Heinz-Walter Hoetter

Visionen eines Reisenden

Dunkle Wolken zogen wie geisterhaft anmutende Segelschiffe am nächtlichen Himmel dahin. Der kühle Herbstwind blies ziemlich heftig durch die leeren Straßen  der kleinen Stadt, in der die meisten Menschen schliefen. Hier und da konnte man noch aus der einen oder anderen Kneipe das laute Gelächter einiger später Gäste vernehmen, die anscheinend einfach keine Lust hatten nach Hause zu gehen. Irgendwo in der Ferne bellte einsam ein Hund. An einer Stelle riss die fliehende Wolkendecke für einen Moment lang auf und der Mond warf sein fahles Silberlicht über die jetzt von langen Schatten überzogene weite   Hügellandschaft. 

Ich lag eng zusammen gekauert in meinem warmen Bett und hatte wieder einmal diese seltsamen Visionen, von denen ich nicht wusste, woher sie kamen. Dann war es wieder soweit!

Mein unruhiger Geist verließ seinen wie tot daliegenden Körper und stürzte äonenlang schwerelos kreiselnd durch tausendfache Zeitstrudel, überflog mit rasender Geschwindigkeit abgründige Planetenräume, gerade so, als wäre er auf der Flucht vor dem kosmischen Jetzt. Milliarden und Abermilliarden Lichtstäubchen punktierten die Dunkelheit über mir, illuminierten gewaltig geschwungene Bogenwände aus   Raum und Zeit, die keine Grenzen zu kennen schienen. Die Dimensionen waren unvorstellbar gigantisch. Flackernde Lichtkorridore öffneten ihren Schlund und brachen wieder in sich zusammen. Intergalaktische Gase verdichteten und formten sich zu gleißend hell leuchtende Sterne an deren Ränder sich Planeten und Monde bildeten. Schwärme von Kometen und Asterioiden zogen an mir vorbei, einem unbekannten Ziel entgegenstrebend. Ich ließ das mir bekannte Universum hinter mir und kam schließlich Hunderttausende von Lichtjahren entfernt von der Erde zu einem Halt.

Die Visionen gingen weiter.

Die Epochen drifteten dahin. Die Zeit ballte sich zu einem riesenhaften Horizont vor mir zusammen und ich konnte sowohl  Anfang und  Ende dieses unglaublichen Gebildes zugleich sehen. Seltsames Geschehen, wie  Alpha und Omega  ineinander übergingen und doch klar voneinander zu unterscheiden waren.

Jäh entfaltete sich vor mir die Ewigkeit, noch ganz ohne Raum und Zeit.

Ich sah, wie der erste Morgen der Schöpfung begann.

Stille, nichts als Stille.

Unmerklich wurden die Gestalt und die Dimensionen des Kosmos diktiert. Energiewelle auf Energiewelle pulsierte mit mächtigen Schlägen durch die Ewigkeit, verschlang alles, was vorher gewesen war und schuf so die Ausdehnung von Raum und Zeit aufs Neue. Alles nahm jetzt seinen Lauf und folgte noch unerkannten Weltengesetzen, die tief im Innern der sich unablässig ausbreitenden Energiewellen verborgen waren, bis sie irgendwann ihre Wirkung entfalteten würden, um aus Wellenenergie verdichtete Materie entstehen zu lassen.

Die Vorstufe allen Lebens...

Sollte die letztmögliche Ausdehnung der Energiewelle in ihrer allerkleinsten Form LEBEN bedeuten?

Und dann?

Das unvermeidliche Ende setzte ein, um einen neuen Anfang vorzubereiten.

Die Energiewellen und ihre spezifischen Muster hielten inne und zerfielen. So birgt der Anfang der Schöpfung zugleich den Kern der Zerstörung in sich. Das ganze System von Werden und Vergehen krümmte sich in seinem unvermeidlichen Todeskampf und stieß gewaltige   Katarakte zersplitternder Energie aus. Parallel dazu verschwand die Zeit, um  ihrer erneuten Geburt im  Grund der Ewigkeit zu harren.

***

Ich erwachte mit schweißnassem Gesicht. Das Kopfkissen unter mir war ebenfalls vom Schweiß durchtränkt. Hatte ich alles nur geträumt oder mir das ganze Phantasiegebilde im Kopf zusammengesponnen, als ich delirierend im Bett lag und wieder einmal von meinen Visionen geplagt wurde?

Schwerfällig verließ ich das Bett, ging hinüber ins Badezimmer und machte mich ein wenig frisch.  Danach  schlüpfte ich in meinen warmen Bademantel, trottete gemächlich quer durch das Wohnzimmer rüber zum Balkon, öffnete die Balkontür und trat hinaus in die mondhelle Nacht.

Die vorbeiziehenden Wolken hatten sich etwas gelichtet und gaben jetzt den Blick auf ein wunderschön  funkelndes Sternenzelt frei. Der frische  Nachtwind  ließ mich bald frieren, doch ich blieb noch lange  so stehen, hier auf der kleinen Aussichtsplattform meines intergalaktischen Raumkreuzers, dessen Welt, die ich hier sah,  eine künstliche war, erzeugt von einem hochkomplexen  Quantencomputer. 



Ende


© Heinz-Walter Hoetter

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