Heinz-Walter Hoetter

Der Heiler

In einer schwülen Nacht wachte Jefferson Craig plötzlich aus seinem leichten Schlaf auf. Er hatte den vagen Eindruck, so ein komisches Geräusch gehört zu haben, als würde jemand ein Stück Zeitung durchreißen. Benommen knipste er das Licht der kleinen Nachtlampe rechts von seinem Bett an, die das Zimmer aber nur trübe ausleuchtete.


Zuerst konnte Jefferson Craig nichts erkennen, als er seinen Blick im Zimmer herum schweifen ließ, bis er auf einmal einen seltsam aussehenden, schmalen Riss, keine zehn Zentimeter groß, in der rechten Ecke neben dem breiten Kleiderschrank bemerkte, aus dem schwaches Licht drang. Nach einer Weile jedoch verschwand der ominöse Spalt wieder, als wäre er nie da gewesen. Jefferson Craig rieb sich verdutzt die Augen und war fest davon überzeugt, das Gesehene beruhe nur auf einer Einbildung. Er dachte auch nicht weiter darüber nach, knipste das Licht wieder aus, legte sich auf die Seite und schlief wieder ein. Die Zeiger der Uhr rückten gerade auf Mitternacht zu.


Am nächsten Morgen stand Jefferson Craig wie immer ganz normal auf, machte sich im Bad frisch, zog sich an, frühstückte ausgiebig und fuhr anschließend mit seinem Auto zur Arbeit in die nah gelegene Stadt. Erst am späten Nachmittag, nach einem harten Arbeitstag, kam er erschöpft wieder nach Hause.


Den ganzen Tag über hatte sich Jefferson Craig nicht wohl gefühlt. Das selbst zubereitete Abendessen hatte er fast ganz stehen lassen müssen, weil er einfach keinen Happen herunter bekam. Nichts schmeckte ihm so richtig. Er beschloss daher, sich nach dem Duschen sofort ins Bett zu legen. Vielleicht, so dachte er, wäre es für ihn in dieser Situation einfach das Beste, wenn er sich hinlegt und versucht zu schlafen. Er vergaß auch die Wärmflasche nicht, die er sich auf den Bauch legte. Irgendwann fielen ihm die Augen zu.


Draußen stand der helle Vollmond bereits schon lange am tiefschwarzen, wolkenlosen Nachthimmel, als Jefferson Craig, von heftigen Bauchschmerzen geplagt, wieder aufwachte. Er hatte das Gefühl, jemand bohre ihm ein Messer in die Magengrube. Er drehte sich mehrmals in seinem Bett hin und her, blieb schließlich auf dem Rücken liegen und zog die Beine an. Seine Haut war blass geworden, das Gesicht war zu einer Grimasse verzerrt.


Die Unterleibsschmerzen wurden immer schlimmer. Jefferson Craig stöhnte; sein Körper krümmte sich zu einem seltsam aussehenden, zuckenden Fragezeichen. Gerade wollte er nach der braunen Flasche mit dem Schmerzmittel auf der weißlackierten Nachtkommode rechts von ihm greifen, als er wieder dieses seltsame Geräusch hörte, als würde jemand eine Zeitungsseite mit bloßen Händen auseinanderreißen. Der Unterschied zur letzten Nacht war nur der, dass dieses seltsame Geräusch ungewöhnlich lange dauerte, bis es abrupt wieder endete.


Aus der rechten, dunklen Ecke neben dem Schlafzimmerschrank leuchtete jetzt aus einem etwa 50 cm langen und knapp 20 cm breiten Spalt ein fahles Licht. Plötzlich fuhren zwei weiße Hände durch die schimmernde Öffnung und eine Stimme war auf der anderen Seite zu hören, die nach Jefferson Craig rief.


Jefferson, helfen Sie mir dabei, den Spalt zu vergrößern! Ich muss hier raus! Nur so kann ich Ihnen helfen, damit Sie wieder gesund werden können. Ich weiß, dass Sie Krebs im Anfangsstadium haben. Er wird Sie gnadenlos auffressen. Ohne meine Hilfe werden Sie bald sterben. – Ich bin Ihr Heiler!“


Jefferson Craig hatte sich mittlerweile trotz seiner schlimmen Schmerzen in der Magengegend auf die hölzerne Bettkante gesetzt und starrte dabei ungläubig auf die beiden weißen Hände, die angestrengt darum bemüht waren, den Spalt zu erweitern. Jefferson dachte sich nicht recht bei Sinnen, taumelte aber trotzdem hinüber zu dem Kleiderschrank, weil er nicht glauben wollte, was er dort sah. Kaum stand er aber direkt vor dem fahl leuchtenden Riss, der mitten in der Luft hing, ergriffen ihn die beiden schlohweißen Hände und hielten ihn mit einer ungeheuren Kraft fest.


Wieder sprach die gleiche Stimme zu ihm, die schon fast flehentlich klang.


Da sind Sie ja endlich, Jefferson! Ich dachte schon, Sie würden mich im Stich lassen. Packen Sie mit beiden Händen das untere Ende des Spalts und zusammen werden wir ihn bis zum Boden aufreißen! Ich weiß, dass Ihre Schmerzen fürchterlich sein müssen. Aber reißen Sie sich zusammen und beißen Sie jetzt auf die Zähne! Helfen Sie verdammt noch mal mit, dass ich hier rauskomme!“


Wie in Trance griff Jefferson auf einmal mit beiden Händen in den offenen Riss direkt vor ihm. Die Schmerzen in seiner Magengrube verschlimmerten sich mit jeder Anstrengung seines Körpers, doch er schaffte es schließlich, den Spalt bis zum Fußboden hin zu vergrößern.


Einige Minuten später setzte sich der Kranke keuchend zurück auf sein Bett und wartete ab, was geschehen würde. In dieser Haltung blieb er einige Zeit lang unbeweglich sitzen. Jefferson hatte das Gefühl, jemand würde ihm seine letzten Lebensenergien aus den Adern saugen. Er war nicht mal mehr dazu imstande, überhaupt noch seine Arme zu heben, so kraftlos war er geworden. Jefferson fühlte sich sterbenskrank und hilflos seinem Schicksal ausgeliefert. Dann sah er auf einmal die weiße Gestalt vor sich, die sich wie ein Gespenst aus einem Horrorfilm langsam vor ihm aufbaute.


Es muss schrecklich sein“, sagte die Erscheinung ganz unverhofft mit tiefer Stimme, „wenn ein sterbenskranker Mann keinen Arzt bekommen kann, wenn er ihn nötig hat. Aber ich kann dir wirklich helfen, mein lieber Jefferson! Du bist nicht vor dem Unmöglichen davon gelaufen, sondern trotz allem darauf zugegangen. Es war, als hättest du mich in deiner verzweifelten Not gerufen. Deine und meine Welt haben dadurch einen Zugang bekommen, der uns beiden von großem Nutzen sein wird und am Ende wird jetzt alles wieder gut sein. – Vertraue mir also!“


Die Gestalt packte den kraftlos da liegenden Jefferson Craig mit beiden Händen und schleppte ihn hinüber zu dem matt leuchtenden Spalt. Die Öffnung war groß genug, dass beide hindurch passten.


Auf der anderen Seite angekommen, sah die Welt auch nicht anders aus, wie die von Jefferson Craigs. Fast alles war identisch, aber eben doch nicht alles, wenn man genauer hinsah.


Die fremde Gestalt legte Jefferson vorsichtig auf ein frisch gemachtes Bett, das seinem bis ins letzte Detail glich und auch in einem trübe ausgeleuchtetem Schlafzimmer stand. Links neben dem Bett befand sich eine weißlackierte Nachtkommode, auf der allerdings jetzt eine braune Blumenvase stand, aus der ein paar bunte Blumen lugten.


Der Fremde legte plötzlich seine rechte Hand auf die Stirn von Jefferson und sprach ein paar seltsame Worte, die er zuvor noch nie gehört hatte. Es kam ihm so vor, als würden sich die Dinge um ihn herum verschieben. Dann fiel er in einen tiefen Schlaf. Die unbekannte Erscheinung aber verschwand kurz danach wieder durch den langen Spalt, der sich diesmal in der linken Ecke auf der anderen Seite des Kleiderschranks befand. Langsam schloss der Riss sich und danach kehrte Stille in dem Zimmer ein. Man hätte glauben können, in dieser Nacht wäre überhaupt nichts geschehen.


Am nächsten Morgen wachte Jefferson Craig putzmunter wieder auf. Er fühlte sich seltsamerweise wie neu geboren und die schrecklichen Schmerzen in der Magengegend waren wie weggeblasen. Da die Fenstervorhänge noch geschlossen waren, wollte er die kleine Nachtlampe einschalten, die sich für gewöhnlich rechts neben seinem Bett auf der weißlackierten Nachtkommode befinden sollte. Doch komischerweise stand diese auf einmal auf der linken Seite des Bettes. Nachdem er das Licht eingeschaltet hatte, bemerkte er zu seiner großen Verwunderung, dass auch die großen Schlafzimmervorhänge auf der anderen Seite des Zimmers hingen. Das Gleiche traf für den Kleiderschrank und die übrigen Dinge zu. Die Welt war für Jefferson Craig plötzlich seitenverkehrt und er wurde das Gefühl nicht los, in eine Spiegelwelt geraten zu sein.


Irritiert verließ Jefferson das Bett und stolperte unbeholfen durch seine seitenverkehrte Wohnung, bis er schließlich wieder zurück in sein Schlafzimmer trottete, wo er sich anziehen wollte. Er zog die Vorhänge zur Seite und erinnerte sich dabei an die komischen Vorgänge in der Nacht, von denen er jedoch annahm, sie seien nichts weiter als nur ein seltsamer Traum gewesen, bis er allerdings diesen weißen Zettel in der linken Ecke neben seinem breiten Kleiderschrank auf dem Boden vor seinen Füßen liegen sah. Mit zitternden Händen hob er ihn auf und las mit leiser Stimme vor, was dort geschrieben stand.


 


Lieber Jefferson,


ich hoffe inständig, dass Du Dich recht bald in der spiegelverkehrten Welt zurecht finden wirst. Mir geht es nämlich nicht anders. Für mich ist Deine ehemalige Welt das, was meine Welt jetzt für Dich ist. Wir werden uns beide aber schnell an die neuen Umstände gewöhnen! Dessen bin ich mir sicher. Du bist nämlich genauso anpassungsfähig wie ich. Hast du übrigens schon gemerkt, dass es Dir jetzt wieder besser geht? Dein beginnender Magenkrebs müsste sich mittlerweile ganz zurück entwickelt haben. Das liegt ganz einfach daran, dass wir unsere Welten getauscht haben. Alles ist seitenverkehrt und läuft in vieler Hinsicht anders, ja bisweilen rückwärts ab. Frag’ mich nicht, wie das genau vor sich geht. Ich könnte Dir das beim besten Willen nicht erklären. Dafür stand mir und Dir zu wenig Zeit zur Verfügung. Lass’ es einfach für alle Zeit unser beider Geheimnis sein! Ich wünsche Dir noch viel Gesundheit und ein langes, glückliches Leben. – Was gibt es Schöneres im Leben, als gesund und glücklich zu sein?“


 

Dein Heiler


 


 

ENDE


©Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.08.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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