Angie Pfeiffer

Bittersweet

„Ich will dich sehen! A.“, darunter eine Telefonnummer. Nachdenklich dreht er den Zettel in der Hand hin und her.

Das war so typisch für sie. Niemals bat sie, niemals war sie kompromissbereit. Alles oder nichts, das schien ihr Lebensmotto zu sein. Damals hatte er sie nicht verstanden. War zwar stolz, dass dieses ganz besondere Mädchen sich mit ihm, auf ihn eingelassen hatte, doch schien sie immer häufiger meilenweit entfernt zu sein. Während er emsig an einer gemeinsamen Zukunft bastelte, schienen ihr schillernde Flügel zu wachsen, die sie in andere Regionen trugen. Er hatte gemeint, sie erden zu können, doch letztendlich war sie ihm davongeflogen.  Zunächst hatte er gewartet, ganz fest daran geglaubt, dass sie wieder zurückkommen würde, mit gestutzten Flügeln. Er hätte sie sanft aufgefangen, sie glücklich gemacht. Dieser Wunschtraum war nicht in Erfüllung gegangen.

Jetzt, nach all den Jahren eine Nachricht von ihr. Ein lapidares ,ich will dich sehen‘. Die Unterschrift nicht einmal mit dem vollen Namen. Zorn steigt in ihm auf, er zerknüllt den Zettel, wirft ihn in den Papierkorb. 
In dieser Nacht träumt er von ihr. Sie liegt neben ihm. Immer, wenn er sie berühren will scheint sie sich von ihm zu entfernen. Beim Aufwachen ist ihn klar, dass er sie treffen muß. Wissen muß, was sie damals von ihm entfernt hat.

Er sieht sie schon von weitem. Wie verabredet sitzt sie auf der Parkbank, fest in ihre Jacke gewickelt. Sie hat sich kaum verändert, wirkt noch zerbrechlicher als früher. In Gedanken versunken schreckt sie auf, als er sich neben sie setzt. Stumm schauen sie sich an, Vertrautheit, trotz all der Jahre.
„Da bist du ja!“ Sie hat ihr funkelndes Lächeln nicht verloren. Wie um sich zu vergewissern legt sie ihre Hand auf seinen Arm.
'Ihr Lächeln ist immer noch ansteckend', denkt er und sagt: „Ja, hier bin ich, wenn ich auch nicht verstehe warum.“
Sie schüttelte sanft den Kopf, legte die Hand jetzt auf seine Lippen. „Nicht reden, noch nicht.“
Schließlich kann er die Stille nicht mehr ertragen. „Warum bis du mir weggelaufen? Gab es einen Anderen?“ Er fühlt sich erleichtert, endlich hat er es gesagt.
Sie schaut ihn aufmerksam an. „Hast du das geglaubt? Es gab viele andere. Aber nach dir, nicht während unserer Zeit. Sie haben mir nicht viel bedeutet.“
„Und ich, habe ich dir auch nicht viel bedeutet?“
Wieder ihr Lächeln, jetzt wehmütig. „Du hast mich durch mein Leben begleitet. Oft habe ich gezögert, wollte dich sehen. Es wäre nicht richtig gewesen. Ich bringe kein Glück. Vielleicht fehlt mir auch die richtige Liebesfähigkeit. Das ist jetzt egal.“
Für einen Moment weiß er nicht, was er sagen sollte, nimmt sie zögernd in den Arm.
„Sag, bist du glücklich“, fragt sie. „Hast du eine Frau? Kinder?“
Er löst sich von ihr. „Ja, ich habe Kinder, ich habe geheiratet, aber das ist lange her. Die Ehe war nicht so, wie sie sein sollte. Und du?“
Sie nickt, als ob sie es erwartet hätte. „Ich habe mich nie fest gebunden, wollte immer frei sein. Jetzt bin ich allein, das ist der Preis.“
„War es das? Bist du deshalb gegangen?“, fragt er heftig, will sie endlich verstehen.
„Ich wollte immer frei sein“, wiederholt sie. “Tun, was ich will, ohne dass mir jemand die Zügel anlegt.“
„Und jetzt, du sagst du bist allein? Vielleicht können wir noch einmal von vorn...“
Wieder legt sie ihm die Hand sacht auf den Mund. „Ich möchte dich küssen. Davon habe ich so lange geträumt.“
Der Kuss ist erst sanft, tastend, leidenschaftlich dann und alles vergessen machend. Er löst sich von ihr. „Wir könnten...in der Nähe ist ein Hotel...“
Sie lächelt. „Ein verlockender Gedanke, aber nein. Ich wollte dich ein letztes Mal sehen.“
Er hält sie fest. „So schnell kommst du mir nicht davon, ich lasse dich nicht einfach gehen! Dieses Mal nicht!“
Sie hat ihr Lächeln verloren, strahlt nicht mehr, sackt unmerklich in sich zusammen. „Die Zeit reicht nicht. Was mir noch bleibt, ist Abschied zu nehmen. Es tut mir leid. Was ich für dich empfinde, kommt der Liebe nahe, glaube ich. Das wollte ich dir endlich sagen.“ Sie ist immer leiser geworden, flüstert, doch ihm ist, als hallen ihre Worte in seinem Kopf. Er lässt sie los.
Sie strafft sich, setzt ihre Maske auf, ist wieder makellos, arrogant, unangreifbar. „Ich gehe jetzt, bitte dreh dich nicht um.“

Er bleibt lange sitzen schaut ihr nicht nach. Nicht weil sie es so wünscht. Er will einfach nicht, dass sie seine Tränen sieht.

© by Angie, Februar 2013


 

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