Peter Schönau

Das Gewinnspiel (Romanauszug)

Das "Hilton" ist für den Amerikaner im Ausland so etwas wie die letzte Zuflucht gegen den Sturm der Vandalen auf Rom. Nur hier fühlt er sich sicher und geborgen.

Gegen Mitternacht war das Restaurant vor dem Hotel nur noch schwach besucht. Die letzten Gäste beklagten lautstark die hohen Preise des Corte Inglés.

"This is outrageous", beschwerte sich eine Frau in einem türkisfarbenen Kleid, das der Nachtwind ab und zu anhob wie ein Negligé.

Der Mond stand über der Avenida Diagonal. Der Verkehr war zu einem Rinnsal geschrumpft.

An der Bar im Erdgeschoss hätte eine Armee Platz nehmen können. Im Augenblick bedienten der Maitre und sein Adjutant nur drei Gäste. Zwei von ihnen waren Amerikaner, was man nicht nur daran erkennen konnte, dass sie Englisch sprachen, sondern auch an ihren Getränken, sie tranken einen Martini, ein Getränk, das Europäer eher aus James-Bond-Filmen denn aus eigenem Erleben kennen.

Der dritte Gast war ein hagerer, um nicht zu sagen dürrer Mann mittleren Alters, unrasiert und mit dem stechenden Blick eines Fanatikers, der immer etwas predigt: entweder einen Glauben, eine unfehlbare Meinung oder auch eine Revolution, wenn sie sich denn im Interesse des menschlichen Fortschritts nicht vermeiden lässt. Er hatte gerade ein Bier bestellt und versuchte, mit dem Maitre ein Gespräch auf Spanisch zu führen was aber nur ungenügend gelang, entweder weil sein Spanisch zu dürftig war oder weil der Maitre auf diesem Ohr taub war. Deswegen ging er nach mehreren erfolglosen Versuchen einer Gesprächsanknüpfung dazu über Selbstgespräche zu führen.

"Wir haben keinen Ort, wohin wir gehen können, und keinen Grund, an diesem Ort zu bleiben."

"You are right", sagte der Adjutant des Maitre, ein junger Andalusier, respektvoll, als er das Bier vor ihn hinstellte.

" Ich bin das Gestern, das Heute und das Morgen."

"Woher wollen Sie das wissen?" schaltete sich der eine der Amerikaner ein, der nur wenige Meter von ihm entfernt saß und offensichtlich des Deutschen mächtig war.

"Ich weiß nicht, was er gesagt haben würde, die Toten reden ja nicht mehr."

"Von wem reden Sie?" fragte der Amerikaner, der gerade noch einen Martini bestellt hatte.

"Von meinem Vater."

Der Amerikaner sagte nichts, sondern nippte an seinem Martini.

"Wir sind alle in unserer eigenen Beschränktheit gefangen."

"Wo Sie Recht haben, haben Sie Recht", sagte anerkennend der Amerikaner.

"Ein alt gewordener junger Pimp."

"Wer?" fragte der andere und sah ihn feindselig an.

"Ich".

"Na dann, Cheers", der Amerikaner prostete ihm zu.

"Ich habe jüdische Vorfahren."

"Sind Sie Jude?" fragte der Amerikaner interessiert.

"Man muss manchmal einen zweiten Blick auf ein Bild werfen, um zu sehen, dass es schief an der Wand hängt."

"Lenken Sie nicht ab. Ich fragte Sie, ob Sie Jude sind."

"Nein - Ich bin das Gestern, das Heute und das Morgen."

"Das sagten Sie schon, aber nicht was es bedeutet?"

"Unsterblichkeit."

"Ich bin Vertreter eines großen Werkzeugmaschinenherstellers. Ich verkaufe Maschinen, die allerdings nicht unsterblich sind."

"Ich dagegen verkaufe Unsterblichkeit."

"Und welchen Preis hat diese", er betonte das Wort durch eine abgehackte Sprechweise, "Unsterblichkeit?"

"Ihr Leben."

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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