Heinz-Walter Hoetter

Die wahre Geschichte über Rammon Elsothur

Wie aus einer Lüge eine Legende wurde.

Habt ihr es eilig? Nein? Dann verweilt ein bisschen bei mir und setzt euch hin. Hört mir einfach zu, wenn ich euch die nachfolgende Geschichte von Anfang an erzähle wie sie sich wirklich zugetragen hat.

 

***

 

Rammon Elsothur stieß zu uns, da war es schon Herbst auf dem Planeten Almatar.

 

Er sah ausgesprochen absonderlich aus. Sein schlanker Körper war gänzlich nackt, bis auf ein paar wenige Stellen, wie z. B. jene, wo seine langen Kopfhaare wie der Schweif eines Pferdes nach hinten über den Rücken fielen. Übrigens waren diese Haarsträhnen feuerrot, wie die ausbrechende Lava eines Vulkans. Seine Augen waren fast schwarz und funkelten trotzdem wie ein fein geschliffener Diamant. Sein stechender Blick schien bisweilen jeden zu durchdringen, den er ansah.

 

Keiner von uns wusste so genau, wieso er ausgerechnet zu uns kam. Mehrere Sonnenumläufe beobachtete er unsere Gruppe nur aus der Ferne, bis sich schließlich unser Anführer Ter Ferrum aufmachte, um ihn nach dem Grund seines Kommens zu fragen. Vielleicht wollte er sich uns anschließen, dachten wir alle.

 

Aber Rammon Elsothur floh vor ihm, und jeder von uns nahm deshalb an, er sei schließlich weitergezogen, wie es bei diesen Einzelgängern der Fall ist, die man in den unendlichen Weiten der Prärie des Planeten Almatar hin und wieder antrifft, aber nur dann, wenn sie es auch wollten. Ansonsten machten sie sich unsichtbar und niemand bekam sie zu Gesicht. Sie gehörten außerdem nicht zu unserer Rasse und lebten wohl irgendwo da draußen in den unzugänglichen Bergen, die den fernen Horizont säumten. Im Prinzip waren es sehr scheue Wesen, die eigentlich sehr friedlich waren. Jedenfalls liefen sie, im Gegensatz zu uns, nie mit irgendwelchen Waffen herum.

 

Diesmal war es jedoch anders. Eines dieser unbekannten Wesen schien uns tatsächlich besuchen zu wollen oder hielt sich offenbar ganz bewusst in unserer Nähe auf.

 

Und tatsächlich. Nach einiger Zeit kehrte Rammon Elsothur zurück und beobachtete uns aufs neue. Wieder versuchte unserer Anführer mit ihm Kontakt aufzunehmen, wieder floh der Rothaarige vor ihm und verschwand in einem nah gelegenen Canyon zwischen herumliegendem Geröll und riesigen Felsbrocken. Ter Ferrum gab den gutgemeinten Versuch auf und kehrte unverrichteter Dinge zurück.

 

Wir beratschlagten daraufhin, ob man einen Fremden in unserer Gruppe überhaupt aufnehmen sollte. Denn das Verhalten des Rothaarigen ließ nur den einen Schluss zu, dass er offenbar zu uns stoßen wollte, da die Art und Weise nämlich, wie er das tat, in Wirklichkeit ein unterwürfiges Bitten war.

 

Einige von uns waren dagegen, andere dafür, den scheuen Neuankömmling in unserer Gruppe aufzunehmen. Unser Anführer, Ter Ferrum, hatte in dieser Angelegenheit das letzte Wort – und das galt. Er war ein überzeugender Redner und sehr intelligent. Er behauptete, dass diese seltsame Kreatur bestimmt dazu beitragen würde, unseren Wissensschatz zu vergrößern, wenn sie uns ihre ganze Lebensgeschichte erzählte und woher sie stammte. Außerdem würde die Gruppe kein Wagnis eingehen. Gehörte er einmal zu uns, konnte ein derart waffenloses Wesen unserer kleinen Gemeinschaft keinen wirklichen Schaden zufügen. Wir alle seien gut gepanzert und könnten mit unseren Waffen jeden angreifenden Gegner vernichtend schlagen, erklärte er uns. Also stimmten wir am Ende überein, Rammon Elsothur zu uns zu holen, wenn er das wollte.

 

Da ich, Xan Maadock, der stellvertretende Gruppenführer war, wurde ich von unserem obersten Anführer dazu auserwählt, den Fremden herzubitten. Ich legte meine Waffen und meine schwere Panzerrüstung ab und machte mich auf, Rammon Elsothur zu suchen, um ihn zu begrüßen. Bald hatte ich ihn ausfindig gemacht.

 

Anfangs floh auch er vor mir. Ob bloß verängstigt oder durch meine Waffenlosigkeit beirrt, weiß ich heute nicht mehr. Jedenfalls verfolgte ich den Rothaarigen mit zäher Ausdauer, blieb stehen, wenn er stehen blieb und ging weiter, wenn er weiter ging. Als er endlich begriff, dass ich ihn nicht jagte, ging ich langsam auf ihn zu und hob die Hand zum Gruße. Eine Geste, die Friedfertigkeit bedeutete. Auch rief ich ihm herzliche Willkommensgrüße entgegen. Das Wesen mit den feuerroten Haaren blieb stehen. Der Kontakt war hergestellt, danach ging alles reibungslos. Später, als wir zusammen unsere Gruppe erreichten, wurde Rammon Elsothur besonders freundlich von ihr aufgenommen. Schon bald vermochte sich jeder mit ihm gut zu verständigen, denn er war sehr intelligent und das neue Mitglied machte sich mit einem Rieseneifer an die ihm zugewiesenen Aufgaben. Seine Gliedmaßen waren ausgesprochen lang und sehr beweglich. Wenngleich ihm seine langen Haare oft bei der Arbeit störten, beherrschte er, Dank seiner Fingerfertigkeit, jede Feinarbeit geradezu meisterhaft. Übrigens war Rammon Elsothur ein ausgesprochen guter Mechaniker, der so manchen Schaden an unseren stählernen Rüstungen wie ein echter Profi reparierte. Ich staunte über seine vielen Fähigkeiten, die er besaß.

 

Den tiefsten Eindruck jedoch hinterließ seine Neugier bei mir. Er wollte einfach alles wissen und willig erzählten wir ihm unsere Geschichte. Aber nie konnte er davon genug bekommen, Wissenswertes über unsere eigene Rasse zu hören. Er ruhte nicht eher, bis er mit jedem einzelnen Gruppenmitglied lange Gespräche geführt hatte. Sogar mit dem betagten Mur Memelick beschäftigte er sich ausgiebig, obwohl der alte Knabe nicht ganz richtig im Kopf war. Trotzdem lauschte er stundenlang seinem sinnlosen Geplapper, als ob er irgendwas daraus für sich gewinnen konnte. Hin und wieder schloss er für wenige Sekunden die Augen, als wollte er das Gehörte tief in seinen Erinnerungen verankern.

 

Natürlich erzählte Rammon Elsothur auch was von sich. Wesentliches war allerdings nicht dabei und es schien mir, als ob er etwas verschweigen würde, etwas, das wir nicht wissen sollten über ihn. Wir vermieden es daher, ihm dieses Geheimnis zu entlocken, weil wir bald merkten, dass er sich jedes Mal zurückzog, wenn einer von uns dazu Fragen stellte.

 

So ging die Zeit dahin und Rammon Elsothur fügte sich gut in unsere Gruppe ein. Er brachte uns sehr viel bei, obwohl wir doch eigentlich der Ansicht waren, dass wir uns schon in jeder Beziehung auf einer sehr hohen kulturellen Ebene befanden. Unser Volk lebte auf Almatar überwiegen in kleinen Gruppen und die waren überall auf dem ganzen Planeten verteilt. Sogar in den heißen, unwirtlichen Wüsten gab es welche von uns. Wir waren echte Überlebenskünstler.

 

Doch plötzlich tauchte der Andere auf. Er stand wie aus heiterem Himmel in der Nähe unseres Lagers auf einer Hügelkuppe und blickte zu uns herunter.

 

Ich war mir ziemlich sicher, dass Rammon Elsothur ihn kannte, weil er, zumindest rein äußerlich gesehen, zu seiner Rasse gehörte. Er hatte die gleichen roten Haare wie er, die allerdings nur halb so lang waren wie seine. Ich schloss daraus, dass Rammon Elsothur demnach wohl schon ein älteres Exemplar seiner Gattung sein müsste. Aber eigentlich sagte das nichts über die beiden Rothaarigen aus.

 

Ich schärfte meine Sinne und blickte hinüber zu der Hügelkette. Eben war der Unbekannte noch zu sehen und einen Herzschlag später stand er plötzlich fast direkt vor mir.

 

Erschrocken fuhr ich zurück und alarmierte instinktiv die restliche Gruppe. Alle kamen sofort heran gelaufen und bauten umgehend eine dichte Verteidigungsmauer aus ihren Panzerrüstungen auf. Die Waffen wurden durchgeladen und alle Rohre waren auf den Fremden gerichtet.

 

Fälschlicherweise hätte ich beinahe einen unserer Späher mit meiner Strahlenwaffe erschossen, der sich plötzlich aus dem dichten Gebüsch am Rande der Lichtung löste und sich zielstrebig auf mich zu bewegte. Ich war innerlich sehr angespannt und nervös über das Erscheinen eines zweiten Rothaarigen, den wir alle mit Skepsis beobachteten. Ich fragte mich daher, was das wohl zu bedeuten hatte. Irgendwas spielte sich hier ab, und wir wussten nicht einmal, was.

 

Der einzige von uns, der nicht überrascht schien, war Rammon Elsothur. Er sah ein wenig traurig aus, als er den neuen Fremden erblickte, aber anscheinend hatte er ihn wohl früher oder später erwartet. Jedenfalls kam mir das so vor.

 

Völlig gelassen und in aller Ruhe ging er dem anderen rothaarigen Typen entgegen, sprach mit ihm ein paar Worte und der Unbekannte antwortete Rammon Elsothur offenbar ausführlich. Nach einer Weile wurde die Unterhaltung plötzlich ziemlich laut. Sie stritten sich anscheinend heftig über irgendwas.

 

Unverhofft jedoch drehten sich beide plötzlich auf der Stelle herum, verließen uns und begaben sich zu einem weit gelegenen Felsplateau im Westen am Fuße der hohen Berge.

 

Wir blieben beunruhigt zurück und wussten nicht, was wir tun sollten. Bis in den späten Nachmittag hinein diskutierten wir über diesen Vorfall, der uns alle mehr als ungewöhnlich vorkam.

 

Ehrlich gesagt, wir hatten schon beinahe vergessen, dass Rammon Elsothur ein Fremder war. Zwar gehörte er schon seit einiger Zeit zu uns, aber verdrängen konnten wir es nicht, dass er im Prinzip nicht zu unserer Rasse gehörte.

 

Ter Ferrum mahnte uns alle zur Vorsicht. Er hielt den neuen Eindringling für einen Zauberer, der seine Magie dazu einsetzte, Mitglieder der Gruppe wohl möglich fort zu locken.

 

Ich zweifelte natürlich an seiner Behauptung, da ich selbst überhaupt nichts gespürt hatte. Nun ja, ich finde seit langem, dass eine Gefahr, die man kennt, nicht so übel ist wie eine, die man nicht kennt. Ich ging also zu Ter Ferrum rüber und empfahl ihm, dass ich den Spuren der beiden folgen sollte, um herauszubekommen, was da vor sich ging. Er war damit einverstanden.

 

Ich legte meine schwere Panzerrüstung ab, nahm das Strahlengewehr in die Hand und marschierte nur leicht bekleidet los. Die heiße Präriesonne wärmte meine braune Haut. Die Weiber am Rande unseres Lagers gaben mir noch etwas zu trinken mit.

 

Nach etwa einer Stunde Fußmarsch erreichte ich das Gebirge. Die Sonne ging bereits unter, und ich machte mich sofort daran, Rammon Elsothur und den Fremden mit meinen geschärften Sinnen zu orten. Ich hätte mich eigentlich nicht beeilen müssen, denn die beiden waren zu einem mir bekannten Plateau marschiert und standen sich nun in einiger Entfernung gegenüber. Nach einer Weile vergrößerten sie sogar den Abstand voneinander noch und rührten sich dann nicht mehr von der Stelle, als ob sie auf etwas warten würden. Über dieses ungewöhnliche Verhalten war ich doch sehr verwundert.

 

Doch dann erschrak ich zutiefst, als ich aus der Deckung heraus sah, was sich auf dem Felsplateau kurz danach abspielte.

 

Anscheinend handelte es sich sowohl um Rammon Elsothur als auch bei dem Fremdling um Zauberer, die sich feindlich gegenüber standen. Der Unbekannte interessierte sich offensichtlich nicht für unsere Gruppe, sondern wollte Rammon Elsothur töten. Die beiden trugen jetzt auf dem Plateau einen magischen Kampf aus. Aber sie wussten nicht, dass ich ihnen dabei zusah. Ein grelles Licht über dem Schlachtfeld überstrahlte auf einmal die gesamte Umgebung, sodass selbst die untergehende Sonne verblasste.

 

Die Magier schufen monströs aussehende Kreaturen, die für sie kämpften und lautstark ausgerufene Zaubersprüche hallten über die steinige Ebene. Allerdings sahen die Kreaturen des Rammon Elsothurs anders aus. Sie unterschieden sich von denen seines Gegners. Sie warfen keine Schatten und wirkten irgendwie durchsichtig. Ich schloss daraus, dass dies kein gutes Zeichen für ihn war. Aber was wusste ich schon über Magie? Die Biester, die er ins Leben rief kämpften genauso gut wie die Ungeheuer des anderen Zauberers.

 

Nach einer Weile hatte ich genug. Es wurde mir zu gefährlich. Der Kampf tobte hin und her und nahm an Getöse zu. Ich wollte den sicheren Ausspähplatz verlassen, um zur Gruppe zurückkehren, noch ehe die beiden Magier die Gewalt über die schrecklichen Wesen verloren. Der felsige Untergrund bebte von ihren gewaltigen Schlägen. Noch einmal spähte ich hinüber zum Plateau, wo sich gerade wieder eine Kreatur materialisierte, die vom Magier Rammon Elsothur erschaffen wurde. Ich erstarrte wie zu einer Salzsäule. Das schemenhafte Wesen sah aus wie ich und ging gerade zum Angriff auf seinen Gegner los. Mein Doppelgänger warf sich in die Schlacht und bediente sich meiner eigenen Kampfmethoden, um ein unförmiges Monstrum, das sich etwa in der Mitte des Plateaus aufgerichtet hatte, zu enthaupten.

 

Dann folgten die übrigen Kämpfer unserer Gruppe, die Rammon Elsothur mit kreisenden Bewegungen seiner beiden Hände ins künstliche Leben rief. Zuerst materialisierte Ter Ferrum, unserer Anführer, es folgten schließlich die anderen und zum Schluss sogar noch der alte Mur Memelick, der seltsamerweise die Fähigkeit besaß, seine Angreifer zu blenden. Ich erinnerte mich daran, dass Memelick immer davon sprach, in früheren Jahren mal ein Zauberer gewesen zu sein. Wir hatten das immer als pure Spinnerei eines alten Mannes abgetan. Aber jetzt schien es mir so, als ob der Alte wirklich über Zauberkräfte verfügte.

 

Obwohl sie alle tapfer kämpften, fiel einer nach dem anderen in der gewaltigen Schlacht. Mir wurde unbehaglich bei dem Gedanken, dass sie möglicherweise verlieren könnten. Natürlich wusste ich, dass unsere Doppelgänger nichts mit den Mitgliedern unserer Gruppe gemein hatten. Es waren nur getreue Abbilder von uns, sonst nichts. Aber es war wirklich schrecklich für mich, mit ansehen zu müssen, wie sie alle nacheinander in den Klauen der bösen Ungeheuer des unbekannten Magiers starben. Es war schlimm für mich, ihren Tod mit ansehen zu müssen.

 

Bis jetzt hatte sich mein eigenes Abbild außerordentlich tapfer geschlagen. Es brachte gleich mehrere Monster zur Strecke. Dann konzentrierte es sich auf den gegnerischen Zauberer, der gerade hinter sich einen dichten Wald wachsen ließ.

 

Mein Abbild schlich heimlich in den dichten Wald. Dann stürzte es ganz plötzlich daraus hervor, griff den beschäftigten Magier von hinten an und verpasste ihm einen gefährlich aussehenden Nackenhieb. Noch ehe dieser Zeit zur Gegenwehr hatte, verschwand es wieder hinter den mächtigen Bäumen. Ich bewunderte die Schnelligkeit, mit der es zuschlug und wieder verschwand. In fast allen seinen Kämpfen benutzte es die gleiche Strategie wie ich. Noch einmal machte sich mein Abbild zu einer ähnlichen Attacke bereit und rannte brüllend aus dem Wald. Doch der fremde Magier drehte sich überaus schnell herum und deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf meinen Doppelgänger. Ein Blitz zuckte aus dem Finger heraus, der meinen Klon mitten im Sprung erwischte und gegen einen Baum schleuderte. Es krachte fürchterlich und der Körper fing Feuer. Mein Abbild war schon tot, als es verkohlt auf den felsigen Boden aufschlug.

 

Ich stieß vor lauter Entsetzen einen leisen Schrei aus und dachte im ersten Moment, dass ich das alles nur träumen würde, was ich dort auf dem Plateau mit ansehen musste. Langsam verblasste mein Doppelgänger und war plötzlich von einer Sekunde auf die andere verschwunden. Er hatte sich einfach aufgelöst.

 

Die grauenhafte Schlacht zog sich hin und schien keine Ende zu nehmen. Ich befand mich in einem Schock ähnlichen Zustand. Selbst dann, wenn ich es gewollt hätte, wäre ich jetzt im Augenblick nicht dazu in der Lage gewesen auch nur einen Schritt zu tun. Mit vor Schrecken weit aufgerissenen Augen musste ich mit ansehen, wie der Magier Rammon Elsothur nach und nach an Kraft verlor.

 

Immer mehr feindliche Wesen durchbrachen seine Abwehrfronten und griffen ihn von allen Seiten an, noch bevor er seine Verteidigungslinien wieder aufbauen konnte. Am Ende fielen gleich mehrere Monster über ihn her. Diesen Angriff konnte er unmöglich abwehren. Sie würden ihn mit Sicherheit töten, wenn sie ihn erreichten. Der Abstand zwischen ihm und den Ungeheuern wurde kürzer und kürzer.

 

Dann geschah etwas unglaubliches. Ganz plötzlich waren sämtliche Angreifer und ihre Verteidiger verschwunden. Ein Herzschlag später folgten auch die beiden sich bekämpfenden Magier samt Gefolge. Nichts blieb zurück als eine bedrückende Stille. Einsam und allein saß ich die ganze Nacht noch zitternd am Rand des Plateaus und war nicht fähig, mich zu erheben. Erst gegen Morgen fiel ich total erschöpft in einen tiefen Schlaf.

 

Als ich endlich wieder aufwachte, befand ich mich in unserem Lager.

Ter Ferrum hatte mit den übrigen zusammen die seltsamen Lichterscheinungen am Horizont gesehen und machten sich erst dann auf den Weg, als es wieder ruhig geworden war. Die Schlacht der Magier muss wohl einen fürchterlichen Lärm gemacht haben. Die Männer trauten sich nicht, unter diesen gefährlichen Umständen das Lager in der Dunkelheit zu verlassen.

 

Aber sie wollten nach mir suchen, weil sie der Annahme waren, ich sei in den Kämpfen verwickelt und getötet worden. Als sie mich schließlich völlig durchnässt und unterkühlt schlafend vorfanden, brachten sie mich sofort zurück heim ins sichere Lager. Schnell ging es mir besser, und ich war bald wieder auf den Beinen.

 

***

 

Eigentlich weiß ich nicht mehr so genau, wie die Gerüchte nach diesem schrecklichen Ereignis auf dem Plateau entstanden sind. Ich dachte nach meiner Rückkehr nur noch daran, alles vergessen zu können. Über das, was ich dort erlebt und gesehen hatte, sprach ich nie wieder ein Wort. Ich wollte die Schrecken aus meinen Herzen vertreiben. Erst über ein Jahr später hörte ich von diesen Geschichten, dass ich wie ein Held gegen Monster gekämpft haben soll und sie schließlich vertrieben habe. Der alte Memelick erzählte es überall herum und hatte wohl einen großen Anteil daran, dass diese Gerüchte überall ihre Runden machten. Bald wusste das ganze Volk der Mayaraner davon, was sich bei uns abgespielt hatte. Memelick sprach auch über Rammon Elsothur, und ich ließ mich bei ihm nieder, um seinen Erzählungen zu lauschen.

Auch wenn er ein seltsamer Kerl gewesen war, dieser rothaarige Rammon Elsothur, so vermisse ich ihn noch immer. Ich glaube sogar, dass er dem bösen, unbekannten Zauberer nur zuvor gekommen war, um uns zu beschützen. In seiner weisen Voraussicht ist er zu uns gekommen, um uns und unser Verhalten genau kennen zu lernen, ja zu studieren, damit er seine Figuren, die ein getreues Abbild von uns waren, im Kampf gegen das Böse magisch aufbauen und kämpfen lassen konnte.

 

Nun, der alte Mur Memelick dichtete noch ein Menge Unwahrheiten dazu. Seine Beschreibungen der Schlacht waren wirklich unterhaltsam. Allerdings behauptete er auch, Rammon Elsothur hätte hinter einem Busch gehockt und ich hätte ganz allein sämtliche Attacken des bösen Magiers abgewehrt. Und wie das nun mal so ist, habe das Gute natürlich über das Böse gesiegt. Der abscheuliche Magier wurde am Ende von mir besiegt und getötet. Der gute Zauberer Rammon Elsothur jedoch erlitt kurz nach meinem Kampf einen magischen Rückschlag, hervorgerufen durch den Tod des bösen Zauberers.

 

Ich war an diesem Punkt seiner Erzählungen allerdings nicht einverstanden, weil sie nicht der Wahrheit entsprachen und verbot dem Alten diese Lügen jemals weiterzuerzählen. Aber es half nichts. Die Geschichte verselbständigte sich in dieser oder ähnlicher Form und verbreitete sich bald überall.

 

Die Wahrheit ist, dass ich, Xan Maadock, keinen Magier bekämpft habe und Rammon Elsothur war auch kein Blutsbruder von uns. Er selbst führte den Kampf gegen den bösen Zauberer. Niemand weiß, woher er kam und wohin er gegangen ist. Ich weiß nur, dass er ein gutes Wesen mit ungeheuren magischen Kräften war und dem Bösen widerstanden hat – offenbar bis zum eigenen Ende. Doch, ob beide Magier gestorben sind, das kann ich auch nicht mit Bestimmtheit sagen. Zauberer können vielleicht besiegt werden, aber sie leben auf die eine oder andere Art und Weise weiter. Vielleicht in unseren Gedanken, in anderen Personen, in den Heldensagen eines Volkes oder in unseren mystischen Geschichten und Erzählungen.

 

Nun, vom Volk der Mayaraner auf dem Planeten Almatar wurde ich zu einem großen Helden hochstilisiert. Ich war allerdings ein Held wider Willen, weil ich die Wahrheit kannte. Trotzdem waren mir die Hände gebunden. Also ließ ich die Erzähler meines Volkes gewähren, denn mittlerweile hatte man mich zum König über alle Mayaraner gemacht. Ich wurde bald zu einer lebenden Legende und mein Name stand schon bald auf einer Tafel in der Halle der Helden. Eine große Ehre für mich, der eigentlich in Wirklichkeit um sein Leben gezittert hatte.

 

***

 

Ja, und hier endet die Geschichte, die ich euch wahrheitsgemäß erzählt habe. Was ich euch jetzt noch sagen möchte, das gehört eigentlich nicht mehr dazu.

 

Seit einiger Zeit wachsen mir nämlich rote Haare und ich kann Dinge einfach so verschwinden lassen, verformen oder in alle Richtungen bewegen.

 

Ich glaube, ich habe die Zauberkräfte von Rammon Elsothur geerbt, was ich aber bis heute keinem erzählt habe. Meine Magie wird von Tag zu Tag stärker. Und weil das so ist, habe ich mir geschworen, sie nur für gute Zwecke einzusetzen, um mein Volk vor dem Bösen zu bewahren, das immer und überall auf uns lauert.

 

So hätte es bestimmt auch Rammon Elsothur getan, den ich nie vergessen werde.

 


ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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