Heinz-Walter Hoetter

Der Brief des Androiden Cäsar Vallejo

Mars City, am 24. April 2527
Donnerstag nach Ostern irdischer Zeitrechnung






Lieber Meudoon,

 

erinnerst Du Dich noch daran, was wir alles zusammen erlebt haben, als ich mit Dir noch auf der Erde war und Du auf meine Fertigstellung so sehnsüchtig gewartet hast? Am 1. Januar 2525 war es endlich soweit. Eigentlich sollte ich zu Weihnachten 2524 schon fertig sein, aber der Termin hatte sich wegen einiger technischer Schwierigkeiten bei meinem komplizierten Zusammenbau, aber auch wegen der aufwändigen Programmierung, etwas verschoben.

 

Dann kam ich endlich zu Dir und wurde in Deine wunderbare Familie ohne große Probleme aufgenommen. Das war ein großer Tag für uns alle, besonders aber für Deine beiden Söhne Jack und Marvin. Ich hatte sie gleich liebgewonnen und sie mich auch.

 

Schließlich kam Ostern 2525, das ich zum ersten Mal miterleben durfte. Ich war noch nicht einmal vier Monate bei Euch gewesen und durfte dennoch schon an Eurem trauten Familienglück persönlich teilhaben. Was für eine Menge Eier wir doch versteckt haben. Nicht alle haben wir wiedergefunden. Du weißt schon warum. Ich durfte wegen der Kinder beim Auffinden der Eier nicht mitsuchen. Wir wollten ihnen den Spaß ja nicht verderben. Später habe ich den Rest von den komischen Dingern dennoch heimlich einsammeln können. Ich vergesse nämlich nichts, weil mein biokybernetisches Gedächtnis einfach nichts vergessen kann.

 

Auf dem Weg zur Kuhle haben die ungeschickten Hasen sie im tiefen Gras verloren. Rechts war eines, links waren zwei, blaue und gelbe, rote und violette, und in der Kuhle da staken sie sogar im weichen Sand. In ganzen Nestern lagen sie beisammen. Die Hasen hatten wohl eine kurzfristige Fehlfunktion, da sie das ganze Jahr über abgeschaltet waren und eigens dafür nur zu Ostern aktiviert wurden. Das kommt eben davon, wenn man sie nicht ausreichend genug wartet.

 

Du und Deine ganze Familie liefen herum und suchten die Eier überall. Sogar Deine Großmutter war dabei. Zum Schluss waren immer noch welche da, denn ich hatte sie nicht nur gut, sondern sehr gut versteckt. Schließlich war Deine Großmutter müde geworden, sodass sie sich hinlegte und einfach auf der ausgebreiteten, weichen Decke unter einer mächtigen Eiche einschlief, wohin sie sich des unablässigen Trubels wegen still und heimlich zurückgezogen hatte. Da blieb sie auch die ganze Zeit liegen. Wir hätten sie beinahe vergessen, als wir wieder nachhause fahren wollten, um in Mephistos Cafe einen Cacao zu trinken. Ich durfte sogar eine Tasse von diesem süßen Schokoladengetränk mittrinken. Ich war eben eine Sonderausführung, speziell für eine Familie mit Kindern konstruiert.

 

Ich weiß das alles noch ganz gut. Deine beiden Söhne werden es auch noch wissen; (frag sie mal) und Großmutter bestimmt auch. Ich hoffe, es geht ihr gut.

 

Dann kam der Tag des bitteren Abschieds. Noch nicht mal zwei Jahre war ich bei Dir und Deiner Familie, bis Du mich an eine andere Familie verkaufen musstest. Du warst in eine finanzielle Klemme geraten und brauchtest dringend Geld. Ich hatte für meinen Verkauf vollstes Verständnis, wäre aber dennoch gerne bei Euch geblieben. Hoffentlich hast Du Dich wieder hochgerappelt.

 

Ich lebe jetzt auf dem Mars in einer riesigen Kuppelstadt. Hier gibt es sogar grüne Wiesen, kleine Wälder und künstlich angelegte Bäche, die munter durch die schön gestaltete Landschaft plätschern. Aber im Vergleich zur Erde ist das nichts.

 

Ich verbringe die meiste Zeit meiner Existenz in einem kleinen Häuschen ganz allein neben einer weitläufig angelegten Villa. Ich habe Dir ein Bild mitgeschickt, damit Du weißt, wie es aussieht. Die vornehmen Herrschaften möchten nicht, dass ich mit ihnen unter einem Dach wohne. Übrigens feiern die Menschen hier auf dem Mars auch Ostern. Sie haben ihre Traditionen und Gewohnheiten von der Erde mitgenommen.

 

Ich gucke ihnen immer ein bisschen zu, ob nicht auch hier was zu finden ist, wenn sie die Eier überall verstecken und etliche davon nicht wiederfinden.

 

Aber ich sehe keine Hasen und ich glaube, sie kommen erst gar nicht in unseren weitläufigen Garten, weil die Familie drei große, neugierige Hunde hat, die immer aufpassen. Sie würden die künstlichen Hasen sowieso nur jagen und bestimmt kaputt beißen. Selbst ich fürchte mich vor ihnen, weil sie manchmal so schrecklich aggressiv sind.

Komischerweise tun sie den Kindern nichts, aber mich knurren sie bei jeder Gelegenheit richtig böse an. Vielleicht merken sie instinktiv, dass ich kein Mensch bin. Was sind das bloß für Tiere, die man hier auf dem Mars züchtet?

 

Und wenn ich damit anfange, hier im grünen Garten der Villa mit meinen Händen im Gras nach zurückgelassenen Eiern zu suchen, dann kommen sie auch gleich, diese drei unsympathischen Vierbeiner und stecken ganz schnell ihre kalten Nasen dazu. Manchmal habe ich den komischen Eindruck, die können untereinander kommunizieren, wenn sie sich gegenseitig so anschauen und mit dem Kopf nicken.

 

Er sucht was für uns“, hörte ich sie doch tatsächlich einmal sagen. Ich habe nämlich sehr gute Ohren und verfüge über hochempfindliche Sinne, wie Du weißt.

 

Ach was! Das ist und kann doch nicht wahr sein. Diese Marshunde können doch nicht sprechen – oder doch?

 

Nun ja, lieber Meudoon. Wie auch immer. Ich denke oft an Dich und Deine wunderbare Familie. Das Leben hier auf dem Mars ist langweilig und eintönig. Besonders für Familienandroiden. Aber was soll ich tun? Die Kuppelstädte sind zwar gewaltig dimensioniert, aber auf der Erde war es für mich allemal schöner. Soviel Raum zum Leben. Die Weite ist dort einfach grenzenlos.

 

Grüße ganz besonders auch Deine liebe Frau Selial und Deine beiden Söhne Jack und Marvin von mir. Das gilt natürlich auch für Großmutter Aliah.

 

Übrigens habe ich von einem anderen, befreundeten Familienandroiden gehört, der ganz in der Nähe von Euch bei einer anderen Familie gewohnt hat und jetzt ebenfalls auf dem Mars ist, dass Ihr umgezogen seid und angeblich in Berlin wohnen sollt. Stimmt das? Lass mir doch bitte eine Nachricht zukommen. Entweder über Funkmeldung oder ganz normal per altmodischen Brief. Die Raumschiffe von der Erde landen hier auf dem Mars turnusmäßig fast jede Woche. Sie bringen auch die Post mit.

 

Vielleicht sehen wir uns bald wieder. Ich habe nämlich erfahren, dass meine neuen Herrschaften in nächster Zeit zurück zur Erde wollen, um dort Urlaub zu machen. Dann findet sich bestimmt eine Gelegenheit, Dir und Deiner Familie einen kurzen Besuch abzustatten. Ich würde mich jedenfalls sehr darüber freuen, wenn Du mir recht bald mitteilen würdest, wo Du mit Deiner Familie hingezogen bist.


 

Bis dahin wünsche ich Euch alles erdenklich Gute. Und Du halte die Ohren steif. Es kommen auch wieder bessere Zeiten.

 

Euer ehemaliger Familienandroide

 

 

 

Cäsar Vallejo


(c)Heinz-Walter Hoetter

 

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