Ali Yüce

Liebe N.

Liebe N.,

 

ich bin überglücklich, Dir diesen Brief schreiben zu dürfen, Du wirst wahrscheinlich nur verwirrt sein, ihn zu lesen. Nein, vermutlich ist das schon zu viel Hoffnung, vielleicht ist das schon zu viel des Guten. Vielleicht wirst Du ihn nie bekommen. Die Vorstellung, auch nur ein Staubkorn könne diesen Raum verlassen, höhlt den letzten Rest aus, was mir an Realität noch geblieben ist. Sie scheint inzwischen nicht mehr zu sein, als ein kleiner Ballon aus unsichtbar dünner Haut. Du wirst all das also nicht lesen. Was könnte ich Dir dann noch schreiben?
Wundere Dich bitte nicht. Ich habe zuviel Zeit zum Nachdenken, je mehr ich denke, desto mehr zerfällt die Wirklichkeit, und kaum war es soweit gekommen, dass ich mich damit abgefunden hatte, gaben sie mir dieses Papier und diesen Füllfederhalter. Ob sie wussten, was sie damit anrichteten? Ich habe drei Monate gebraucht, um den ersten Buchstaben zu schreiben, und einen weiteren Monat für die restlichen vier, bis das Wort Liebe wie verloren auf dem Papier lag. Ich hätte nicht weinen dürfen, damals, nun ist das Wort kaum noch zu lesen. Das tut mir leid.
Sie haben mir nicht gesagt, was sie mit all dem bezwecken. Ich könnte Vermutungen anstellen, aber das könntest Du auch, und Deine Vermutungen kämen der Wirklichkeit wahrscheinlich näher als meine. Allein ihre Andeutung, ich dürfe einen Brief schreiben, hat alle meine Theorien, die ich in den letzten Jahren über ihr Verhalten aufgestellt habe, zunichte gemacht. Würde ich eine neue Theorie aufstellen, würde sie darauf hinauslaufen, dass sie einfach nur größte Mühe darauf verwenden, mich gesund zu halten. Körperlich und geistig. Sie kümmern sich nicht darum, ob ich fit bin, wie könnte das in diesem winzigen Raum auch möglich sein. Sie wollen es nur nicht zulassen, das ich ganz und gar verwahrlose, dass ich verrückt werde. Sie geben mir Bücher zum Lesen, sie lassen mich Musik hören, manchmal kommt jemand und redet durch die Tür über belanglose Dinge, beantwortet keine Fragen, geht nicht darauf ein, was ich sage, spricht über das Wetter, spricht darüber das irgend jemand, den ich nicht kenne, irgendwas zu jemandem gesagt hat, den ich auch nicht kenne. Liebe N., das musst Du Dir mal vorstellen, sie schicken mir jemanden zum Tratschen! Es kümmerte sie nicht, dass ich anfangs darüber lachte, aber später – konnte ich nicht anders als zuhören. Liebe N., es ist so als würde ich innerlich nach Belanglosem hungern. Ich weiß noch, dass ich früher Triviales verabscheut habe. Und nun. Was ist aus mir geworden?
Ich scheine nur noch aus Geist zu bestehen. Mein Körper verkommt hier auf der Pritsche, irgendwie habe ich es geschafft, von ihm Abstand zu nehmen und ihn in den Hintergrund zu drängen. Sie wissen das und es gefällt ihnen nicht. Sie unternehmen alles, um mich beieinander zu halten. Mit kleinen Dingen. Sie geben mir eine Daunenfeder, bei deren Anblick ich mich nicht zurückhalten kann. Wie könnte ich es? Wie könnte ich sie nicht berühren? Wie könnte ich darauf verzichten, sie an meine Wange zu halten und diese göttliche Sanftheit zu genießen. Ich wünschte, ich könnte es. Ich wünschte, sie hätten keine Macht mehr über mich. Es ist die einzige Flucht, die mir bleibt. Verrückt zu werden. Wahnsinnig zu werden. Damals habe ich nicht geglaubt, wie schwierig es ist, tatsächlich den Verstand zu verlieren. Aber es ist schwierig. Für mich sogar schwieriger als alles, was ich je versucht habe. Sie scheinen immer zu wissen, wonach ich hungere, und kurz bevor ich mich innerlich aufgebe, füttern sie mich mit Abfällen und ich weine vor Freude.

Und dieser Brief hier? Liebe N., ich wünschte, ich hätte ihn nicht geschrieben. Auch wenn ich wieder glücklich weine, weiß ich doch, dass sie genau das erreichen wollten. Sogar meine Gefühle verschwimmen in diesem Alptraum, nicht einmal unter Folter könnte ich sagen, ob ich in diesem Moment Hoffnung verspüre oder endgültig verzweifle.

Ich werde den Brief ohne Abschied beenden. Ich werde mir einreden, dass Du ihn nie bekommen wirst. Bitte lass mir diese Illusion.

Dein R.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Ali Yüce).
Der Beitrag wurde von Ali Yüce auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Die Abenteuer des kleinen Gregory von Petra Eggert



Für einen achtjährigen beginnt das Abenteuer seines Lebens. Mit seinem besten Freund, dem Kater Puddy muss Gregory zahlreiche Aufgaben überstehen um einer Elfe zu helfen.
Ungeahnt welchem Weg er entgegen geht.
Alles wäre so leicht, wenn er nicht in einem Zauberwald wäre und zu Puddys Freude in einen Zwerg verwandelt wird. Ob er das Abenteuer besteht????
Eine abenteuerliche Geschichte für jung und alt, und für alle die noch an Märchen glauben!

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Briefe" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Ali Yüce

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der hellste Fleck ist weiß von Ali Yüce (Sonstige)
Meine liebe Seele, von Heike Kijewsky (Briefe)
Armalite von Gary Shaw (English Stories)