Ingo R. Hesse

Was habt Ihr nur aus mir gemacht?

Ihr guten und besseren Menschen, ihr Auf- und Erklärer, ihr Natur- und Umweltschützer, ihr Frauenversteher und verzogene Kinder in die Welt Setzer, ihr Heile- und Eine-Welt-Laden-Einkäufer, ihr Bio-Rind-Patinnen und Freiland-Ei-Fanatiker, ihr Bienenschützer und Wespen-Versteherinnen,

 

..WAS habt Ihr nur aus mir gemacht?

 

Da will ich auf meinem Balkon meine Fetthenne und einen kleinen Buchsbaum in Sicherheit bringen, weil für die Nacht Unwetter angesagt sind. Und schon scannt mich eine halbwüchsige Wespe im Sprialflug. „Wo, ja wo soll ich ansetzen?“ hat sie wohl gedacht. Und, nach ihrem leicht touchierenden Senkrecht-Schwebeflug über meiner rechten Kniescheibe, mit zu mir gekrümmtem Hinterteil und einsatzbereitem Stachel zu urteilen, war sie einig mit sich.

 

Aber, man mag es in der heutigen Zeit kaum aussprechen, ...ich mag zwar Bienenstich, ..und den auch nur höchstens einmal im Jahr, leicht gekühlt und … . Aber verdammt nochmal, ich lasse mich nicht freiwillig von einer Wespe stechen!

 

Einmal konnte ich sie noch mit einer sanften Handbewegung unter verbaler und mentaler Kontaktaufnahme in eine andere Richtung lenken. Verliebt wie sie nun mal anscheinend in meinen Buchsbaum war, ließ sie sich auch für eine Sekunde darauf nieder.

 

Aber schon, als ich mich lässig und genüsslich ans Balkongeländer stützen, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, ..und sein inzwischen leicht bräunliches Werk betrachten wollte, ..scannte sie mich wieder.

 

MOOOMENT MAL!

 

Flugs, einen kurzen Moment mal nicht an Euch alle denkend, schwebte ich in mein Wohnzimmer und griff nach der großen Flasche mit dem Insektengift.

Zwei Düsen. Turbo.

 

UND DANN!

 

Pschhhhhht! NIMM DAS! UND DAS! Noch einmal Pschhhhht!

 

SO!

 

Spiralflug nun in die andere Richtung. Zeitlupe. Weiche Landung auf dem Boden.

 

OK!

 

Nicht OK! Sie bewegte sich. Sie litt! Eine Wespe, die nichts anderes vorhatte als zu tun, wozu sie erschaffen wurde, nämlich mir zu einer schmerzenden Beule und einer Tetanus-Spritze zu verhelfen ...litt! Vor meinen Augen. Aufgrund meiner Tat.

 

Und dann kamt Ihr ins Spiel, ..ihr Welt- und Mich-Verbesserer, Ihr Mahner und WarnerInnen, Ihr meine-Gesundheit-Missachterinnen und Wespenleben-Beschützer. Ihr kamt ins Spiel.

 

Nein, ich konnte nicht warten bis das Leben dieses Insekts, das mich so gerne mit all ihrer zur Verfügung stehenden Liebe in die Notaufnahme gestochen hätte, ..ich konnte es nicht leiden lassen.

 

Gkrggsss!

 

10tel Sekunde. Badelatsch-Sohle auf Chitinpanzer.

 

Aggressor neutralisiert!

 

Und nun?

 

Nun sitze ich hier mit dem denkbar schlechtesten Gewissen.

 

Hätte ich nicht doch mit ihr über alles reden können? Wäre vielleicht der Umzug in eine andere Wohnung oder der Verzicht auf die Nutzung meines Balkons eine Option gewesen? Vielleicht war sie ja von irgendjemand gezwungen worden, neue Lokations für ihr Volk zu suchen. Oder sie war im Dienste der Königin unterwegs. Vielleicht hätten wir alle ja eines fernen Tages friedlich miteinander… .

 

Ich fühle mich jetzt jedenfalls echt mies.

 

Das war in meiner Kindheit, in der ich Euch alle noch nicht kannte, leichter. Als Ihr mich noch nicht mit Euren Parolen von der Krone der Schöpfung zum Diener jeglicher Kreatur mutiert habt.

 

Damals nämlich, ...ja damals, nachdem ich die ersten zwei Wespenstiche kassiert hatte, genoss ich es, mit einem Messer in der Hand am Fenster zu sitzen. Und jeder dieser boshaften Kreaturen rückte ich damit auf den signalfarbenen, gestreiften Leib.

 

Und wenn sich dann eine genau auf dem Fensterrahmen, dort wo die Scheibe eingelassen ist … .

 

Aber das erzähle ich hier lieber nicht!

 

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