Chiara Fabiano

Violent Love - Kapitel vier

Kapitel vier
Ein neues Schicksal

Russland, 2002

Es war spät nachts, als die Kälte ihre Knochen durchdrang, und sich ein grelles, unangenehmes Licht durch ihre Augenlider bohrte. „Steh auf“. Noch während sie die Anweisung aussprach, warf sie die Decke beiseite und riss die Kleine aus ihrem Bett. Schlotternd stand das Kind da, rieb sich die müden Augen, und konnte nicht erahnen, was sich zugetragen hatte. Das Sprechen fiel ihr schwer, eingeschüchtert zog sie unbeholfen den dicken Mantel an, welchen ihr die Frau entgegenwarf. „Mach schnell“. Das Mädchen betrachtete die ihr fremde Frau, welche, ganz in schwarz gekleidet, hastig begann die Sachen in zwei große Koffer zu räumen. Auf einmal drehte sie sich um und sah mit ihren kühlen grauen Augen in die unschuldigen des ihr gegenüberstehenden Mädchens. „Komm mit“, befahl ihr die Frau bestimmt, aber dennoch in einem sanfteren Ton, als ihre Anweisungen vorher getragen hatten. Verängstigt folgte ihr das Mädchen mit winzigen, zögernden Schritten. Von draußen stahl sich eine lähmende Kälte ins beheizte Haus und traf auf dem Gesicht des Mädchens auf wie tausende kleine Messerstiche. Ungeduldig ergriff die Frau ihre kleine Hand und zog sie mit einer beachtlichen Geschwindigkeit hinaus, stieg mit ihr in ein schwarzes Auto, welches vor dem Haus auf sie gewartet hatte. „Sankt Petersburg“, sagte die Frau Knapp, während sie das Mädchen ins Auto hievte und anschnallte. „Wie üblich?“, kam es von dem Fahrer mit einem kurzen Blick in den Rückspiegel zurück. Bestimmt nickte die Frau, und das Auto setzte sich in Bewegung. Das Mädchen versteckte ihr Gesicht in dem dicken Mantel, verstörend brachen die Eindrücke über sie herein. Straßenlaternen warfen ihr flüchtiges Licht durch die Autofenster, einmal hatte sie sich getraut die Fremde anzuschauen, doch die kalten Augen verängstigten sie, so war sie bloß die warmen und freundlichen grünen Augen ihrer Mutter gewohnt. Die Müdigkeit schmerzte in ihr, sie wollte weinen, war jedoch zu beklommen von der einschüchternden Situation. Auf einmal hielt das Auto an und die bremsende Bewegung ließ ihr die Angst durch die Knochen rinnen. „Ich weiß noch nicht wie lange es dauern wird“, sagte die Frau und holte die zwei Koffer zu sich, „Ich werde mich bei Ihnen melden“. Durch die linke Tür stieg sie aus, stellte die Koffer am Wegrand ab. Zu einer solchen Zeit fuhren kaum Autos, denn die quälende Kälte war kaum zu ertragen, so blieben alle in ihren Häusern und bereicherten sich an deren Wärme. Die Augen des Mädchens erblickten ein großes Gebäude, welches sich bedrohlich in ihren Augen widerspiegelte, sah es noch so schön und majestätisch aus. „Komm jetzt mit“, befahl die Frau ihr erneut, als sie die endlos wirkenden Stufen hinaufeilten, als würden sie gehetzt. Und als die große, hölzerne Tür hinter ihr ins Schloss fiel, fühlte sich die Kleine zunehmend unbehaglicher als zuvor. Dort, an einer langen Treppe stehend, beäugte sie ein großer Herr. Trotz seiner schlanken Figur sah man ihm eine abwehrende Stärke an. Er hatte beinah schwarze Augen, welche skeptisch auf dem kleinen Mädchen lagen. „Was hat dieser nächtliche Besuch zu bedeuten, Bronia?“, erklang eine düstere Stimme. Ihr Kinn hebend, ergriff die Fremde die halb erfrorene Hand des Kindes. „Du bist mir noch einen Gefallen schuldig, Nikolai“, sagte sie bestimmt. Elegant und stets aufrecht löste der Herr seine Starre und trat auf die Fremde zu. „Ich dachte den hättest du bereits eingesetzt. Für deine Tochter.“ Bronia starrte ihm einen Moment lang in die schwarzen Augen. „Sie ist tot“. Gespielt senkte er seinen Kopf. „Mein Beileid“. Die Fremde umschloss die Hand des Kindes enger, sodass das Mädchen zusammenzuckte. „Aber soweit ich meiner Erinnerung Glauben schenken kann, war da noch etwas.“ Wissen hob er eine Augenbraue. „Und nun forderst du diesen Gefallen ein?“, stellte er fest, „Wofür?“. Bronia zog das Mädchen vor sich hervor. „Nimm sie an deiner Schule auf“, forderte sie. Verächtlich zog er die Mundwinkel herunter. „Ich habe sie eben bereits ausgiebig gemustert. Sie kommt in keinster Weise in Frage“. Bronia nahm einen tiefen Atemzug. „Sie ist doch erst drei. Das Talent und die Voraussetzungen können noch kommen“, argumentierte sie. Er stieß ein ironisches Lachen aus. „Warum sollte ich sie hier aufnehmen?“. Bronia sah ihm in die Augen, zunehmend sanfter. „Sie ist meine Enkelin. Ihre Eltern sind tot, ich könnte nicht weiter für sie sorgen. Außer mir, hat sie niemanden mehr, keine Heimat, keine Zukunft. Bilde sie aus, dann hat sie wenigstens eine Perspektive.“ Nikolai trat näher an das Mädchen heran, dessen große Augen ihn voller Furcht beobachteten. „Ich bildete bereits deine Tochter aus, viele Jahre, und doch hat ihre Undiszipliniertheit sie die Karriere gekostet…“, einen Moment lang ruhte sein Blick auf der Kleinen, dann sah er erneut auf zu Bronia, „Meine Zeit ist kostbar und hier sind hunderte Schüler, die aufgrund ihres Talentes da sind.“ Bronia atmete erneut tief ein. „Ich werde zurückkehren und hier unterrichten, insofern dies dein Wunsch ist. Dafür jedoch nimmst du Anastasia auf und gibst ihr ein Heim, bildest sie aus, wie jedes andere Mädchen hier. Sie ist noch sehr jung, je jünger jedoch desto besser“. Nikolai nickte anerkennend. „Woher soll ich allerdings wissen, ob du sie den anderen Schülerinnen vorziehen wirst? Sie zunehmend sanfter behandeln würdest?“. Auf einmal bemerkte Bronia wie eine Träne ihre Wange einnässte und lautlos zu Boden fiel. „Sie kennt mich nicht, für sie bin ich eine Fremde, und so wird es stets bleiben. Auch wenn ihr mir für meine einzige Enkeltochter ein angenehmeres Schicksal gewünscht hätte, so ist es nun mal, und damit werden wir jetzt umgehen müssen. Aber ich werde sie nicht in ein Waisenheim bringen, ich möchte sie im Auge haben. Du müsstest das verstehen Nikolai.“ Er nickte stumm. „In Ordnung“, stimmte er letztlich ein, „Ich werde sie hier aufnehmen und ausbilden. Du wirst sie behandeln wie jede andere Schülerin und sie dementsprechend fordern, deine wahre Verbindung zu ihr wird jedoch ein Geheimnis bleiben. Ich werde sie zehn Jahre, bis sie dreizehn ist beobachten, sollte sie den gleichen Charakter wie ihre Mutter aufweisen, werde ich sie hinauswerfen. Dies ist meine Forderung.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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