Norbert Schimmelpfennig

Der Donnerblitzfalter

An einem Freitag dem 13. Juli flog die Elfe Ellifer, mit der Gewitterfee Wittrina auf ihrer Hand, über das Hügelland, das weithin von teils schon recht trockenen Wiesen bedeckt war. Die abwechselnd dunkelblauen und gelben Flügel der Fee flatterten im Sonnenschein, als sie von der Hand der Elfe hochflog. Ähnlich flatterten die dunkelblauen Flügel der Elfe und ihre hellblauen Haare im Wind, der für einen Moment aufkam, und ihre gelben Augen leuchteten im Sonnenlicht.

„Wartest du immer noch so ungeduldig auf ein Sommergewitter?“, fragte die Elfe, und die Fee erwiderte: „Ja; und heute spüre ich eines kommen, nachdem es in letzter Zeit so trocken war!“

 

Jetzt kam ihnen Tibold, ein gelbschwarz gestreifter Kobold, entgegen geflogen und rief ihnen zu:

„Heute ist endlich wieder ein Freitag der 13.; und ihr seid herzlich eingeladen zum Menschenstreichspieltag!“

„Daran beteiligen wir Feen und Elfen uns doch schon lange nicht mehr!“, entgegnete Ellifer, worauf der Kobold sagte:

„Ja; und deshalb glaubt heute kaum noch ein Mensch an einen Unglückstag, weil es nichts Richtiges mehr wird, seitdem ihr nicht mehr mitmacht!“

Irgendwann, als Ellifer und Wittrina noch jünger waren, hatten sie gemeinsam mit einigen Kobolden den Menschen an einem Freitag dem 13. mehrfach Streiche gespielt, waren dann aber irgendwann vor langer Zeit ausgestiegen. Aber seitdem hatte sich offenbar bei den Menschen ein Mythos gehalten, nach dem dieses Datum immer ein Unglückstag wäre.

 

Während sie so in Gedanken weiterflogen, erblickten sie in einiger Entfernung einen Hügel, auf dem eine einsame Eiche stand. Und am Fuße dieser Eiche lagen zwei junge Menschen beieinander, ein Mädchen und ein Junge, offenbar ein Liebespaar.

Da schrie der Kobold entzückt auf und rief aus: „An denen kann ich jetzt wenigstens ein kleines Kunststück vollbringen!“

„Wenn du es nicht lassen kannst“, sagte die Fee Wittrina. „Wir sollten sie aber auch vor dem aufziehenden Gewitter warnen!“

Zwar waren Eichen nicht speziell anfällig für Blitze; aber dieser Baum stand so isoliert und bildete den höchsten Punkt in der Landschaft weit und breit, so dass es durchaus wahrscheinlich war, dass ein Blitz in ihn einschlug. Doch davon merkten die jungen Menschen offenbar nichts, zu sehr schienen sie miteinander beschäftigt.

Beide hatten Turnschuhe getragen, diese aber hier oben abgestreift und sie ein paar Meter weiter hingeschleudert. Es war auf den ersten Blick schwer zu unterscheiden, welche Schuhe wem gehören mochten. Da nahm der Kobold eine Raupe vom Boden auf und legte sie in einen dieser Schuhe, wollte sich noch nach weiteren Tierchen umsehen. Doch da rief die Fee von unten:

„Ihr Menschen, kommt da runter, ein Gewitter zieht auf!“

Doch die beiden hörten nicht. Da flogen die Fee und die Elfe hoch und schrien beiden nochmals ihre Warnung zu. Beide hatten aber für Menschen zu hohe Stimmen; und so sahen das Mädchen und der Junge nur kurz auf, meinten dann aber irgendein Insekt gehört zu haben und vertieften sich wieder ineinander.

 

Nun aber flog der Kobold über ihren Köpfen umher und rief:

„Buh! Sssssummmmm!“

 

Der Junge sprang auf und rief: „Eine riesige Wespe!“

Das Mädchen drehte sich um und schrie: „Eine Riesenhornisse!“

Beide wollten wegrennen, stolperten aber sogleich über eine dicke Wurzel der Eiche und rollten den Abhang hinunter, direkt in ein ausgetrocknetes Bachbett. Und in diesem lagen so viele Steine, dass beide mit dem Kopf anstießen und benommen liegen blieben.

Wenige Augenblicke später frischte schon der Wind stark auf, und ein Donnergrollen war in einiger Entfernung zu hören. Der Kobold starrte entsetzt auf die zwei Menschen, doch die Elfe sagte zu ihm:

„Wittrina weiß etwas, was sie mit deiner Raupe machen wird!“

Währenddessen flog die Fee über die Turnschuhe und vollführte mit ihren Händen kreisende Bewegungen.

Kurz darauf ertönte ein besonders lauter Donner, und ein Blitz schlug in die Eiche ein, während ein starker Gewitterregen auf die Erde prasselte.

 

Doch nach wenigen Minuten schon war das Gewitter weitergezogen, und der Regen ließ langsam nach. Die zwei Menschen lagen allerdings noch immer unbeweglich in dem ausgetrockneten Bachbett, das sich auch jetzt kaum mit Wasser gefüllt hatte.

 

Nun aber flog aus dem besagten Turnschuh ein Schmetterling empor, mit gelb und violett gestreiften Flügeln.

„Das ging aber schnell!“, sagte der Kobold. Doch die Fee erklärte:

„Das ist ein Donnerblitzfalter, der während eines Gewitters eine ganz besondere Transformation durchgemacht hat, von der Raupe über ein ganz kurzes Puppenstadium eben zu dieser Wandlung zum Schmetterling – zumindest mit Hilfe meines Feenspruches!“

Ellifer winkte dem Schmetterling zu, der daraufhin auch zu ihnen angeflogen kam und über den zwei Menschen ein paar Kreise drehte, während sie ein wenig von dem Elfenstaub aus ihren Flügeln über sie warf.

 

Da bewegte sich zunächst das Mädchen, hob nach einiger Zeit den Kopf und kroch zu dem Jungen hin. Sie rüttelte an ihm, und da schlug auch er die Augen auf.

 

„Ein schönes Kunststück habt ihr vollbracht!“, sagte der Kobold.

„Aber auch du hast dafür gesorgt, dass die beiden nicht vom Blitz getroffen wurden!“, antwortete Ellifer, während die drei unauffällig weiterflogen, dem Gewitter nach.

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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