Jürgen Skupniewski-Fernandez

Rastlose Sehnsucht

Manchmal da packt ihn eine Sehnsucht nach Bewegung, treibt ihn ein innerlicher Drang einsamer
Bewegung zu nachtschlafender Zeit. Ein Gefühl des Widerspruchs; allein zu sein und doch nicht allein;
pulsierendes, ruhendes Leben zu verspüren.
Es ist Mitternacht, er setzt sich in sein Auto, legt eine CD von Leonard Cohen oder, je nach Stimmung, soften, rauchigen Jazz ein.
Die Straßen haben sich geleert. Von Minute zu Minute nimmt der sonst so quirlige Verkehr ab. Er fährt durch die beleuchteten
Hochhausschluchten mit ihren beißenden Leuchtreklamen und Labels. Die Musik spielt im Hintergrund - entspannt, lässt ihn leiten. Locker liegt
das Lenkrad in der Hand. Lichtkegel um Lichtkegel der Straßenbeleuchtung, abwechselnd unterbrochen
durch schattige Abstände zwischen den Laternen, durchfährt er.
Die kilometerlange Straße führt durch eine seichte Bucht, durchs Wasser. Er liebt diese Strecke mit Blick auf die nächtliche Silhouette der zur
Ruhe gekommenen Stadt. Tausende von bunten Lichtern spiegeln sich auf der glatten Oberfläche des Wassers.
Die beste Zeit: Zwischen 01:00 Uhr und 03:00 Uhr morgens. Das ist seine Zeit.
Das leise Trompetenstück, gepaart mit sanften Klavieranschlägen inhaliert er aus den Lautsprechern
wie den Rauch einer Zigarette. Das träumende Lichtermeer versetzt ihn in eine entspannte Erregung.
Es ist ein ganz besonderer Cocktail aus Einsamkeit, des Alleinseins, Lust auf Nähe und einer Prise Erotik.
Das nächtliche Atmen von Millionen von Menschen, die zur Ruhe gefunden haben, und die Rastlosen, die Getriebenen auf der
Suche nach Spiel, Glück, käuflicher Liebe etc.: „Ein touch of underground“, pflegt er immer zu sagen; ja, das hat etwas für sich.
Das bewegt ihn. Ist er doch selber einer von ihnen, der nicht zu Ruhe kommt und auf eine unerwartete Bescherung hofft.
Er fährt über die Prachtstraßen, an ihren fast leeren Cafés vorbei. Hält vor den einsamen Ampeln, deren
Lichter er in diesen Nächten viel intensiver wahr nimmt. Rot – Gelb – Grün, kaum Verkehr, an den Vierteln vorbei wo im Kegelschatten
der Straßenlaternen Prostituierte und Freier ihre Runden drehen.
Hier und da verlieren sich Passanten an verwaisten Bushaltestellen, bis sie der grell beleuchtete Stadtbus aufnimmt.
Am Busfenster gelehnt, einsame Gestalten mit stummen Blicken. Menschen, nachdenklich Müde auf ihrem Weg, denn nicht alle haben einen Heimweg.
An der Waterfront hält er. Schaut und betrachtet die nächtliche Kulisse. Er wird nachdenklich, dann wandert sein Blick zu den Sternen,
starrt auf den Mond und nimmt eine Cola aus dem Handschuhfach
und öffnet sie:“Polpp! – Zzzisch“ – er nimmt einen kräftigen Schluck, spürt wie das kohlensäurehaltige
Getränk in seinem Magen verschwindet. Seine Augen sind nach wie vor aufs Lichtermeer der Metropole
gerichtet.
Fragen erobern seine stillen Gedanken:
Wie viele mögen jetzt wohl in diesem Augenblick auf der Welt Sex haben?
Wie viele werden in diesem Moment vergewaltig, rufen um Hilfe?
Wie viele gefoltert, gequält in diesem Moment?
Wie viele stehen gerade ihren Peinigern gegenüber, spüren Angst, werden ermordet?
Wie viele Kinder werden gerade geboren; gewollte und ungewollte?
Die Nacht verschlingt alles unter dem Deckmantel schillernder, versprechender Glückseligkeit und die Städte werfen im ersten
Morgengrauen ihre Leichen auf den feuchten Asphalt.
Emotionen überkommen ihm in dem Moment. Er schüttelt sich. „Ja, das Elend menschlicher Existenzen.
Ein Gefühl der Lust, des Schmerzes, der Angst, der Wut und Trauer breitet sich in ihm aus.
Er schaut wieder hinauf zum Himmel. Diese Mal ganz bewusst über die Skyline und stellt sich vor, dass jetzt in dieser Sekunde
aus den Tiefen der Hochhausschluchten die Hilferufe all jener Gepeinigten den Äther erfüllen und hinauf ins Universum dringen.
Dann fragt er sich: „Und wer erhört sie? Keiner. Noch nicht einmal ein Gott“ Er wird traurig, achselzuckend, hilflos steigt er wieder
in sein Fahrzeug. Er lässt den Motor an, verabschiedet sich von den Lichterketten und fährt langsam los:
Dann legt er, wie immer, nach Beendigung seiner nächtlichen Tour der Emotionen, Leonard Cohen auf:
And Jesus was a sailor
when he walked upon the water
and he spent a long time watching
from his lonely wooden tower
and when he knew for certain
only drowning men could see him
he said All men will be sailors then
until the sea shall free them
but he himself was broken
long before the sky would open
forsaken, almost human
he sank beneath your wisdom like a stone
Der Trieb unbekannter Sehnsucht hat sich in Hoffnung verwandelt. Er weiß, dass es noch viele solcher
Fahrten geben wird.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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