Heinz-Walter Hoetter

Die Erscheinung am kleinen See von Rivershill

Manchmal kommt der Tod nicht in seiner, sondern in der eigenen Gestalt jenes Menschen, den er sich holt.



Der Schnee hatte sich über das weite Land wie ein riesiges Leichentuch gelegt. Flüsse, Seen und Teiche waren von einer glatten Eisschicht bedeckt. Die gesamte Natur war in eine unnatürliche Starre gefallen und wer konnte, blieb besser zu Hause. Wer jedoch aus irgendwelchen Gründen unterwegs sein musste, erledigte seine Angelegenheiten schnell, um der eisigen Kälte des Winters zu entkommen und gegen die wohlige Wärme des trauten Heimes einzutauschen. Natürlich ist beim Menschen alles reine Gewohnheitssache, da sie nicht lange brauchen, sich auf widrige Umstände einzustellen, wohl auch in dem Bewusstsein, dass der Winter mit seinen Unmengen an Schnee das Land nicht für alle Zeiten in seinem eiskalten Griff halten würde. So hatte sich bald auch nach und nach das gesamte Leben seinem normalen Fortgang wieder angeglichen. Fast wie in normalen Zeiten. Die Straßen und Wege waren geräumt und auch der Bahnverkehr lief einigermaßen reibungslos, obwohl es immer wieder zu Verspätungen im gesamten Land kam. Aber das nahmen die Leute geduldig hin.

***

In der weißen Landschaft quälte sich langsam und laut fauchend etwas Dunkles und Langes durch den tiefen Schnee. Aus der Ferne betrachtet könnte man glauben, dass es sich um einen lebenden Organismus handelt, der zur riesenhaften Größe eines Wurmes angewachsen war. Beim näheren Hinsehen jedoch entpuppte sich der vermeintliche Riesenwurm als Zug. Im Zug selbst befanden sich zahlreiche Fahrgäste, die jetzt auf den nächsten Halt in Rivershill warteten, der allerdings kein Ort war, wo viele Reisende ausstiegen. Die meisten fuhren weiter nach Allfort, einer Stadt mit mehr als fünfzigtausend Einwohner. Als der Zug in dem kleinen Bahnhof anhielt, machte sich auch nur einer der Passagiere bereit, auszusteigen. Der Fahrgast, der den vordersten Waggon verließ, war ein fünfundzwanzigjähriger junger Mann und hieß Don Morrison. Als er auf dem Bahnsteig stand, hängte er sich den Rucksack über und schaute sich prüfend um. Er wollte seine Eltern wie jedes Jahr im Winter in Rivershill besuchen, um mit ihnen zusammen das Weihnachtsfest zu feiern. Der kleine Bahnhof lag mitten im hohen Schnee. Nur hier und da ragte ein Mast oder ein Signal aus der weißen Pracht hervor. Don Morrison sollte eigentlich abgeholt werden und begab sich deshalb zügigen Schrittes in den holzvertäfelten Warteraum des großen Bahnhofsgebäudes. Ein Freund der Familie hatte ihm versprochen, extra für ihn doch noch unter diesen miserablen Wetterbedingungen mit einem Auto auf den schlecht gestreuten Winterstraßen herumzufahren, was eben nicht gerade eine heitere Angelegenheit war.

Der junge Mann dachte darüber nach, dass er vielleicht zu Fuß runter nach Rivershill gehen müsse. Aber das wäre eigentlich nicht weiter schlimm gewesen, da er sich hier in der Gegend sowieso gut auskannte. Er war hier geboren worden. Es führte zwar eine geteerte Straße bis nach Rivershill, aber vom abseits gelegenen Bahnhof bis in den Ort waren es noch ein ganzes Stück und man brauchte bestimmt länger als eine Stunde zu Fuß für die winterlich verschneite Strecke. Nach mehr als fünfzehn Minuten Wartezeit entschloss sich Don dazu, sich in Marsch zu setzen. Falls der Freund der Familie doch noch käme, würde man sich bestimmt auf dem Weg nach Rivershill treffen. Unter seinen Schuhen hörte Don nur das Knirschen seiner eigenen Schritte im Schnee. Es war sehr still. Zu still, wie er empfand. Keine Stimmen und auch nicht das geringste Geräusch irgendwelcher Automotoren waren zu hören. Das einzige, was er außer einer verschneiten Landschaft sah war ein alter Mann, der mit gebeugtem Buckel und gekleidet in einem schwarzen, knielangen Wintermantel die schneebedeckte Straße zum Bahnhof hochkam, dann für einen kurzen Augenblick stehen blieb, mit traurigem Blick zu ihm herüberschaute und schließlich im zurückliegenden Bahnhofsgebäude verschwand. Don kannte diesen alten Mann von früher her. Es war Ben Mitchell, der Totengräber von Rivershill. Er kannte die Strecke wie seine eigene Hosentasche.

Rivershill war eigentlich keine Stadt, und als Dorf zu bezeichnen wäre allerdings auch eine Untertreibung gewesen. Sein Ziel lag etwas außerhalb des Ortes auf einer kleinen Anhöhe. Nicht versteckt in irgendwelchen Bergen oder in einem tiefen Wald, sondern einfach nur am Rande von Rivershill, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten. Und genau dort befand sich sein Elternhaus. Um den Weg dorthin zu erreichen, musste Don Morrison nicht unbedingt direkt durch Rivershill gehen. Da sein Bekannter bisher nicht mit dem Auto entgegen gekommen war, wollte er eine Abkürzung benutzen, die er schon von seiner frühesten Jugend her kannte. Kurz vor dem alten Kirchturm musste er in einen kleinen Nebenweg links abbiegen, der an einer grauen Friedhofsmauer und dann an einem kleinen See vorbeiführte, der direkt am Ortsrand lag. Von dort aus dauerte es nicht mehr lange, bis man auf einem Feldweg stieß, der direkt zum Anwesen der Morrisons führte.

Als Don an der Friedhofsmauer vorbeikam, warf er einen Blick auf den einsam da liegenden Friedhof, wo schon Generationen seiner Vorfahren lagen, die dort ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Alle Gräber waren tief eingeschneit, und der Begriff " weißes Leichentuch" traf hier wirklich zu. Er setzte seinen Marsch unbeirrt fort. Der Rucksack drückte gegen seinen Rücken und Don war heilfroh darüber, dass wenigstens seine Schuhe griffige Sohlen trugen, denn an manchen Stellen war der Schnee zu Eis geworden und so glatt wie eine viel benutzte Rodelbahn.

Plötzlich passierte es. Don Morrison traf es wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er hatte die verschneite Friedhofsmauer noch nicht ganz hinter sich gelassen, als es vor seinen Augen anfing zu flimmern. Für einen Augenblick hatte Don das Gefühl, seinen Körper verlassen zu haben. Er schloss seine Augen und öffnete sie wieder vorsichtig. Das seltsame Flimmern war immer noch da. Dann veränderte sich plötzlich die schneebedeckte Landschaft um ihn herum und ein anderes Landschaftbild zeigte sich.

Es war Sommer. Die Sonne strahlte vom blauen Himmel herab und auf einem kleinen See ragte in Ufernähe dichtes, tiefgrünes Schilfrohr aus dem Wasser. Die Veränderung erschreckte den jungen Mann nicht so sehr. Dafür jedoch die dunkle Gestalt, die auf einmal dem See entstieg, direkt auf ihn zuging und ihn schließlich wie eine geisterhafte Erscheinung mühelos durchdrang. Don Morrison stand da wie zu einer Salzsäule erstarrt. Er war vor Schreck wie gelähmt und konnte sich einfach nicht mehr bewegen. Er vergaß sogar für einen kleinen Moment Luft zu holen, und sein Gesicht schien aus weißen Marmor gemeißelt. Dem jungen Mann wurde schlecht. Doch er unterdrückte den aufkommenden Würgereflex und riss sich mit aller Gewalt zusammen. Die Zeit schien sich außerdem auf seltsame Art und Weise zu dehnen.

Wie lange er so dastand, wusste er nicht zu sagen. Schließlich riss Don sich zusammen und stemmte sich mit all seiner Willenskraft in die Wirklichkeit zurück. Und siehe da, im nächsten Moment war alles vorbei. Der schöne Sommersee verschwand vor seinen Augen mitsamt der übrigen Umgebung, als wäre überhaupt nichts geschehen. Vor ihm lag wieder die verschneite Landschaft wie gehabt, direkt hinter ihm die schneebedeckte Friedhofsmauer. Und der kleine Sommersee? Er war einfach nicht mehr da. Offensichtlich war alles doch nur ein übles Trugbild gewesen, dachte sich Don, obwohl er wusste, dass es den kleinen See wirklich gab, denn er würde ihn bald erreichen.

Mit beiden Händen strich sich der junge Mann verzweifelt jetzt durchs Gesicht. Er begriff noch immer nicht was mit ihm geschehen war. Er merkte nur, dass sein Herz wie wild immer schneller schlug, und hinter den Schläfen verspürte er ein ungewöhnliches Pochen, das in ihm bald heftige Kopfschmerzen hervorrief. Was ist bloß mit mir geschehen? Was habe ich da nur gesehen...? Don grübelte ohne Unterlass darüber nach, aber im Moment konnte er sich die unheimliche Erscheinung am schönen Sommersee von Rivershill mitten im tiefsten Winter einfach nicht erklären.

Eine von diesen manchmal auftretenden Sinnestäuschungen war es aber bestimmt nicht gewesen. Der Sommersee war plötzlich wie aus dem Nichts vor ihm entstanden und schien völlig real zu sein. Jedenfalls ging der junge Don Morrison davon aus.

Erst jetzt bemerkte der junge Mann, dass seine Atmung immer noch sehr schnell ging. Diese ungewöhnliche Erscheinung hatte ihn offenbar doch mehr zugesetzt, als er sich eingestehen wollte. Mehrmals hintereinander schloss er die Augen, öffnete sie wieder und schaute nach vorn wo er den See vermutete, weil er abwarten wollte, ob sich das Phänomen wiederholen würde. Aber nichts geschah.

Ich werde meinen Weg fortsetzen, als sei nichts geschehen, dachte Don so für sich und schritt langsam weiter durch den tiefen Schnee. Bald hatte er die Friedhofsmauer weit hinter sich gelassen und erreichte wenig später den zugefrorenen, mit einer hohen Schneedecke überzogenen See, der ihm noch vor wenigen Minuten wie real und auf unerklärliche Weise als grünumrandeter Sommersee erschienen war. Sein Herz klopfte wieder schneller, als Don an diese seltsame Vision dachte. Er beschleunigte deshalb seine Schritte als er in die Nähe des ruhig daliegenden Gewässers kam, das jetzt von zahlreichen verschneiten Büschen und Bäumen umgeben war.

Im gleichen Moment blieb er wie angewurzelt stehen und spürte eine kalte Gänsehaut über seinen Rücken ziehen. Da war sie wieder, diese seltsame Halluzination. Das gleiche Bild wie schon zuvor flammte kurz vor seinen Augen auf, nur dass es diesmal wohl keine Einbildung zu sein schien, sondern echte Wirklichkeit war. Wieder entstieg eine dunkle Gestalt dem eiskalten Wasser und kam direkt auf ihn zu. Don Morrison erstarrte, als er in das Gesicht der unheimlichen Person sah, die jetzt etwas langsamer auf ihn zuschritt, als wolle sie ihm für die erkennende Betrachtung ihrer Gesichtszüge mehr Zeit geben. Don erschauderte abermals. Die Gestalt, die da auf ihn zukam, war er selbst. Dann stand die geisterhafte Erscheinung auf einmal direkt vor ihm und griff zielstrebig nach seiner rechten Hand.

Im nächsten Augenblick streifte Don Morrison wie unter einem fremden Zwang den Rucksack ab, der daraufhin mit einem dumpfen Geräusch in den tiefen Schnee fiel. Kaum hatte er sich von dieser Last befreit, als ihn sein geisterhafter Doppelgänger zum See runterzog und mit ihm zusammen die zugefrorene Eisdecke betrat. Seine Füße verursachten bei jedem Schritt pochend knirschende Laute, die wie ein fernes Echo klangen. Er musste acht geben nicht zu stolpern, denn unter dem Schnee war das Eis mit leichten Frostbuckeln überzogen. Wohin zog ihn diese unheimliche Gestalt, die aussah wie er?

Dann geschah es.

Plötzlich hörte er sich laut aufschreien. Todesängste krochen in ihm hoch. Erst waren es nur leise, hilflose Schreie, die aber schnell lauter wurden.

Don hörte noch das hässliche Geräusch, als das Eis unter seinen Füßen knirschend zerbrach und sein Körper in das eiskalte Wasser rutschte. Wild um sich greifend sackte er tiefer und tiefer in den See und geriet dabei immer weiter unter die geschlossene Eisdecke. Es gab kein Entrinnen mehr. Die geisterhafte Gestalt seiner selbst schien sich jetzt mit ihm zu vereinigen. Sie drang einfach in ihm ein, verschmolz mit ihm und kurz darauf verlor Don das Bewusstsein, das sich in einem schwarzen unendlichen Nichts verlor.

***

Es ist wieder einmal Sommer in Rivershill. Die Sonne befindet sich hoch am blauen Himmel. An dem Schilf bewachsenen See. etwas außerhalb des ruhigen Ortes, steht an einer Stelle des sanft abfallenden Ufers ein kleines Eichenholzkreuz. Auf einer blanken Messingplatte steht in schwarzer Schrift geschrieben:

Zur Erinnerung an unseren geliebten Sohn DON MORRISON. Geb. in Rivershill am 16.03.1960 Gest. am 21.12.1985 durch einen tragischen Unfall.

Doch was wirklich geschah an jenem unheilvollen Tag, das nahm der junge Don Morrison mit in sein nasses Grab.


ENDE


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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