Stefan Läer

Katharina und Elias

Katharina knipste das Licht aus. Geschlagene zwei Stunden hatte sie nun damit verbracht, auf die schwarze Schrift ihres Gutenachtbüchleins zu starren, ohne die Worte zu verstehen, die sie las. Sie konnte machen was sie wollte: Die Worte fanden einfach keinen Weg zu ihr. Auch jetzt, in vollkommener Dunkelheit, kreisten ihre Gedanken wieder um den morgigen Tag, der der schönste ihres Lebens werden sollte. Nervös fuhr sie sich durch ihr glattes braunes Haar.

Morgen würde sie ja sagen zu Elias, ihrer großen Liebe. Eigentlich war es nur ein einziger Schritt nach fünf Jahren einer glücklichen Beziehung mit ihrem absoluten Traummann. Doch ausgerechnet jetzt, in der Nacht vor dem großen Tag, gingen Katharina Dinge durch den Kopf, die sie nicht wahrhaben wollte. Wie Gespenster schwirrten all jene Geschichten aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis umher. Geschichten, die kein gutes Ende gefunden hatten. Sie liebte Elias von ganzem Herzen, aber sollte sie wirklich heiraten?

Sie schlich sich zurück ins Schlafzimmer und kroch mit den Füßen unter ihre Decke. Auf einmal spürte sie, wie eine Hand nach ihrer tastete. Sie fühlte sich ganz warm und trocken an, während ihre eher einem toten Fisch ähnelte. „Du findest keine Ruhe mit deinen Gedanken, nicht wahr?“, fragte Elias. Katharina nickte, doch Elias konnte es in der Dunkelheit nicht sehen. Das musste er auch nicht, denn wusste, was sie meinte. „Weißt du, mein Schatz, wenn wir beide es wirklich wollen, wird unsere Ehe nicht scheitern. Wir haben doch fünf Jahre lang eine wunderbare Beziehung geführt, wieso sollte das jetzt vorbei sein? Wenn das in guten wie in schlechten Tagen keine leere Floskel für uns ist, werden wir es schaffen. Ich jedenfalls werde dich füttern, wenn du irgendwann alt und gebrechlich bist.“ Bei dieser Vorstellung musste Katharina lachen. Sie spürte, wie sich der Knoten in ihrem Hals langsam löste.

 

„Heute gibt es Spargelsuppe in kleinen Häppchen, die du schön lutschen kannst“, rief Elias fröhlich aus der Küche hinüber ins Wohnzimmer. Lächelnd und unter dem Einsatz all seiner Kräfte schleppte der alte Mann einen Pott an das Pflegebett seiner Frau, vor dem er ihn ächzend abstellte. „Du siehst so traurig aus, mein Engel. Gefällt dir die Spargelsuppe nicht?“ „Ach, mein Schatz, ich wünschte, ich könnte jeden Tag Spargelsuppe aus deinen Händen essen. Aber ich fühle, dass ich bald gehen muss. Das gehen allein ist kein Problem, doch das Getrenntsein von dir macht mich so traurig.“

Elias gefror in seiner Bewegung. Bislang hatten sie das Thema immer totgeschwiegen, hatte er das Thema mit Zuversicht überspielt und gehofft, dass es nie das Tageslicht erblicken werde. Nun kullerte eine Träne aus seinen Augen und tropfte in die Spargelsuppe, wo sie große Wellen schlug. „Ich wünschte, wir könnten gleichzeitig sterben, dann würde keiner den anderen vermissen müssen.“ Sie sprachen über Gift, um sich gemeinsam das Leben zu nehmen, das sie ohne den jeweils anderen als sinnlos ansahen, weil sie sich so sehr liebten. Doch vor einer aktiven Sterbehilfe hatten beide große Angst, sodass sie mit der Zeit immer trauriger wurden.

Eines Tages aber änderte sich Elias‘ Gesichtsausdruck, als er an das Bett seiner totkranken Frau trat. Verwundert zog Katharina die Augenbrauen hoch und schaute Elias an, der sie voller Freude anstrahlte. Sprechen konnte sie nicht mehr. „Ich hatte dir von einem Asteroiden namens Apophis erzählt, einem Gesteinsbrocken, der unserer Erde sehr nahe kommen sollte. Wie sich nach neuesten Berechnungen herausstellt, wird Apophis genau hier einschlagen und uns vernichten. Wir werden gemeinsam sterben, ohne uns vergiften zu müssen.“

Katharina lächelte zufrieden, während Elias ihre Hand hielt und durch ihr zerzaustes Haar strich.

 

Für alle Philemons und Baucis‘ dieser Welt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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