Monika Litschko

Der Fall

Als Charles die Augen öffnete, war die Welt, nach der er sich so sehnte, ganz und gar nicht in Ordnung, und das Wort Himmel verlor plötzlich alle Bedeutung für ihn. Er stand ihm gegenüber, diesem schönen anmutigen Wesen, das ihn wissend anlächelte, aber es war kein Engel, soviel stand fest. Erst jetzt registrierte Charles, dass er sich in einem Schiff befand. Einem Sechseckigen, Kleinem etwas. Sein Gegenüber sagte, er solle zu dem anderen Zeitschiff hinübergleiten, welches Charles schon längst erspäht hatte. Angst kroch in ihm hoch, stahl sich in seine Adern und ließ ihn zittern. Das Wesen spürte seine Angst, stülpte aber einen Helm über seinen Kopf, den es sorgfältig sicherte. Er bemerkte nun, dass er in einen Raumanzug steckte, eine Art, modernes Totenkleid.

Charles wollte nicht durch den Raum gleiten, aber er musste. Es, wie er das unbekannte Wesen nannte, sagte, er müsse die Einstiegsluke entriegeln, wenn er das andere Schiff erreicht hätte, um sein neues Leben, leben zu können, und dass es ihm nicht helfen dürfe. Aber es würde immer hinter ihm sein und notfalls halten. Er hatte Angst wie immer, nahm aber all seinen Mut zusammen und stieß sich vom Rand des Ausstiegs ab. Langsam glitt er durch die Schwerelosigkeit, hinüber zu seinem Ziel. Zu seinem neuen Leben. Er fasste nach dem Hebel der Einstiegsluke und zerrte an ihm. Als sich nichts tat, verließ ihn der Mut, es weiter zu versuchen.

Die Schwerelosigkeit löste sich auf, als er in grauschwarze Tiefen fiel. Die Sterne um ihn herum erloschen, gasförmige bunte Wolken zerplatzen wie Seifenblasen und auch die Erde wandte sich von ihm ab. Nur grauschwarze, undurchdringliche Masse, die ihn gierig verschlang. Die altbekannte Hoffnungslosigkeit stieg in ihm auf und er fühlte sich wie ein Toter an einem toten Ort. War das die richtige Bezeichnung? Nein, denn es war ein Fall durch den Tod, der nie enden würde. Die Ewigkeit war ein nicht endender Fall durch Angst und Dunkelheit. So hatte er sich das nicht vorgestellt, als er das Seil an dem massiven Holzbalken befestigte und sprang. So nicht. Charles spürte, dass er eine Lösung gefunden hätte, für all seine Probleme, aber nun war es zu spät.

Er fiel weiter durch das nicht enden wollende grauschwarz und maßlose Wut überkam ihn. Wie ein wildes Tier zerfleischte sie Charles geschundene Seele. Sein verzweifelter Schrei ging in den Weiten des Universums unter, verfing sich in seinen Helm und brachte ihm die Lösung seiner Probleme nahe.

Als er sich endgültig aufgab, ging ein Ruck durch Charles Körper, der ihm endgültig Luft nahm. Sollte hier alles enden? Umgeben von von einer grauschwarzen Masse, ohne festen Boden unter den Füßen? Er sah an sich herunter und bemerkte, dass ein Seil um ihn gebunden war. Charles blickte nach oben und sein Blick glitt an dem Seil entlang, das irgendwo im Nirgendwo endete. Hoffnung keimte in seinem Herzen. Hoffnung, doch noch gerettet zu werden.

Ganz langsam, Stück für Stück, zog ihn jemand aus seiner grauschwarzen Hölle. Als er wieder die weit entfernten Lichter der Sterne sah, rührte ihn dieser Anblick, und er hörte eine Stimme, die flüsterte „Ich habe versprochen, dich zu halten.“ Da war ihm klar, dass alles Leben von oben kam, und oben war überall. Man musste nur im Einklang mit dem Universum sein, um zu verstehen. Hier war alles eins. Alles war Einigkeit. Alles war Ewigkeit. Alles war Leben. Charles wusste, dass er eine zweite Chance bekommen hatte. Dankbar nahm er dieses Geschenk an, und verließ die Wiege alles Lebens mit einem anderen Bewusstsein. Er atmete wieder und kehrte friedlich zu seinem eigenen Ich zurück.

©Monika Litschko

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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