Ali Yüce

Selim im Beton: Teil 3

Der Kaffee schmeckte seltsam; vielleicht lag es an der Milch. Wenn sie schlecht war, würde Selim neuen Kaffee machen müssen. Also würge er ihn runter und stieg kurz darauf mit schweren Gliedern in die Duschwanne. Als er nass wieder hinausstieg, fühlte sich sein Körper nicht leichter an, die Augenlider wogen ungefähr eine Tonne.

In zwei Minuten war er abgetrocknet und angezogen. Draußen war es noch dunkel und im ganzen Haus war es still. Leck mich am Arsch, dachte er. Fast die ganze Nacht hatten ihn die Nachbarn wach gehalten, und jetzt schliefen alle! Der Ärger weckte ihn auf. Die Wohnungstür knallte er mit aller Kraft zu, aber niemand beschwerte sich. Er wollte den Fahrstuhl nehmen, aber ein Mann schlief vor der Fahrstuhltür auf einem Stück Karton. Er wollte nicht stören; das Türknallen war schon mehr, als seine gute Erziehung zuließ.

Im Treppenhaus hatte jemand in den untersten Etagen die Lampen zerschlagen, so sah Selim nicht, dass einige Stufen nass waren. Auf einer davon rutschte er aus, seine Füße hingen vorne in der Luft und er landete mit Hintern und Händen auf der Stufe, auf der er eben noch gestanden hatte. Ihm wurde vor Schmerz und Ekel schlecht und doch war er froh, dass er in der Dunkelheit nicht sah, um was für eine Flüssigkeit es sich handelte, auf der er ausgeglitten war. Fast ohne Pause schnellte er hoch und hinkte hinaus. Der Bus musste jeden Moment da sein.

Im kalten Nieselregen warteten etwa 15 Leute an der Bushaltestelle. Erst jetzt nahm sich Selim die Zeit, sich den Hintern zu reiben und sich die andere Hand vors Gesicht zu halten, um herauszufinden, worauf er ausgerutscht war. Das Regenwasser verdünnte das Zeug bereits und es lief an seinem Handgelenk runter. Das, dachte Selim, ist hoffentlich nur rote Farbe, während ihm einfiel, das seine Jeans auch dreckig sein mussten.

Er hielt beide Hände in den Regen und wartete, dass das Zeug von der dünnen Regendusche weggespült wurde. Noch immer war ihm übel, er konnte aber nicht sagen, ob von dem Blut an den Händen oder von dem seltsam schmeckenden Kaffee. Als der Bus vor ihm hielt, sah er noch immer rote Spuren und versuchte, sich den Rest an der Hose abzuwischen. „Ich wusste nicht, dass du gläubig bist“, hörte er eine tiefe Stimme sagen.

Im Umdrehen sagte er: „Was?“ und sah sich mit einem Berg von einem Menschen konfrontiert. Und hätte er sich vorher gefragt gehabt, was an diesem Tag noch Übles hätte passieren können, wäre das die Antwort gewesen. Das war einer der Brüder der Gossentussi aus der letzten Nacht.

„Du hast doch gerade gebetet, oder nicht?“

Abwehrend hob Selim wieder beide Hände, auf denen noch immer Reste von Blut klebten. „Ich will keinen Ärger, Mann. Sie hat mich zuerst Arschloch genannt.“

Der Hüne hob eine Augenbraue, er war sichtlich beeindruckt von den blutigen Händen. „Du bist echt ein Freak, was? Kein Ärger. Ich muss zur Arbeit. Steigst du jetzt ein, oder was?“

Selim zwängte sich in den vollen Bus, und nachdem sich die Türen geschlossen hatten, stand er Nase an Brust mit dem Riesen. „Ist jetzt alles gut?“, fragte Selim. „Oder sehen wir uns nachher wieder?“

„Nenn sie nicht mehr Schlampe, okay? Die Frau ist irre, auch wenn sie meine Schwester ist. Wenn ich dich nicht zusammenschlage, denkt sie sich was Schlimmeres aus. Was bist du eigentlich für ein Gläubiger? Schmeißt mit Schimpfwörtern um dich wie ein Hafenarbeiter.“

In Gedanken sah sich Selim an der Bushaltestelle mit erhobenen Händen im Regen stehen. Wie dumm musste jemand sein, um das für ein Gebet zu halten? Vielleicht gar nicht dumm. Wonach hätte es denn sonst ausgesehen haben können? Aber jetzt, in diesem kleinen Moment, hatte er ein wenig Angst, diesen Irrtum aus der Welt zu schaffen. „Kommt dein Bruder auch zur Kloppe?“, fragte Selim resigniert.

„Brauche ich ihn denn? Früher habe ich dich auch immer ohne Hilfe verdroschen.“ Er grinste Breit.

„Was?“ Selim war bestürzt. „Wir kennen uns von früher?"

„Klar, Mann! Wir haben uns im Jugendzentrum rumgetrieben. Ich hab’ deinen Kopf mal in Hundescheiße getunkt, weißt du nicht mehr?“

„Fatih?“

Fatih grinste noch breiter.

„Arschloch“, sagte Selim.

„Dafür gibt es nachher einen Extraklaps.“

Selim zuckte mit den Schultern. „Dann ist deine Schwester also Tülay? Und wegen der soll ich auf die Fresse kriegen? Die hat doch jeder schon mal Schlampe genannt.“

„Kannst dir vorstellen, wie viel ich da zu tun hatte.“ Fatih lachte laut.

Jetzt bemerkte Selim, dass ihr Gespräch Zuhörer gefunden hatte. Alle, die keine Kopfhörer auf den Ohren hatten, sahen sie aus den Augenwinkeln an, manche angeekelt, manche belustig. Wenn sich Fatihs Blick in ihre Richtung bewegte, bemühten sie sich, gleichgültig zu wirken.

„Aber jetzt gehörst du zu den Harten, was?“, fragte Fatih. „Läufst mit blutigen Händen rum.“

Selim zuckte mit den Schultern.

Fatih nickte verständnisvoll. „Die Scheiße kommt, wann sie kommt, schon klar.“

„Bei Scheiße fällt mir ein: Seid ihr gestern nicht verhaftet worden?“

„Ach, quatsch! Die Bullen kennen uns doch, die wissen, wann sich die Mühe lohnt.“

Selim überkam ein Geistesblitz: „Ich werde dich anzeigen!“

„Du? Mich?“ Fatih sah verwirrt und neugierig zugleich aus. „Alter, hast du nicht gesagt, du willst keinen Ärger? Weswegen überhaupt?“

„Wenn du mich später zusammenschlägst, zeige ich dich an“, sagte Selim fröhlich.

„Ach, und jetzt bekomme ich Angst und lasse dich in Ruhe?“ Er schien nachzudenken, dann lachte er mitleidig. „Weißt du was? Ist gut. Ich lasse dich in Ruhe, aber Digger, du hast keine Vorstellung davon, was dich dann erwartet.“

Selim starrte ihn an. „Echt jetzt? Du kommst nicht vorbei?“

„Höchstens auf ein Bier. Lass mich durch, du Spinner, ich muss raus.“ Beim Vorbeigehen sah Fatih ihn verächtlich an. „Bete weiter, Mann. Du wirst jede Hilfe brauchen.“ Der Bus hielt, Fatih verschwand im dunklen Regen.

Selims Magen presste sich zusammen und drückte den Kaffee hoch. Schweißperlen wuchsen ihm auf der Stirn, er konnte sie fühlen. Alle im Bus sahen Selim erwartungsvoll an. „Was?“ rief er. „Soll ich eine Solonummer daraus machen? Die Show ist vorbei!“

„Digger!“ rief einer, den er nicht sehen konnte. „Es klang so, als finge sie gerade erst an.“

„Kauf dir ein Eis für deine verschissene Meinung und halt die Fresse, ja?“ Selim war sauer. „Geht euch alles einen Scheißdreck an!“

 

Am S-Bahnhof angekommen stapfte er mit großen Schritten die Treppen hoch, an den Automaten vorbei und runter zum Bahnsteig. Sein Stammplatz an der Plakatwand, an der er jeden Morgen auf seine Bahn wartete, war besetzt von einer Traube Menschen. Er stellte sich auf die andere Seite der Wand und lehnte den Rücken an sie.

Kaum war er zur Ruhe gekommen, sprudelte ihm der Kaffee ohne Vorwarnung die Speiseröhre hoch und aus dem Mund heraus. Noch bevor er sich vornüber beugen konnte, war seine Jacke besudelt. Ergeben ging er in die Hocke und ließ in Ruhe seinen Magen die Krämpfe verrichten. Danach geht es dir besser, dachte er. Ob diese Klümpchen geronnene Milch waren?

Selims Magen kam zur Ruhe und die S-Bahn war noch nicht gekommen. Er blieb noch einige Atemzüge hocken, und warte, um sicherzugehen, dass es vorbei war. Als er den Kopf hob, sah er zwei Wachmänner, die ihn angewidert musterten.

„Geht es ihnen gut, Sir?“, fragte einer. Er war groß, breitschultrig und kahl. Sein Kollege, untersetzt und bierbäuchig, sah den Kahlen kopfschüttelnd an.

Er hat wirklich „Sir“ gesagt, dachte Selim. Das war nicht eingebildet. Jetzt bin ich mir sicher, dass ich im falschen Film bin. Er hob beide Hände und präsentierte als Antwort das Ergebnis seiner Magenkrämpfe auf seiner Kleidung und auf dem Boden. „Geht so“, krächzte er leise.

Kahlkopf hatte keine Augen für die braunen, stinkenden Flecken, stattdessen verfolgte sein Blick jede Bewegung seiner Hände. Ein Stirnrunzeln begann über seinen Augenbrauen und aus Selims Blickwinkel sah es so aus, als würde es sich wie Wellen langsam nach hinten über seinen ganzen Schädel ausbreiten. Kahlkopf beugte sich zu seinem Kollegen runter und flüsterte ihm einige Sätze ins Ohr. Selim verstand die Worte „Blut“ und „Drogen“. Bierbauch verdrehte die Augen.

„Meine Bahn kommt“, sagte Selim. „Danke für Ihre Sorge, aber ich muss zur Arbeit.“

„Diese Bahn werden Sie nicht nehmen“, sagte Kahlkopf. „Ich fürchte, wir müssen die Polizei rufen.“

„Weil ich gekotzt habe?“

„Natürlich nicht!“ Kahlkopf setzte eine strenge Miene auf. „Diese Flecken an ihrer Hose... Können Sie sich bitte einmal umdrehen, ich möchte mir etwas angucken?“

„Was? Meinen Arsch?“

„Ganz recht.“

 

Selim rief seinen Chef sechs Stunden später aus der Polizeiwache an. „Tut mir leid, ich konnte nicht früher anrufen.“

- „Wo bleibst du, Mann! Hast du verpennt?“

„Nein, ich wurde verhaftet. Eine Verwechslung. Sie haben mich eben gerade wieder entlassen.“

- „Echt jetzt? Du hast den halben Tag in der Zelle die Füße hochgelegt?“

„Das war kein Spaß! Sie haben mir den Finger in den Arsch gesteckt!“

- „Erzähl keinen Scheiß. Warum sollten die das tun?“

„Was weiß ich. Vielleicht haben sie die Tatwaffe gesucht.“

- „Was für eine Tatwaffe?“

„Auf dem Kiez gab es eine Messerstecherei, einer hat jemanden ziemlich übel zugerichtet und dabei selbst einen Stich in den Hintern gekriegt.“

- „Schwache Geschichte, Selim, du warst schon mal besser. Unbezahlter Urlaub und morgen bleibst du eine Stunde länger.“

„Jo, ist gut.“

 

Bevor seine Mutter von irgendwelchen Leuten, die ihn am Morgen auf dem Bahnsteig gesehen hatten, vollgetratscht wurde, entschied Selim, auch sie anzurufen. „Yuh be! Bir bu eksikti!“ Selim hörte, wie sie ausspuckte und sofort das Telefon wieder trockenwischte. „Herkesin diline düşürdün beni gene! Was soll ich den Nachbarn sagen? Die zerreißen sich wieder das Maul.“

„Sag ihnen, dass es eine Verwechslung war. Immerhin wurde ich jetzt schon entlassen.“

„Und dass du besoffen auf dem Bahnsteig gekotzt hast? Warte, bis dein Vater davon erfährt!“

„Mama, ich war nicht... Egal. Besser ich rufe ihn auf der Arbeit an, bevor du ihm irgendeinen Quatsch erzählst.“


Das Gespräch mit seinem Vater war noch kürzer. „Woher solltest du auch die Eier haben, jemanden abzustechen?“, sagte er und legte ohne Abschied auf.
 

Halt die Füße still, sagt sich Selim, als er abwesend aus dem S-Bahnfenster in die Ferne schaute. Er fühlte sich dreckig und besudelt. Tu nichts, das irgendwie auf dich gegenwirken könnte. Dieser Tag ist die Hölle. Schmeiß kein Holz mehr nach. Einfach nachhause. Duschen. Essen. Schlafen.

Sein Magen war ein schreiendes schwarzes Loch. Das einzige, was er heute außer Wasser zu sich genommen hatte, sah er auf dem Boden des Bahnsteiges, als er aus der S-Bahn stieg. Ein dunkler Fleck, dem jeder auswich, dessen Weg ihn dort entlangführte.

Der Tag war noch nicht vorbei. Heute passierte alles, was passieren konnte. Murphy ist ein Arschloch. Selim glaubte nicht an Gott, aber ab heute glaubte er an Murphy; das stinkende Stück Scheiße, das ihn foltern und erniedrigen wollte. Ja, dachte er, ich glaube an Scheiße. Und dass Murphy mit heruntergelassener Hose über mir hockt.

Murphy schickte ihm wieder die Wachmänner, die ihn der Polizei ausgeliefert hatten. Sie stolzierten die Treppe runter und lachten über Wachmännerwitze. Selim senkte den Blick. Tu nichts, sagte er sich. Fünf Schritte noch. Vier. Drei.

„Hey!“ rief jemand.

Selim zuckte zusammen. Bitte nicht! Lasst mich doch einfach in Ruhe. Zwei. Eins. Die Wachmänner gingen an ihm vorbei. Danke, Murphy. Er hätte vor Erleichterung weinen können.

„Hey! Selim“

Selim ging schneller.

„Hacı Selim! Warte!“

Selim lief.

„Warte, du Freak!“

Selim rannte.

Fatih holte ihn schnell ein und lief entspannt neben ihm her. „Was rennst du weg, du Vogel?“ Als sich Selim sicher war, dass er keine Prügel beziehen würde, wurde er langsamer, blieb schließlich schnaufend stehen. „Was willst du, Fatih?“

„Stimmt das? Du wurdest verhaftet? Hast jemanden abgestochen?“

Selim war überrascht über die Geschwindigkeit von Tratsch und die Dummheit dieser Frage. „Ich stehe doch hier und sitze nicht im Gefängnis, oder?“

„Krass! Du bist geflüchtet! Deswegen bist du weggerannt!“

„Fatih. Lass mich einfach in Ruhe, ja? Das war der schlimmste Tag meines Lebens, mach ihn nicht schlimmer.“

Fatih öffnete den Mund, doch etwas, das er in Selims Augen sah, schien ihn daran zu hindern, etwas zu sagen.

„Gut“, sagte Selim. „Sehen uns.“ Er stieg in den Bus.

„Hacı!“ rief ihm Fatih nach.

Selim verdrehte die Augen, aber er blickte nicht zurück.

„Hacı, tu Tülay nicht weh, wenn sie zu dir kommt, okay? Sie kennt dich nicht so wie ich. Sie weiß es nicht besser.“

Selim war zu müde zum Lachen oder sich Gedanken darum zu machen, was in Fatihs Kopf wohl vorging, dass er so einen Scheiß von sich gab.

 

Der Kühlschrank gab nicht viel her. Selim kippte den Rest der Milch in die Spüle, obwohl nichts darauf hindeutete, dass sie nicht mehr gut war. Nach kurzer Suche fand er einen halben Ring Fleischwurst im Gemüsefach. Er stopfte sich alles vor der Glotze in wenigen Minuten hinein. Und erstarrte. Die Wurst war lecker gewesen. Was ihm nicht gefiel, war der Schemen einer Erinnerung. Im Halbschlaf. Er, in der Nacht hungrig aufgewacht, war im Dunkeln in die Küche gegangen, hatte sich etwas aus dem Kühlschrank gegriffen und war wieder ins Bett gegangen. Mit dem Geschmack von Fleischwurst im Mund. Schade, dachte er, eine fast volle Packung gute Milch weggekippt.

Er eilte ins Badezimmer und steckte sich mehrere Finger in den Hals. Bevor die Wurst wieder beschloss, ihm den Magen umzukrempeln, wollte er lieber selbst entscheiden, wann er kotzte. Aber sie wollte nicht heraus. Fuck you, hört er in Gedanken seinen Magen sagen, ich habe den ganzen Tag auf diese Wurst gewartet, du kriegst sie nicht zurück!

Still betete er zu Murphy und bat, verschont zu werden. Ohne Wirkung. Sein Magen klammerte eisern an seinem Inhalt und Selim schrie vor Verzweiflung auf.

Es wird passieren, dachte er. Früher oder später, wirst du sie mir zurückgeben. Ich kann warten.

Er schmiss Slipknot in den CD-Player und tanzte bei voller Lautstärke Pogo zu Spit It Out. In Schleife. Was sollte er sonst tun? Während der dritten Wiederholung klopfte es an der Tür. Tülay, dachte er. Murphy schickt sie endlich. Showdown.

Es war Mustafa. Er bewegte den Mund. Selim  schloss die Windfangtür, um ihn besser hören zu können. „Mach den Lärm leiser, Selim, mein Vater ist zu Besuch.“

„Er soll sich nicht so anstellen. Bis zur Abendruhe dauert es noch Stunden.“

„Komm schon, Mann! Er erzählt die ganze Zeit irgendwelche komischen Geschichten über dich, und jetzt spielst du hier auch noch den Irren.“

„Was ist denn so irre an Slipknot? Ich habe hier sonst auch die neue Machine Head.“

„Hör auf mit dem Scheiß! Was ist los mit dir?“

„Mustafa, ich hatte den beschissensten Tag meines Lebens und ich muss mich abreagieren. Außerdem schaffe ich es einfach nicht, zu kotzen.“

„Du willst kotzen? Wie am Bahnhof?“

„Ja, ziemlich genauso wie am Bahnhof.“ Selim fühlte sich nicht die Spur überrascht.

„Und dann?“ fragte Mustafa. „Leute abstechen? Die Leute werden irgendwann über dich sagen: wir hätten es kommen sehen müssen.“

Selims Magen gab Geräusche von sich und im selben Augenblick klingelte es. Er hob die Hand und deutete Mustafa, still zu sein. „Wer da?“ fragte er die Türsprechanlage.

Eine Frauenstimme, eiskalt: „Ich bin’s, die Schlampe.“

Selim drückte auf den Knopf und öffnete ihr die Eingangstür. „Mustafa, du gehst besser. Das wird hässlich.“

„Das mit Tülay stimmt also auch!“ staunte Mustafa.

„Was? Was meinst du?“

Aber Mustafa war mit großen Schritten die Treppe hoch verschwunden. Hatte Selim Panik in seinem Gesicht gesehen? Jetzt begann auch Selim etwas wie Angst zu verspüren.

„Hacı, ich komm’ dich holen“, sang sie tief unten im Treppenhaus. Auf Selims Armen stellten sich die Härchen auf. „Was hast du mit meinem Bruder gemacht, Hacı? Warum hat er Angst vor dir?“ Er hätte gelacht, wenn ihm nicht so schwindelig gewesen wäre. „Ich habe keine Angst, Hacı! Wenn du wüsstest, was ich mit dir machen werde.“

Er sah zuerst ihre langen, schwarzen Haare. Dann ihren dämonischen Blick. Als sie vollständig sichtbar war, traute Selim seinen Augen nicht: sie trug tatsächlich ein cremefarbenes Abendkleid und in ihrer Hand lag der Griff einer Abflussspirale, die sie hinter sich her zog. Die ist irre, dachte Selim. In seinen Gedanken rannte er in die Wohnung und knallte die Tür hinter sich zu, doch der groteske Anblick ließ ihn vergessen, den Gedanken in die Tat umzusetzen. Er starrte sie mit offenem Mund an, bis sie einen Schritt vor ihm zum Stehen kam. Beide schwiegen.

Ein Gluckern durchbrach die Stille. Dann durchbrach es die Magenklappe und verwandelte sich in ein Würgen. Durch den noch offenen Mund schoss halbverdaute Fleischwurst in Magensäure auf Tülays Kleid und Pumps. Noch ein Schwall. Und noch ein dritter. Selim musste ein viertes Mal würgen, aber es kam nichts mehr. Vielleicht wäre mehr gekommen, aber die Angst davor, endgültig sein Todesurteil besiegelt zu haben, schnürte ihm die Kehle zu. Vermutlich war in diesem Moment sogar Murphy entsetzt.

„Weißt du, wie teuer das Kleid war?“ flüsterte Tülay. „Die Schuhe sind von Dolce Gabbana.“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Du bist ein Monster!“ schrie sie ihn plötzlich an. „Der Teufel!“ Rotz und Wasser heulend rannte sie die Treppe hinunter.

Für einen Bruchteil einer Sekunde wurde Selim vor Erleichterung fast wieder schwindelig. Aber eine panische Neugier und niedere Faszination überkam ihn und so rannte er hinter ihr her. Er musste es wissen! „Warte Tülay! Warte! Was...“ hattest du mit der Abflussspirale vor, wollte er sagen. Er hatte sie beinahe eingeholt, auf ihren Pumps war sie nicht sehr schnell. Da sah er, wie sie stolperte, griff nach ihr, um sie vor dem Sturz zu bewahren, und erwischte nur eine Strähne ihres Haares. Sie stürzte fünf Stufen hinunter und blieb stöhnend liegen. Entsetzen überzog ihr Gesicht, als ihr Blick auf die Haare in seiner Hand fiel. Selim stand wie angewurzelt da, bei Hände erhoben, und beobachtete, wie sie sich langsam aufrappelte, sich die kahle Stelle am Hinterkopf rieb und lautlos verschwand.

Er bemerkte nicht, wie sich Mustafa mit vorsichtigen Schritten und ängstlichem Gesicht die Treppe hinunter kam. „Selim? Ich habe oben alles gehört. Geht es ihr gut?“

„Sie kann noch laufen“, sagte Selim achselzuckend und ließ die Haarsträhne fallen. „Hätte viel schlimmer ausgehen können.“

„Hast du sie runtergestoßen?“

Murphy lachte hysterisch, Selim lachte mit und ließ Mustafa hinter sich stehen.

Er schloss alle Fenster, duschte lange, legte sich nackt ins Bett. Im ganzen Haus war es still. Und während er in einen fast komatösen Schlaf fiel, entstand hinter verschlossenen Türen und im Flüsterton die Legende von Hacı Selim.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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