Heinz-Walter Hoetter

Die Invasion der Doppelgänger

 

 

 

Wie immer saß Höfenzeller an diesem Freitagmorgen korrekt gekleidet und mit dienstlich ernster Miene an seinem Schreibtisch und bemühte sich, konzentriert auf die vor ihm liegenden Schriftstücke zu blicken. Heute brummte

ihm der Kopf viel stärker als gewöhnlich; unter dem Scheitel und hinter der Stirn schien sich ein kleiner Quälgeist abwechselnd mal mit einer Säge und dann wieder mit einem Bohrer an seinem Schädelknochen zu schaffen zu machen.

Der Donnerstagabendstammtisch hatte diesmal bis in die frühen Morgenstunden gedauert, wieder hatte Höfenzeller Bier und Schnaps allzu wahl- und sorglos in sich hineingeschüttet, nur weil er wusste, dass der Bürodienst am Freitag erst um 9 Uhr begann. Übelkeit stieg in ihm hoch und sein Magen gab plötzlich bedrohliche Signale von sich. Gerade in dem Augenblick, als er nach dem Magenbitter rechts unten in der Schreibtischschublade greifen wollte, kam dieses eklige, scharf stinkende Zeug auch schon spritzend zwischen seinen zusammengepressten Lippen hervor und verteilte sich vor ihm über den gesamten Schreibtisch. Höfenzeller konnte nicht mehr! Ihm schwindelte, als er von seinem weichen Bürosessel aufstehen wollte, und die Knie begannen zu zittern. Es fehlte nicht mehr viel, dann wäre er beinah einfach umgekippt. In dieser miesen Situation schwor er für sich, in Zukunft nicht mehr solche Exzesse, wie beim Stammtisch gestern Abend, zu begehen, seinen Alkoholkonsum drastisch einzuschränken und generell ein gesünderes Leben zu beginnen.

Als es Höfenzeller schließlich doch noch schaffte, sich gerade aufzurichten, sah er, dass auch sein schöner schwarzer Nadelstreifenanzug, der wirklich teuer gewesen war, ebenfalls einiges von seiner Magenladung abbekommen hatte. Sein Herz schlug ihm auf einmal bis zum Hals, das Blut schoss ihm heiß in den Kopf; nicht auszudenken, wenn gerade jetzt ein Kollege oder vielleicht sogar der Chef in sein Büro kommen würde und ihn in diesem elendigen Zustand zu sehen bekämen. Höfenzeller wankte wie benommen rüber zur Bürotür, öffnete sie behutsam ein wenig und schaute verstohlen durch den offenen Türspalt in den schmalen Bürogang hinaus. Sicherheitshalber hielt er vorsorglich ein Taschentuch vor den Mund. Keiner da! Die Gelegenheit war also günstig, um jetzt unbemerkt die Angestelltentoilette erreichen zu können.

Die Toilettenräume befanden sich glücklicherweise genau vis-à-vis. Noch einmal spähte Höfenzeller ganz schnell nach beiden Seiten in den ruhig da liegenden Korridor, schlich mit zwei gewaltigen Schritten so leise wie möglich auf die andere Gangseite hinüber, öffnete ebenso lautlos die Toilettentür und verschwand dann schleunigst in einer der offenen WC-Zellen, die er von innen sofort abriegelte. Drinnen verschnaufte Höfenzeller erst einmal, begann aber schon kurz danach mit der Reinigung seines völlig verdreckten Büroanzugs. Als er damit fertig war, wusch er sich noch ausgiebig Gesicht und Hände, spülte seinen Mund mit frischem Wasser aus und fühlte sich danach wirklich schon viel besser. Zu guter Letzt betrachtete er sich prüfend im Spiegel, um schließlich einigermaßen zufrieden festzustellen, dass sein äußeres Erscheinungsbild insgesamt gesehen doch eigentlich wieder recht passabel aussah, einmal abgesehen davon, dass sein Nadelstreifenanzug säuerlich roch.

Dann bemerkte Höfenzeller rein zufällig den schon fast vergessenen Magenbitter in der rechten Seitentasche seines Jacketts. Trotz aller Hektik musste er ihn wohl dort noch schnell hinein gesteckt haben. Mit einer flinken Handbewegung griff er jetzt nach der kleinen Flasche, öffnete sie und ließ den flüssigen Inhalt gurgelnd durch seine brandige Kehle rauschen. Ein wohliges Gefühl breitete sich sofort in seinem arg strapazierten Magen aus, was zur Folge hatte, dass dieser sich entkrampfte und Ruhe in den Körper brachte. So gestärkt verließ Höfenzeller den WC-Raum wieder auf die gleiche Weise, wie er gekommen war. Niemand hatte von seinem frühmorgendlichen Desaster anscheinend etwas bemerkt, und Höfenzeller war heilfroh darüber, an diesem Freitagmorgen noch Mal einer handfesten Blamage knapp entgangen zu sein.

 

Als Höfenzeller schließlich wieder in seinem Büro stand, war er sichtlich erleichtert. Kaum hatte er aber die Bürotür hinter sich so leise wie möglich zugemacht, stellte er zu seinem allergrößten Erstaunen verblüfft fest, dass sein Schreibtisch offenbar während seiner Abwesenheit sauber gemacht worden war. Irgendwer hatte sein schreckliches Malheur beseitigt. Er fand dafür keine plausible Erklärung, bis er plötzlich den schwarz gekleideten Mann erblickte, der stumm und regungslos in seinem Bürosessel saß, ohne sein Gesicht richtig zu zeigen.

Höfenzeller erschrak etwas, riss sich aber sofort wieder zusammen und fragte sich innerlich leicht nachdenklich, warum der Unbekannte ausgerechnet hier in seinem Büro saß und was er von ihm wollte. „Etwa ein neuer Arbeitskollege, der sich bei mir nur vorstellen möchte?“ dachte Höfenzeller so für sich, wobei er diesen Gedanken sogleich wieder verwarf, weil er von einem neuen Mitarbeiter einfach noch nichts gehört hatte, was ihm sicherlich auf gar keinen Fall entgangen wäre. Soviel er auch nachdachte und kombinierte, die ganze Sache machte vorerst für ihn überhaupt keinen Sinn.

Der fremde Mann hinter seinem Schreibtisch bewegte sich plötzlich und starrte Höfenzeller unvermittelt an, was darauf schließen lies, dass er wohl über die abrupte Anwesenheit einer weiteren Person im Büro ebenso überrascht war, wie Höfenzeller selbst. Einen Moment lang war absolute Stille im Raum, keiner von beiden traute sich auch nur ein Wörtchen zu sagen. Endlich bequemte sich der Fremde dazu, Höfenzeller eine Frage zu stellen: „Wer sind sie? Kann ich ihnen irgendwie helfen, mein Herr?“

Höfenzeller stand wie angewurzelt da. Eine derartige Frage hatte er auf gar keinen Fall erwartet und schon gar nicht in seinem eigenen Büro. Der Fremde hatte sich mittlerweile zu ihm herumgedreht und beide schauten sich nun gegenseitig an. Was Höfenzeller dann erblicken musste, ließ ihn fast an seinem Verstand zweifeln, denn: der Fremde sah im Gesicht genau so aus wie er. Ein perfekter Doppelgänger, wie er perfekter hätte nicht sein können.

Eine unerklärliche Panik ergriff Höfenzeller, denn alles schien mit einmal aus den Fugen geraten zu sein. Eine unaufhaltsame Veränderung brach sich Bahn. Er verstand die Welt nicht mehr, seine Gedanken schwirrten im Kreis herum und wieder wurde ihm übel. Der unbekannte Mann im schwarzen Anzug, der sein Doppelgänger war, stand jetzt auf einmal direkt vor ihm.

Darf ich sie nochmals fragen, mein Herr, wer sie sind und was sie hier in meinem Büro zu suchen haben? Sie haben sich sicherlich verirrt! Soll ich vielleicht den Wachdienst kommen lassen? Ich glaube, es geht ihnen nicht gut – oder? Sie sehen sehr schlecht aus und machen auf mich einen mitgenommen Eindruck. Es wird wohl wirklich vernünftiger sein, wenn ich dafür sorge, dass man sich um sie kümmert.“

Nach einer Weile griff der Unbekannte tatsächlich zum Telefonhörer und rief beim zuständigen Wachdienst des Unternehmens an. Keine zehn Minuten später standen zwei Wachmänner in dem Büro, die Höfenzeller ohne lange zu fragen an beiden Armen packten und auf den Korridor hinaus brachten. Mit einem lauten Aufschrei riss sich dieser urplötzlich los und hastete mit Riesenschritten wie ein gehetztes Tier bis ans Ende des Ganges, hielt sich dort am Treppengeländer fest, rannte die Treppe der beiden Stockwerke hinunter und verließ fluchtartig das gläserne Bürogebäude.

 

Draußen wurde Höfenzeller vom Getöse der Großstadt empfangen. Das helle Sonnenlicht blendete seine empfindlichen Augen. Auf der breiten Hauptstrasse bewegten sich in beiden Richtungen eine schier endlose Kette von Fahrzeugen aller Art langsam quälend durch die Häuserschluchten. Auf den geräumigen Gehwegen ergossen sich Ströme von dahineilenden Fußgängern. Direkt am Straßenrand stand ein gelbes Taxi. Der Fahrer wartete offensichtlich auf Kundschaft und Höfenzeller stieg ein, obwohl er das eigentlich gar nicht wollte. Trotzdem nahm er hinten Platz und mit einem gewaltigen Ruck setzte sich das Taxi sofort in Bewegung. Unterwegs fiel Höfenzeller auf, dass ihn der Fahrer schon eine ganze Weile durch den Rückspiegel intensiv beobachtete. Auch das Tempo des Fahrzeuges schien schneller und schneller zu werden. Gerade in dem Augenblick, als er sich wegen dieses Umstandes nach vorne beugen wollte, drehte sich auch der Taxifahrer zu ihm herum, sodass sich beide direkt anschauen konnten. Höfenzeller blickte dabei voller Entsetzen wieder in das Gesicht seines Doppelgängers aus dem Büro. Diesmal erschrak er so heftig, dass er beim Zurückweichen mit voller Wucht rücklings gegen das Heckfenster flog und benommen auf dem Rücksitz in sich zusammensackte.

Obwohl Höfenzeller halb bewusstlos war, konnte er die sonore Stimme des Taxifahrers deutlich hören, als er sagte: „Tja, mein Lieber, nichts für ungut, aber leider ist unsere Invasion auf der Erde in vollem Gange. Es kann kein Zurück mehr geben! Wir sind dabei eure Welt zu erobern und keiner von euch hat’s bisher gemerkt. Und wenn doch, dann war es für den einen oder anderen meistens schon zu spät. Ja, Höfenzeller, wir haben den menschlichen Körper lange studiert, bis wir ihn endlich kopieren konnten, genauer gesagt: jeden von euch! Aber keine Angst, mein Freund! Wir sind eine äußerst fortschrittliche und vor allen Dingen sehr humane Rasse. Wir töten keine Lebewesen, auch dann nicht, wenn wir dabei sind, ihre Welt zu erobern. Wir ersetzen quasi alle Bewohner des Planeten durch unsere Lebensform, die perfekt angepasste Doppelgänger sind. Wir tauschen euch alle nach und nach aus! Ist das nicht geil?“

Als Höfenzeller langsam wieder zu sich kam, bog das Taxi gerade in eine hell erleuchtete Tiefgarage ein, bis es unvermittelt mit quietschenden Reifen stehen blieb und Höfenzeller’s Doppelgänger die Autotür auf seiner Seite aufriss.

So, alter Freund,“ sagte er grinsend zu Höfenzeller, „hier ist Endstation für dich!“ und fuhr fort: „Bitte sei so freundlich und gehe zu der wartenden Gruppe dort drüben! Mach keinen Ärger und sei friedlich! Widerstand ist zwecklos! Siehst du die Betonwand neben deinen Artgenossen? Das ist nur eine Imitation und stellt in Wirklichkeit ein Personentransmitter dar. Diese Dinger gibt es überall auf der Erde und nicht nur in Tiefgaragen! Geht einfach auf die Wand zu und im nächsten Moment seid ihr alle auf der anderen Seite, in einer neuen Welt, die wir für euch ausgesucht haben. Sicher, es ist eine primitive Welt, ganz ohne jeglichen zivilisatorischen Komfort, aber so, wie wir euch kennen, macht ihr bestimmt wieder etwas daraus!“

Völlig willenlos marschierte Höfenzeller mit den anderen Menschen zusammen auf die Betonwand der Tiefgarage zu, die ein perfekt getarnter Transmitter war, bis sie alle darin nacheinander verschwunden waren.

Auf der anderen Seite empfing sie eine urzeitliche Welt mit zwei Sonnen.

 

Ende

 

© Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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