Monika Litschko

Der kleine Engel Malte

 

Der kleine Engel Malte hat Himmelsarrest, weil er dem Erzengel Michael, einen klitzekleinen, unbeabsichtigten Streich gespielt hatte. „So schlimm war es doch gar nicht“, schimpft der kleine Engel. „Ich habe doch nur etwas Gutes tun wollen. Aber es war lustig“, kichert er. „Superlustig.“ Frohen Mutes und mit guter Laune poliert er weiter an dem goldenen Himmelstor.

Gestern nach der Engelschule wurde der Erzengel Michael sehr müde. Gähnend suchte er sich eine große Wolke und rollte sich auf die Seite. Malte, der auf einer kleinen Wolke über den Himmel segelte, sah Michael dort liegen und beobachtete ihn aufmerksam. Dann blickte er sich um. All die kleinen Engel lagen brav auf ihren weißen Wolkenbettchen und hielten ihren Mittagsschlaf. 
„Aber ich bin nicht müde“, schimpfte er leise. Gelangweilt legte er sich auf den Rücken und dachte nach. Ich brauche eine Idee, überlegte er so für sich. Etwas total Lustiges will ich machen. Aber was? Plötzlich hellte sich sein Gesichtchen auf. Mit einem spitzbübischen Grinsen krabbelte er über den Rand seiner Wolke und ließ sich fallen. „Hui!“, rief er ausgelassen und breitete seine Flügel aus. „Schlaft gut, ich bin sofort wieder da!“

Malte flog über Wiesen, Wälder und Täler. Und da Engel unsichtbar sind, konnte kein Mensch sehen, dass ein kleiner Engel viele kleine Kunststückchen übte. Mal flog er auf dem Rücken liegend, oder er übte einen Purzelbaum in der Luft. Am besten gefiel es ihm zu schwimmen. Luftschwimmen im Windsee, nannte er es. Nachdem er eine ganze Weile kräftige Schwimmzüge gemacht hatte, wurde er müde und setze sich auf den Ast eines Kirschbaumes. „Puh“, stöhnte er. „War das anstrengend.“ Erschöpft lehnte er sich an den Stamm des Baumes und blickte hoch zu den Wolken. „Kein Mensch auf der Erde weiß, dass sich die Engel auf den Wolken ausruhen“, murmelte er. „Sie wissen auch nicht, dass die kleinen Engel dort ihren Mittagsschlaf halten“.

Malte würde so gerne, eine süße, rote Kirsche probieren. Aber dafür musste er sich sichtbar machen, und das war leider verboten. Nur im äußersten Notfall durften die Engel, den Menschen ihre wahre Gestalt zeigen. Der kleine Engel überlegte. „Wenn niemand in der Nähe ist, kann mich auch keiner sehen,“ philosophierte Malte. Er beugte sich ein wenig vor und suchte die Umgebung ab. „Keiner da“, sagte er froh und wurde sichtbar. Er pflückte sich eine große rote Kirsche und verspeiste sie andächtig. „Hm,“ schmatzte er und probierte noch eine. „Noch mal, hm,“ lachte er und spuckte den Kirschkern durch die Äste zu Boden.

„Aua!“, hörte er einen Mann schimpfen. „Klaut ihr schon wieder meine Kirschen? Na wartet.“ Malte der einen gewaltigen Schrecken bekommen hatte, schaffte es gerade noch unsichtbar zu werden. In allerletzter Sekunde schloss er seine Augen und dachte: „Engeltarnung.“

Ein alter Mann stampfte wütend unter den Kirschbaum und suchte die Äste nach naschenden Kindern ab. Als er keine sah, nahm er seinen Hut ab und stemmte verwundert seine Hände in die Hüften.„Also, da soll mich doch der Beelzebub holen!“, rief er verwundert. „Wer hat mich mit Kirschkernen bespuckt?“

Der kleine Engel verstand die Aufregung des Mannes nicht. Es waren doch nur leckere, süße Kirschen, die fantastisch schmeckten. Warum durften Kinder nicht von ihnen naschen? Außerdem hätte der alte Mann sie schon längst ernten können. Denn es machte ganz oft plupp, wenn eine überreife Kirsche ins Gras plumpste. „Na warte“, sagte der kleine Engel, „dir werde ich es zeigen.“ Ganz langsam schwebte Malte von seinem Ast auf den alten Mann zu und setze sich auf dessen Schultern. Dabei schlang er seine kleinen Beine um des Mannes Hals. „Na, wie gefällt dir das?!“, rief er übermütig. „Bin ich schön schwer?“ Der alte Mann schüttelte sich. „Was ist auf einmal mit mir los?“, jammerte er. „Meine Schultern sind so schwer.“ Malte hatte einen riesigen Spaß. „Ich bin los!“, posaunte er und amüsierte sich prächtig. Dann zupfte er an den Ohren des Mannes. „Aua, jetzt auch noch meine Ohren. Es fühlt sich an, als würde jemand an ihnen ziehen!“
„Das kommt davon, wenn man so geizig ist“, flüsterte Malte ihm zu. „Du solltest lernen, Kinder zu mögen. Sie tun dir doch gar nichts.“ Der alte Mann nickte. „Ich sollte die Kinder nicht so behandeln“, sagte er. „Außerdem pflücke ich die Kirschen in keinem Jahr. Sollen sie sie doch essen. Ein Narr bin ich.“

Zufrieden erhob sich Malte wieder in die Lüfte. „Schön, dass du mich verstanden hast“, sagte er freundlich. „Jetzt wird dir wohler werden. Man sollte öfters auf die Stimme eines Engels hören.“ Erleichtert atmete der alte Mann auf. „Jetzt fühle ich mich besser!“, rief er erstaunt und setze seinen Weg fort. „Ich will nie wieder so denken“, schwor er sich laut. „Es ist eine Last, sich immer nur zu ärgern.“

Malte war sehr zufrieden mit sich. Denn er hatte in der Engelschule gelernt, dass man den Menschen ins Gewissen reden konnte. Oder sich an sie hängen, wenn sie etwas tun wollten, was nicht gut für sie war. Der kleine Engel hatte schon sehr viel gelernt. Zum Beispiel, dass ein Heiligenschein nur ein Geistesblitz war. Oder ein gütiger Gedanke. Also, wenn ein Engel eine Idee hatte, die sehr gut war, leuchtete sein Lichtkranz. Dann wussten alle, dass dieser Engel gerade eine super Idee hatte. Malte wünschte sich ein Beschützerengel der Kinder zu werden. Aber bis es soweit war, musste er noch viel lernen. Das hatte Michael gesagt. Verstohlen warf er einen Blick nach oben. „Ein bisschen Zeit habe ich ja noch“, flüsterte er. „Noch blickt kein Engel über den Wolkenrand und sucht mich.“

Malte flog höher in den Himmel und beschloss noch eine kleine Runde unter dem blauen Himmelszelt zu drehen. Er schwamm und purzelte durch die Lüfte, dass es eine Freude war. Wie er gerade beschlossen hatte, sich lieber wieder auf sein Wolkenbett zu legen, sah er in der Ferne ein kleines Haus. „Da werde ich noch kurz vorbei schauen“, murmelte er neugierig geworden und machte sich auf den Weg.

Die Fenster des kleinen Hauses waren weit geöffnet und der kleine Engel setzte sich auf das Fensterbrett. Zwei Mädchen saßen an einem Tisch und aßen ein Honigbrot. „Ich mag gar keinen Honig“, sagte die Kleinste mürrisch. „Immer nur Honig bäh.“ Dass größer Mädchen nickte. „Ich weiß“, antwortete es. „Aber Mama hat nicht immer genug Geld für Wurst oder Käse. Ist doch nur am Ende des Monats so,“ tröstete sie ihre kleine Schwester. Die Kleine legte ihr Brot beiseite. „Stimmt es, dass Honig schön macht?“, fragte sie. „Mama sagt, davon bekommen wir schöne Haut und schöne Haare. Und sie sagt auch, dass sie ab und zu Honig in ihr Gesicht schmiert.“ Ihre Schwester zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht so genau. Aber ich glaube schon. Mama ist ja sehr schön.“

Die Tür öffnete sich und eine wunderschöne Frau betrat das kleine Zimmer. „Schmeckt es meinen kleinen Prinzessinnen?“, fragte sie ihre Kinder fröhlich. „Schaut mal“, sagte verschwörerisch und legte Geld auf den Tisch. „Ich habe heute ein Bild von mir verkauft.“ Die beiden Mädchen sprangen auf und nahmen ihre Mutter in den Arm. „Jetzt können wir uns etwas anderes zu essen kaufen“, jubelte die Kleine. „Nie mehr Honig.“
„Na ja“, sagte ihre Mutter und lachte sie an. „Ab und zu aber doch. Schließlich macht er ja schön. Und das wollt ihr doch werden, oder? Zwei wunderhübsche Mädchen.“
Die Drei lachten herzhaft. „Nein“, sagte die Frau schließlich. „Nur wer will, isst Honig. Der Mann, der mein Bild gekauft hat, will noch mehr Bilder kaufen. Jetzt wird es uns so langsam besser gehen. Kommt, wir gehen ein Stück spazieren.“

Aufmerksam hatte Malte ihnen zugehört. „Honig macht schön?“, fragte sich der kleine Engel. „Lieber Gott, sei nicht böse mit mir, aber ich möchte ein wenig davon mitnehmen, weil ich Michael eine Freude machen will. Außerdem brauchen sie den Honig ja nicht mehr. Sie essen von nun an Wurst und Käse.“ In der Hoffnung, dass der liebe Gott seinen Wunsch billigte, hüpfte er von seinem Fensterbrett und ließ den zähflüssigen Honig in seine unsichtbaren Hände fließen. „So Michael, das ist für dich“, murmelte er aufgeregt. Denn er war gespannt, was der Erzengel sagen würde, wenn er erwachte und vor Schönheit strahlte.

Eilig flog er aus dem Fenster, hinauf in den Himmel. Malte hatte Glück. In tiefen Schlaf versunken, lagen die kleinen Engel und auch Michael noch träumend in ihren Wolkenbetten. Der kleine Engel flog zu Michael und setzte sich zu ihm. Vorsichtig strich er Honig in Michaels Gesicht. Den Rest verteilte er sorgfältig in den Flügeln des Erzengels. „Damit du ein schöner Erzengel wirst“, flüsterte er und legte sich schnell auf sein Wolkenbett.

Es dauerte nicht lange und die kleinen Engel erwachten. Malte hielt die Augen fest geschlossen, so würde er den Freudenschrei der Engel besser genießen können, wenn Michael sich erhob. Er hörte, wie der Erzengel gähnte und sich anschließend streckte. „Warum jubeln sie nicht vor Freude“, dachte Malte und blinzelte verstohlen durch seine Wimpern. Die kleinen Engel saßen in ihren Wolkenbetten und starrten den Erzengel an. Sie freuten sich nicht und sie jubelten nicht. Dann hörte er Michaels grollende Stimme. „Wer war das?“, tönte seine Stimme dunkel und drohend.

Malte öffnete seine Augen und setzte sich auf. Ein gewaltiger Schreck raste durch seine kleinen Glieder und ließ ihn bibbern. Der Erzengel stand auf seiner Wolke und blickte die kleinen Engel bitterböse an. In seinem Gesicht klebten Wolkenfetzen und bei dem Versuch seine Flügel zu öffnen, verzog er angestrengt das Gesicht. Sie klebten zusammen und bei jedem Versuch sie auseinander zu falten, entstand ein schmatzendes Geräusch. Die Rettungsengel mussten gerufen werden, denn so konnte Michel nicht fliegen. Sie nahmen den Erzengel in ihre Mitte und flogen mit ihm in den Himmel. Michael schimpfte und tobte bei seiner Himmelsreise wie ein wütender Stier.

Malte beichtete Petrus alles. Er erzählte ihm von dem alten Mann und davon, was er über Honig gehört hatte. Petrus, der am liebsten laut gelacht hätte, schaffte es nur mit größter Anstrengung ernst zu bleiben. „Weißt du, Malte“, sagte er mit vibrierender Stimme. „Deine Absicht mag edel und gut gewesen sein. Aber die Engelsruhe nicht einzuhalten und so einfach aus deinem Wolkenbett zu verschwinden, zeugt von Ungehorsam.“ Der kleine Engel nickte geknickt. „Ja, das stimmt“, antwortete leise. „Aber ich war nicht müde.“ Beschämt senkte er seinen Kopf. „Und dann verschwindest du so einfach?“, fragte Petrus vorwurfsvoll. „Wenn alle kleinen Engel, die nicht schlafen können ihr Wolkenbett verlassen würden, wo kämen wir da hin?“ Petrus überlegte. „Weißt du, ich denke, wenn du einen Tag Himmelsarrest bekommst, das reicht,“ sagte er ernst. „Das ist für deinen Ausflug. Aber das Himmelstor, welches du morgen mit Sternenpaste polieren wirst, ist für den armen Michael. Der sitzt leider noch immer im Badehaus der Erzengel und versucht seine Flügel von dem klebrigen Honig zu befreien.“

Der kleine Engel sah ein, dass Petrus recht hatte und nahm seine Strafe ohne zu murren an. Dann ging er in sein Zimmer und legte sich schlafen. „War das heute aufregend“, flüsterte er leise und schloss selig die Augen. Und so hörte er nicht mehr, wie Petrus lautes Lachen den Himmel beben ließ.

 

© Monika Litschko

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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