Ronald Kühn

Heilprozess

„Ne, ne, ne. No way, José. Unmöglich. Keine Chance“, fauche ich meinen Wecker an, der mich mit seinem unnachgiebigen Ring-A-Ding-Ding piesakt. Ich schmettere meine Hand auf den Snooze-Button, in der ungetrübten Gewissheit, dass auch dies nix helfen wird. Die Nacht ist vorüber. Und ich habe wieder einmal nicht geschlafen.

Sieben Tage bin ich jetzt schon wach. Angefangen hatte alles mit einer bunten Pille auf einer Party. Seitdem war mein Körper in den Survival-Modus gewechselt. Hilft nix, sage ich mir. Man, du musst zum Arzt. Ich begebe mich in die Hölle aller Kassenpatienten: Dem Wartezimmer. Die Zeit zerfließt in gähnende Sekunden, endlose Momente, in denen Menschen geboren, aufwachsen und sterben. Schließlich sagt eine freundliche Stimme: „Der Nächste bitte.“

Mein Arzt trägt seine Haare akkurat zurückgegelt und begutachtet die teure Rolex, die unter dem Ärmel seines Armani-Kittels hervorlugt. Mir ist sofort klar, diesem Mann kannst du vertrauen.

„Was für Beschwerden?“, fragt er und ist dabei so cool, dass er Subjekt und Prädikat seines Satzes einfach weglässt. Ich zeige auf mich und sage: „Schlafstörungen“.

„Wie lange?“

„7 Tage plus minus 2 Tage Wartezeit“

„Aha.“, sagt er und beginnt, mit einem Bleistift unleserliche Runen in seinen Notizblock zu ritzen. „Sie spüren gleich einen neutralen bis unauffälligen Schmerz.“

Ehe ich mich versehe, rammt er mir eine ein Meter lange Kanüle in die Armbeuge. Das Blut spritzt nur so aus mir heraus. Teile der Tapete des Behandlungssaals färben sich rot. Mein Arzt steht seelenruhig auf und geht zu seinem Regal hinüber. Er zieht ein beliebiges Buch hervor und fängt an, darin zu blättern.

„Hm, aha, hm, ja, ohje, dedrografine Hyperendosomniapathie.“

Dann beginnt er afrikanische Beschwörungsformeln aufzusagen, während er wie ein Voodoopriester um mich herum tanzt. Nachdem er noch die obligatorische Ziege geopfert hat, kriege ich endlich das verheißungsvolle Präparat.

„Eine Pille.“, sage ich und drehe das Objekt in meiner Hand. Sie sieht aus wie die Pille, die ich vor sieben Tagen auf der Party eingeschmissen habe und die zu dem ganzen Schlammassel geführt hat.

„Und das soll helfen?“

„Klar. Doppelte Amphetaminumkehr. Wir pusten den kranken Scheiß einfach aus Ihnen heraus“, schreit er und beginnt wie ein Verrückter zu lachen. Ich finde, das hört sich sehr vertrauenswürdig an und so schmeiße ich die pharmazeutische Wunderwaffe ein.

Das Medikament schießt mich, gelinde gesagt, total aus dem Leben. Gefühlte tausend Jahre später wache ich in meinem Bett auf. Nachdem ich mich mental gesammelt habe, beschließe ich, in die Küche zu gehen, wo mein Mitbewohner Martin am Esstisch sitzt. Er sieht recht normal, außer, dass ihm ein riesiger Stachel aus dem Arsch ragt und seine Haut schwarz-gelb glänzt. Ich entscheide mich, nicht weiter zu fragen, um verlasse das Haus. Auf der Straße kommt mir ein Pferd entgegen.

„Na, alles auf Trab?“, sagt es.

Ich mache mich schleunigst auf dem Weg zur Praxis. Auf dem Marktplatz in Halle angekommen, treffe ich auf einen Haufen Amöben, die laut „Wir sind nicht der Zellkorb der Welt“ rufen. Ich denke mir meinen Teil und gehe zum Zeitungsstand, wo mir eine erstaunlich sympathische Giraffe die neueste Ausgabe der Halleschen Zoo Zeitung verkauft. Titelseite: „Ortsansässigen Rehe gegen die Überfremdung durch Antilopen“ (kurz: ORGDÜDA).

Ich gehe schnurstracks in die Klinik. „Geh gleich durch, Häschen“, sagt das Empfangs-Walross. Mit Erschrecken stelle ich fest, dass sich mein Armani-Arzt in einen Pinguin verwandelt hat.

„Na, wie geht’s, Meister Löffel?“, sagt er und grinst. Langsam frage ich mich, wieso mich alle so komisch anreden, bis ich den Grund im Spiegel sehe. Ich bin zu einem riesigen Karnickel mutiert.

„Hilfe!“, schreie ich, „ ich bin ein riesiges Plüschtier und ich sehe überall Tiere!

„Hm, ohje, ohje“, nickt der Pinguin, “Nebenwirkungen, hmm, da hilft nur eine höhere Dosis Medizin.“

Und schwupps, habe ich bereits die nächste Pille im Mund und drifte sofort ins Land der Träume ab.

Ich wache erneut in meinem Bett auf. Sofort überprüfe ich mein Bett, Stuhl, Tisch, Wand, meinen Körper, alles scheint normal zu sein, bis auf eine Kleinigkeit. Mein Bett steht links, obwohl ich mir hundertprozentig sicher bin, dass es vorher rechts stand. Ich gehe in die Küche, alles ist spiegelverkehrt angeordnet, selbst Martin sitzt nun am spiegelverkehrten Platz.

„Wie geht’s?“, frage ich vorsichtig.

„Distrefflich. Ich vermisse die guten Gespräche über Whisky, Kunst und Literatur.“

Ich bin etwas überrascht, beschließe aber, dass es nicht die schlechteste Wendung der Dinge ist und gehe vor die Tür.

Der Himmel ist wolkenlos, ein leichter Wind streicht über meine Wange und ich bemerke, dass die Welt bunter und friedlicher aussieht, als ich sie in Erinnerung hatte. Überhaupt fühle ich mich äußert glücklich. Alle Menschen grüßen mich freundlich, reden mit mir über Kultur und Politik, selbst die Pegida-Demonstranten auf dem Marktplatz erkennen, dass sie daneben liegen und beschließen, geschlossen auszuwandern.

Als ich zu der hübschen, jungen Frau am Kiosk gehe und nach der Montagszeitung frage, drücke sie mir einen Zettel mit ihrer Telefonnummer und einem Herzen in der Hand. Sie beugt sich so weit nach vorne, dass ihr üppiger Busen meine Zeitung für immer darunter vergräbt. Als sie auf die Knie geht und mir gerade einen Antrag machen will, klingelt mein Handyalarm und erinnert mich daran, dass ich noch zur Kontrolle zum Arzt gehen muss.

Ich löse mich schweren Herzens von meiner neuen Braut und gehe in Richtung Praxis, auf dem Weg finde ich zufällig den Schlüssel zu einem neuen Porsche. Auf dessen Rücksitz befindet sich ein handgeschneiderter Armani-Anzug, in den ich sofort hineinschlüpfe. Als ich das Wartezimmer betrete, bekomme ich gesagt, dass alle Kassenpatienten ab sofort für jede Minute, die sie warten müssen, 1000 Euro ausgezahlt bekommen. Die neue, heiße Empfangsdame fragt mich außerdem, ob ich zu Hause noch Platz hätte, für eine besonders willige Angestellte.

Mein Arzt ruft mich herein.

 „Wow netter Anzug“, sagt er anerkennend. Mein Arzt macht auf mich diesmal einen recht gesitteten Eindruck. „Und, wie ist es diesmal.“, fragt er.

„Alles ist einfach perfekt. Ich habe richtig Spaß. Vielen Dank, Doc!“

„Hm, das hätte nicht passieren dürfen. “, wundert er sich.

„Kein Problem, ich geh dann mal und…“ Schneller als ich schauen kann, jagt er mir eine Spritze in den Arm, und zwar so schnell, dass ich Angst habe, dass sie auf der anderen Seite wieder herausgeschossen kommt.

„Was haben sie getan?“

„Eine kleine Korrektur, der sollte ihre Welt wieder ins Lot bringen. Wir sehen uns morgen zur Kontrolle.“

Er schnippt mit dem Finger und ich falle in einen komatösen Schlaf.

Boom

Am nächsten Morgen wache ich schweißgebadet auf. Meine Sachen liegen zerfleddert auf den Boden. Auf meinem Tisch stehen jeweils eine leere Flasche Tequila, Glenfiddich und Captain Morgan. Ich habe den heftigsten Kater aller Zeiten. Langsam fließt die reale Welt zurück in mein Bewusstsein. Ich schleiche ängstlich in die Küche. Martin, mein Nachbar, sitzt am Tisch. Er ist ebenfalls total hinüber. Ich ziehe weiter. Nur mit einem Morgenmantel bewaffnet, taumele ich durch die Stadt, sehe die brüllenden Demonstranten, die gelangweilt dreinschauende Zeitungsverkäufern 50+ und stoße schließlich auf meinen Arzt, der mir zuwinkt, während er in seinem Porsche an mir vorbeifährt. Ich bleibe stehen. Mir wird mir klar, dass das die Realität sein muss.

Allen Leuten, die schon einmal Montagnachmittag um 3 sturzbesoffen auf dem Augustusplatz standen, kann ich nur eins ans Herz legen: Keine Macht den Drogen!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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