Chiara Fabiano

Violent Love - Kapitel zwei

Kapitel zwei
Im Kensington Garden

Jeder dritte Mensch in London war Gewaltopfer, am häufigsten verbreitet die häusliche Gewalt. Dies war die Gefahr. Tausende von Menschen fuhren tagtäglich die U-Bahnstationen ab, millionen Gesichter sah der Londoner jeden Monat im Durchschnitt, und als Alice an ihrem ersten Morgen zum Vorstellungsgespräch fuhr, merkte sie, wie sehr sie ihre eigene Rechnung einschränkte. Bei den wenigsten Menschen konnten ihre Emotionen von deren Gesichtern gelesen werden, denn die meisten zeigten absolut keine. Dies machte sie erneut zu Momentaufnahmen, bei denen es unmöglich war zu erkennen, ob auch sie betroffen waren. Betroffen von Gewalt. Alice sah sich an diesem Tag viele Gesichter sehr gut an, versuchte sich deren Mimik einzuprägen. Tausende von Menschen umringten sie, schließlich sah sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Während sich ihre linke Hand fest um den Handlauf der Rolltreppe gelegt hatte, ballte die rechte eine feste Faust, versteckt in ihrer Manteltasche. Die Geräuschkulisse und die ständige Reizüberflutung der wechselnden Bilder in der U-Bahnstation machten sie nervös. Tief einatmend schloss sie ihre Augen und öffnete sie erst wieder, als das grelle Licht der Außenwelt ihre Lider durchleuchtete. Das Schwindelgefühl in ihrem Kopf ließ nach und nach ab, als sie den Mantel enger um ihre Taille schlang und sie sich zielsicher auf die Suche nach der Redaktionsstelle machte. Die Menschenmengen verliefen sich und die Straßen wurden leerer. Auf einmal fiel Alice' Blick auf die große, sich weitgehend erstreckende Hecke, an deren nächster Eingang ein großes Schild auf den Kensington Garden verwies. Eine augenblickliche Magie zog Alice in ihren Bann, als sie versuchte dem starken Willen zu widerstehen, der sie geradewegs in den Park zog. Rasch verschob sie ihren Gedanken auf später und versicherte sich selbst hierher zurückzukehren, sobald sie das Vorstellungsgespräch überstanden hatte. Vorerst jedoch bereitete sie sich darauf vor überzeugend zu klingen, wenn sie der Chefredakteurin gegenüber saß. Lilian, welche ihr Rock und Blouse geliehen hatte, erzählte ihr von einer Bekannten, welche lange Zeit Journalismus studiert hatte, nun aber keinen Job findet, weil bisher jede Redaktion einer jeden Zeitschrift behauptet hatte, sie passe nicht dorthin. „Pass also auf dich auf, Alice", riet ihr Lilian, „So erfüllend kreative Jobs auch sein mögen, ein umso größeres Risiko bringen sie mit sich. Nur, wenn du wirklich von dir überzeugt bist, kannst du sie für dich gewinnen". Doch genau dort lag Alice' Problem. Wie konnte sie bereits jetzt von sich überzeugt sein, wo sie doch erst einen Text erfolgreich geschrieben hatte? Immerhin, so sagte sie sich, hat ihr dieser das Vorstellungsgespräch eingebracht. Unsicher stand sie vor dem großen Gebäude, und bemerkte, wie ihre Hände erneut schwitzig wurden. Die Tür ließ sich direkt öffnen, und augenblicklich stieß ihr der Geruch frisch gebrühten Kaffees in die Nase. Leute, bepackt mit haufenweise Stapeln Papier rasten an ihr vorbei, würdigten sie jedoch keines Blickes. Dieser Ort strahlte eine beständige, unpersönliche Hektik aus, eine Hektik, die Alice an vielen Orten beobachtete, seit sie in London angekommen war. Die dunkle, launische Stimme der Sekretärin, welche mit grimmiger Mimik hinter ihrem Tresen saß und sich griesgrämig die schlecht frisierten Haare richtete, riss sie aus ihrem Bann. „Komm schon Mädchen, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!". Vorsichtig trat Alice an den Tresen. „Name?", stieß sie genervt hervor. „Alice Matter", gab sie zurück und beobachtete, wie die Frau es langsam in den Computer eintippte. „Zweiter Stock, Raum zwei", gab sie kaugummikauend bekannt, ohne Alice dabei in die Augen zu sehen. „Danke", entgegnete Alice ironisch und wandte sich breit lächelnd ab. Auf gute Laune brauchte sie wohl bei keiner Arbeit zu hoffen. Oftmals waren die Menschen viel zu sehr mit ihrem eigenen Leben unzufrieden, als das sie zu anderen Menschen hätten nett sein können. Für Alice war dies das ausschlaggebende Problem einer Leistungsgesellschaft, welche bloß darauf bedacht war die Menschen zu fordern und arbeiten zu lassen. Der Mensch hatte keinen freien Willen zu entscheiden, denn die Gesellschaft drängte ihn dazu einen Beruf auszuüben, welcher möglichst viel Gewinn einbrachte, um wiederrum den Anforderungen einer parallel laufenden Konsumgesellschaft zu befriedigen. Sobald Menschen einen Beruf, alleine der Berufung wegen, ausüben wollten, standen sie unter ständigem Druck. Besonders die kreativen Berufe waren abhängig von der Meinung der Leute, denn wenn diese nicht stimmte, war alle Arbeit, egal ob Autoren, Schauspieler, Filmmacher ihr vollständiges Herz in ihr Werk steckten, sinnlos. Dabei blieben persönliche Werte selbstverständlich auf der Strecke, und das gesamte Zusammenspiel der Komponenten führte dann zu einer mies gelaunten Sekretärin, welche den ganzen Tag Trübsal blies und sich fragte, was sie in ihrem Leben alles hätte erreichen können. Alice erwähnte unter Bedacht dabei nicht dies sei bloß ein modernes Problem, denn ihrer Ansicht nach lag das wahre Problem nämlich in der Menschheit an sich. Jegliches Einzelschicksal lag in den Händen seiner Person.

Als sie dann schließlich den Raum fand kam sie als letzte aller Bewerber, welche sich in einem Halbkreis um einen Schreibtisch versammelt hatten, an. Leise trat sie ein und setzte sich auf den übrig gebliebenen leeren Stuhl. Dann, kurz nach ihr, betrat eine elegant gekleidete Frau mittleren Alters den Raum und setzte sich sicher auf den großen Schwarzen Sessel, hinter dem Schreibtisch. Sie trug eine rundliche Lesebrille auf der Nasenspitze und ihr glattes, blondes Haar war fein säuberlich zu einem strengen Knoten im Nacken frisiert. Unauffällig ließ Alice ihren Blick durch die Runde der sechs weiteren Bewerber wandern. Mit ihr waren es insgesamt drei weibliche und vier Männliche Bewerber. Zwei Stellen wurden vergeben. Alice fühlte sich auf einmal sehr unwohl in ihrer Haut, als sie sich darüber im Klaren wurde, wie töricht sie in ihrer Annahme einer winzigen Chance war, denn hinsichtlich der anderen Bewerber hatte sie nicht eine einzige Referenz aufzuweisen, die sie hätte hervorheben können. Dieser Zustand änderte sich auch nicht, als die Redakteurin in einer kalten und bestimmten Stimme anfing zu sprechen. „Ihr sitzt nun alle hier, weil ihr uns von eurem Talent zu schreiben überzeugt habt. Wir, als Magazin, brauchen jedoch nicht nur herausragende Autoren, wir brauchen vor allem Menschen." In einer kurzen Pause schaute sie jeden von ihnen kurz in die Augen und fuhr dann fort. „Wir berichten nicht bloß über Gewalt, wir machen sie deutlich. Wir wollen einbeziehen, bewegen, aber auch abschrecken. Ihr alle habt euch aus Interesse an dieser Zeitschrift beworben, andernfalls hätten wir uns nicht für eure Texte entschieden. Wir brauchen mehr als herausragende Noten und, wie viele von euch, auch Referenzen". Alice brach verlegen den Blickkontakt ab. „Aber wir brauchen vor allem den Beweis eurer persönlichen Gefühle. Deshalb haben wir uns für eine zweite Bewerbungsrunde entschieden, in der ihr uns überzeugen müsst. Keine Daten, keine Zahlen oder Statistiken, berichtet uns von einem Einzelschicksal, welches ihr begründet publizieren wollt. Zeigt uns was menschlich in euch steckt. Dafür habt ihr einen weiteren Monat Zeit, bis wir euch unsere Entscheidung mitteilen." Alice schluckte und war sich ihres Versagens vollkommen sicher. Wie sollte sie, die sich nicht einmal selbst kannte, in einer vollkommenen fremden Stadt ein Einzelschicksal finden? Sie erinnerte sich schlagartig an das Szenario in der U-Bahn. Tausend Gesichter, aber unerreichbar. Großstädte lebten von der Anonymität. Sie brauchte den Job. Eine plötzliche Verzweiflung ergriff die. Dies war der erste Moment, in welchem sie bereute hierhergekommen zu sein. Der Gesichtsausdruck der anderen verängstigte sie, siegessicher blickten sie drein, bereits jetzt ihre tausend Ideen im Kopf sammelnd. Alice weinte still in sich hinein. Als sie das Gebäude verließ, regnete es in Strömen und sie kam sich furchtbar naiv vor geglaubt zu haben sie hätte eine Chance. Sie war ein Niemand in einer Welt von großartigen Talenten. Den Regen verfluchend versuchte sie ihren Mantel, der keine Kapuze besaß, ein bisschen über ihren Kopf zu drapieren, sodass der Regen sie nicht allzu sehr traf. Dies brachte jedoch nicht viel, also ließ sie ihn rasch wieder runter. Der Regen, brach über ihr ein, nach kurzer Zeit war ihr Haar eingenässt und klebte kalt an ihren Wangen. Verzweifelt verfluchte sie sich selbst, schleppte sich stockend den Weg zu zurück. Tränen überrannten ihre Wangen, als sie sich der Aussichtslosigkeit ihrer Situation noch einmal bewusst wurde. Sie schlang fröstelnd die Arme um sich. Als mit einem Mal ein lauter Donner aufkam, und der Himmel sich mit schwarzen Wolken zuzog, wurde London  von einer erschreckenden Dunkelheit umgeben. Alice bemühte sich weiterhin zu orientieren, verlor jedoch den Überblick und versuchte im dichten Nebel den Rückweg zu finden, als sie feststellte, dass sie in den Kensington Garden gelangt war. Sie musste die falsche Abzweigung genommen haben und durch den dichten Nebel den Eingang übersehen. Schnell kam ihr jedoch eines sehr seltsam vor, nämlich die Tatsache, dass sich außer ihr kein anderer im Park befand. Sie schob es auf den Nebel und entschuldigte die Situation damit, dass die Londoner wussten bei solchem Wetter lieber zu Hause zu bleiben. Der dichte Regen, der Nebel und die Dunkelheit nahmen ihr jegliche Sicht, dennoch bemühte sie sich weiter vorzukämpfen. Nass und schwer hing ihre Kleidung an ihr herab und versuchte sie herunterzuziehen. In diesem Moment konnte sie, vorerst noch sehr schwach, den sanften Klang eines Glöckchens hören. Den Regen und den Groll des Donners ausblendend, versuchte sie genauer hinzuhören. Schon wieder erklang es, mal hier, mal dort. Als der Ton schließlich so laut war, dass man ihn einer genauen Richtung zuordnen konnte, wandte sich Alice schließlich um und folgte ihm, ohne jegliche Sicht. Je mehr und je weiter sie rannte, desto lauter wurde der Ton, und desto stärker seine Anziehungskraft. Es zog sie mit unsichtbaren Händen, immer stärker. Plötzlich war es, als verschluckte sie die Dunkelheit. Alice wurde schwindelig, alles in ihrem Kopf begann sich zu drehen, als sie mit einem Mal die Kontrolle verlor. Die Schwerelosigkeit packte sie und ließ sie schließlich schlagartig fallen. Tiefer und tiefer in ein großes schwarzes Loch.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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