Ronald Kühn

Die Odyssee der Frau Murr

I

Es war sechs Uhr morgens. Draußen vor dem Fenster herrschte erdrückende Finsternis. Die ersten Sonnenstrahlen würden erst in ein paar Stunden durch die Dunkelheit brechen und Freude in den Tag bringen. Ein unangenehmer Klang durchbrach die sonst so perfekte Stille. Das alarmierende Dauer-Terror-Signal des Weckers verleitete Frau Murr dazu, mit ihren überaus voluminösen Fingern den Snoozebutton zu traktieren. Immer und immer wieder schlug sie auf das arme Gerät ein Dieses zeigte wiederum keinerlei Ambitionen, sein nervenzerfetzendes Geklingel zu beenden. Mit einem ungeheuren Kraftaufwand vollführte die stolze Ministeriumsangestellte eine 180-Grad-Drehung, um mit der exponentiell gestiegenen Energie aus dem Schwung, dem Übeltäter den Gar aus zu machen. Der Aufprall war so heftig, dass der Snoozebutton regelrecht zerschmettert wurde und lautstark in tausend Teile zersprang. Ihre Hand drang tief in das Innenleben des Weckers ein, zerstörte Schaltkreise und Verbindungen sowie den letzten Rest an elektronischer Hoffnung. Mit einem schiefen Piep-Ton hauchte das einst stolze Weckgerät sein Leben aus. Auf Frau Murrs Seufzer der Erleichterung folgte lautes Fluchen. Das war bereits der sechste Wecker dieses Jahr.

Mit an Eleganz nicht zu unterbietender Faulheit stand sie aus dem Bett auf, warf die Hände in die Höhe, merkte alsbald ihr Kreuz, fluchte erneut, und machte sich zur Küche auf. Als sie die Kaffeemaschine startete, schoss heißer Wasserdampf in ihr Gesicht. Wild um sich wirbelnd, suchte sie Halt, fegte dabei ein Set teures Porzellan vom Tisch, das sie am Vorabend dort vergessen hatte. Als sie sich vor Schmerzen auf den Boden fallen ließ und ihr die dubiose Situation durch den Kopf ging, beschlich sie der Gedanke, dass das nicht ihr Tag werden würde.

Im Bildungsministerium angekommen, freute sich Frau Murr bereits auf ihr tagtägliches Routineprogramm. Gediegenen Schrittes flanierte sie zum Arbeitsplatz. Aktentürme stapelten sich zu ihrer Linken, zwei Stempel zu Ihrer Rechten. In der Mitte thronte ihr Betriebs-PC mit dem hellen Display auf. Sie ließ sich in den Sessel gleiten. Auf diesen zweieinhalb Quadratmetern war sie Königin. Vor ihrem Bildschirm standen Bleistifte, Kugelschreiber, Tacker und allerlei Notizzettel wie Soldaten in Reih und Glied. Zu ihrer Rechten standen die Stempel für Genehmigen und Ablehnen, ihre Säulen der Macht. Schon beim Gedanken an das Gefühl, ihren eigenangefertigten Ablehnstempel in den Händen zu halten,wurde ihr ganz wohlig zu Mute. Der Griff war mit glitzernden Steinchen besetzt. Das darunterliegende Stempelkissen war blutrot, um ihrem Urteil die nötige Härte zu verleihen.

Während Sie die Wände des Bürogebäudes betrachtete, kam ehrliche Arbeitsfreude in ihr auf. In nicht allzu weiter Entfernung hing ein Foto. In großen Goldbuchstaben stand  dort geschrieben: Bärbel Murr, Mitarbeiterin des Monats September, dreihundert abgelehnte Anträge. Daneben, eine Nummer größer, hing das Bild des neuen, ehrgeizigen Referenten für Sachaufgaben: Karl-Heinz Jungheinrich, Mitarbeiter des Monats Oktober, fünfhundert abgelehnte Anträge. Seine Buchstaben glitzerten wie Diamanten durch den Raum. Frau Murr knurrte auf. Dieser arrogante Jüngling denkt, nur weil er dreißig Jahre weniger auf dem Buckel hat, kann er hier auf dicke Hose machen. Doch sie wusste es besser. Sie besaß jahrelange Ministerialerfahrung, er dagegen war nur ein winziges Sandkorn im Getriebe des Bildungsministeriums. Und wenn er nicht aufpasst, dann wird er von den alteingesessenen Zahnradlenkern zerquetscht. Bei dem Gedanken musste sie heimlich grinsen. Direkt unter den Bildern war eine digitale Punktetafel platziert, womit Beamte ihren aktuellen Rang in der Ablehn-Liga vergleichen konnten. Jungheinrich war leicht in Führung. Sei’s drum, der Monat November ist noch jung, dachte sich Frau Murr. Zeit genug, die Krone zurückzuerobern und alleinige Herrscherin der Sachabteilung B zu werden.

„Ah grüß dich, Bärbel.“ Sie erschrak. Der Jungheinrich stand plötzlich vor ihr. „Schauen Sie nur, ich habe Ihnen einen frischen Kaffee mitgebracht. Und, wie geht‘s Ihnen heute?“ Oh dieser Emporkömmling aus der Hölle, dieser. Wie sie ihn hasste. Seine schwarzen, seitlich nach hinten gegelten Haare waren so übermäßig korrekt geformt, das ihr schlecht wurde. Er war jung, gutaussehend, erfolgsorientiert  und mischte seit drei Monaten die ganze Abteilung auf. Auf ihrer persönlichen Hassskale nahm er eine Spitzenposition ein. „Ach, Karl-Heinz, mein Herzstück, wie herzallerliebst von dir. Aber nicht doch. Das wäre doch nicht nötig gewesen. Gut geht’s und bei dir?“ Insgeheim spekulierte sie, wie wahrscheinlich es war, dass er ihr Abführmittel in den Kaffee geschüttet hatte. „Es passt schon. Danke.“, säuselte er mit seinem süßesten Lächeln, dass sie befürchtete, allein vom Hinsehen Diabetes zu bekommen. Nach ein bisschen Geplauder verließ er ihren Platz. Bärbel Murr war erleichtert. Unauffällig schüttete sie Ihren Kaffee in die tote Topfpflanze neben sich.

Nachdem Frau Murr ihren Outlook-Ordner aktualisiert und einige Termine eingespeichert hatte, machte sie sich daran, ihren morgendlichen Besuch beim Postfach zu absolvieren. Als sie um die letzte Kurve der ministerialen Heiligkeit ihrer Abteilung bog, entging sie nur knapp ihrer zweiten Begegnung mit „Kaaaarl-Heinz, herzallerliebst“. Nun lagen vier gleichgroße, untereinandergereihte Fächer mit dem Namen Murr vor ihr. Eins mit dem Titel „Neu“, darunter „Genehmigen“, dann „Ablehnspaß“ und schließlich eins für „Sondergenehmigung (Archivierungspflicht)“. Seit mindestens zehn Jahren lag in Letzterem schon kein Antrag mehr, da Frau Murr spezialisiert darauf war, Anträge auszumerzen und postwendend dem obigeren Fach zuzuordnen. Ihr Chef Stieflhuber hatte sie für dieses harte Durchgreifen stets in höchsten Tönen gelobt. Während Sie also die neuen Anträge herausnahm, sortierte sie im Gehen bereits die ersten Drei aus, da die Antragssteller Informationen in die falschen Felder eingetragen hatten. Zurück an ihrem Platz, streckte sie ihre Hände nach vorne, ließ lautstark die Knöchel knacken und ging dann ans Werk. Gegen Ende des Jahres kam besonders viel „Stoff“ für sie rein, weswegen ihr rechter Oberarm schon vom vielen Stempeln schmerzte.

Den Rest des Tages verbrachte sie damit, sich durch die Unterlagen zu wühlen und abzulehnen, beziehungsweise zwangsweise zu genehmigen. Zu ihrer persönlichen Zufriedenheit waren die ersteren in der Überzahl. Kurz vor Feierabend überkam sie der Eifer, den heutigen Stapel vom Tisch zu kriegen. Zwischendurch leuchtete  ihr Bildschirm auf. Eine Lehramtsanwärterin hatte ihr eine Mail geschrieben und bat um Informationen zur Bewerbung für ein Referendariat. Sie verwies sie prompt auf die Website und hoffte, damit sei die Sache gegessen. Wer erst einmal auf der Ministeriumswebsite zu suchen anfing, verfing sich schließlich im Wirr-War von Unterseiten, Formularen und Anträgen und gab normalerweise nach ein paar Stunden entnervt auf. Nicht so diese junge Dame mit dem Namen Dräxlmeier.

Am nächsten Morgen war ihr Antrag ganz oben auf dem Stapel auf ihrem Tisch. Notgedrungen begann sie, sich mit dem Fall zu beschäftigen. Die Frau kam aus dem weiß-blauen Bundesland, soweit so gut. Doch dann las sie von einem Studium in Hamburg. Hamburg, diese mystische Stadt, von der sie schon aus Sagen gehört zu haben glaubte. Sie war sich nicht sicher, wo es lag, höchstwahrscheinlich sogar nördlich von Nürnberg. Nachdem sie bei Google „Hamburg“ eingegeben hatte, zeigte die Suchmaschine einige wunderhübsche Bilder von einer Philharmonie, vom Hafenviertel und beängstigende Fotos von der Reeperbahn. Als sie ihren Blick über die kleine Landkarte neben der Suchmaske schweifen ließ, verschlug es ihr die Sprache. Ah geh weida, dachte sie, das war ja nicht mal mehr in Bayern! Im Barbarenland war sie ausgebildet worden. Nein, nein, nein, sowas durfte unter gar keinen Umständen toleriert werden. Schade eigentlich. Sie hätte bestimmt eine gute Referendarin abgegeben. Aber da war nun mal nichts zu machen. Mit einer geübten Bewegung zückte Frau Murr den Red Devil, ihren eigens angefertigten Ablehnstempel, und tat ihre Pflicht. Somit tilgte sie zugleich diese Fahnenflüchtige aus ihrem Gedächtnis und kehrte freudig zu ihrem routinemäßigen Arbeitstag zurück.

II

Am darauffolgenden Tag ereignete sich etwas Seltsames. Das Fach mit dem Label „Sonderfälle“ enthielt ein Blatt Papier. Frau Murr wusste nicht so recht, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Verdammt, dacht sie sich, das würde sie aufhalten, denn sie musste mindestens noch hundert weitere Anträge ablehnen, um annährend eine Chance gegen Kaaaarl-Heinz, Teufelsbub, zu haben. Ausgerechnet Jungheinrichs Fach quoll über vor potentiell ablehnbaren Anträgen. Sie betrachtete das Stück Papier, wie eine Katze ihr ausgekotztes Wollknäuel. In dem Moment tauchte ihr Chef Stieflhuber hinter ihr auf. „Servus, Frau Murr, ach gut, dass ich sie treffe. Sie müssten mir mal einen kleinen Gefallen tun. Wir haben hier einen Sonderfall. Nehmen Sie sich der Sache doch mal an und geben Sie mir Rückmeldung, sobald sie sich damit beschäftigt haben.“

Irritiert schaute sie abwechselnd das Papier und dann Herrn Stieflhuber an. Irgendwas an dieser Situation gefiel ihr ganz und gar nicht. Jahrelang hatte es keine Probleme gegeben. Anträge kamen rein, wurden genehmigt oder (meistens) abgelehnt und dann war gut. Warum jetzt anders verfahren?

Sie begab sich zu ihrem Platz zurück. Ihre zwei Stempel, die Säulen der Macht, ragten rechts von ihr empor. Vor dem Bildschirm jubelten die Fußsoldaten ihrer Königin zu. Wie an jedem Tag folgte alsbald das übliche heuchlerische Geplänkel mit Karl-Heinz Jungheinrich. „Ach sehen Sie heute gut aus, Frau Murr.“ „Nicht doch, Sie Lausebub. Sie sind doch das Sahnestück unserer Abteilung.“„ Nein, hören Sie doch auf, sie sind das.“ „Nein, Sie.“…und so weiter und so fort. Insgeheim dachte sie nur, fahr doch zur Hölle und nimm dein Foto an der Wand gleich mit. Sie widmete sich wieder dem Blatt in ihrer Hand. Antrag zur Überprüfung auf eine Sondermaßnahme, das klang nach viel Schufterei. Ihre rechte Hand kribbelte bereits. Der rote Stempel war in greifbarer Nähe. Doch sie konnte nicht voreilig handeln, das verbat das Beamtengesetz. Daher griff sie in das Regal hinter sich und nahm ein Gesetzesbuch zur Hand. Furchtbares Juristendeutsch war dort in komprimierter Form auf tausend Seiten untergebracht. Nach einer halben Ewigkeit fand sie endlich den Paragraphen, den sie als Grund angeben konnte. Vielleicht, fiel ihr ein, konnte sie diese Frau Dräxlmeier auch dazu bringen, es von sich aus gut sein zu lassen. Dann wäre die Sache mit einer E-Mail erledigt. Prompt tippte sie drei, vier kryptische Paragraphen und Verweise ein, die ihr besonders kompliziert erschienen und mit wenigen Mausklicks war der Text versendet. Beruhigt widmete sie sich dem restlichen Stapel frisch eingegangener Anträge und stempelte darauf los. Auftauchende Nachrichten und Mails wurden vorerst gekonnt ignoriert. Ihr Ziel lag allein darin, ihren Punktestand weiter aufzubessern.

Irgendwann am Nachmittag kam ihr Chef zu ihr. „Die Frau Dräxlmeier hat geantwortet“, sagte er voller Aufregung. Frau Murr war entsetzt. Warum weiß er das? Scheinbar las er die Frage aus ihrem Gesicht. „Sie hat Ihnen eine Mail geschrieben und mich ins CC gesetzt.“ Sowas freches aber auch, diese junge Dame begann Frau Murr langsam gehörig zu nerven. „Ich glaube, ihr Argument lautet, dass sie bereits jemanden kennt, der einen Sonderantrag genehmigt bekommen hat.“ Blasphemie!, Blasphemie!, schrie frau Frau Murrs Verstand. „Schauen Sie doch heute bitte in unserem Archiv nach, ob sie dazu ein Dokument finden. Hier ist der Schlüssel.“ Na besten Dank, als ob sie nicht schon genug zu tun hätte! Aber wenn der Keks spricht, hat der Krümel zu gehorchen. Murrend ging sie durch die kahlen Wände des Ministeriums. Jegliche Kreativität war von den Wänden getilgt worden. Bilder von charakterlosen Pflanzen und uralten Ministerialbeamten mit goldenen Ketten hingen bedrohlich von den Wänden.

Sie stieg in den Fahrstuhl und fuhr in das unterste Stockwerk. Hier lagerten Werke und Schriften aus den Uhrzeiten des Bildungssystems, von der methodisch einwandfreien Anwendung des Rohrstocks bis zu neo-avantgardistischen Schmökern zum Thema Inklusion. Frau Murr interessierte sich für keines dieser Bücher, ihre Aufmerksamkeit galt ganz allein der kleinen Abteilung für „Sondergenehmigungen“. Vor ihr stand ein 1x1 Meter großer Tresor aus massivem Stahl. Sorgfältig zog sie den Schlüssel hervor, den ihr Chef ihr gegeben hatte. Alle obersten Beamten erhielten es ganz am Anfang ihr Führungslaufbahn. Das vor mysteriöser Schönheit strahlende, gezackte Objekt glitt mühelos in das Schloss. Nach einem leisen Knacken öffnete sich der Tresor und ließ einen Stapel fein säuberlich sortierter, fast jungfräulicher Anträge zum Vorschein kommen. Auf jedem waren die Worte „Strengste Geheimhaltung“ aufgedruckt. Sie blickte in die Achillesferse des ganzen Bildungssystems. Frau Murr wusste: Sollte je eines dieser geheimen Dokumente ans Licht der Öffentlichkeit geraten, würden dutzende genehmigungspflichtige Anträge mit schier vernichtender Wirkung auf das Ministerium einprasseln. Das ganze Bildungssystem des Staates würde ins Wanken geraten, da sich jeder auf diese Fälle berufen konnte.

Zurück an ihrem Arbeitsplatz, analysierte Frau Murr sorgfältig das geheime Dokument. Mit einer Lupe nahm sie Wort für Wort und Zeile für Zeile auseinander. Formulierungen, Paragraphen und Satzkonstruktionen prägte sie sich ein und verglich sie anschließend mit dem neuen Antrag. Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. Dann galt ihr Fokus allein der Frau Dräxlmeier. Immer und immer wieder las sie jeden ihrer Sätze. Elegant, geradezu raffiniert formuliert waren sie. Schließlich fand sie, nach was sie suchte. Den entscheidenden Fehler. Das Datum neben der Unterschrift fehlte. Sie stieß einen lauten Siegschrei aus, sodass sich einige Mitarbeiter der Abteilung B zu ihr umdrehten. Es war vollbracht. Endlich konnte sie den Antrag ablehnen. Sie tauchte den Red Devil genussvoll in das blutrote Stempelkissen, ließ ihn in die Höhe fahren, weit über Ihren Kopf hinaus. Einige Sekunden verweilte sie so, bis sie ihn schließ mit wunderbarer Genugtuung hinunterfahren ließ.

Doch im letzten Moment hielt sie inne. Ein kleiner blauer Pfeil auf der Unterseite des Antrags irritierte sie. Sie drehte das Blatt. Ihr Gehirn konnte das Gesehene nicht sofort bearbeiten. Das Datum war auf die Rückseite gerutscht. Ein Stromschlag durchfuhr sie. Sie bäumte sich auf und kreischte. „Das darf doch nicht wahr sein. Ich kann nicht nicht genehmigen, AAAAAAH!!!“

III

Sie schlief schlecht, sie aß schlecht, ihr gesamter Körper war gezeichnet von den Qualen, die diese Dräxlmeier ihr verschaffte. Mit Zuckungen im rechten Augenlid kam sie auf Arbeit. In blutig roter Farbe war der Name Dräxlmeier über ihren Monitor geschrieben. Ich werde langsam wahnsinnig, dachte sich Frau Murr. Nur die Ruhe bewahren, diese einzelne Frau wird das System nicht zum Einsturz bringen. An ihrem Platz lag ein einzelnes, chlorfrei gebleichtes Dokument. Dräxlmeier, dachte sie und stieß heimlich Flüche zum lieben Herrgott hoch.

„Frau Murr“. Sie zuckte zusammen. Ihr Chef Stieflhuber stand plötzlich neben ihr. „Ich habe von ihrem gestrigen Wutanfall gehört. Sind Sie überfordert? Soll ich die Dräxlmeier vielleicht lieber an den Herrn Jungheinrich übergeben?“ An Jungheinrich! Lieber würde sie sterben, als diesen Schmarotzer die Genugtuung zu geben, sie fallen zu sehen. Sie, die Königin der Abteilung B! Just in dem Moment tauchte wie aus dem Nichts Kaaaaarl-Heinz neben ihr auf. „Hab ich da meinen Namen gehört?“, fragte er. „Ah grüß Sie, Kollege Jungheinrich, die Frau Murr und ich beraten gerade über den Fall Dräxlmeier, der ihr sehr zu schaffen macht.“ Jetzt hieß es schon Der Fall Dräxlmeier, es war zum Kotzen. „Eine harte Nuss, ganz klar. Und ich überlege gerade, ob ich die Sache nicht ihnen…“ „Nie im Leben!“, quiekte Frau Murr los. Beide drehten sich schockiert zu ihr um. „Ich meine, hihi, öhm, ich habe mich einmal in den Fall eingearbeitet, das wäre viel zu aufwendig, wenn jemand anderes wieder bei null anfangen müsste.“

Stieflhuber überlegte. Dann zog er die Schultern hoch. „Gut, sei’s drum. Dann sorgen Sie dafür, dass die Dräxlmeier heute abgeschlossen wird. Wenn sie nicht fertig werden, geht der Fall morgen an Herrn Jungheinrich.“ Dem jungen Beamten war seine Freude anzusehen. Dieser Lausbub, zwei Hörner auf die Stirn gesetztund er wäre der Teufel persönlich. Kraftlos ließ sie sich in ihren Sessel sinken. Der Antrag auf dem Schreibtisch verhöhnte sie. Hilft ja nicht, sie musste aufs Äußerste gehen. Mit missionarischem Eifer begann sie, alle möglichen Stabs- und Zwischenstellen abzutelefonieren. Keinen Stein ließ sie auf dem anderen, um ihrem Chef, diesem Jungheinrich und vor allem dieser Dräxlmeier zu zeigen, wo es lang ging. Sie wühlte sich durch unzähligen Bücher und Paragraphen, die unter Anderem skurrile und zugleich doch kreative Ablehnmethoden aus den 60er bis 00ern aufzeigten. Sogar ihre Mittagspause vergaß sie. Zwei Beamte kamen an ihrem Platz vorbei und fanden eine gehobenen Alters Frau vor, deren Adern deutlich hervorstanden. Tiefe, schwarze Augenringe zeichneten sich in ihrem Gesicht ab. Ihre Bluse war zerknittert. Die Pupillen wanderten manisch von links nach rechts. Mit der einen Hand trieb sie ihre PC-Maus voran, mit der anderen gestikulierte sie wild. Zwischen Kopf und Schulter klemmte der Telefonhörer. Wer sie sah, dachte, eine Exorzistin wäre am Werk. Die zwei Beamten machten auf der Stelle kehrt.

Nach acht Stunden harter Arbeit hatte sie es geschafft. Der perfekte Text mit dem perfekten Ablehnungsgrund war vollendet. Bis auf das Jahr 1950 war sie mit ihrer Begründung zurückgegangen, hatten sogar Könige und Kaiser erwähnt und die Hoheit des Bildungsministeriums über den kleinen Mann mit ihrer Armee aus Argumenten verteidigt. Sie schob den ausgefüllten und abgestempelten Ablehnungsbescheid in ihr Postfach, fuhr anschließend nach Hause und fiel in einen leeren, unruhigen Schlaf.

Zwei Wochen später.

Herr Stieflhuber war zufrieden gewesen mit dem Abschluss des Falls Dräxlmeier. So war sie zur ihrem Hauptziel übergegangen, dem Sieg gegenüber Jungheinrich. Am letzten Arbeitstag des Monats November arbeitete Frau Murr weiter wie eine Besessene an ihren Ablehnungsanträgen. Fünf rote Tintenfässer hatte sie nachbestellen müssen, um mit der schieren Masse an Papier mithalten zu können. Mittlerweile hatte sie sich ein Fernglas mit auf Arbeit genommen, um über ihren Arbeitsplatz hinweg ihren Kontrahenten besser im Blick zu behalten. Sie sah die Entschlossenheit im Gesicht des jungen Beamten sowie den Berg an Papier, den er abzuarbeiten erhoffte. Ohne Zweifel würde es knapp werden. Sie musste sich beeilen. An der Wand ragte die digitale Punktetafel empor. Es zeichnete sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen in der Abteilung B ab. Karl-Heinz und sie bewegten sich parallel auf die Fünfhundert-Abgelehnte-Anträge-Marke zu.

Im Eifer des Gefechts ging Jungheinrich plötzlich das Papier aus. Er fluchte laut auf, was Frau Murr veranlasste, sich ihres Fernglases zu bedienen. Sie sah die Anstrengung im Gesicht des Feindes. Es war Freitag kurz vor um drei, Feierabendzeit für alle Ministerialbeamten. An der Punktetafel sah sie den aktuellen Stand. Jungheinrich: 499, Murr: 490, alle anderen Beamten waren meilenweit abgeschlagen. Triumphierend schaute sie auf ihren Schreibtisch, auf dem sich noch zehn Anträge aufreihten. Während ihr Erzfeind Kaaaarl-Heinz sich mühselig zum Postfach aufmachen musste, um neue Anträge zu holen, machte Frau Murr sich ans Werk. Der wird sich wundern, dachte sie siegessicher. Es war ihr klar gewesen, dass es zu diesem Showdown kommen musste. Aber sie war vorbereitet. Sie hatte das Postfach von Jungheinrich kurzerhand in der Kaffeepause mit Panzertape zugeklebt.

Auch an ihr waren die Anstrengungen der letzten Tage nicht spurlos vorbeigegangen. Äußerlich wirkte sie zwar wieder fitter, doch innerlich hatten die Belastungen der letzten Wochen sie ziemlich mitgenommen. Mit dem bisschen Kraft, was ihr geblieben war, setzte sie sich hin und nahm ihren Red Devil hervor. Mittlerweile hatte sie vom Stempeln Oberarme wie ein Profiwrestler bekommen. Die Auf-und-Ab-Bewegung schmerzte in ihren Gliedern, dennoch sehnte sie sie jedes Mal herbei, hieß sie willkommen, als das verzierte Holz mit dem Abgelehnt-Schriftzug niederfuhr und Hoffnungen von Bewerbern gnadenlos vernichtete. Eins, zwei, drei. Alles ging ihr lockerleicht von der Hand. Vier, fünf, sechs. Würde Jungheinrich zu Heulen anfangen? Wenn nicht, könnte sie ihm auch aus Versehen den Korken ihrer Sektflasche ins Gesicht schießen und so nachhelfen. Das wäre die ultimative Demütigung, während sie um den weinenden Ministerialbeamten herumtanzen würde. Sieben, acht, neun. Tinte flog in wilden Tropfen durch den Raum, benätzte ihren Mantel, ihr Gesicht, ihre Stifte, ihren Monitor, doch das war ihr egal. Sie zog den letzten Antrag hervor.

Dräxlmeier stand dick und fett darauf geschrieben. Jegliche Farbe wich aus ihrem Gesicht. Wie kann das sein…, dachte sie. Ihre Augen traten hervor. Ungläubig betastete sie das Papier. Das ist unmöglich, ich habe ihn doch abgelehnt. Sie überflog den Text. Das darf doch nicht wahr sein. Jeder Satz war in absolut hieb- und stichfestem Beamtendeutsch verfasst. Ihre Klauseln von damals waren mit aktuellen juristischen Präzedenzfällen ad absurdum geführt worden. Leute gingen an ihr vorbei, doch sie nahm sie gar nicht wahr. Sie war fassungslos.

Im Gang rannte Jungheinrich gerade um die letzte Ecke, einen einzelnen Antrag in der Hand. In seinem Gesicht stand der pure Eifer. Die Uhr schlug 14:58 Uhr. Zwei Minuten noch, bis die Postfächer zugemacht worden und keine abgelehnten Anträge mehr abgegeben werden konnten. Frau Murr sah das Unglück, das sich vor ihr offenbarte. Die Punktetabelle zeigte 499 zu 499.

Der junge Ministerialbeamte flog auf seinen Sessel. Stifte, Kaffeebecher und die Maus verabschiedeten sich und sprangen im hohen Bogen von seinem Tisch. Er stempelte den Antrag, wollte sogleich aufstehen, nur um festzustellen, dass seine Stempel vertauscht worden waren. Ein genialer Schachzug der Frau Murr. Die Putzfrau hatte just in dem Moment, als er aufgesprungen war, „aus Versehen seine Ordnung durcheinandergebracht. Gegen einen kleinen Obulus von ihr, versteht sich. Er musste zurück zu seinem Platz. Das gab ihr Zeit. Sie suchte auf dem Dräxlmeier-Antrag die Nadel im Heuhaufen. Dann fand sie einen Rechtschreibfehler, völlig unbedeutend zwar, nicht relevant, aber es musste reichen. Sie würde den Antrag ablehnen, koste es, was es wolle. Selbst wenn ihr Chef sie dafür rügen würde. Ihr Körper rumorte. Ihre Glieder zitterten. Sie griff nach ihrem Stempel und ließ in der Mitte des Antrags aufkommen.

Genehmigt, stand da in dicken roten Lettern geschrieben. Frau Murr fiel fast in Ohnmacht. Bin ich blind? Ihr Red Devil lag noch immer in ihrer Hand. Sie stempelte erneut. Genehmigt. Und erneut. Wieder Genehmigt. Sie konnte es nicht fassen. Als ihr Blick auf die Buchstaben auf ihrem Stempel fiel, las sie das Wort, dass sie wie ein Mantra bis in alle Ewigkeit verfolgen sollte.

Genehmigt.

Sie kippte nach hinten. Ihre Augen verrollten sich ins Weiße, während ihre verkrampften Hände kreisende Bewegungen um sich selbst machten. „Ich kann nicht nicht genehmigen, ICH KANN NICHT NICHT GENEHMIGEN!!“, schrie sie wie eine Besessene. In ihrem Sichtfeld erschien Jungheinrich. „Schau einer an“, sagte er. „So sieht es also aus, wenn eine Ministerialbeamte mit ihren eigenen Waffen geschlagen wird.“ Wie hatte er ihren Stempel austauschen können? Diese verdammte Putzfrau musste sie gelinkt haben. Jungheinrich sprach weiter.

„Haben sie wirklich gedacht, die Dräxlmeier würde sie in Ruhe lassen. Noch dazu unter diesen Umständen.“ In diesem Moment sah sie sein Namensschild. Jungheinrich hatte letzte Woche geheiratet. Unter seinem Namen stand nun die Ergänzung Dräxlmeier. „Ich freue mich, dass Sie den Antrag meiner neuen Stieftochter genehmigt haben und gehe dann mal diese letzte Ablehnung fristgerecht abgeben.“ Kurz darauf schaltete die Punktetafel um. Endstand: Jungheinrich 500, Murr 499. Die Uhr schlug drei. Ein ohrenbetäubender, endlos erscheinender Schrei aus Bärbel Murrs Kehle war der Schlussstrich des Bildungsministeriums unter den Monat November.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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