frage 1. Ist soweit klar, ich bin über einen längeren Zeitraum mit Riemen am Kopf, den Beinen, den Armen und am Rumpf fixiert und wurde mit einer Spritze ruhig gestellt. Geklärt. Jetzt weiter.

2. Wo bist du? Er schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Die Augenlieder kannst du also schon wieder bewegen, na also. Er öffnete seine Augen und versuchte so viel wie möglich wahrzunehmen. Nichts. Nur die verdammte weiße Decke, über der jetzt ein Schatten wanderte. Er nahm ein entferntes Geräusch wahr. Hören ging also auch. Zwei von fünf Sinnen waren also in Ordnung. Er konnte sehen und er konnte hören. Erleichtert atmete er tief ein und aus. Das Geräusch eben, dieses Geräusch hörte sich nach einem Fahrzeug an. Ja genau, das war ein Auto, ganz sicher, ein Auto! Er fasste wieder Mut. Also weiter.

3. Warum bist du hier? So sehr er sich auch bemühte und versuchte sich zu erinnern, es wollte ihm kein Grund einfallen, warum er hier fixiert und ruhiggestellt an die Decke starren musste. Ohne es unterdrücken zu können, auch nicht durch tiefes ein- und ausatmen, überkam ihn eine erneute Panikattacke. Seine Atemfrequenz erhöhte sich, sein Herz raste und seine Augen waren bis zum Anschlag aufgerissen und bewegten sich wild hin und her. Schweiß ran ihm in die Augen. Es brannte. Er kniff die Augen zu und wollte sich den Schweiß aus den Augen wischen, doch wie, er war ja verdammt nochmal an dieses verdammte Bett fixiert. Seine Körpertemperatur stieg, er schwitzte noch mehr. Es bildeten sich Schweißperlen auf seiner Stirn, den Schläfen und auf den Wangenknochen, die erneut ihren Weg in seine Augen fanden. Er kniff seine Augen wieder fest zu und wartete, bis das unangenehme Brennen besser wurde. Dann öffnete er wieder seine Augen, ganz vorsichtig, bereit sie sofort wieder fest zu schließen, doch das Brenne blieb aus. Also warum bin ich hier war sein nächster Gedanke, warum verdammt nochmal? Ruhig, versuch ruhig zu bleiben und atme tief ein und aus. Er schloss die Augen und atmete, so wie er es sich befohlen hatte, tief ein und aus. Als er seine Augen wieder vorsichtig öffnete, sah er an der Decke erneut einen Schatten sein Blickfeld kreuzen und seine Ohren vernahmen wieder das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos.

Auto, ja genau ein Auto. Wie ein Blitz schlug die Gewissheit bei ihm ein, dass er ja auch ein Auto fuhr, einen Kombi! Einen Kombi, weil er gerne mit dem Wagen verreiste und so genügend Platz hatte. Er fuhr eigentlich schon sein ganzes Leben lang Auto. Gut sein erstes war eine alte Rostlaube, die er sich damals für ein paar hundert Mark gekauft hatte. Jetzt fuhr er schon seit Jahren einen schönen, fast neuen, dunkelblauen Kombi. Das Reisen machte ihm noch immer Spaß, obwohl es mit der Zeit immer anstrengender wurde und er die eine oder andere Nachlässigkeit bei sich feststellte. Aus diesem Grund hat er sich auch vorgenommen, seinen Führerschein spätestens zum 75 Geburtstag abzugeben, zur Sicherheit, für sich aber vor allem für die Anderen. Die Reflexe werden im Alter halt nicht besser. Die Vorstellung, jemandem mit dem Auto ernstlich zu schaden, womöglich sogar ein Kind zu verletzen oder gar zu töten war für ihn unerträglich. Ein Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Er konnte nicht genau eruieren woher es kam, nur dass es da war. Es hörte sich fast so an, als unterhielten sich Menschen nebenan. Das Geräusch verstarb, war weg. Er versuchte zu rufen, doch niemand hörte das gurgelnde Geräusch, das anscheinend nur er vernahm. Er war plötzlich müde, so unendlich müde. Alles Geschehene hatte ihn so sehr angestrengt, dass seine Augenlider auf einmal so unsäglich schwer wurden. Nur für einen Moment die Augen schließen und ausruhen. Dann kläre ich bestimmt auch den dritten Punkt! Jetzt aber erst einmal etwas ausruhen. Atme. Atme tief ein und aus.

Eine Berührung an seinem Mund ließ ihn aufwachen. Erschrocken riss er die Augen auf, als er spürte wie etwas Kaltes seine Lippen berührte. Über sich sah er das Gesicht einer Unbekannten, die zu ihm sprach. Seine Erleichterung und Aufgeregtheit war riesig. Endlich ist jemand da, den er fragen konnte. Fragen was los ist, warum er hier ist. Er wollte fragen, er wollte Antworten. Seine Sinne überschlugen sich. Doch so sehr er sich auch mühte, es kam kein Ton über seine Lippen, nur ein Gurgeln, das nur er hörte. Die Berührung an seinen Lippen brach ab und das Gesicht der Unbekannten verschwand für einen Moment. Er hörte nur ihre Stimme: „So jetzt noch etwas Vaseline auf die Lippen, damit die Haut nicht aufspringt, dann sind wir auch schon fertig.“ Das Gesicht der Unbekannten erschien wieder in seinem Blickfeld. Sie lächelte ihn an, hielt mit einer Hand vorsichtig sein Kinn und verteilte mit den Fingern der anderen Hand etwas auf seinen Lippen. Sie streichelte ihn sanft mit dem Handrücken über seine Wangen, lächelte ihn an und verließ sein Blickfeld. Er hörte ihre Schritte, die sich entfernten. Panik stieg erneut in ihm auf. Alle Kraft zusammennehmend versuchte er zu rufen, doch wieder kam nur dass für ihn hörbare Gurgeln aus den Tiefen seiner Brust. Mit Entsetzen vernahm er das Geräusch einer sich öffnenden Tür. Warum hörte sie ihn nicht? Sie muss doch gesehen haben dass er Fragen hatte! Warum ließ sie ihn hier alleine zurück? Durch die sich schließende Tür hörte er eine Männerstimme eine Frage stellen und die Stimme der Unbekannten antwortet:

„Komplette Querschnittlähmung im Wachkoma, kam letzte Woche nach einem Treppensturz rein.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Da ich der Meinung bin, dass die Kinder heute viel zu wenig lesen ( sehe ich bei meinen 11 und 13 ), habe ich mir Gedanken gemacht, was man machen könnte um dieses zu ändern.

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