Matthias Ziegner

Bankomat

„Das war schön.“, Sara blickte ihm direkt in die Augen. Es war einer jener Sätze ohne Aussage, der alleine durch ihre leuchtenden Augen Bedeutung erlangt. Sehen konnte er sie nur im Augenwinkel, konzentriert hatte er den Blick auf die dunkle Straße gerichtet. Das monotone Summen des Autos auf der Schnellstraße hatte er längst ausgeblendet. Toni hörte nur seinen Atem und seinen Herzschlag. Und Saras helle Stimme.
„Ja.“, sagte er, ohne die Augen von dem Lichtkegel auf der Straße zu nehmen, der die pechschwarze Nacht vor ihnen durchschnitt. „Ja, das war es wirklich. Ich liebe diese Art von Arbeit.“
Nur kurz sah er zu Sara hinüber, deren funkelnder Blick noch immer auf ihm ruhte.
„Ich war noch nie in so einem Heim. Aber es macht wirklich Spaß.“, sagte Sara. Und wieder lag die Bedeutung des Satzes nur in der Art, wie sie ihn aussprach. So weich, dankend. Und ihre Augen. Strahlend und neugierig.
Toni lächelte und antwortete nichts. Vielleicht war es seltsam gewesen, Sara mit ins Flüchtlingsheim zu nehmen, aber ihr schien es gefallen zu haben. Ganz sicher war es ungewöhnlich gewesen, originell. Toni arbeitete seit nun über drei Monaten neben seinem Studium in einem Flüchtlingsheim als freiwilliger Helfer. Er mochte, was er machte. Und wenn er ganz ehrlich war, gefiel er sich auch selbst in dieser Rolle. Immer wieder veranstalteten sie im Heim ein gemeinsames Kochen und Essen mit traditionellen Gerichten aus den Heimatländern der Bewohner. Toni mochte diese Treffen, die Atmosphäre war wunderbar entspannt. Jeder brachte irgendetwas aus seiner Kultur, oder den Rezepten seiner Familie in das Abendessen ein. Mit diesen Essen hatte Toni das Wort „multikulturell“ wirklich erst verstanden. Aber er hatte noch nie ein Mädchen dorthin mitgenommen. Er wollte die Leute nicht vor den Kopf stoßen, indem er diese Essen nutzte, um eine Frau zu beeindrucken.
Aber mit Sara war es anders. Es fühlte sich richtig an, diesen Teil seines Lebens, der so wichtig für ihn geworden war, mit ihr zu teilen.
Und Sara war großartig gewesen. Sie ging auf die Leute zu, scherzte mit ihnen und lachte viel. Mit den Kindern tollte sie herum und ließ sich von den Frauen die Rezepte erklären. Toni hatte zuvor beinahe ein wenig Angst gehabt. Was wenn sie sich unwohl fühlte, in der ungewohnten Umgebung? Was wenn die Bewohner ihre Anwesenheit als störend empfinden würden?
Er wusste nicht warum er sich diese Sorgen gemacht hatte. Wahrscheinlich war er einfach nervös gewesen. Sara war umwerfend. Er hatte Wochen gebraucht, bis er es geschafft hatte, sie anzusprechen. Sie war über einen gemeinsamen Freund zu Tonis Freundeskreis gestoßen und hatte sich dort nach kurzer Zeit perfekt eingelebt. Die Gruppe bestand eigentlich nur aus Studenten, oft trafen sie sich auf ein oder zwei Bier in ihrem Stammlokal. Die Diskussionen kreisten um Gott und die Welt, in letzter Zeit viel um Flüchtlings- und Asylpolitik. Das lag in der Natur der Sache und die Studenten prangerten an ihrem Stammtisch, die Stammtischparolen der Parteien an. Aber irgendwann konnte sich Toni nicht mehr auf seine sonst so vehement verteidigten Standpunkte konzentrieren. Saras helles Lachen raubte ihm irgendwie den Verstand. Natürlich fiel das auf und die anderen machten sich freundschaftlich darüber lustig. Irgendwann, an einem dieser Abende, zu denen Toni meist nicht mehr wegen der Diskussionen oder dem Bier kam, waren nur noch Sara und er am Tisch. Alle anderen hatten sich verabschiedet, Toni ahnte, dass sie sich darüber abgesprochen hatten.
Sara ließ sich nichts anmerken, vielleicht ahnte sie es aber auch. Was wenn sie es einfach genoss, mit Toni alleine zu sein? Der Gedanke war ihm heiß durch den Kopf geschossen.
Sara hatte ihn angesehen, mit dem gleichen leuchtenden Blick, mit dem ihre Augen auch jetzt auf ihm ruhten.
Sara fuhr sich durchs Haar, wieder erahnte Toni die Bewegung nur aus dem Augenwinkel.
„Das war echt toll, ich meine zu sehen wie du… also man merkt, dass du das echt gern machst.“ Wieder das Leuchten.
„Ja, ich meine es ist einfach, vor den Nachrichten zu sitzen und zu sagen, ja, man muss schon was für die Integration tun, dass es wichtig ist und so. Aber davon geht es den Flüchtlingen nicht besser. Verstehst du? Ich meine, ich finde die Einstellung richtig und ich finde es auch gut, dass es sozusagen humanitären Rückhalt in der Gesellschaft gibt. Und ich verstehe diese ständigen Vorurteile einfach nicht, von beiden Seiten nämlich. Das ist keine Wahl, die man hat, die meisten von denen sind Kriegsflüchtlinge. Das kann man sich kaum mehr vorstellen in Westeuropa.“
„Klar, aber soweit ist das nicht weg. Ich weiß, was du meinst, aber es sind ja nicht nur die Flüchtlinge. Wenn die meisten Leute eine Gruppe Türken auf sich zukommen sehen, schauen sie auf den Boden und gehen schneller. Da ist sogar mal so eine Studie gemacht worden, glaube ich.“
Toni konnte sich nicht vorstellen, dass eine solche Studie schon einmal durchgeführt worden war.
„Ja, ich glaube, ich habe auch davon gelesen.“, sagte er.
„Ich bin froh, dass es Leute wie dich gibt. Ich meine, die diese Voreinstellung nicht übernommen haben.“ Es klang ehrlich gemeint. Trotzdem dachte Toni, es wäre vielleicht besser gewesen jetzt nicht politisch zu werden. Er wünschte sich die aussagelosen Halbsätze von vor zwei Minuten zurück. Aber Sara schien sich nicht daran zu stören.
„Hey.“, fing Toni an das Thema zu wechseln. „Willst du vielleicht noch schnell was trinken gehen? Das Auto kann ich schnell bei mir abstellen, ist ja in der Nähe viel zum Ausgehen.“
„Fände ich gut.“ Da war es wieder. Keine Bedeutung, aber dieser Ton in ihrer Stimme. Als hätte das Leuchten in ihren Augen einen Klang verliehen bekommen.
Toni sah das Leuchtschild einer Bank auf sie zukommen.
„Alles klar, ich heb noch etwas Geld ab.“ Er wollte sie einladen und nicht dumm dastehen, wenn er nicht genug Geld dabeihatte.
Der Parkplatz war leer und Toni hielt einfach irgendwo an. Er sah zu Sara hinüber und stutzte.
Das Leuchten war weg, ihr Lächeln verschwunden. Sie wirkte besorgt.
„Was ist los?“, fragte Toni ehrlich interessiert.
„Das ist keine gute Gegend hier. Sei…Beeil dich, in Ordnung?“
Machte sie sich Sorgen um ihn, oder um sich, weil sie allein im Auto blieb. So oder so, dachte Toni, im einen Fall machte sie sich Sorgen um ihn, im anderen hoffte sie von ihm beschützt zu werden. Das war ein gutes Zeichen. Toni lächelte.
„Okay.“
Das Leuchten in Saras Augen flackerte wieder auf und sie zog ihn schnell zu sich heran und küsste ihn auf den Mund.
Toni schmeckte ihre Lippen auf seinen und konnte sich nur widerwillig von ihr lösen. Mit einem warmen Gefühl im Magen lief er die paar Meter zur Bank.
Er zog die Karte durch den Sensor neben der Tür. Es piepste, die Glastür ließ sich öffnen und gab den Raum mit dem Bankomaten frei.
Hinter ihm erklang eine rauchige Stimme die etwas rief, das sich anhörte wie: „Altiduraf!“
Halt die Tür auf, baute sein Gehirn die von einem starken Akzent durchsetzten Wortfragmente zusammen. Toni streckte instinktiv den Arm aus und berührte das Glas der Tür.
Eine dunkle Gestalt im Kapuzenpullover schlüpfte durch die Tür. Toni sah ihn an.
Keine gute Gegend.
Er musterte ihn. Enge Hosen, abgerissene Schuhe und der schwarze Kapuzenpulli.
Seine Haut war dunkel, er war vielleicht Marokkaner oder Algerier. Eine kleine Falte zog sich über seine Wange. Vielleicht eine Narbe. Sein Pullover wölbte sich seltsam an der Hüfte. Vielleicht…
Der Mann sah Toni direkt an. Seine Augen waren tiefschwarz.
Keine gute Gegend.
„Sie können zuerst.“, Toni merkte erst, dass er den Satz sagte, als er ihn bereits ausgesprochen hatte. Der Mann sah ihm immer noch direkt in die Augen. Ein Lächeln zog sich über seine Lippen und ließ die Narbe zucken. Ein seltsames Lächeln. Oder vielleicht machte auch nur die Situation das Lächeln seltsam. Tonis Herz fing an schneller zu schlagen und er wusste nicht warum.
„Nein, ist gut. Du warst zuerst da.“, kam die Antwort in starkem Akzent.
Toni starrte ihn immer noch an. Er ging nicht zum Bankomaten.
„Ist in Ordnung, ich hab Zeit.“, presste Toni hervor.
Der Mann lächelte wieder. „Ich auch.“, antwortete er. Toni blickte zu Boden, dann zum Auto, dann wieder den Mann an.
„Es ist nur…“, stammelte Toni, rang nach einem Gedanken. „Ich glaube, ich habe die falsche Karte erwischt.“, brachte er schlussendlich heraus. Dabei hob er wie zur Entschuldigung seine Geldtasche hoch und lächelte nervös.
Zuerst sah ihn der Mann verwirrt an. Dann änderte sich sein Gesichtsausdruck und seine Züge verhärteten sich. Er sah an sich herab, dann auf seine Hand, auf seine Haut.
„Natürlich.“, sagte er mit seinem Akzent. „Die falsche Karte.“, fügte er leise hinzu.
Er schob sich an Toni vorbei und steckte seine Karte in den Automaten. Toni wartete unendliche Sekunden, bis der Mann fertig war. Er stieß Toni mit der Schulter an und würdigte ihn keines Blickes, als er die Bank verließ.
Toni hob sein Geld ab und trat aus dem Raum. Er wollte ihm nachgehen, wollte die Sache klarstellen. Aber wie sollte er? Er wollte ja nicht… Er hatte doch nicht…
Im Auto sah ihn Sara wieder so eindringlich an, wie sie es auf dem Weg getan hatte.
„Alles in Ordnung? Da war so ein Typ, der ziemlich zwielichtig ausgesehen hat, der ist nach dir reingegangen.“
Toni drehte sich zu ihr und küsste sie.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Matthias Ziegner).
Der Beitrag wurde von Matthias Ziegner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Arbeitslos ins Paradies von Ralf D. Lederer



Arbeitslos ins Paradies? Eigentlich ein Widerspruch in sich. Dennoch ist es möglich. Dieses Buch erzählt die wahre Geschichte eines schwer an Neurodermitis erkrankten und dazu stark sehbehinderten jungen Mannes, der sein Leben selbst in die Hand nimmt und sein Ziel erreicht. Er trennt sich von den ihm auferlegten Zwängen, besiegt seine Krankheit und folgt seinem Traum trotz starker Sehbehinderung bis zum Ziel. Anfangs arbeitslos und schwer krank zu einem Leben im sozialen Abseits verurteilt, lebt er nun die meiste Zeit des Jahres im tropischen Thailand.

In diesem Buch berichtet er von den Anfängen als kranker Arbeitsloser in Deutschland, aufregenden Abenteuern und gefährlichen Ereignissen, wie z.B. dem Tsunami in seinem Traumland. Dieses Buch zeigt auf, dass man durch Träumen und den Glauben an sich selbst fast alles erreichen kann.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Alltag" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Matthias Ziegner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Odyssee am Quartalsanfang von Karin Ernst (Alltag)
FC St. Pauli wird 100 von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)