Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 29

Liebe Leser,

leider sind mir einige von Euch abhanden gekommen. Liegt es am Wetter oder fehlt der Kater? Letzerer wird bald wieder auf der Bühne für Chaos sorgen. Lasst doch mal von Euch hören.
Und nun viel Spaß
 

Die Dämmerung war erheblich vorangeschritten, als Nobeline ihr Spiegelbild in dem sanft dahin fließenden Bach wieder akzeptabel fand. Das rote Haar sah nicht mehr aus wie ein vom Sturm verwüstetes Vogelnest, die Schlammspuren ihrer unfreiwilligen Kür im Moor waren auch Geschichte, und das Reitkleid schmeichelte ihrer Figur, der – wie sie zugeben mußte – vielleicht der Verzicht auf das eine oder andere Festmahl nicht geschadet hätte. Sie straffte die Schultern, fest entschlossen, die Angelegenheit nunmehr zu ihrem berechtigten Happyend zu bringen und stolzierte zurück zum Lagerplatz.

„Du hast das Holz vergessen“, begrüßte sie der Strahlende, als Nobeline mit ihrem lieblichsten Lächeln auf den Lippen auf der Bildfläche erschien. Das Lächeln entschwand in gleichem Maße wie ihr Entschluß sich festigte, ihren Traumprinz auf die Spur zu bringen. So konnte es nicht weitergehen!

„Was glaubst du eigentlich, wer du bist, daß du mich hier zum Holzsuchen herum scheuchen könntest?“, sagte sie mit gefährlich leiser Stimme, die den Schönling stutzig aufblicken ließ.

„Ich bin Prinz.. äähh prinzipiell der Ansicht, daß das Frauensache ist“, gab er entschieden zurück, wobei sein Blick wohlgefällig an ihr auf und abwanderte, wie Nobeline zufrieden bemerkte. Es war schon erstaunlich, was ein wenig Wasser und ein Kamm bewirken konnten. Vielleicht lag es aber auch nur an der richtigen Tageszeit. Im Abendlicht sah ja bekanntlich alles ein wenig netter aus. Selbst eine wütende Nobeline, die nicht im Traum daran dachte, im finsteren Wald nach Holz zu suchen und durch die Gegend zu schleppen. Sie war doch keine Magd.

„Da, wo ich herkomme, sorgt der Mann dafür, daß es die Frau behaglich hat“, fauchte sie.

„Du mußt ziemlich abgelegen leben.“

„Ja, in der Zivilisation. Schon mal davon gehört?“

Der Wunderprächtige schüttelte nach kurzem Nachdenken den Kopf. „Ist bestimmt ein unbedeutender Ort.“

Nobeline verdrehte die Augen und stieß einen Fluch aus, der selbst den Unglaublichen zusammenzucken ließ. Konnte es wirklich sein, daß die Götter so ungerecht waren? Mußte sie sich ausgerechnet in einen Mann vergucken, der noch einfältiger war als ihr Vater?

Oder war das Schicksal?

Wie auch immer, Holz konnte er selber holen.

Ich hole jedenfalls kein Holz. Dann mußt du dein Schwein eben roh essen.“

„Das wird die Wölfe freuen. Ein Feuer wäre das Einzige, was sie davon abhält, sich auf das rohe Fleisch und vielleicht als Nachtisch auf uns zu stürzen. Ich habe gestern ein paar Meilen westwärts die Spuren eines großen Rudels gesehen.“

Wölfe“, ächzte Nobeline.

Wie schlimm konnte es noch kommen?

Zwar hatte sie bisher noch nicht das Vergnügen gehabt, einen Wolf kennenzulernen, aber gehört und gelesen hatte sie jede Menge über die gefährlichen Biester. Verschlagen sollten sie sein und listenreich. Wenn sie sich recht erinnerte, hatte sie sogar über einen Wolf gelesen, der Frauenkleider bevorzugte und unschuldigen Mädchen in fremden Betten auflauerte. Ein echter Unhold!

„Wieviel Holz brauchen wir?“, gab sie zähneknirschend nach.

„Fang einfach an. Ich sag dir, wann du genug Fuhren angeschleppt hast.“

Uuuhhh!!!“, entfuhr es Nobeline, wobei sie wütend mit den Füßen trampelte, als wolle sie Ameisen vernichten. Dann stürmte sie mit verbissener Miene los. Der Mann war wirklich eine harte Nuß! Aber er sah ja sooooo gut aus.

Eine halbe Stunde später war Nobeline am Ende und der Wald um einen gefühlten halben Klafter Totholz ärmer.

„Das genügt fürs Erste“, lobte der Einmalige die keuchende Nobeline, die erledigt vor einem riesigen Stapel Holz hockte und entfernt an einen nassen Sack Kartoffeln erinnerte. „Jetzt kannst du anfangen, es aufzuschichten.“

Nobeline war fassungslos, angesichts dieser Dreistigkeit. Dieser Waldläufer, der das Wildschwein inzwischen sach- und fachgerecht zerlegt hatte, tat geradeso, als ob er irgendein Fürst und sie seine Bedienstete sei. Es brannte ihr auf den Nägeln, ihm an den Kopf zu werfen, wen er vor sich hatte, aber die Vorsicht hielt sie zurück. In so manchen Geschichten hatte sie über entführte, leichtgläubige Prinzessinnen gelesen. Zwar waren alle vorbildlich vom Helden gerettet worden, aber Ausnahmen bestätigten ja bekanntlich die Regel. Sie bezweifelte zwar, daß ihr Traummann über derart finstere Ambitionen verfügte, aber Vorsicht war besser als Nachsicht. Mit blitzenden Augen funkelte sie ihn an und griff sich den ersten Holzscheit zur Errichtung des Lagerfeuers, welches sie in die Mitte des Lagerplatzes zu entzünden gedachte.

„Zuerst solltest du einen Steinring anlegen“, riet der Fürstliche mit breitem Grinsen, wobei er die Arme hinter dem Kopf verschränkte und Nobeline aufmunternd zunickte. Nur seinen guten Reflexen war es zu verdanken, daß ihn das Holzstück, das sich eben noch in Nobeline Hand befunden hatte, nicht am Kopf traf.

„Geht’s dir noch gut?“, fauchte er, wobei seiner Stimme eine gewisse Belustigung anzumerken war.

„Wenn du endlich mal mit anpacken würdest, ginge es.“

Der Unglaubliche lachte herzlich, streckte sich und erhob sich geschmeidig. Die junge Frau gefiel ihm, auch wenn er das bisher tunlichst vermieden hatte, kundzutun. Zuerst einmal wollte er herausfinden, mit wem er es zu tun hatte. Eine Magd war sie mit Sicherheit nicht, denn die hätte gewußt, wie man ein Feuer anlegte. Dem Auftreten und der Qualität ihrer in Mitleidenschaft geratenen Kleidung nach stammte sie aus besseren Verhältnissen. Fragte sich nur, was sie mitten im tiefsten Drachenwald trieb? Ihre Spuren hatte er bereits am Vormittag entdeckt und sich gefragt, wie jemand so dumm sein konnte, mitten ins Stinkemoor zu reiten. Nun hatte er die Antwort. Sie hatte keinen blassen Schimmer, wo sie war. „Wie heißt du eigentlich?“, fragte er, wobei er weiterhin die vertraute Anrede beibehielt, die sie bisher benutzt hatten.

„Nobel ääähh in noblen Kreisen stellt sich der Mann zuerst vor“, raunzte sie ihn an, während sie mit beiden Händen einen faustgroßen Stein aus dem Boden klaubte und zur Mitte der Lichtung schleppte, wo sie ihn einfach fallen ließ.

„Nenn mich Van, so rufen mich meine Freunde.“

„Van, hmmm.“ Nobeline ließ sich den Namen auf der Zunge zergehen. Wieso erinnerte er sie an irgend etwas? Sie zermarterte sich das Gedächtnis, jedoch ohne Ergebnis.

„Und?“, fragte Van.

„Oooh, ja, also, nenn mich Lyrika, so kennen mich meine Fans.“

„Fans?“ Van sah ehrlich verwirrt aus.

„Ich bin Künstlerin“, erklärte Nobeline, wobei sie stolz das Haar zurückwarf und die Hände vor der Brust verschränkte. „Gedichte, Gesang und Poesie.“

„Komisch, ich hab nie von dir gehört“, wunderte sich Van.

„Wundert mich nicht. Wer wie du im Wald lebt, kommt vermutlich nur selten mit Kultur in Berührung“, versetzte Nobeline bissig.

„Dann frage ich mich, was du im Wald treibst?“

„Ich komme gerade von einem viel gefeierten Auftritt aus Schrottingham und will nun nach Versmas. Da versteht man was von..., hey, warum lachst du denn so? Versmas ist bekannt für seine Kultur.“

Van gluckste belustigt und wischte sich mit dem Handrücken ein paar Lachtränen aus den Augen. „Ach, das hat gut getan. So ein Späßchen zwischendurch habe ich jetzt gebraucht.“

Nobelines Augen wurden zu schmalen Schlitzen. Traummann hin oder her. Bei Kritik an ihrer Kunst verstand sie keinen Spaß. „Hast du dich etwa über mein Talent lustig gemacht?“ Ihre Stimme klang, als hätte sie mit Eiswürfeln gegurgelt. Van winkte ab.

„Nein, es ist nur...“ Wieder brach er in schallendes Gelächter aus. Nobeline wippte ungeduldig mit den Füßen, während es in ihr brodelte wie in einem Vulkan kurz vor dem Ausbruch.

„Vielleicht kommst du mal zur Sache!“, fauchte sie. Van nickte, wobei es ihm kaum gelang, ernst zu bleiben.

„Von Schrottingham aus gesehen bist du genau in die entgegen gesetzte Richtung geritten und im Drachenwald gelandet. Und der gehört zu Protzland, was von Schrottingham aus gesehen im Westen liegt. Versmas hingegen liegt in Lyrarien, was von Schrottingham aus gesehen im Osten liegt. Verstehst du?“

„Verdammt!“ Mutlos ließ sich Nobeline auf den Boden nieder und warf ein Stück Holz aus ihrer Sammlung wütend in das nahe Unterholz. Als Waldläuferin war sie eine echte Niete.

„Nimm’s nicht so schwer. Ich wollte ohnehin ein paar Tage weg, und in Versmas war ich noch nie. Wenn du willst, bringe ich dich hin.“

Nobeline nickte stumm, während sie allmählich das Positive an ihrer Situation erkannte. Wenn sie Van richtig verstanden hatte, war sie gewaltig vom Weg abgekommen, was bedeutete, daß Van ihr die nächsten Tage erhalten bleiben würde. Und in ein paar Tagen konnte vieles passieren. Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, als sie die Möglichkeiten erwog, die sich ihr nun boten.

„Dann sollten wir uns jetzt für den langen Weg stärken“, sagte sie mit einschmeichelnder Stimme und nickte zu den sorgsam zurecht gelegten Fleischstreifen hinüber. „Ich hoffe, du kochst genauso gut wie du schießt.“

 

Wird fortgesetzt

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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