Petra Zeugner-Schünke

House-Sitter

 

Joel stand vor dem schmiedeeisernen Tor und starrte die Auffahrt hinauf. Das Haus sah aus
wie ein kleines Schloss, mit den Türmen, die sich rechts und links neben dem ausladenden

Portal ab dem 1. Stock erhoben. Auf dem rechten Turm drehte sich laut quietschend ein

Wetterhahn im Wind, auf dem linken stand ein nackter Fahnenmast. Er war so hoch, dass er
fast die tief hängenden Wolken berührte. Die unteren Fenster waren vergittert und die
Treppe lag voller Laub und Zweigen.
Die alten, hohen Bäume ringsherum hatten schon kein Laub mehr, obwohl es erst Anfang
Oktober war. Alles wirkte düster und überall ragten riesige Felsbrocken, sogenannte
Findlinge aus der Erde. In der Anzeige stand zwar keine nähere Beschreibung, aber so hätte
er es sich nun doch nicht vorgestellt.
Langsam drückte er das Tor auf und hielt erschrocken inne. Es knarrte so laut, dass es sich
anhörte, als wenn es vor Schmerzen stöhnte. Als er durchging, fiel es hinter ihm wieder ins Schloss.
Der Kies in der Auffahrt war schon fast schwarz und das Moos dazwischen hatte sich der
Farbe der Steine angepasst. Das typische Knirschen, wenn man darüber ging, war einem
dumpfen Schmatzen gewichen, welches die Nässe des ständigen Nebels verursachte.
Joel kramte den alten Schlüssel aus seiner Tasche, den er, samt der Adresse, einer
Wegbeschreibung, einigen Instruktionen und dem wenigen Taschengeld für den ersten Monat,
mit der Post bekommen hatte. Seinen Arbeitslohn bekam er erst am Ende seines Jobs.
Wie erwartet knarrte und ächzte auch die schwere Haustür, als er sie endlich aufgeschlossen
bekam. Im Haus war es dämmrig, weil alle Vorhänge zugezogen waren. Auch roch es so, als sei ewig nicht gelüftet worden.
Nachdem Joel Licht und Luft ins Haus gelassen hatte, sah er auf dem Tischchen in der Halle
ein uraltes Telefon und einen großen Umschlag mit seinem Namen. Es waren mehrere Seiten
mit Aufgaben, die er im Laufe des einen Jahres, welches er dort verbringen würde, zu
erledigen hatte, und Telefonnummern für den Notfall, von Handwerkern, einem Arzt und der
Polizei. Auch wo sich der Stromkasten befand und der Schrank mit den Sicherungen, die in
schöner Regelmäßigkeit rausflogen, wann die Zugehfrau kam und ihm Lebensmittel brachte,
denn er sollte das Grundstück in dieser Zeit nicht verlassen. Die letzte Seite gab an, zu
welcher Zeit und womit die Katze Hortensia gefüttert wurde, und wo sie schlief. Auch sollte
ihr cremefarbenes langes Fell regelmäßig gekämmt werden.

»Na, das kann ja heiter werden« dachte sich Joel, und inspizierte erst einmal die Küche.
Nachdem er das Zimmer gefunden hatte, in dem er schlafen sollte, packte er seinen Koffer
aus und erstellte sich für die nächsten Wochen einen Arbeitsplan.
In den folgenden Monaten kam er kaum zum Nachdenken, da er durch die Arbeiten am,- um,-
und im Haus genug zu tun hatte. In seiner kargen Freizeit büffelte er für sein Fernstudium,
damit er seine Unterlagen immer pünktlich abschicken konnte. Die Zugehfrau, Mrs. Morris,
machte zwar einen mürrischen Eindruck, war aber doch recht freundlich, nahm seine

Unterlagen mit zur Post und brachte die neuen Aufgaben wieder mit ins Haus. Sie besorgte
ihm alles was er brauchte, und auch mal etwas, was Joel sich wünschte.

An einem Abend im April zog mal wieder ein Gewitter auf und Joel legte sich schon seine
Taschenlampe bereit, denn er wusste, dass er mal wieder in den Keller musste, um die
Sicherungen aus zu wechseln. Beim letzten Mal hatte er bis zum nächsten Morgen gewartet,
aber der Kühlschrank und die Gefriertruhe haben nicht so lange ausgehalten wie sie sollten.
Mrs. Morris war ziemlich sauer.
Diesmal brauchte er nicht so lange warten bis es im Haus dunkel wurde, und nach einer
Stunde war der Spuk vorbei. Er stapfte in den Keller und wechselte die Sicherung aus. Joel
war schon auf halber Treppe, da klackte es im Sicherungskasten und das Licht ging wieder
aus. Brummelnd suchte er sich eine neue Sicherung aus dem Schrank und schraubte sie ein.
Gerade dachte er noch, wann er denn mal neue besorgen lassen musste, als es wieder klackte,
ein Funke aus dem Kasten schoss und seine Hand traf. Der Schlag durchfuhr seinen ganzen
Körper und völlig verwirrt starrte er auf seine Hand. Es war nicht mehr als ein kleiner roter
Punkt auf seinem Handrücken zu sehen, sonst ging es ihm erstaunlich gut. Das Licht brannte
wieder und er ging, immer noch leicht verwirrt zu Bett.
Die Katze Hortensia, die mit ihm im Zimmer schlief, schaute ihn mit einem wissenden Blick an,
und es sah aus, als wenn sie grinste. Von da an war die Katze immer in seiner Nähe, egal wohin
er ging oder was er gerade machte.
Am nächsten Morgen fühlte sich Joel immer noch ein wenig matschig, doch nach dem ersten
starken Kaffee ging es ihm deutlich besser. Er bereitete für Hortensia, der Katze, das
Frühstück, die schon mit grimmigen Blick vor dem leeren Napf saß.
Dann schenkte er sich noch einen Kaffee ein und setzte sich wieder.
Vom Tisch aus beobachtete er mit einem abwesenden Lächeln auf den Lippen die Katze,
wie sie zufrieden ihren Napf leer schleckte, mit den Gedanken aber war er ganz woanders.
„Es ist unhöflich eine Dame so anzustarren.“ Erklang plötzlich eine Stimme. Joel sprang auf
und schaute sich erschrocken um. Dann fiel sein Blick wieder auf die Katze. Er zog die
Augenbrauen hoch, zeigte mit dem Finger auf die Katze und fragte: “Du?“ „Wer denn sonst?“
maunzte die Katze zurück. Joel kratzte sich grübelnd den Kopf. „Aber das geht doch gar
nicht.“ „Natürlich geht das!“ meinte Hortensia, sprang mitten auf den Tisch und starrte Joel
mit stechenden grünen Augen an. Er starrte zurück, dann wich er ihrem Blick aus und kniff
sich kräftig in den Arm. „Lass diese Albernheiten und hör mir zu! Gehe beim nächsten
Vollmond in den Park und schau genau auf welchen Stein das Mondlicht fällt. Dort musst du
graben und das Kästchen bergen, denn darin befindet sich die Lösung meines Problems.“
„Steine? das sind riesige Felsen und was habe ich mit deinem Problem zu tun?“ fragte Joel,
doch Hortensia verließ wortlos die Küche.
»Tz, was für `ne eingebildete Zicke.« dachte sich Joel und machte sich an die Arbeit.
Allerdings gingen ihm Hortensias Worte nicht aus dem Kopf und er wusste, dass in 11 Tagen Vollmond ist.
Die Katze folgte ihm weiterhin auf Schritt und Tritt, starrte ihn an, sprach aber kein Wort.
Am Abend des Vollmondes setzte sich die Katze im Wohnzimmer wieder auf den Tisch und
sagte: “Du darfst heute nicht zu Bett gehen, sonst verschläfst Du die Zeit. Nimm die
Schaufel und Deine Laterne mit, ich werde Dich begleiten!“
„Wer sagt denn, dass ich Lust habe bei diesem Wetter im Garten rum zu buddeln?“
brummelte Joel, der sich am Kaminfeuer wärmte. „Ich sage das.“ meinte die Katze von oben
herab, und sah diesmal aber längst nicht mehr so selbstsicher und arrogant aus wie noch vor einer Woche.
15 Minuten vor Mitternacht maunzte die Katze Joel an: “ Zieh Dich an, wir müssen los, und
vergiss Deine elektrische Laterne nicht!“ „Ja, ich komm ja schon“ entgegnete Joel, der sich
entschlossen hatte, die Sache durch zu ziehen, da die Katze ja sonst doch keine Ruhe geben
würde. „Außerdem ist das eine Taschenlampe, und keine Laterne!“
»Tz« machte die Katze und stolzierte hocherhobenen Schwanzes hinaus.
Als Joel die Haustür öffnete, wehte ihm ein eisiger Wind entgegen. Die Katze war schon
durch ihre Katzentür hinaus geschlüpft. Es war stockfinster, von wegen Vollmond… Joel sah
auf seine Armbanduhr, noch zwei Minuten bis Mitternacht. Er ging weiter in den Park hinein.
Es war bitterkalt und er stolperte in Richtung der großen Steine.
Hoch oben in der Baumkrone rief eine Krähe nach ihren Artgenossen.
Joel hatte die Krähen schon oft gesehen, vor allem aber gehört.
„Das ist Odin, beachte ihn gar nicht, er ist ein Angeber.“ sagte die Katze verächtlich. Joel grinste und dachte sich seinen Teil.
Die dicke Wolke vor dem Mond verschwand plötzlich und Joel konnte für einen winzigen
Moment einen hellen Fleck auf dem Stein vor ihm sehen. »Na also« dachte er, »das war ja einfach« und fing an zu graben.
Die Katze saß hinter dem Stein und schaute ihm gelangweilt zu. „Wie tief muss ich denn
graben?“ fragte Joel keuchend. „Du gräbst an der falschen Stelle.“ Sagte die Katze ruhig.
„Aber genau hier ist das Mondlicht drauf gefallen.“ Sagte Joel völlig aus der Puste. „Ja, aber
graben musst Du hinter dem Stein.“ „Das hast Du mir nicht gesagt!“ schnauzte Joel sie an.
„Du hast ja nicht gefragt.“ meinte die Katze pikiert. Also buddelte er hinter dem großen
Stein. Dort war es viel schwieriger, weil sich die Wurzeln der riesigen Eiche, die in der Nähe stand, bis dorthin erstreckten.
Doch endlich stieß er auf etwas sehr Hartes, es klang metallisch. Kurze Zeit später wuchtete
er eine alte, mit Scharnieren beschlagene Truhe aus dem Loch und schaute die Katze vorwurfsvoll an.
„Ein Kästchen??“ Die Katze drehte sich um und meinte nur: “Bring sie ins Haus!“
Die Truhe war nicht sehr schwer und nun war auch Joel neugierig auf den Inhalt. Nachdem er
die Erde rundherum abgefegt und das Schloss mit einem Hammer abgeschlagen hatte, hob er
den gewölbten Deckel langsam an. Gespannt schauten Joel und die Katze hinein. Die Truhe war
bis auf eine versiegelte Schriftrolle komplett leer. Joel nahm die Rolle und schaute sie sich
genau an. „Was steht da geschrieben? Brich das Siegel endlich auf!“ rief die Katze völlig entnervt.
Vorsichtig brach Joel das alte Siegel und rollte das Papier auseinander.
„Na toll“ sagte er wieder enttäuscht. „Das ist Latein, und diese Sprache beherrsche ich nicht.“
Die Katze gab einen undefinierbaren Laut von sich. „Sei nicht traurig.“ sagte Joel und wollte
die Katze streicheln, doch sie fauchte und schlug mit der Pfote nach ihm. „Du musst in die
Bibliothek gehen und in den Büchern nachsehen.“ Drängte die Katze ihn
und lief ständig hin und her. „Hier gibt es keine Bibliothek und ich soll das Grundstück nicht
verlassen.“ gab Joel lapidar zurück. „Natürlich gibt es eine Bibliothek, oben im Rauchsalon. Du
musst auf den Knopf am Kamin drücken.“ „Morgen….“ gähnte Joel, stand auf und ging schlafen.
Nach vielen Nervereien seitens der Katze hat Joel sich endlich mit den Büchern in der
versteckten Bibliothek befasst und den Text auf der Schriftrolle übersetzt. Laut Anweisung
soll er am Tag der Sommersonnenwende zur 12. Stunde auf den linken Turm steigen, die
Fahne derer von Churchville hissen, sein Antlitz gen Norden richten und den Text auf Latein
laut sprechen. Die Katze soll aber unbedingt im Haus bleiben.
Die Zeit bis dahin verlief für Joel genauso wie sonst auch. Arbeiten und lernen, lernen und
arbeiten. Die Katze streifte jetzt immer mal allein draußen herum und Joel hörte sie oft mit der Krähe Odin streiten.
Am Tag der Sommersonnenwende war strahlend blauer Himmel und es ging ein leichter Wind.
Die Fahne auf diesen krummen Fahnenmast zu ziehen ging relativ einfach im Gegensatz dazu,
die Katze ins Haus zu sperren. Dann war es soweit, 12 Uhr mittags, die Stunde der Wahrheit..
Joel las den Text flüssig und ohne den geringsten Fehler.
Nichts passierte, was er genau erwartete, wusste er eigentlich nicht. Also stieg er wieder
hinunter und wollte sich etwas zu essen machen. Die Katze saß in der Halle und starrte ihn
böse an. „Du musst etwas falsch gemacht haben!“ fauchte sie ihn an. „Ich habe mich genau an
die Anweisungen gehalten, was sollte denn eigentlich passieren?“
Er hatte es noch nicht ganz ausgesprochen, als es plötzlich grell blitzte, und es gleichzeitig
einen lauten Knall gab. Dann war in der Halle alles voller Qualm und Joel dachte erst der
Kamin sei explodiert. Doch als der Qualm sich verzog stand vor ihm eine alte Dame, gekleidet wie vor 200 Jahren.
„Ach, das sollte passieren,“ grinste Joel, „hallo Hortensia.“ „Ein bisschen mehr Respekt junger
Mann!“ sagte Hortensia wohlwollend und mit einem Lächeln.
Joel machte erst einmal Tee und sie setzten sich ins Wohnzimmer. Hortensia erzählte Joel
wie es zu dieser Strafe für sie gekommen ist. Sie war immer sehr geizig, arrogant und hatte
für andere kein freundliches Wort, geschweige denn ein Stück Brot. So wurde sie von dem
Geist einer ihrer Ahnen zur Strafe in eine Katze verzaubert, und musste von da an auf
andere angewiesen sein. Erst wenn ein Mensch sie verstehen würde, könnte sie erlöst werden.
Da Joel von dem Funken aus dem Stromkasten getroffen wurde, war er der Auserwählte und
Hortensias Rettung. Es dauerte 186 Jahre.
„Und Odin, ist er auch..?“ wollte Joel fragen, doch Hortensia schnitt ihm das Wort ab. „Nein,
er ist nur eine dumme Krähe, die alles besser zu wissen glaubt.“
In der nächsten Zeit saß Hortensia viel in der Bibliothek die jetzt immer offen blieb.
Manchmal schrieb sie, und manchmal saß sie einfach nur da und starrte vor sich hin. Joel
beendete seinen Job ordnungsgemäß, fuhr dann heim und schloss sein Studium ab.
Ein halbes Jahr später bekam er einen Brief von einem Anwalt, darin hieß es, er möge ihn
bitte sofort aufsuchen. Joel erfuhr dann, dass Hortensia gestorben ist und ihm,
Joel Barnes, das Haus samt Grundstück, umliegende Ländereien und ein großes Vermögen
vermacht hatte, mit der Auflage, nicht den gleichen Fehler zu machen wie sie selbst seiner
Zeit, obwohl er bestimmt einen schmucken Kater abgeben würde…!

© 2015

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Meine Gedanken bewegen sich frei von Andreas Arbesleitner



Andreas ist seit seiner frühesten Kindheit mit einer schweren unheilbaren Krankheit konfrontiert und musste den größten Teil seines Lebens in Betreuungseinrichtungen verbringen..Das Aufschreiben seiner Geschichte ist für Andreas ein Weg etwas Sichtbares zu hinterlassen. Für alle, die im Sozialbereich tätig sind, ist es eine authentische und aufschlussreiche Beschreibung aus der Sicht eines Betroffenen.

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