Ronald Kühn

Banana-Rama-Baby

 „Scheiße, man, dass kann doch einfach nicht wahr sein!“, schreie ich in mein Mobiltelefon, während meine Handfläche auf den Tisch saust und das halbe Gedeck von der Platte fegt. Schon wieder eine Kündigung wegen ungebührenden Verhaltens gegenüber einem Klienten. Ich kann nun mal kein Arschloch vertreten. Klar hätte ich ihm das, als sein Anwalt, nicht gleich ins Gesicht sagen müssen, aber so bin ich nun mal. Sehr direkt.

Jetzt knalle ich mein Handy auf den Tisch, um meinen Gedanken Nachdruck zu verleihen. „Ich hab da echt keinen Bock mehr drauf, hörst du“, schreie ich der Sekretärin der Kanzlei entgegen. Gut, dass ich ein Organ wie eine Sirene habe. Der Mann gegenüber guckt mich an, als wäre ich sonst wer. Dabei kennt er mich überhaupt nicht. Er sieht aus wie das Alien aus Independence Day. Oder das Alien aus Alien.

„Ey kannst du mal diesen Fettfleck aus meiner Sicht bewegen, Kollege?“ Ungefragt schiebe ich das Ding, was er Sohn nennt und mir die Sicht aufs Café versperrt, zur Seite. „Warum muss es auch immer chinesisches Essen sein“, rufe ich und schmeiße mit gehörig Schmackes seinen Teller samt Belag zu Boden. Sushi sei immer noch japanisch sagt der Dämlack kleinlaut neben mir. Das wollte der jetzt wohl unbedingt loswerden, jetzt wo ich so richtig in Rage verfalle. Zu mehr kommt er nicht, ich schneide ihm das Wort ab. Denn ich gebe mich nicht mit Kleinigkeiten zufrieden. „ Freiheit für die Wale!“, rufe ich, „Pinguine an die Macht!“ Eine Faust gen Himmel gewandt, das Paar Füße, das ich habe, zu Boden. Meine freie Hand formt das Metalzeichen. Es lebe die Revolution.

Die anderen Gäste gucken mich an, als ob ich ein Clown wäre und mein Gesicht ein Daumenkino. Man Leute, ich braucht nun mal zwei Hände, um mich lesen zu können, versteht ihr’s endlich?  „Diesen eingerollten Dünnpfiff kannst du vielleicht deiner Ehefrau servieren, aber nicht mir“, gröle ich nun auf Mandarin den herbeigeilten Kellner an. Warum ich Mandarin kann? Hab ich auf Youtube gelernt, du Pilot!  Außerdem wird es von einem Siebentel der Menschheit gesprochen. Bäm!

Zurück zu diesem Typen. Dieser kleine zugekokste Zahnbelag von Mensch. Ein richtiger Homunkulus. Jetzt auch rezeptfrei in ihrer Apotheke. Flaumt der wirklich herum und spuckt Galle nach mir. Dabei hab ich ihm noch gar nichts getan. Bei Samsung sei er ein großes Tier, flüstert er, außerdem Gehirnchirurg. Er arbeitet hier nur, weil er sein eigener Herr sein will und müsse sich das hier nicht bieten lassen. Ich lasse ihn wissen, dass mir Sony eh viel lieber ist und er eilt beleidigt zur Theke zurück.

Ich bleibe. Stehend. Wütend. Wartend.

Die Mitesser um mich herum mustern mich misstrauisch. Doch das kann mir gar nichts.

Ich mache mir ein Reisbier auf. Zisch. Klack. Gluck, gluck, gluck. Ah.

Etwas verändert sich.

Jetzt vibriert mein ganzer Körper. Ich male einen Schneeengel in die Luft. Falls ihr denkt, das ist Gymnastik, dann habt ihr falsch gedacht. „In diesem Saftladen kümmert sich aber auch niemand um seine wildgewordene Kundschaft.“ Mir wird langweilig, also beginne ich mit Fischmessern nach Omis zu werfen. Ein besonders schönes Exemplar der Gattung Homo sapiens-Knitterfalte läuft gerade mit einem Rollator an mir vorbei und zeigt mir anschließend den Stinkefinger. Respekt, die Frau hat Schneid. Im nächsten Moment kriegt sie einen Löffel ins Gesicht. Warum? Ich bin halt ein lieber Kerl.

Trotzdem schimpfe ich weiter in perfekt akzentuiertem Mandarin auf alles um mich herum ein. Da eilt aus dem Innern des Restaurants auch schon der Endgegner herbei. Ein dicker Sumoringer kommt  auf mich zu. Weiße Haut, schwarzer Umhang. Wahrscheinlich verwendet er die Harakiri-Tsunami-Technik. Tod durch Schwitzen. Wenn ich ihn mir so anschaue, dann denke ich nur: Da kommen 1000 Kilo purer Frust.

Ich reiß‘ mir die Hose vom Leib. So macht man das beim Showdown in den Filmen oder nicht?  Auf dem Flatscreen an der Bar singt Kim Jong-un  „What does the fox say“, während im Hintergrund mit einem „Hatee-hatee-hatee-ho“ Raketen starten. Hat’s der kleine Wichser also doch noch getan. Naja, um den kümmere ich mich noch später.

Ich wende mich der Sumorolle zu. Mr. Lover-Lover holt ein Samuraischwert aus seinem Tanga raus und schneidet sich damit durch meinen Tisch wie durch Butter. Ich falle zu Boden und knackse mir den kleinen Finger. Hätte ich mal nicht das Metalzeichen gemacht, verfluchte Scheiße.

Ich vollführe einen doppelten Rittberger und lande schließlich auf dem Bauch. 10 Punkte-Landung. Nun bin ich der Fisch im Wasser. Und du bist meine Bärbel. Ablenkungsmanöver! Ich packe das fette Kind von vorhin und schmeiß es ihm ins Gesicht. Doch es hält ihn nicht auf. Grunzend packt er es, beißt ihm ein Ohr ab und schmeißt es zur Seite. Mike Tyson-Style. Ich beginne, Anerkennung für ihn zu empfinden.

Tja, was bleibt dir übrig in so einer Situation? Job kaputt, Teller kaputt, Tisch kaputt, Kind kaputt. Warte, mein Sitzkumpel ist noch ganz. Dieses kleine Drecksgesicht.

An dieser Stelle möchte ich klarstellen, ich habe eigentlich nix gegen ihn. Aber kennste einen, kennste alle. Typisch Bielefelder eben. Die sind so echt, die gibt’s gar nicht. Und das regt mich auf. Außerdem hat(te) er ein nerviges Kind. Ich haue ihn mit Karacho eins in die Fresse, sodass seine Atzenbrille in weitem Bogen auf den Bordstein fliegt. Sie liegt da recht bequem neben den Resten des Tisches.

Ich hoffe ihr habt bis jetzt jedweden Subtext mitgekriegt. Naja wenn nicht, jetzt ist es eh schon zu spät. Ich greife nach der Obstschale und werfe dem Samsungkellner hinter der Theke eine penisförmige Südfrucht ins Auge, während ich „Banana-Rama-Baby“ rufe. Soll der ja auch sein Fett wegkriegen! Dem 1000Kilo Sushi-Samurai trete ich einfach nur in die Weichteile. Wie gesagt, ich bin eigentlich ein netter Kerl und will ihm ja nicht ernsthaft wehtun. Das Schwert nehme ich aber trotzdem als Andenken mit, meine Brotmesser sind etwas stumpf in letzter Zeit. Das Ohrläppchen des Jungen lass ich natürlich liegen, das wär ja pietätlos. Zum Abschluss frage ich Freund Sumo noch, ob er mich bei Facebook adden will. Er sagt irgendwas über Hunde und meine Vorfahren. Wenn sein Skrotum schmerzt, hat er wohl keinen Sinn für Humor.

Als ich nach Hause komme, lege ich das Samuraischwert in die Spüle und gehe ins Wohnzimmer zu meiner Freundin. „Du wirst nicht glauben, was mir heute im Cafe passiert ist“, setze ich an. Sie sitzt auf der Couch und dreht sich lustvoll stöhnend zu mir um. Da merke ich, dass sie einen Elektroschocker in der Hand hält und auf meine Kronjuwelen zeigt. „Du weißt, was dich erwartet, Cowboy.“ Mein Colt sitzt immer locker und sie weiß das. Also schwing ich das Lasso. Warum liegt da eigentlich Stroh? Und wieso habe ich eine Maske auf? Egal, manche Dinge sollte man nicht hinterfragen, weil sie Kunst sind. Und Kunst braucht keine Erklärung. Mit diesen Worten. Gute Nacht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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