Heinz-Walter Hoetter

Jenseits von Angst, Furcht und Leid beginnt ein neues Leben

Die Luft trug Mr. Harry Fuller einen würzigen Geruch zu, der auf seine Sinne einen betörenden Einfluss ausübte. Seine alte Haut, die wie gestrafftes Leder aussah, entspannte sich. Die in der Luft enthaltene Feuchtigkeit erfüllte ihn bei jedem Atemzug mit Energie und Leben.

 

Mr. Fuller ging schleppenden Schrittes los und folgte dem Geruch so gut er konnte.

 

Dann sah er ihn: einen kleinen, glitzernden See unter einem weiten blauen Himmel ohne Wolken. Er bestand aus kristallklarem Wasser und wurde von grünen Wiesen eingerahmt. Hier und da standen ein paar kräftige Bäume, deren Äste und Zweige über und über mit grünen Blättern bewachsen waren, die sich im leicht säuselnden Wind wie kleine, winkende Händchen bewegten.

 

Der See war fast rund und hatte in der Mitte eine breite, reich verzierte Säule, aus deren Zentrum spielerisch Wasser wie ein Fontäne steil nach oben in die Höhe schoss.

 

Mr. Harry Fuller tauchte am Ufer seinen Kopf in den See und öffnete gleichzeitig seinen Mund. Das Wasser war himmlisch kühl, so rein und vollkommen, wie es nur selten anzutreffen ist – wenn überhaupt.

 

Er spürte das wohltuende kühle Nass überall auf der Haut seines Körpers. Noch nie hatte er eine ähnlich animalische Lust verspürt, wie in diesem Moment des Trinkens. Sie war schon fast ekstatisch, so überaus köstlich und, ja beinahe sexuell in ihrer sinnlichen Intensität.

 

Als der alte Mr. Fuller endlich genug getrunken hatte, hob er den Kopf und betrachtet die nähere Umgebung.

 

Hinter dem See, auf einer grünen Wiese, lag ein herrlich bunter Blumengarten, an dessen Ende sich eine kleine Hütte befand. Fenster und Türen waren weit geöffnet.

 

In dem Garten stand ein wunderschönes kleines Mädchen, das aussah wie ein Engel. Doch bald interessierte Fuller nicht mehr ihre äußere Erscheinung, sondern was er wahrnahm war ihre innere Ausstrahlung. Er ging zu ihr hin wie ein verliebter Junge zu seiner über alles Geliebten.

 

Der ganze Garten war von einem reinen, lieblichen Duft überflutet. Der Alte konnte kaum glauben, was er sah. Aber es war keine Sinnestäuschung.

 

Mr. Fuller rief das Mädchen an. Es dreht sich augenblicklich zu ihm herum, lächelte sanft und der alte Mann verspürte dabei etwas, das dieses seltsame Lächeln eine nahezu vampirische Aura ausstrahlte. Von diesem jungen Wesen ging eine ungeheuerliche, unwiderstehliche Kraft aus. Je näher Mr. Fuller kam, desto mehr verspürte er in ihrer Gegenwart eine allumfassende Weisheit, gerade so, als wenn man auf die absolute Reinheit traf, die alle Begrenzungen des Menschsein für immer hinter sich gelassen hat.

 

Das Mädchen streckte plötzlich einladend beide Hände nach Harry Fuller aus und sagte mit leise flüsternden Worten: „Komm!“


Spontan griff er zu ohne lange nachzudenken.

 

Die Reaktion darauf erfolgte sofort und unmittelbar. Schon im nächsten Augenblick befand sich der alte Mann im Haus seiner Kindheit.

 

Er ging langsam durch die Wohnung und betrat schließlich sein Kinderzimmer.

 

Nichts fehlte.

 

Die vielen Spielsachen in den herumstehenden Holzkisten, das Schaukelpferdchen und der Kasperle über seinem Kinderbett, der ihn wie immer schelmisch ansah, als wolle er ihm etwas sagen. Das Wunderbare dieser seltsamen Situation ließ Mr. Harry Fuller alles kostbar und vollkommen erscheinen.

 

Plötzlich bewegte sich etwas im Bettchen. Der Alte blickte zum Kissen hinüber und sah in das Gesicht eines kleinen Jungen, der wach unter der geblümten Decke lag.

Er hatte einen blonden Lockenkopf und seine blauen Augen schauten interessiert im Zimmer herum. Dann erhob er sich und krabbelte mit seinen kurzen Beinchen auf dem Boden herum. Mr. Fuller konnte die kindhafte Frische des Buben riechen, hätte den kleinen Jungen sogar mit seinen Händen greifen können. Instinktiv ließ er davon ab und begnügte sich dafür nur mit aufmerksamen Zuschauen. Tränen liefen ihm dabei über seine faltigen Wangen.

 

Das engelhafte Mädchen hatte den Alten auf wundersame Weise zurück in seine Kindheit und zu seinem reinen, unverdorbenen Wesen gebracht, das er einst gewesen war.

 

Viel ist seit der Zeit passiert, auch Dinge, die Harry Fuller nachträglich gerne wieder ungeschehen gemacht hätte.

 

Zu spät.

 

Wirklich zu spät?

 

Doch dann wich plötzlich das Zimmer zurück und wurde von einer Sekunde auf die andere immer kleiner, bis es in einem winzigen Lichtpunkt wieder verschwand.

 

Das junge Mädchen stand auf einmal vor ihm. Es tanzte um den alten Mann in langsamen Kreisen herum, bis es abrupt stehen blieb und ihn abermals anlächelte.

Das Lächeln hatte aber jetzt auf einmal etwas bedrohliches an sich. Für einen Moment glaubte Fuller, in das hässliche Gesicht des Todes geblickt zu haben.

 

Doch der Alte verspürte nichts als unendliche Liebe.

 

Dann ging das Mädchen auf einen kleinen Tisch zu, der plötzlich von irgendwo her aufgetaucht war. Darauf stand ein Teller mit einem dampfenden Pfannekuchen. Erinnerungen an seine verstorbene Mutter kamen in ihm hoch. Sie war ein gute Köchin gewesen, die aus wenigen Zutaten ein schmackhaftes Essen zubereiten konnte.

 

Heißhunger kam in Fuller auf, als er das unverfälschte Aroma des Pfannekuchens in der Nase spürte. Schließlich erblickte er noch eine Schale mit Wasser, aus dem jetzt das Mädchen trank.

 

Kurz darauf stimmte sie mit leiser Flüsterstimme ein Liedchen an, jedoch in einer Sprache, die Fuller nicht kannte. Er begann sich müde zu fühlen, legte sich, wie von einem fremden Willen übermannt, nieder und drehte sich auf die Seite. Dann schlief er ein.

 

***

 

Eine sanfte, unsichtbare Hand streichelte Mr. Harry Fuller über seinen mit grau schütteren Haaren bewachsenen Kopf und weckte ihn.

 

Wie lange hatte der Alte hier auf der Wiese schon gelegen?

 

Er wusste es nicht.

 

Langsam erhob er sich mit steifen Gliedern und schaute in der Gegend herum. Erst jetzt verspürte er das bleierne Gewicht seiner 96 Lebensjahre. Dann fiel ihm wieder die Hütte ein, die er zuvor gesehen hatte.

 

Er marschierte los. Schließlich kam er zu dem alten Gebäude, das, je näher er darauf zu ging, diesmal allerdings verfallen und bereits an vielen Stellen zerbröckelt war.

 

Die Tür stand sperrangelweit offen.

 

Mr. Fuller ging zögernden Schrittes ins Haus. Er stieg eine halb verfallene Treppe hinauf und gelangte in einen Raum in dem zu seiner Überraschung eine Schar kleiner Kinder im Kreis zusammensaßen. Auf ihren Rücken bewegten sich winzige Flügelchen langsam auf und ab.

 

Dem alten Fuller kam alles irgendwie vertraut vor. Er wurde innerlich ganz ruhig.

 

Eine feine Stimme ließ ihn aufhorchen

 

Jenseits von Angst, Furcht und Leid beginnt ein neues Leben...“

 

Was war das für ein Ort, an dem er sich befand? War das der Ort, zu dem die Seelen der Toten gingen?

 

Eine Zwischenwelt?

 

War er schon tot? Was sonst sollte dies hier alles bedeuten?

 

Wie unter Zwang stellte sich der Alte in die Mitte des Kreises und wartete. Die Kinder begannen, eine sich ständig wiederholende Tonfolge zu singen. Es war eine wunderbare Melodie.

 

Der alte Mr. Fuller breitete seine Arme aus und fing sich zu drehen an, bis sich der Raum um ihn herum aufzulösen begann und der Gesang der Kinder ihn immer mehr hypnotisierte. Er erinnerte sich an das Anfangsstadium seiner eigenen Existenz, als er noch ein Fötus im Bauch seiner Mutter war.

 

Seine kreisenden Bewegungen wurden schneller und schneller. Unbemerkt öffnete sich das Dach der verfallenen Hütte über ihn, wo jetzt kleine Wölkchen den blauen Himmel durchzogen. Er flog an ihnen vorbei und schwebte hinaus in die Unendlichkeit von Raum und Zeit.

 

Seine Seele war von unendlicher Liebe erfüllt. Dann tat sich direkt vor ihr ein helles Licht auf, das vom süßen Geheimnis ihrer Ankunft im Jenseits kündete.

 

Noch einmal blickte die Seele von Mr. Harry Fuller zurück in jene Welt, in der er 96 Jahre lang als Mensch gelebt hatte.

 

Unten, am kleinen glitzernden See mit seinem kristallklaren Wasser, kniete ein kleines engelhaftes Mädchen auf der grünen Weise neben seinem toten Körper und streichelte sanft über seine eingefallenen Wangen. Langsam verblasste dieses Bild jedoch, bis es ganz verschwunden war.

 

Die Seele von Mr. Harry Fuller wandte sich jetzt wieder dem hellen Lichtkranz zu und durchschritt ihn erwartungsvoll, gefolgt von einer sanften Stimme, die ihr zuflüsterte: „Jenseits von Angst, Furcht und Leid beginnt ein neues Leben...“

 

 

ENDE

 

©Heinz-Walter Hoetter

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heinz-Walter Hoetter).
Der Beitrag wurde von Heinz-Walter Hoetter auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Die Therapie oder Unsterbliche Jugend von Volker Schopf



Fürchten Sie sich vor dem Alter? Falten um die Augenwinkel? Haarausfall?
Ermüdet die Arbeit Sie schneller als gewohnt? Nicht mehr jung und dynamisch genug für den Arbeitsmarkt? Fühlen Sie den Atem der Jugend in ihrem Nacken?
Und was tun Sie dagegen? Fitnessstudio? Regelmäßige Spaziergänge in der frischen Natur? Gesunde Ernährung? Oder gehören Sie zu denjenigen, die sich mit dem Älterwerden abfinden und sich mit philosophischen Fragen beruhigen?
Alter, körperlicher Verfall, Siechtum und Tod – muss ich diesen Weg gehen? Oder gibt es Hoffnung?
Die Therapie steht für unsterbliche Jugend. Fluch oder Segen?

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Spirituelles" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Heinz-Walter Hoetter

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Zeitreise nach Pompeji von Heinz-Walter Hoetter (Kinder- und Jugendliteratur)
Gott schüttelt den Kopf von Gabriela Erber (Spirituelles)
Beschwerdebrief eines Katers von Kordula Halbritter (Briefe)