Arnold Nirgends

Rosamunde Tecot - 11 Jahre - Arca-Nihil Story

Es war ein teuflisch gutes Gefühl. Rosamunde genoss es, wie der Wind durch ihr wirres, ungekämmtes Haar brauste und wie sie dagegen ankämpfen musste den Halt nicht zu verlieren. Aber sie saß fest im Sattel und hielt den Zügel mit beiden Händen fest, ihren Kopf eng an den Hals des Reittiers geschmiegt. Von links hörte sie ein kurzes schrilles Gekreische. Das war „Pest“, bester Freund von „Cholera“. Ihr Reittier hatte erst vor wenigen Tagen diesen recht uncharmanten Namen bekommen. Kein Wunder, bei deinem Appetit, dachte sie bei sich und konnte sich ein erheitertes Auflachen nicht verkneifen, wo du doch am liebsten ein ganzes Schaf für dich alleine hast.

„Da kann man dir schon einen etwas wilderen Namen zumuten!“, sprach sie nun möglichst laut gegen den Wind, direkt in die Hörmuschel des Hippogriffs.

Cholera kreischte entzückt und ließ ihre muskulösen Flügel etliche extra starke Schwinger ausführen.

Rosamunde jauchzte und ließ ihr Flugtier in einen Sturzflug übergehen. Ein paar hundert Meter unter ihnen befand sich mitten in einem großen Wald das Ziel ihres heutigen Fluges. Rosamunde und Herbario arbeiteten im Hippogriffgestüt Arca-Nihils als Stalljunge und Stallmädchen. Vor einem Jahr hatte man damit begonnen ihnen auch Unterricht im Reiten der Tiere zu geben und heute war es das erste Mal, dass die Beiden ohne fremde Aufsicht den Luftraum um das Gestüt herum verlassen durften. Das war Adrenalin pur, für die Beiden und sie waren nun schon fast fünf Stunden in der Luft. Fünf Stunden, in denen sie über der Stadt, über Felder und Wiesen, über Wälder und Flüsse geflogen waren. Sie hatten ihre Tiere gut im Griff, waren mit ihnen groß geworden und seit Jahren mit ihnen eng verbunden. Die Flugtiere vertrauten ihnen, trotz ihrer Wildheit blind und hatten sie noch nie angegriffen oder verletzt.

Nun waren Pest und Cholera alt genug und ausreichend trainiert, um das Gestüt zu verlassen und für das Wohl des Volkes eingesetzt zu werden. In ihrem Fall war es der Wachdienst im Osten.

Rosamunde wusste von ihrem Bruder Bilok einiges über die alten Zeiten, als die Legionen von Arca-Nihil gegründet worden waren. Damals musste sich der junge Staat, gegen Iloner und deren Orcs verteidigen und konnte erst nach vielen verlustreichen Schlachten einen Waffenstillstand mit der alten Ordnungsmacht erwirken. Damals wurde eine fiktive Grenze im Osten von Arca-Nihil gezogen. Und genau auf dieser Grenze hatte man große Wachtürme errichtet. Diese waren aus Stein und Holz gebaute, schwere und hohe Türme, von welchen aus es sich tief ins Feindesland blicken ließ. Und weil die Türme weit auseinander lagen, wurden auf jedem der Türme einige gut trainierte Hippogriffe stationiert. Mit diesen Tieren konnte man großräumig Gebiete aus der Luft überwachen und derart eine hunderte Kilometer lange, in unübersichtlichem Gelände gelegene Grenze ziemlich gut kontrollieren.

Und einer dieser Türme lag jetzt direkt unter Rosamunde und Cholera.
Die werden staunen, dachte sie noch und drückte dem Tier die Sporen in die Flanke und richtete mit den Zügeln den Kopf des Flugtieres genau auf die Turmspitze aus.
Mit Vergnügen sah sie in die vor Schreck weit geöffneten Augen der auf dem Turm postierten Legionäre. Es musste auch ein grausiger Anblick für diese sein, wenn ein derart mächtiges Flugmonster mit spitzem Schnabel und ausgestreckten Krallen im  Sturzflug, rasend schnell auf sie zukam.

Vor lauter Begeisterung und wie sie sich im Nachhinein eingestehen werden wird, aus schierer Freude an der Macht, die sie gerade auszuüben imstande war, übersah sie den richtigen Moment und bremste das Tier zu spät ab, um eine sichere Landung auf dem Turm zu ermöglichen.

In Bruchteilen einer Sekunde musste sie nun entscheiden, trotzdem eine Landung zu versuchen, oder am Turm vorbei zu steuern, eine Schleife zu drehen und erneut, aber gedemütigt anzufliegen. Ihr Stolz war größer und sie setzte wider besseren Wissens zur Landung an.

Der Vogel kreischte wütend, spannte seine Flügel so weit er konnte und versuchte den Flug so gut wie möglich abzubremsen, bevor er seine Krallen in die hölzernen Palisaden des Turmes schlug. Der darauf folgende Aufprall schleuderte Rosamunde in weitem Bogen über das Tier und den Turm hinweg.

Der Turm war auf einem Fundament aus Stein gebaut, das quadratisch etwa zehn Meter Kantenlänge hatte und fünf Meter hoch war. Auf diesem Fundament begann der eigentliche Turm mit Stallungen, mehrstöckigen Unterkünften und Lagerräumen. Danach ging es weitere 30 Meter über Holztreppen nach oben zur Spitze des Turmes. Dort oben war Cholera gerade mit mächtigem Schwung zum Schreckend er drei Wachen eingeschlagen und begann sich wieder aufzurappeln.

Rosamunde sah das Szenario aus den Augenwinkeln. Lang genug, um sich bewusst zu werden, dass ihr ein anderes Schicksal zugedacht war. Sie begann geradewegs neben dem Turm nach unten zu stürzen. Sogar die großen Bäume des Waldes befanden sich weit unter ihrer aktuellen Position und dort wo sie hinunterfallen würde lagen nur Felsen und Steinbrocken herum.

Soll es das jetzt gewesen sein? so, oder so ähnlich dachte sie in diesem Moment der Erkenntnis.
Aber es wären nicht Rosamundes Gedanken, wenn dem nicht sofort ein entschlossenes „NEIN“ gefolgt wäre. Ein Wort das sie, ohne es zu merken so laut es ihr nur möglich gewesen war ausgerufen hatte. Sie hatte dieses „Nein“ laut und lange gerufen. Nicht einfach nur so gerufen, sondern es dem sie zerschmettern wollenden Boden voller Wut und Verachtung entgegengeschleudert. Es war eine aus tiefster Seele gekommene Botschaft an das Universum, dass sie nicht gewillt war sich ihrem Schicksal hier und jetzt einfach so zu ergeben.

Später bei ihrer Befragung in Arca-Nihil wird Rosamunde angeben, dass sie nur ihrem Instinkt gefolgt war und ihr gar nicht bewusst worden war was danach stattgefunden hatte. Die nächste Erinnerung zu diesem Ereignis war gewesen, dass sie sich unverletzt am Boden stehend wahrgenommen und wie aus weiter Ferne die Rufe der Legionäre gehört hatte. Als man sie dann in den Turm holte, brach sie in den Armen der Soldaten erschöpft zusammen und wurde erst nach vielen Stunden wieder wach. Seit diesem Ereignis gab es keinen Zweifeln mehr an ihren psionischen Begabungen. Die Frage war jetzt nur noch wie ausgeprägt diese waren.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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