Olaf Lüken

Frisst Technik unsere Zeit auf ?

Wir arbeiten mit der 36,5-Stunden-Woche heute kürzer denn je, bekommen mehr Urlaub und erhalten zeitsparende Hilfen von einer Menge Maschinen. Nicht nur im Haushalt. Und dennoch fühlen wir uns pausenlos genervt. Was vorgestern Überforderung hieß und gestern Stress, ist heute ein geradezu  klassischer Burn out. Die innere Unruhe beginnt mit dem Aufstehen und endet, wenn wir vom Leben ausgelaugt ins Bett fallen. Die Frau ist heute emanzipiert, hat einen Beruf, einen Mann, zwei Kinder, ein Reihenhaus, ein Hobby und ein erfülltes Leben, gäbe es die zahlreichen Pflichten dazwischen nicht. Der Ehemann, beruflich ebenfalls erfolgreich, Vorzeigevater, stets potent und kinderlieb, hat - zusammen mit seiner Frau - viele Freunde und Bekannte. Beide sind Immer im Einsatz und stets bereit, gäbe es nicht dieses verfluchte Phänomen Zeit. Wir sehnen uns nach Dingen, die wir nicht bekommen, hetzen durch ein korsettiertes Dasein und kommen nirgendwo mehr an, weil wir sofort wieder aufbrechen müssen. Jede freie Zeiteinheit wird sofort mit neuen Tätigkeiten ausgefüllt. Quer durch die Lande hört man das gleiche Lamento: zu viel Arbeit, eine zu hohe Arbeitsbelastung und eine ständig empfundene Reizüberforderung. Unsere aktuellen Leiden heißen Zeitnot, Zeitdruck oder Zeitmangel. Wir versuchen zwei Biografien in eine zu packen, obgleich unsere wachsende Sehnsucht Entspannung durch "Zeit haben" heißt. Aus Furcht, das Entscheidende zu verpassen, wissen wir nicht einmal, was das Entscheidende ist. Während wir glauben, unsere Lebenswelt aktiv zu gestalten, gestalten deren Umstände unser eigenes Verhalten. In den vergangenen 40 Jahren hat sich das Lebenstempo - gefühlt und geschätzt - verdoppelt, wie die Produktivitätsrate. Ein Bekannter von mir, Bereichsleiter eines Versicherungsunternehmens, hat alle zwei Jahre Controller zu Gast. Alle zwei Jahre heißt es: Maximal möglicher Personalabbau, um Gewinne für das Unternehmen zu optimieren. Täglich müssen eigene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überwacht oder vom Mitbewerber abgeworben werden. Aktivitäten der Konkurrenz sind laufend zu prüfen und auf Dauer - wenn möglich -  negativ zu beeinflussen. Die Ziele heißen Sicherung und Ausbau eigener Marktanteile. Mindestens 130 Prozent Leistung, Wochenendarbeit sowieso - mit den üblichen Folgen. Und immer ist die Angst dabei, einmal "freigesetzt" zu werden.

Gibt es eine "freie Zeit"  im Urlaub ? Reisende, die ihren Urlaub gerade beendet haben, berichten von ihren Erlebnissen. Immer in Aktion, immer voller Tempo, immer im Unruhezustand. Erschöpfung statt Erholung. Wir kommen aus den Ferien zurück und sind schon am ersten Arbeitstag gestresst. Fast jeder Mensch kennt das Problem. Mit Smartphone, Handy und Laptop bewaffnet findet unser täglich unstetes Leben statt. Ständig erreichbar sein. Immer eine Antwort parat haben. Pausenlos. Selbst wenn niemand aus der Firma anruft, umschleicht uns die Angst, nicht mehr gebraucht zu werden. Sogar im Urlaub. Unser Feriengast lechzt geradezu danach, von seiner Firma angepiept zu werden, selbst wenn der Anrufgrund banalster Natur ist. Ähnliches geschieht mit unserer Privatzeit, wenn sich niemand aus der Familie oder aus dem inneren Freundes- oder Bekanntenzirkel meldet. Unsere tägliche Kommunikation findet weniger im öffentlichen Umfeld statt, also auf der Straße, sondern wiederum über Laptop ,Smartphone oder Handy. Und die Alten ? Jeder kennt das Sprichwort: "Haben Sie schon einmal einen Rentner gesehen, der Zeit hatte ?" Freunde, engere Bekannte und Verwandte landen auf den Wartelisten für soziale Begegnungen.

Schauen wir zurück in das 19. und 20ste Jahrhundert. Es ist die Lebenszeit meiner Großeltern. Wie sah eigentlich deren Zeitvorstellung aus ? Meine Großeltern hatten acht Kinder und einen mittelgroßen Bauernhof. Er war knapp 50 Hektar groß. Großmutter war nie im Urlaub, allein schon deshalb, weil sie regelmäßig die Tiere versorgen musste, auch an den Feiertagen. Morgens stand sie um vier Uhr auf, ging in den Stall, molk und versorgte das Vieh. Danach ging sie ins Haus, um für zehn Leute das Frühstück und später das Mittagessen vorzubereiten. Spül- oder Waschmaschinen, Staubsauber oder Eierkocher kannte sie nicht. Anschließend ging es auf's Feld, in den Garten oder in die Küche, in den Waschraum und so weiter und so weiter, bis Großmutter um 22 Uhr Ruhe fand und Gott für den Tag dankte. Meine Oma hatte einen 18-Stunden-Tag und keinen gesetzlichen Urlaubsanspruch. Und sie war zufrieden mit sich, mit ihrer Familie und der Welt, die auch in jenen Jahren alles andere als perfekt war. Dafür sorgte schon die Politik. Einmal im Jahr kaufte Großmutter größere Sachen ein, zum Beispiel Schuhe, Kleider und gelegentlich ein Möbelstück. Das Brot backte sie selbst, Gemüse gab's im Garten, und die Hühner sorgten für Eier. In den Ställen stand das Fleisch, und die Milch diente der Selbstversorgung. Der Überschuss wurde zur Molkerei  gebracht oder von dort auch abgeholt. Die  Sonntagskleidung wurde liebevoll gepflegt, die Alltagsklamotten solange gestopft, bis sie auseinanderflogen. Shoppen gehen kannte meine Oma ebenso  wenig wie einen Wellness-Urlaub. Der Tag war unterteilt in Arbeit und Pausen. Während der Pausen wurde geschlafen oder gegessen. Während der Arbeit wurde gearbeitet. Konzentriert. Die Zeiten waren hart, in anderen Dingen aber auch leichter, denn sie waren übersichtlicher und klarer strukturiert, als es heute der Fall ist. Und Gott war Gott und kein Urgeknallter. Meine Großmutter musste keine E-Mails beantworten, keine Fakebookfreundschaften pflegen und während der Essenzeiten keine Kochshow veranstalten. Freizeit ist gerade in unseren Tagen die Illusion von freier Zeit. Meine Großmutter musste ihre Kinder auch nicht zum Hobby chauffieren. Hobbys, die unsere Kinder in kurzen Zeitabständen wieder wechseln. Oma musste sich auch um ihre Kinder kaum kümmern. Entweder waren Jungs und Mädels selbst in der Lage sich zu beschäftigen, oder sie waren in der Schule. Darüber hinaus halfen sie auf dem Hof. 

Heute besteht der Tag aus Arbeit und Freizeit. Statistisch leicht nachweisbar ist die stetige Zunahme des Freizeitanteils. Freizeit ist aber nicht das gleiche wie Pause. Es ist das krasse Gegenteil davon. Die freie Zeit ist ein Ozean der Möglichkeiten, aus dem wir genau das fischen sollten, was das Beste für uns ist. Zeit ist Geld oder Geld ist Zeit. Wir müssen uns entscheiden, sonst laufen wir Gefahr, in die digitale Zukunftswelt zu entschwinden. Setzen wir weiter auf den Roboter und auf die damit geförderte Unselbständigkeit, setzen wir auf den Herrn der Fliegen und auf die nahezu anonyme Wissenschaft, weil wir unsere Verantwortung für unsere Zukunft längst abgegeben haben. Wir leben und wissen nicht - warum.

(C) Olaf Lüken (2018)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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