Corinna König

Josie - Mein Leben und ich TEIL 6

"Was machst du hier?" Er fällt mir wahrlich um den Hals uns küsst mich ab. "Da bist du ja. Ich hab auf dich gewartet. Was... was ist denn mit deiner Hand passiert?" Ich bin total überrumpelt und stottere nur rum: "Das... das war nur... ein Versehen. Halb so wild. Ben hat... Ben hat mich schon verbunden." Da registriert Dennis erst richtig, dass Ben mit meinem Koffer in der Hand hinter mir steht. Linda ist bereits mit einem heftigen Türenknallen in ihrem Zimmer verschwunden. "Wo wart ihr denn?", will Dennis wissen. "Wir haben einen Ausflug gemacht. Du warst ja nicht... also ich wusste ja nicht, dass du... Dennis, was machst du hier?" "Ich wollte dich einfach dringend wiedersehen. Zeit mit dir verbringen. Mich entschuldigen." Immer und immer wieder küsst er dabei meine Hand und streicht mir über die Wange. Da wird es Ben zu bunt: Er drängelt sich zwischen Dennis und mich und bringt meinen Koffer rein. "Ich geh dann.", verabschiedet er sich in einem etwas rotzigen Ton. Ich drehe mich noch um: "Danke Ben. Fürs Koffertragen und für... alles halt!" Er dreht sich nicht nochmal um, winkt nur mit der Hand und meint: "Für dich immer." Im nächsten Moment schüttet Dennis mir weiter sein Herz aus: "Josie. Wir müssen uns wieder zusammenraufen. Ich kann nicht ohne dich. Das hab ich jetzt erkannt. Du bist meine Traumfrau und ich liebe dich mehr als alles andere." Seine Augen wirken schon fast panisch. "Dennis. Ich bin doch grade erst hier angekommen. Ich möchte jetzt erstmal meine Ruhe haben. Bitte versteh das." "Ich hatte gehofft, ich kann mit reinkommen und wir reden. Oder kuscheln. Oder..." "Dennis bitte! Du überforderst mich gerade voll. Merkst du das denn nicht?" "Es tut mir leid. Ich... ich gehe nach Hause und meld mich einfach später nochmal, okay?" Ich werfe ihm einen bösen Blick zu: "Oder morgen!"

 

 

Als er - endlich - gegangen ist, analysieren Linda und ich die jüngsten Ereignisse. Wobei mir ja schon bekannt ist, dass sie "Team Ben" ist. "Eigentlich hättest du Dennis gleich abservieren können...", stichelt sie. Doch das alles verwirrt mich. "Ich hatte eigentlich schon eine Entscheidung getroffen. Aber Dennis' Reue und sein Engagement... Das erinnert mich alles wieder an den Dennis, den ich kenne und in den ich mich damals verliebt hatte." "Josie, knick jetzt bitte nicht ein." Doch ich lasse mich nicht umstimmen. Erstmal bleibt alles auf Position. Es wird weder eine Trennung, noch eine Versöhnung geben. Nicht, bis ich einen klaren Kopf habe.

 

 

Am nächsten Tag komme ich gerade mit Anna in die WG, da sitzen Linda, Dave, Ben, Sara und Sascha am Esstisch und es sieht mir sehr nach Krisensitzung aus, wenn ich mir ihre dunklen Mienen so ansehe. "Hey Leute, was ist denn hier los? Ihr seht alle aus wie sieben Tage Regenwetter." Keiner will so recht mit der Sprache rausrücken. "Ach weißt du, wir waren in der Nähe und wollten mal vorbeischauen.", erklärt mir Sascha. Dave rechtfertigt sich kurz und knapp: "Ja und ich bin ja eh dauernd hier." Gut, fehlt nur noch eine Erklärung - und zwar die von Ben. Er schaut mich an. Den Blick, den er drauf hat, kenne ich bisher nicht. Er wirkt besorgt, verunsichert, wütend, enttäuscht... insgesamt einfach unheimlich negativ. Scheinbar will er mir auch nicht sagen, was er hier macht, aber ich will auch nicht unnötig neugierig sein. "Anna und ich backen jetzt erstmal einen Probe-Kuchen für Joe. Der hat nämlich bald Geburtstag! Wer mag helfen?" Sara winkt ab: "Wir verziehen uns wieder, wir müssen noch weiter." Linda und Dave verkriechen sich in ihr Zimmer und Ben gibt vor, noch in der Bar nach dem Rechten sehen zu müssen. "Anna, geh bitte erstmal Hände waschen." So werd ich die Kleine ein paar wenige Minuten los. Ehe Ben als letzter die Wohnung verlässt, gehe ich auf ihn zu, fädele meinen Finger in seine Gürtelschlaufe und frage direkt nach: "Alles okay?" Er setzt ein verkrampftes Lächeln auf und meint nur: "Ja, also ich muss dann." Er wirkt abweisend und kühl. So kenne ich Ben gar nicht. Ob er es mir wohl übel nimmt, dass Dennis gestern im Flur stand?! Naja, er wird sich schon wieder einkriegen. Hoffe ich.

 

 

Anna und ich machen uns also an den Geburtstagskuchen. Als die Form im Ofen ist und noch Teigmasse übrig ist, will ich Linda holen, da ich ja weiß, dass Sie gerne Teig schleckt. Dabei störe ich scheinbar ein Gespräch von den beiden. Leider krieg ich nur noch die letzten Satzfetzen mit: "Das wird er schon hinkriegen." "Ja das hoffe ich. Vor allem bei seiner Vorgeschichte." Ich werde indessen das Gefühl nicht los, dass die beiden über Ben gesprochen haben. Aber ich will die beiden nicht nerven und bin still.

 

 

Am darauffolgenden Wochenende beschließen wir, abends in der Bar zu essen und uns einen schönen Abend zu machen. Dave und Ben müssen arbeiten und weil Sara schon lange nicht mehr aus war, haben sie uns Sascha kurzfristig beschlossen, auch mitzukommen. Während Sascha den Jungs am Tresen Gesellschaft leistet, machen wir Mädelsrunde. Sara grübelt schon eine ganze Weile sichtlich und hat dann endlich den Beschluss gefasst, nachzufragen: "Josie, ich will ja nicht taktlos sein, aber... Was ist das eigentlich zwischen dir und Dennis? Seid ihr noch zusammen?" "Naja, eine Trennung gabs nie. Ich hatte mich ja entschieden, ihn zu verlassen, aber dann kam er so derart reumütig an. Ich denke schon, dass wir es einfach nochmal versuchen. Wir waren die letzten Tage mal im Kino und mal einen Kaffee trinken. Das war eigentlich ganz schön. Er trägt mich auf Händen. Momentan." Linda zischt: "Pff!" und schüttelt dabei den Kopf. "Was denn?", will ich wissen. "Was ist denn mit Ben?" "Was soll denn mit ihm sein?" Sie blickt mir ganz eindringlich in die Augen. Irgendwas belastet sie. Aber was? "Josie. Es wäre besser, du trennst dich von Dennis." Sara schlägt sogleich in die selbe Kerbe: "Besser gestern als heute!" Das verunsichert mich. "Was? Wieso denn? Das Linda noch nie ein Dennis-Fan war, ist mir ja durchaus bekannt. Aber was hast du denn für ein Problem mit ihm?" Saras Augen füllen sich mit Tränen: "Ach weißt du. Er hat dich nicht verdient. Er hat dich so schlecht behandelt. Ich weiß nicht, ob das wieder gut zu machen ist." "Sara, er hat Zeit für sich gebraucht und sich nicht gerade oft bei mir gemeldet. Das ist doch noch kein Grund, ihn auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen, oder?" Doch bevor Sara antworten kann, setzt sich wie aus dem Nichts Dennis zu uns an den Tisch. Wie gehabt drückt er mir einen Schmatzer auf und ist bester Laune. "Dennis, was machst du denn hier?", fragt Sara. "Ich muss mal aufs Klo. Josie, kommst du mit?", rückt Linda mir auf die Pelle und zerrt mich auf die Toilette. "Sag mal was hast du denn?", will ich ganz verdutzt wissen. "Das fragst du mich? Was hast du Josie? Wie kannst du Dennis hier anschleppen? Hier!" "Das hab ich doch gar nicht." "Ach ja? Ist das etwa nicht Dennis, der da oben sitzt?" "Doch aber..." "Denk doch mal an Ben!" "An Ben? Linda was redest du denn da?" "Ich wollte dir eigentlich nichts sagen, aber Ben hat sich echt Chancen bei dir ausgerechnet." Ich starre sie mit großen Augen an. "Er hat wirkliches echtes aufrichtiges Interesse an dir. Und du kuschelst vor ihm mit Dennis rum. Auch wenn keiner so recht weiß, wieso..." Sie ist richtig wütend. "Hör mal, ich hab ihn hier nicht angeschleppt. Und rumgekuschelt wird auch nicht. Ich weiß nicht, woher Dennis wusste, dass ich hier bin. Jetzt beruhige dich mal wieder." Langsam regt sie sich ab. Meine Worte scheinen bei ihr anzukommen. "Ich werd respektvoll sein. Kein Geknutsche, Geschmuse oder sonstwas. Versprochen." "Am besten, du wirst ihn direkt wieder los. Ich hatte mich auf einen schönen Abend gefreut." "Schooon guuut! Er wird sicherlich nicht lange bleiben." Sie nickt mir zu. "Und jetzt gehn wir wieder rauf und bestellen dir erstmal einen Schnaps!", schlage ich vor, während ich sie im Arm die Treppe rauf bringe.

 

 

Oben angekommen, trägt sich die nächste merkwürdige Situation zu. Dave sieht uns nicht kommen und ich meine mitbekommen zu haben, dass er Dennis unauffällig aus der Bar werfen wollte. Ich hatte Linda ja versprochen, dass es kein unangebrachtes Verhalten am Tisch geben wird, aber so einfach ist das leider nicht. Ich für meinen Fall bin lammfromm. Habe die Hände am Tisch oder im Schoß und blicke quasi nicht nach links und rechts. Aber Dennis ist ungewohnt aufdringlich. Ständig tatscht er mich an. Busselt mich ab und dann schießt er noch den Vogel ab, als er mir tatsächlich ins Ohr flüstert: "Ich möchte endlich wieder mit dir schlafen. Das letzte Mal ist schon viel zu lange her." Die paar Bier scheinen ihm wohl nicht bekommen zu sein. Und zu allem Überfluss hat Dave Sara gerade eine frische Weinschorle gebracht und jedes Wort gehört. Das kann ich an seinem Schnaufen und seinem Augenrollen eindeutig erkennen. Als er wieder zu Ben hinter die Bar geht, merke ich, dass die beiden flüstern. Dave wird Ben gerade erzählen, wie daneben Dennis sich aufführt. Mir dreht sich bei dem Gedanken der Magen um. Ben scheinbar auch, weil er im Stechschritt Richtung Toilette eilt. "Ich muss mal. Bin gleich wieder da meine Schöne.", meint Dennis kurz darauf und verschwindet natürlich nicht ohne ein Küsschen. "Ob das gut geht?!", kann ich mir einen sorgenvollen Seufzer nicht verkneifen. "Was meinst du?" "Naja Ben ist noch nicht wieder zurück und Dennis ist gradeben aufs Klo gegangen." Und im nächsten Moment hört man laute Stimmen aus dem Keller. Sascha und Dave hechten nach unten. Wir Mädels natürlich direkt hinterher. Und tatsächlich. Ich komme gerade dazu, als Sascha Dennis und Ben trennt. "Was ist denn passiert?!" Ben sieht mich wieder mit diesem ungewohnten Blick an. Eine Antwort will mir keiner so richtig geben. So schnell sich die Rauferei ergeben hat, löst sie sich auch wieder auf und wir gehen zurück in den Gastraum. Mike ermahnt Ben, dass er sowas nicht nochmal mitbekommen will und fragt, um was es denn gegangen ist. Da höre ich doch tatsächlich Dave sagen: "Keine Ahnung. Ich hab den Penner nur dauernd über ein Krönchen reden hören. Ob Ben das Krönchen gesehen hat. Keine Ahnung, was das sollte." Dafür hab ich umso mehr Ahnung. Ich kann es einfach nicht fassen. Denkt Dennis ernsthaft, ich hätte mit Ben geschlafen?! Wutentbrannt packe ich ein paar Scheine auf den Tisch und zische: "So Leute! Der Abend ist gelaufen. Ich geh nach Hause." "Ja Schatz, ist glaub besser so. Wir gehen.", will dieser Schwachkopf von Dennis meine Hand nehmen und mit mir aus der Bar stolzieren. Da platzt mir der Kragen: "ICH gehe nach Hause. In MEIN Bett. ALLEINE! Gute Nacht." Ich kann nicht anders, als ihn einfach stehen zu lassen. Ich bin so sauer. >Das Krönchen gesehen...< Wie respektlos. Ich bin noch keinen Block weit gekommen, da hält Bens Auto neben mir. "Steig ein, ich fahr dich." "Das brauchst du nicht, Ben. Danke." "Los, es ist kalt, stockfinster und du bist allein." Ich überlege kurz: "Ist das echt okay?", will ich mich vergewissern. "Hopp Hopp!", schmunzelt er mich an. Ich hoppse also ins Auto und bedanke mich artig. Die ganze Autofahrt über herrscht Totenstille. Erst als Ben einparkt und ich schon fast aussteigen will, nehme ich all meinen Mut zusammen und frage ihn: "Was war denn nur los, Ben?" "Er hat mich provoziert.", entgegnet er mir auf die Straße starrend. "Aber womit denn? Hat... hat Dave das wirklich richtig verstanden?" Ben sagt nichts. "Hat Dennis wirklich den Verdacht, dass du... dass... dass du mein... Verdammt nochmal. Dass wir miteinander geschlafen haben?!" Er sagt wieder nichts. Ein leichtes Schulterzucken kann ich wohl als JA deuten. "Es... es tut mir leid." "Du musst dich nicht entschuldigen Josie. Wofür auch?" "Ich will auch, dass du weißt, dass ich Dennis nicht eingeladen hab." "Das geht mich doch gar nichts an. Deine Beziehung.", sagt er. Er will so tun, als sei ihm das alles gleichgültig, doch ich weiß, dass es das nicht ist. Ich spüre es. "Du, ich muss dann wieder zurück. Mike ist ja eh schon schlecht auf mich zu sprechen." "Ja! Klar! Dann... danke fürs Heimbringen." "Kein Problem." "Gute Nacht.", sage ich mit zitternder Stimme während ich zögerlich den Türgriff loslasse. "Gute Nacht." Und weg ist er.

 

 

Am nächsten Tag eruieren Linda und ich nochmal das ganze Szenario. "Dein Krönchen?! Ist das sein Ernst?! Hätte Dennis sich noch viel unpassender verhalten können?! Sei froh, dass außer mir und Sara keiner weiß, was mit Krönchen gemeint ist. Obwohl der Begriff an sich schon zweideutig genug ist.", runzelt sie die Stirn. Ich hauche in meinen Milchkaffee: "Ben weiß es auch." Kein Wort. Linda starrt mich einfach an. "Ich habs ihm erzählt!" "Puh! Josie jetzt hast du mich aber echt geschockt. Moment mal... Du hast ihm davon erzählt?!" "Ja! Hat sich so ergeben!" "Wie ergibt sich denn sowas?!" "War eben so...", lasse ich sie wissen und muss lächelnd an die schöne Nacht auf der Veranda zurückdenken. Mein Handy läuft auch schon wieder auf Hochtouren. Dennis versucht unentwegt, mich zu erreichen. Von dem Arsch hab ich erstmal genug. Ich hab aber ohnehin keine Zeit, mich mit ihm zu befassen. Immerhin hat Joe heute Geburtstag und ich muss noch einen Kuchen backen! "Schade, dass du nicht mitkommen kannst. Joe mag dich doch so gern." "Jaaa, ich mag ihn ja auch so gern. Aber Sandy und Mike haben sich den freien Abend echt mal sowas von verdient. Da passen Dave und ich gerne auf die Kleine auf. Aber sag ihm liebe Grüße."

 

 

Später gehe ich etwas aufgehübscht zu meinen Eltern und verbringe dort einen schönen Abend. Genau richtig, um abzuschalten. Ich hab sogar Wechselklamotten mitgenommen, falls es etwas länger wird heute. Doch leider nimmt der Abend ein jähes Ende, als Dennis fix und alle auf der Matte steht. "Was tust du denn hier?", fordere ich eine Antwort. "Ich muss mit dir reden! Es ist wichtig!" Er wirkt geradezu verzweifelt. Meine Mom bekommt Mitleid und flüstert mir zu: "Geh schon, Josie. Es ist eh schon spät. Wir machen hier noch Klarschiff und gehen dann sowieso ins Bett. Geh nur." "Wirklich? Soll ich nicht noch mithelfen?" "Geh." Ich gehe also widerwillig mit.

 

 

Als ich aus dem Auto steigen will, fängt Dennis an zu weinen. "Was hast du denn?" Wie ein Häufchen Elend sitzt er da in seinem Sitz und schnieft. Mir tut die Ansage von gestern Abend wirklich schon wieder leid. Ich streichle seinen Oberschenkel, doch ich merke, dass irgendwas im Argen liegt. "Oh Gott, ich liebe dich so sehr.", stammelt er. "Dennis, was ist denn?" Da zieht er mir mit seiner Nachricht den Boden unter den Füßen weg: "Ich hab dich betrogen! Mehrmals!" Ich bin so geschockt, dass ich gar nichts sagen kann. "Und... und jetzt will ich das nicht mehr. Ich will DICH! Sie bedeutet mir nichts. Es ist Vergangenheit. Das ist mir gestern klar geworden." "Ges... Gestern? Du warst gestern bei einer anderen?" "Ja! Du hast mich so angefahren, obwohl ich mich so bemüht hab. Und dann das ganze Bier..." "Seit wann?" Er will meine Hände nehmen, doch ich stoße ihn mit aller Kraft, die ich aufbringen kann, weg. "Seit wann geht das schon so?" "Seit... ca. einem Jahr!" "EIN JAHR??" "Josie, es war nur Sex! Es waren keine Gefühle im Spiel. Zumindest meinerseits!" "Ach?!" "Ich kenne sie von der Arbeit und sie hat mich von Anfang an angebaggert. Und dann... auf der Sommerfeier letztes Jahr..." "Da hast du sie geknallt!" "Josie... Schatz... ich... bitte..." "Und dann wieder mich! Und dann wieder sie! Und so lief das ein ganzes Jahr?" "Nein! Es war nichts Regelmäßiges falls du das denkst. Es waren einfach... mehrere Ausrutscher..." "Du bist so ekelhaft!" "Josie!", er will mich wieder anfassen, doch ich ticke förmlich aus und brülle ihn an: "Fass mich nicht an!" Hektisch greife ich nach dem Türgriff, ehe mir ein gewisses Detail unangenehm aufstößt: "Was meintest du, als du gesagt hast, DEINERSEITS wären keine Gefühle da?" "Naja, sie hat schon oft angemerkt, dass sie nicht mehr nur eine Affäre haben will, sondern eine feste Beziehung." "Ach! Aber da war ja ich im Weg." "Aber ich..." Die ganze Geschichte ist mir wirklich zu viel. Ich merke, wie mein Kreislauf langsam schlappmacht und reiße die Autotüre auf: "Ich muss hier raus!" Ich eile so schnell ich kann ins Haus. Dennis rennt mir hinterher: "Schatz, bitte bleib hier!" Ich schaffe es gerade noch schnell genug, die Türe aufzuschließen und hinter mir wieder zuzuknallen, ehe Dennis mit reinkommen kann. Er hämmert noch ein paar mal gegen die Türe. Ein paar mal rufe ich noch, dass er gehen soll, doch das zeigt erst nach einer ganzen Weile Wirkung und er haut endlich ab.

 

 

Da sitze ich nun. Auf dem Boden. Mein Leben in Scherben. Dennis‘ Geständnis dröhnt mir immer wieder aufs Neue durch den Kopf >Ich hab dich betrogen!< Ich kann es noch immer nicht glauben. Ich stürme in Lindas Zimmer – doch sie ist ja heute nicht da. Bei dem Ganzen habe ich das schlichtweg vergessen. Gerade jetzt. Ich kann mir nicht helfen, aber ich muss sie anrufen. Ich brauche sie jetzt und muss unbedingt mit ihr über alles sprechen. Eilig rufe ich sie an. Doch sie hebt nicht ab. Wahrscheinlich schläft sie schon. Ich versuche es immer und immer wieder, aber ohne Erfolg. Es gelingt mir einfach nicht, sie zu erreichen. Völlig aufgewühlt und am Ende meiner Kräfte sitze ich auf ihrem Bett. Und heule in ihr Kissen. Langsam aber sicher sackt die ganze Situation und ich begreife, was eigentlich geschehen ist. Da hilft es mir auch nicht wirklich, dass mein Handy ununterbrochen klingelt, weil Dennis mir alles nochmal “erklären“ will. Ich bin völlig durcheinander. Ich habe den Eindruck, dass mir die Decke auf den Kopf fällt. Ich brauche jemanden! Jemanden, an dessen Schulter ich mich ausheulen kann. Mir ist nicht nach reden zumute, aber ich möchte im Moment einfach nicht alleine sein. Ohne groß nachzudenken, wähle ich Bens Nummer. Ich frage ihn, ob er bitte herkommen kann. “Was ist denn passiert? Geht’s dir gut?“, er klingt besorgt. “Bitte… Komm einfach her.“ “Bin in 10 Minuten da!“ Ich wette, dass es nicht mal 10 Minuten dauert.

 

 

Und so ist es auch. Wenige Minuten, nachdem wir aufgelegt haben klopft es an der Tür. Um zu prüfen, dass es nicht Dennis mit seinen haltlosen Erklärungen ist, werfe ich einen Blick durch den Türspion. Es ist Ben. Ich öffne ihm also. Er kommt eilig rein und fragt mich mit weit aufgerissenen Augen: “Josie, was ist passiert?“ Ich gehe einige Schritte von ihm weg. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Schließlich drehe ich mich zu ihm um, hole nochmal tief Luft und sage mit zittriger Stimme: “Ich… ich hab mich von Dennis getrennt.“ Eine kurze Zeit lang bleibt er wie angewurzelt stehen und sieht mir einfach nur in die Augen. Dann kommt er auf mich zugestürmt. Mit der einen Hand wischt er mir eine Träne von der Wange und mit der anderen drückt er mich fest an sich, ehe er mich leidenschaftlich küsst. Ich bin nicht sicher, ob ich so genau weiß, was hier gerade vorgeht, aber er hat mich vollkommen in seinem Bann. Ich kann nicht anders und ziehe ihm, während wir uns weiterhin küssen, sein Shirt aus. Er hebt mich hoch, trägt mich in mein Schlafzimmer und legt mich schließlich aufs Bett. Wir haben nur Augen füreinander. Während er meine Bluse aufknöpft, küsst er mich am Hals. Mein Verlangen steigt ins Unermessliche. Ben scheint es ganz genauso zu gehen. Er zieht mir behutsam mein Höschen aus, streichelt dann über mein Tattoo und lächelt mich an. Nachdem wir uns gegenseitig unserer Kleidung entledigt haben, kann ich spüren, wie sehr er mich will. Ich setze mich auf und beuge mich über Ben, um in meinem Nachttisch nach einem Kondom zu fummeln. Er küsst dabei meinen Hals und meine Brust, was ich vollends genieße. Ich rolle ihm das Kondom über, da packt er mich und legt mich auf den Rücken. Er lehnt sich über mich. Mein ganzer Körper kribbelt und es geht los. Er ist sanft, lässt mich aber zugleich spüren, dass er ganz genau weiß, was er will. Ben streicht mir mit der Hand über die Schulter und die Taille bis hin zur Hüfte über den Hintern und packt mich schließlich am Oberschenkel, während seine Beckenbewegungen mich wahnsinnig machen. Seine Berührungen fühlen sich unglaublich an und wir genießen die Situation in vollen Zügen. Das geht einige Minuten so, die sich für mich anfühlen wie die pure Lust. Ich drücke ihn nach oben und setze mich auf ihn. Er hält meine Hüften mit etwas Druck fest und ich merke, dass ich fast soweit bin. Er kommt mit dem Oberkörper nach oben und küsst mich an Dekolleté und Brust, während ich lauter werde. Er bringt mich um den Verstand. Leise seufze ich seinen Namen und fahre mit den Fingern durch sein Haar. Ich merke, dass er auch gleich soweit ist. Unsere Bewegungen werden heftiger. Ich klammere mich an seinen Schultern fest. Er hält mich immer fester. Sein Atem wird schneller und schneller. Ihm entkommt auch der ein oder andere Ton. Wir krallen uns aneinander fest und kommen gemeinsam zum Orgasmus. Geschafft steige ich ab und lasse mich in die Kissen fallen. Wir liegen nebeneinander und starren die Decke an. Wir keuchen um die Wette – erschlagen von den Ereignissen. Erschlagen von dem Gedanken, dass wir gerade Sex hatten. Irritiert starre ich weiter an die Decke. Ohne ein Wort zu sagen nimmt Ben meine Hand. Er sieht mich verunsichert an und wartet darauf, dass er irgendeine Reaktion in meinem Gesicht lesen kann. Ich drehe meinen Kopf in seine Richtung und lächle in an. Er erwidert mein Lächeln und kuschelt sich fest an mich. Seine Arme umklammern meinen Oberkörper und mit seinen Fingern streichelt er ganz sanft über meine Schulter. Ich fühle mich unbeschreiblich wohl. Ich kann Bens Atem an meinem Hals spüren, was auf mich eine irgendwie beruhigende Wirkung hat.

 

Wir bleiben einige Zeit geradezu regungslos liegen. Minuten fühlen sich wie Stunden an. In Gedanken gehe ich jede Minute, die vergangen ist, seit er zur Tür reingekommen ist, nochmal durch. Noch immer bin ich völlig von der Rolle. Die ganze Sache hat mich doch ganz schön aus der Fassung gebracht, also stehe ich auf, um mir eine Flasche Wasser aus der Küche zu holen. Ben hält jedoch meinen Arm fest. "Wo willst du hin?", fragt er mich, während er mich wieder ins Bett zerrt. "Ich wollte mir nur was zu trinken holen.", erwidere ich also und gebe ihm einen Kuss auf die Nase. "Also gut", murmelt er mit einem spitzbübischen Grinsen. "Aber mach schnell...", ruft er mir noch hinterher, während er sich in meine Kissen kuschelt. Ich ziehe mir ein Höschen an, werfe mein Nachthemd über und tapse - noch immer etwas wacklig auf den Beinen - in Richtung Küche. Ich hole mir also eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank, setze mich auf die Theke und starre aus dem Fenster in die Nacht. Da höre ich Schritte. Bens Schritte. Er kommt mir ganz nah. "Na? Auch Durst?", frage ich mit leichtem Unterton. Er lächelt mich an, nimmt mir die Flasche aus der Hand und trinkt einen Schluck. Ihm läuft ein Tropfen daneben, rennt über sein Lippenpiercing und sein markantes Kinn über seinen Hals und sein Schlüsselbein bis hin zu seiner Brust. Ich kann nicht anders und streiche den Tropfen weg. Ben nimmt meine Hand und spielt mit dem Daumen an dem Armband rum, das er mir im Urlaub geschenkt hat. Er scheint sich zu freuen, dass ich es trage. Ich sehe ihn an und er wirkt auf mich unheimlich zufrieden und entspannt. Er will mich gerade küssen, da werden wir von dem Vibrationsalarm meines Handys unterbrochen. Noch ein Anruf von Dennis. Mittlerweile schon der 42. Versuch, mit mir zu reden. Wir starren beide auf das Handy. Danach treffen sich unsere Blicke. Er fragt mich mit ganz ruhiger Stimme: "Darf ich bleiben?" Ohne, zu überlegen, worauf genau sich die Frage beziehen würde, höre ich mich "Ja!" sagen. Er sieht mir tief in die Augen und ich kann förmlich spüren, wie sich eine riesen Erleichterung in ihm breit macht. Während er mich küsst, denke ich nochmal intensiv über die Situation nach. Ich springe von der Theke und sage zu Ben, dass ich nur kurz unter die Dusche springe. Ich kann mich unmöglich konzentrieren, wenn er nur mit meiner Bettdecke um die Hüften neben mir steht. "Gut, ich machs mir solange bequem, okay?" “Ja gerne, ich beeil mich!"

 

 

Gesagt - Getan. Ich drehe das Wasser auf, klemme mir meine Haare nach oben und starre mein Spiegelbild an. Tja, leider verrät mir mein Spiegelbild auch nichts. Ich springe also unter die Dusche - hab ja zu Ben gesagt, ich beeile mich. Unter der Dusche fällt es mir jedoch auch nicht leichter, klar zu denken. Immer wieder schießen mir Geistesblitze durch den Kopf. Seine starken Hände. Seine wahnsinns Küsse. Sein Körper. Ich hatte das Gefühl, wie eine Göttin behandelt zu werden. Es will mir einfach nicht gelingen, sachlich über die ganze Sache nachzudenken. Ob es eine Kurzschlussreaktion war? Ob ich schlicht und ergreifend aus Trotz gehandelt hab? Wie es jetzt weitergeht? Ich kann einfach nicht länger als zehn Sekunden bei der Sache bleiben.

 

 

Doch das hat sich jetzt eh erledigt. Ich merke, wie Ben mit in die Duschkabine kommt. Ehe ich mich umdrehen kann, spüre ich, wie ich am Nacken geküsst werde. "Du wolltest dich doch beeilen.", flüstert Ben mir ins Ohr. Und schon ist es wieder um mich geschehen. Es fühlt sich so an, als wären seine Hände überall. Ich drehe mich zu ihm um und küsse ihn - deutlich stürmischer, als es bei Dennis je der Fall war. Er drückt mich gegen die Wand, hebt mich mit einem beherzten Griff unter die Pobacken hoch und läutet die zweite Runde ein. Ich spüre dabei seine Bauchmuskeln, die mich schwach machen. Zweimal auf und ab und ich bin wieder in Trance. So eine Leidenschaft habe ich noch nie erlebt. Ich bekomme schon wieder Gänsehaut. Nebenbei stellt Ben das Wasser ab und trägt mich in mein Zimmer. Dabei zwickt er mir mit den Lippen in den Hals und sein Piercing kitzelt mich. Er nimmt die Klammer aus meinen Haaren, damit ich mich nicht verletze, wenn er mich auf mein Bett legt. Mit seinen heftigen Beckenbewegungen bringt er mich völlig aus der Fassung. Ich kralle mich an seinen Oberarmen fest. Seine Bewegungen werden schneller. Sein Atem wird unruhiger. Ich spüre, dass er gleich wieder so weit ist. Ich kann meine Lust nicht mehr zügeln und werde wieder lauter und lauter. Und erneut schaffen wir beide eine gemeinsame Punktlandung. Erschöpft sinken wir in die Laken. Völlig aus der Puste gibt er mir noch einen Kuss, ehe er seinen Kopf auf meine Brust legt. Eine Weile bleiben wir so liegen - überwältigt von dem großartigen Sex. Ich werfe einen Blick auf die Uhr - mein Zeitgefühl ist komplett ausgeschalten - und sehe, dass es schon mitten in der Nacht ist. Ich bin aber hellwach. Da unterbricht Bens Stimme die Stille: "Dein Herz schlägt noch ganz schnell." "Und deine Muskeln in den Armen zucken noch.", antworte ich. Er hebt seinen Kopf und schaut mich an, als könne er gar nicht glauben, dass wir beide wirklich miteinander geschlafen haben. Doch wahrscheinlich schaue ich ihn ganz genauso an. Ich drehe mich zum Fenster und er kuschelt sich an mich. Seine Hand umfasst meine. Sein Kopf liegt eng angelehnt an meinem. Ich genieße jede Sekunde. Meine Konzentration ist mittlerweile über alle Berge, ohne Aussicht auf Rückkehr. Nach einiger Zeit spüre ich, dass Bens Atem gleichmäßiger wird. Auch seine Streicheleinheiten werden langsamer. Er scheint einzuschlafen. Doch ich bin nach wie vor hellwach. Ich versuche immer noch, die Geschichte einzuordnen. Doch auch jetzt gelingt es mir nicht. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Alleine Bens Nähe löst in mir das reinste Gefühlschaos aus. Anderthalb schlaflose Stunden später blicke ich erneut auf die Uhr. Gott sei Dank ist Wochenende und ich kann ausschlafen – sofern ich überhaupt irgendwann einschlafen kann.

 

 

Während Ben sich im Schlaf etwas dreht, ergreife ich meine Chance und stehe auf, ziehe mir erneut Nachthemd und Shorts an und wanke mit meiner Wasserflasche durch die Wohnung. Schließlich mache ich es mir in unserem Strandkorb auf dem Balkon bequem und lausche den Geräuschen der lauen Sommernacht. Es dauert nicht lange, da steht plötzlich wie aus dem Nichts Ben neben mir. Ich schaue ihn erschrocken an. “Was machst du denn hier?“, möchte er wissen. “Ach weißt du, ich konnte nicht schlafen.“, winke ich ab. Er kommt noch einen Schritt auf mich zu und fragt mich: “Bereust du es?“ Er versucht, seine Ungeduld zu verbergen, doch das klappt mehr schlecht als recht. Ehe er vor Spannung platzt, greife ich nach seiner Hand. Ich ziehe ihn ganz nah an mich und schüttele den Kopf. Er schaut mich noch ungläubig an, doch das dürfte sich mit meinem nachfolgenden Kuss erledigt haben. Wir schmusen also unter der Kuscheldecke und schauen in den Nachthimmel, als Ben zögerlich fragt: “Was ist denn eigentlich genau passiert?“ Ich muss lachen und antworte: “Meinst du das erste oder das zweite Mal?!“ Er schmunzelt etwas, doch genau dieser Gesichtsausdruck sagt mir, dass er nicht darauf raus wollte. “Ich meine, was ist mit Dennis passiert?“ Ich habe befürchtet, dass er das wissen will. Doch ich kann es ihm nicht sagen. Erstens fühle ich mich so hintergangen und zweitens möchte ich keinen Gedanken mehr an Dennis und seinen Betrug verschwenden. Ich möchte einfach nur den Moment genießen. “Hm… Ich… Lass uns bitte nicht darüber sprechen, ja? Zumindest noch nicht.“, bitte ich um Verständnis. “Ist gut.“ Ich merke, dass er unzufrieden und neugierig ist, aber ich möchte uns nicht die Stimmung verderben. Nach wenigen Minuten Stille, frage ich ihn: “Wie lange ist denn deine letzte Beziehung eigentlich her?“ “Hm, schon etwas länger…“ Ich schaue ihn an und sehe, dass er schmunzeln muss. “Los sag schon!“, fordere ich, während ich ihn in die Rippen piekse. Wir kabbeln uns, doch ich gewinne. “Du willst es echt wissen?“ “Los, raus damit!“ “Meine letzte Beziehung, liegt… ungefähr… vier Jahre zurück.“, sagt er. Ich starre ihn mehr als geschockt an. “Die letzte?? Vier Jahre?“ Er nickt und schaut geradewegs in den Himmel. “Jap! War auch bisher meine einzige Beziehung!“ Ich starre ihn noch geschockter an! “Wie?“ “Ja, das war meine erste Freundin. Ich hab sie in der Schule kennengelernt und war mit ihr zusammen seit ich 16 war. Nach knapp vier Jahren war dann Schluss.“ “Und seitdem hattest du niemanden mehr?“ “Nöpp!“ “Also keine Beziehung meinst du!?“ “Auch so nix!“ Ich schrecke auf und frage nochmal nach. “Du hattest seit vier Jahren keine Beziehung mehr? Oder Ähnliches?“ “Nöpp!“ “Ach komm, das kannst du mir doch nicht erzählen.“ Er muss lachen, doch ich weiß nicht, wie ich das deuten soll. “Wirklich!“ “Aber… da muss es doch irgendwelche Mädels gegeben haben.“, bohre ich skeptisch nach. “Naja…“ “Na aaalso! Hab ich dich!“ “Angebote gabs schon! Es gab auch das eine oder andere Date oder die eine oder andere Knutscherei, aber…“ “Aber?“ “Bisher war keine mehr dabei, die mich so interessiert hat, dass ich mich vollends drauf eingelassen hab!“ Ich kann nicht glauben, was ich da höre. “Tja und heute bin ich mit dir in der Kiste gelandet!“, schmunzelt er und fügt schelmisch grinsend hinzu: “Zweimal!“ Ich lasse mich wieder in seine Arme zurückfallen und starte den nächsten Versuch, meine Neugier zu befriedigen: “Warum habt ihr euch damals getrennt?“ “Hm…“ Er zögert. Sein Blick senkt sich. “Weißt du, wir waren noch so unheimlich jung und… irgendwann hat es einfach nicht mehr geklappt.“ Selbstverständlich reicht mir diese schwammige Aussage nicht, sodass ich noch einige Sekunden auf eine Zugabe warte, aber leider vergebens. “Achso!“ Ich merke genau, dass Ben das Thema unangenehm ist und er keine weiteren Fragen mehr beantworten möchte. Doch ich bin so neugierig und kann nicht anders: "Wie heißt sie denn?" "Josie..." "Josie?! Sie heißt wie ich?!", frage ich - dumm wie ich bin - nach. "Nein!" "Aaah, du meinst, das war mehr so ein >Halt die Klappe<-Josie!" Mit einem unmissverständlichen Blick gibt er mir zu verstehen, dass er wirklich nicht über sie sprechen will. Ich kann ihm deutlich ansehen, wie nachdenklich Ben plötzlich wird. Es würde mich so interessieren, was in der Beziehung Schlimmes vorgefallen ist, dass Ben nach so langer Zeit noch immer nicht mit dem Thema umgehen kann. Doch natürlich respektiere ich sein Verhalten und wechsle das Thema. Wir unterhalten und noch einige Stunden lang. Weil Ben und ich uns – auch außerhalb des Bettes – so gut verstehen, vergeht die Zeit während unserer Gespräche in Windeseile. Wir kommen von einem Thema zum nächsten, als jedoch langsam die Sonne aufgeht, dösen wir doch langsam aber sicher ein. Wohl beide mit einem mehr als zufriedenen Lächeln. Eine so tolle Nacht hab ich meiner Erinnerung nach noch nie verbracht.

 

 

Gefühlte 30 Minuten und tatsächliche 4 Stunden später, werden wir von einem auf dem Balkongeländer lauthals krähenden Vogel aufgeweckt. Ich brauche einige Augenblicke, um zu verstehen, wo ich bin. Und dass Ben neben mir liegt. Und was wir in den vergangenen Stunden zusammen erlebt haben. Ich beobachte, wie er die Augen langsam aufschlägt. Er zieht sich die Decke über den Kopf, um dem Sonnenschein zu entkommen. Ich flüstere “Guten Morgen!“, während ich seinen Kopf an mein Dekolleté lege und ihm einen Kuss aufdrücke. “Ich will schlafen!“, quengelt er. So dringend kann er den Schlaf aber dann doch nicht benötigen, wandern seine Hände doch im nächsten Augenblick unter mein Nachthemd. Er fängt an, mich am Hals zu küssen und streichelt meine Brust. Sofort überkommt mich wieder dieses Gefühl. Und dieses Verlangen. Gerade, als ich mit einsteigen will, werden wir von der Türklingel unterbrochen.

 

 

Mein erster Gedanke: Dennis! Bens Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hat er den gleichen Gedanken. “Nicht aufmachen!“, flüstert er mir zu. Doch nach der wahnsinnig tollen Nacht fühle ich mich Dennis schlichtweg überlegen. Die Enttäuschung ist mittlerweile in Hass und Wut umgeschlagen. Ich stehe auf, richte meine Haare kurz auf dem Weg zur Tür, greife zur Türklinke, atme tief ein und öffne. Ich will schon fast losschimpfen, da kann ich gerade noch so die Bremse reindrücken. “Guten Morgen! Die Post!“ Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Fast hätte ich den armen Postboten mit sämtlichen Ausdrücken betitelt, die mir gerade eingefallen wären. Und mit etwas Pech, hätte ich ihm auch noch in die Eier getreten. Doch Gott sei Dank konnte ich mich in letzter Sekunde zügeln. “Danke! Schönen Tag noooch!“, schleime ich mit einem Honigkuchenpferd-Grinsen. Ich schließe die Tür mit einem gewaltigen Seufzer, während Ben in den Kühlschrank lacht. Wir frühstücken noch zusammen, doch ich muss dauernd auf die Uhr blinzeln, weil ich Angst habe, dass Linda jeden Moment nach Hause kommt und eine Erklärung dafür, warum Ben total verstrubbelt und in Unterwäsche am Frühstückstisch sitzt, hab ich beim besten Willen nicht. Ben meint, dass er gleich noch zu seinem Opa fährt und daher nicht so viel Zeit hat. Kurze Zeit später verabschiedet er sich mit einem langen Kuss von mir. Er streicht mir über die Wange und meint: "Meld dich, wenn irgendwas ist." Ich nicke dankend und schließe die Tür. Dass sich die Ereignisse so derart überschlagen haben, muss ich erstmal sacken lassen. Also beschließe ich, einen ausgiebigen Spaziergang zu machen. Ganz für mich. Zum Gedanken sammeln.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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