Günther Würdemann

Oma Werner und der Grünkohl

Wenn meine Eltern oder Großeltern sie besuchten, dann redeten sie sie immer mit „Frau Werner“ an. Auf Grund ihres fortgeschrittenen Alters hieß sie bei uns Kindern aber immer nur Oma Werner.

Wobei wir uns lange Zeit keinerlei Gedanken machten, wie sie zu diesem Namen gekommen war. Eine Frau, die WERNER hieß? Der Name WERNER war uns in unserem familiären Umfeld lediglich als männlicher Vorname bekannt. Letztlich war uns das aber auch ziemlich egal. Für uns war sie einfach die Oma Werner. Erst später erfuhren wir, dass das nicht ihr Mädchen- oder Spitzname war, sondern dass sie diesen Namen durch Heirat erworben hatte. Doch ihr dazu gehöriger Ehemann war kurz vor Kriegsende im Kampf für Volk und Vaterland auf dem Felde der Ehre gefallen. So war sie als Kriegerwitwe mit zwei fast erwachsenen Kindern plötzlich ganz auf sich allein gestellt. Einen Beruf hatte sie nicht erlernt. Junge Mädchen verdingten sich damals im Haushalt wohlhabender Familien als Hausmädchen (für alles). (Manches Mal auch für den Hausherrn).

Oma Werner hatte keine Modelfigur. Sie war sehr ebenmäßig/ quaderförmig gebaut und bedingt durch ihre Körperfülle etwas bedächtig in ihren Bewegungen. Sie verfügte aber über einen wachen Verstand, und was wir Kinder sehr schätzten, sie hatte immer einen flotten Spruch auf den Lippen.

Oma Werner wohnte in einem Kleingartengebiet, in einem sogenannten Siedlungshaus. Eingeschossig, kleine Zimmer, aber immerhin etwas Eigenes ohne Bombenschäden. Um das Haus herum befand sich ein 2000 qm großes Grundstück mit einigen Obstbäumen und einem großen Gemüsebeet. Ihr ganzer Stolz war ihr mehrere qm großes Grünkohlbeet. Denn sie liebte eine deftige Grünkohl-Mahlzeit über alles. Jedes Jahr, wenn der Herbst zur Neige ging und der Winter sich durch frostige Temperaturen ankündigte, begann/beginnt bei uns im Norden die Kohl- und Pinkelzeit. Wenn trotz fortgeschrittener Jahreszeit der Frost aber auf sich warten ließ, der Hunger auf Grünkohl jedoch übermächtig wurde, schickten uns unsere Eltern zu Oma Werner, damit wir im Garten die Kohlweißlingsraupen von den Kohlblättern absuchen sollten. Denn diese Raupen hatten ebenfalls eine Vorliebe für die zarten Grünkohlblätter. allerdings ohne die für uns Menschen so wichtigen weil schmackhaften Gewürzzutaten. Unsere Befürchtungen, wir könnten beim Absuchen einige Raupen übersehen haben, die dann mit im Kohlmenue gelandet wären, beantwortete sie mit einem plattdeutschen Spruch: Beeter ´ne Luus in´n Kohl as gaarkeen Fett. (=Besser eine Laus im Kohl als gar kein Fett).
Schließlich waren die Raupen ja nicht giftig, sondern konnten als willkommene Proteinbeilage durchaus ihre Daseinsberechtigung (im Kochtopf) haben. Die Blätter des Grünkohls wurden gewaschen, kleingehackt und unter Beigabe von Kochwurst, Kassler, Bauchspeck (vom Schwein) und einer Grützwurst (=Pinkel) einige Stunden gekocht. Das Ganze wurde durch Gewürzzutaten schmackhaft zubereitet ( wir sagten: Abgeschmeckt) und dann serviert. Auch wenn mancher Leser meine Begeisterung nicht teilen kann, aber mir schmeckt dieses Gericht (natürlich immer wieder neu gekocht) auch nach vielen Jahren immer noch sehr gut. Jeden Herbst ein schmackhaftes Erlebnis. Wobei so etwas natürlich nur in einer größeren Familienrunde schmeckt. Zumal das sehr fetthaltige Essen am Ende mit einem oder mehreren Schnäpsen herunter gespült werden musste. (Selbstverständlich nur für die Erwachsenen!!)

Es kam wie es kommen musste. Wir alle wurden älter und manche auch kranker. Und eines Herbstes warteten wir vergeblich auf eine Nachricht von Oma Werner, dass sie uns zum Raupenabsuchen und zum Kohl- und Pinkelessen einladen würde. Kurze Zeit darauf erfuhren wir, dass unsere Oma überraschend ins Krankenhaus musste -- wegen einer akuten Blinddarmentzündung. Zu der damaligen Zeit bedeutete das einen mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt.

Als wir sie nach einigen Wochen wieder in ihrem Haus besuchen konnten, waren wir im ersten Moment sehr erschrocken. Oma Werner hatte einige Pfunde abgespeckt. Und die Vermutung lag nahe, dass sie nicht nur wegen dieser Blinddarmentzündung das Krankenhaus aufgesucht hatte. Aber sie hatte zwar Gewicht aber nicht ihren trockenen Humor verloren. Auf die Frage, ob es einen Grund gäbe, weshalb sie Gewicht verloren hätte, gab sie eine verblüffende Anwort: „In dem Vorgespräch mit dem Arzt, der mich am nächsten Tag operiert hat, habe ich ihm gesagt, er möge sich bei mir während der Operation ein ordentliches Stück Bauchspeck herausschneiden ---- für die nächste Grünkohl-Mahlzeit.“ Wenn man so etwas hört, was empfindet man dann beim Anblick der gedeckten Tafel mit den mit Pinkel, Kochwurst, Kassler und – Bauchspeck belegten Tellern? --- Bei manchen jungen Mitessern glaubte man bei der nachfolgenden Mahlzeit leichte Schluckbeschwerden zu erkennen. Aber ein Blick zu Oma Werner beruhigte uns. Sie saß und aß da wie immer – etwas schmaler aber in vollwertigem Zustand. Anscheinend war dieser Bauchspeck auch wirklich vom Schwein ! Guten Appetit.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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