Heinz-Walter Hoetter

Die Zeitreise nach Pompeji


Eigentlich hätten sie nicht hier sein dürfen, hier in dem alten Haus ihres erst kürzlich verstorbenen Großvaters, das genau auf der anderen Seite des weitläufigen Gartengrundstückes ihrer Familie lag und über eine mit hohen Gräsern überwucherten Wiese so gut wie unbemerkt zu erreichen war.

Vater und Mutter verstauten gerade das umfangreiche Reisegepäck im Auto, würden jedoch noch eine Zeit lang brauchen, bis sie so weit waren, um schließlich mit ihren Kindern zusammen in den Urlaub fahren zu können.

Die Gelegenheit war also günstig noch einmal nach ihrem Geheimnis zu schauen, von dem die beiden Geschwister rein zufällig Wind bekommen hatten.

Robin und Jill waren diesmal durch die unverschlossene Kellertür heimlich in das verlassene Haus ihres Großvaters geschlichen. Nur gut, dass ihre Eltern davon nichts wussten. Sie hatten es ihnen strengsten verboten.

Robin kannte sein Ziel genau und wusste daher mit absoluter Sicherheit, wohin er auf dem Dachboden gehen musste.

Jill hatte sich zwischenzeitlich einige der leer stehenden Zimmer in dem alten Gebäude angesehen, das aus zwei Stockwerken bestand. In diesem schlicht gebauten Herrenhaus aus der Biedermeierzeit hatten früher mal ihre Großeltern gewohnt, bis zuerst Großmutter starb und dann Großvater ihr einige Jahre später folgte. Jetzt stand das alte mit dichtem Efeu bewachsene Anwesen leer, und die Eltern dachten seit geraumer Zeit daran, es so schnell wie möglich samt Grundstück zu verkaufen.

Eine Weile später.

Der 15jährige Robin stand erwartungsvoll vor dem wuchtigen Eichenschrank, zog die breite Schublade langsam auf und griff in die rechte hintere Ecke, wo sich das Versteck befand. Dann sah er sie, diese geheimnisvolle, gläserne Kugel, die permanent von einem leicht bläulichen Schimmer umgeben war und in etwa die Größe einer ausgewachsenen Orange hatte. Schließlich nahm Robin sie heraus und strich mit der rechten Hand behutsam über ihre spiegelglatte Oberfläche, die plötzlich noch intensiver zu leuchten begann. Der Junge konnte es immer noch nicht ganz fassen, dass er die magische Kugel seines Großvaters, der als Entdecker sein Leben lang die weite Welt bereist hatte, wieder in den Händen hielt. Endlich, dachte er, denn bisher hatte er sie nur ein einziges Mal benutzt, weil er und seine Schwester befürchteten, die Eltern würden ihnen die gläserne Zauberkugel bestimmt wegnehmen, wenn sie erführen, wozu sie fähig war.

Rein zufällig war Robin nämlich vor ein paar Wochen beim heimlichen Herumstöbern in den fahl beleuchteten Kellerräumen, wo alle möglichen und unmöglichen Dinge abgestellt waren, auf diese unscheinbar aussehende Glaskugel gestoßen, die sich in einer schwarzen Metallkiste befunden hatte und aussah wie ein ganz normaler Briefbeschwerer. Doch dann entdeckte Robin ganz überraschend einige unglaublich erscheinende Eigenschaften an ihr, als er mit der flachen Hand die dünne Staubschicht von ihrer Oberfläche wegwischen wollte. Sie leuchtete plötzlich in einem magisch aussehenden, bläulich schimmernden Licht, das umso intensiver wurde, je länger man an der Glaskugel rieb. Und das tat er gleich ein paar Mal hintereinander. Dann gab es plötzlich und unerwartet einen hellen Lichtblitz und Robin stand im nächsten Moment draußen auf der grünen Wiese vor dem Haus seiner verstorbenen Großeltern. Die seltsame Glaskugel hatte ihn aus dem Keller einfach nach draußen teleportiert. Aber sie konnte noch mehr, wie er später herausfand.

Natürlich behielt er das Geheimnis erst einmal vorläufig für sich, versteckte das faszinierende, kugelrunde Gebilde aus purem Glas in einem alten Eichenschrank ganz oben auf dem Speicher und weihte etwas später seine um ein Jahr jüngere Schwester Jill ein, die zuerst dachte, dass er sie mit seiner märchenhaft anmutenden Geschichte einfach nur reinlegen wollte, bis er sie schließlich davon überzeugen konnte, dass alles der Wahrheit entsprach. Er gab ihr nämlich Gelegenheit dazu, die magische Kugel selbst auszuprobieren. Seine Schwester war nach dem Versuch schier begeistert und ahnte sofort, dass man mit dem Ding sogar durch die Zeit reisen konnte, wohin man auch immer wollte.

Eine Weile später.

Jill steckte den Kopf in das total verstaubte Dachbodenzimmer.

„Ach, hier bist du, Robin. Ich habe dich schon überall gesucht. Das Haus ist wirklich sehr groß. Hätte ich nicht gedacht. Überall stehen so viele seltsame Sachen herum, die ich noch nie gesehen habe. Großvater muss von seinen vielen Weltreisen jedes mal etwas anderes als bleibendes Andenken mit nach Hause gebracht haben. Aber wir haben ja was gefunden, von dem unsere Eltern Gott sei Dank nichts wissen und hoffentlich auch nie davon erfahren werden. Wir müssen sehr vorsichtig sein. Das Geheimnis der magischen Glaskugel sollten wir immer für uns behalten, Bruderherz. – Nun, was ist Robin? Wollen wir noch schnell zusammen eine kleine Zeitreise unternehmen? Was meinst du?“

„Ich weiß nicht, Jill. Die Eltern haben doch schon alles für die Reise vorbereitet. Die meisten Sachen sind fast verstaut, und das Auto steht startbereit unten in der Garageneinfahrt. Sie wollen bestimmt bald losfahren.“

„Ach was, Robin. Wir sind doch gleich wieder zurück“, sagte Jill zu ihrem skeptischen Bruder. „Wenn wir von der magischen Kugel auf Zeitreise geschickt werden, kehren wir immer zum gleichen Zeitpunkt wieder zurück, egal wie lange wir fort waren.“

„Mhm, das stimmt allerdings. Das habe ich ganz vergessen. Eine Zeitreise ist zeitlos. Dann lass uns gleich aufbrechen, Jill. Unsere Eltern werden davon nichts mitbekommen. Wir werden diesmal zu den alten Römer gehen und uns dort mal ein wenig umsehen. Leg’ deine Hand mit mir zusammen auf die magische Kugel, denn wir wollen ja zu zweit auf Zeitreise gehen. Allerdings müssen wir uns vorher noch die richtigen Kleider wünschen, die man damals im Römischen Reich als Kinder so trug. Dann sprechen wir gemeinsam unseren Wunsch aus, und schon trägt uns ihre magische Zauberkraft ohne Zeitverlust zum Ort unseres Begehrens. Also, es geht los Schwesterchen.“

Jill legte jetzt ihre rechte Hand zu der ihres Bruders auf die Glaskugel, die immer stärker zu leuchten begann. Das blaue Licht wechselte seine Farbe und veränderte sich bald in ein grelles Weiß, das nach und nach die beiden Körper der Geschwister komplett umfasste. Dann gab es einen hellen Lichtblitz, und die eben noch im Raum stehenden Kinder waren im nächsten Augenblick verschwunden.

***

Robin und Jill öffneten die Augen. Dann blickten sie an sich herunter. Ihre Jeans mit dem T-Shirt und die Turnschuhe waren weg. Stattdessen trugen sie eine weiße Tunika mit einem schmalen Gürtel, geschnürte Sandalen und eine Tasche aus Ziegenleder. Sie sahen jetzt aus wie alle anderen Kinder zur Zeit des Römischen Reiches auch.

„Die magische Glaskugel ist noch in meiner Hand“, sagte Robin zu seiner Schwester. Ich werde sie in meiner Tasche verstauen, damit ihr nichts passieren kann.“

„Sei bloß vorsichtig mir ihr, Robin. Wir wollen ja wieder zurück in unsere Zeit“, antwortete Jill und sah sich ein wenig um.

„Schau mal, wie schön es hier aussieht“, rief Jill ihrem Bruder zu, der aus dem Staunen nicht mehr heraus kam.

Sie waren in einem kleinen Wäldchen gelandet. Auf der linken Seite von ihnen aus gesehen erhob sich ein sanfter Hügel. Rechts davon konnte man eine schöne Stadt im Sonnenlicht glänzen sehen.

„Wo sind wir hier eigentlich?“ fragte Robin.

Wir sind offenbar 2000 Jahre zurück in die Zeit gereist. Die Zauberkugel hat es auf ihrer Oberfläche kurz angezeigt“, gab seine Schwester zur Antwort und fuhr fort: „Die Stadt da unten sieht aus wie Pompeji, weil ich im Hintergrund den Vesuv erkenne. Wir nehmen das Thema gerade in der Schule durch. Deshalb kenne ich mich so gut aus damit.“

Robin blickte zur etwas tiefer gelegenen Stadt hinunter und nickte mit dem Kopf.

„Hier ist es richtig hübsch. Ein wunderbarer Ort zum Urlaub machen, finde ich“, sinnierte er laut.

„Eigentlich schon, Bruderherz. Aber auch viele Römer bauten hier damals schon überaus prächtige Villen, um in Pompeji ihre Freizeit zu verbringen.“

„Aber Pompeji ist doch untergegangen, als der Vesuv ausbrach. Ich hoffe, wir haben nicht ausgerechnet den Tag erwischt, als die Katastrophe begann, Jill. Ansonsten müsste ich gleich wieder die magische Glaskugel aus der Tasche holen, damit wir beide so schnell es geht von hier verschwinden können.“

„Daran habe ich gar nicht gedacht“, sagte Jill und schauderte ein wenig.

Plötzlich blieb Robin wie versteinert stehen und blickte fassungslos zu seiner Schwester hinüber.

„Hast du das eben auch gerade bemerkt, Jill? Die Erde hat gezittert. Und ein leichtes Grollen habe ich auch verspürt“, sagte er zu ihr.

„Ach was, Robin. Das hast du dir bestimmt alles nur eingebildet. Oder willst du mich nur ärgern? Ich kenne dich genau. Der große Bruder will mal wieder seine kleine Schwester an der Nase herum führen. Aber nicht mit mir. Auf gar keinen Fall hier und jetzt, mein lieber Bruder!“

Robin runzelte nachdenklich die Stirn. Er konnte seine Schwester nicht überzeugen. Sie war einfach zu stur.

„Nein Jill. Ich habe mir gar nichts eingebildet. Irgendwas stimmt hier nicht. Ich finde, wir sollten ganz schnell wieder nach Hause reisen.“

„Kommt überhaupt nicht infrage, Robin“, gab seine Schwester energisch zur Antwort. „Ich möchte unbedingt noch Pompeji einen Besuch abstatten, bevor es wieder zurück geht. Ich finde es einfach unglaublich, dass ich überhaupt hier an diesem legendären Ort bin. Ich erlebe alles live. Und das auch noch in der Vergangenheit. Das ist wirklich fantastisch. Also komm schon, du Angsthase! Es wird bestimmt spannend bei den Römern dort unten in Pompeji werden.“

Robin seufzte tief. Er gab nach. „Na ja, von mir aus. Aber ich bleibe nicht lange hier. Mir wird bei dem Gedanken ganz mulmig, der Vesuv könnte jeden Moment ausbrechen. Stell’ dir bloß mal vor, wir sterben in der Vergangenheit und unsere Eltern wissen überhaupt nicht wo wir abgeblieben sind. Das wäre doch schrecklich, nicht wahr Jill?“ sagte der hoch aufgeschossene Junge mit schriller Stimme.

„Jetzt reiß dich doch endlich mal zusammen, Robin! So kenne ich dich gar nicht. Du drehst ja schon fast durch, nur weil du dir zu viele Gedanken über den Vesuv und Pompeji machst. Jetzt reicht es aber! Wir gehen besser gleich los, bevor du dir noch in die Hose machst. Also beeil dich...!“ rief Jill mit allem Nachdruck, ging los und marschiert schnurstracks zur Stadt runter. Robin folgte ihr mürrisch. Seine Lust, in dieser gefährlichen Gegend herum zu spazieren, war bis auf Null gesunken.

***

Die Sonne schien hell vom Himmel herunter. Es war sehr warm geworden, als Robin und Jill auf einer mit mit groben Steinen ausgestatteten Straße direkt auf die Stadt Pompeji zugingen. Nur wenige Bewohner befanden sich hier draußen oder waren ihnen bisher begegnet. Etwas schien in der Luft zu hängen, denn plötzlich wurde es überall still. Selbst die Vögel zwitscherten nicht mehr.

„Ich höre keine Vögel mehr zwitschern“, sagte Robin ängstlich zu seiner Schwester.

„Mach’ dir mal darüber keine Sorgen“, antwortete Jill und ging über eine hölzerne Brücke. Weit war es nicht mehr bis Pompeji.

„Schau mal, Jill. Der Bach ist total ausgetrocknet“, rief Robin entsetzt.

Als seine Schwester das trockene Bachbett sah, wurde ihr selbst ein wenig komisch. Aber sie ließ es sich nicht anmerken und wollte ihren verängstigten Bruder nicht noch mehr erschrecken.

Nachdem sie die kleine Brücke überquert hatten, kamen sie schon bald auf eine etwas belebtere Straße, die sehr breit und großzügig angelegt war. Hier waren sehr viele Menschen unterwegs. Es ging ziemlich hektisch und turbulent zu, denn überall gab es Läden, die alles mögliche zum Kauf anboten. Auch waren einige Eltern mit ihren Kindern unterwegs und Gruppen von jungen Leuten standen an der Straßenecke herum, schwatzten und lachten miteinander.

„Die sind ja auch nicht anders wie wir“, grinste Robin, als er das sah. Offenbar war seine Angst verflogen. Er schien etwas lockerer zu werden. „Nur die Kleider sind anders. Dafür stehen aber keine Autos an den Straßenrändern herum, wie in unserer Zeit. Man sieht allerdings überall Holzkarren, die entweder von Pferden oder Eseln gezogen werden. Ich habe vorhin sogar ein paar Kamele gesehen“, fügte er noch scherzhaft hinzu.

Etwas später kamen Robin und Jill an einer Bäckerei vorbei, in der gerade flache Brote gestapelt wurden.

„Guck mal, Robin! Die sehen ja schon ein bisschen wie Pizza aus, die es auch bei uns zu kaufen gibt“, rief Jill begeister.

„Tatsächlich, stimmt sogar. Ich fühle mich fast wie zu Hause“, erwiderte ihr Bruder lachend, hob ein wenig die Nase, um den Geruch des frisch gebackenen Brotes riechen zu können.

Schließlich kamen die beiden auf einen großen Platz mitten in der Stadt. Es wimmelte nur so von Menschen, Verkaufsständen, Pferden und Karren, die mit den verschiedensten Dingen beladen waren. Kinder spielten fröhlich mitten auf der Straße herum, wo sie vor keinem Auto Angst haben mussten, überfahren zu werden. Eine Menge Händler verkauften allerlei süße Sachen, wie Honigkuchen oder gefüllte Datteln. Die Bauern aus der Umgebung boten Weintrauben, Knoblauch und Zwiebeln an. Und überall gab es frischen Fisch, der von einigen Leuten auf übereinander gestapelten Kisten der vorbei drängelnden Menge feilgeboten wurde.

„Ist das nicht toll? Wir befinden uns jetzt mitten in Pompeji“, sagte Jill begeistert. „Die Stadtmitte war der Hauptplatz einer jeden römischen Stadt, auf dem sich die Bürger trafen, sich unterhielten, über Politik redeten und auch dort ihre Ware verkauften.“

Plötzlich erschrak Robin. Ein alter Mann in einem dunklen, ziemlich verschmutzten Gewand kam schlürfend auf ihn und seine Schwester zu und starrte sie beide an. Sein Gesicht war blass, voll tiefer Falten und seine grauen Haare waren ziemlich zerzaust, als hätte sie der Wind völlig durcheinander gebracht. Als er zu sprechen anfing und seinen Mund öffnete, schien es so, als würden nur Robin und Jill seine Worte verstehen. Die anderen Leute gingen jedenfalls an dem alten Mann achtlos vorbei.

„Ihr seid nicht von hier. Ich weiß es genau. Ihr seid aus einer Welt, die weit in der Zukunft liegt. Doch hört! Ein großes Unheil wird bald über Pompeji hereinbrechen. Das Ende ist schon nahe. Es ist besser, ihr macht euch auf den Weg zurück in eure Zeit. Wenn ihr noch länger hier bleibt, werdet ihr bestimmt mit den Menschen dieser Stadt sterben. Geht lieber sofort los, sonst habt ihr keine Möglichkeit mehr dazu Pompeji lebend zu verlassen.“

Die beiden Geschwister wurden blass vor Schreck.

Robin sah seine Schwester entsetzt an. „Was will dieser seltsame alte Mann eigentlich von uns? Er machte so komische Andeutungen über Pompeji, dass das Ende dieser Stadt kurz bevor stehe. Er sprach sogar davon, dass wir beide sterben würden, gingen wir nicht sofort in unsere Zeit zurück. Ich bekomme langsam Angst. Lass’ und lieber abhauen, Jill“, sagte Robin zu seiner Schwester, die dem unheimlichen Mahner Kopf schüttelnd hinterher blickte, der sich jetzt wie ein schwarzer Schatten über den Platz bewegte, bis er schließlich in einer kleinen, dunklen Seitengasse verschwand und bald nicht mehr zu sehen war.

„Das war bestimmt ein Wahrsager. Bei den Römern gab es Menschen, die konnten die Zukunft voraussehen. Auch bei uns gibt es solche Menschen noch, obwohl wir in einer modernen, aufgeklärten Zeit leben“, sagte Jill zu Robin. „Wir sollten nicht auf ihn hören und weitergehen. Ich möchte mich noch ein wenig umsehen, bevor wir wieder in unsere Gegenwart zurückkehren“, fügte sie schnell hinzu.

„Ich bin mir ganz sicher, dass hier bald etwas ganz Schreckliches passieren wird, Jill. Hör’ auf mich und lass’ uns lieber jetzt gleich wieder zurückkehren. Es ist besser so.“

„Wir gehen noch bis zur Bibliothek, die hier ganz in der Nähe sein muss. Ich möchte sie mir mal von Innen ansehen. In meiner Schule haben wir ja auch eine. Ich möchte nur wissen, wie die hier von Innen aussieht“, sagte Jill.

„Einverstanden, Schwesterchen. Aber dann verduften wir – und zwar ganz schnell. Ich will nicht dabei sein, wenn der Vesuv explodiert.“

Die beiden gingen schnellen Schrittes weiter, überquerten das Forum und schon bald standen sie vor einem großen Gebäude mit vielen Säulen. Eine Menge Menschen standen davor, manche gingen hinein und andere kamen wieder aus dem Gebäude heraus.

„Das ist keine Bibliothek, sondern ein Badehaus. Das steht da oben auf der Wand über dem Eingang“, rief Jill verwundert. „Die Römer hatten richtige Badeanstalten, in denen sich die Leute nicht nur waschen konnten, sondern auch zum Schwimmen hinein gingen. Gerne traf man sich auch dort, um Freunde zu treffen.“

„Na so was. Die Römer waren offenbar ein sehr fortschrittliches Volk gewesen“, erwähnte Robin und marschierte auf der Straße weiter, um nach der Bibliothek Ausschau zu halten.

Gerade wollte er mit seiner Schwester zusammen um die Ecke biegen, als ihnen mehrere an Händen und Füßen gefesselte Gefangene entgegen kamen.

„Die liegen ja in Ketten. Das sind bestimmt Gladiatoren. Sieh mal, was die für Muskelpakete haben“, flüsterte Jill leise ihrem Bruder zu

Robin trat etwas zurück, als einige Wachen auf ihn zukamen. Sie trugen Schwerter und hielten Lanzen in ihren Händen. Einige Soldaten schwangen sogar dicke Lederpeitschen und ließen sie hier und da auf die entblößten Rücken der Gefangenen oder Sklaven runter fahren, die bei jedem Schlag vor Schmerzen laut stöhnten.

Jill war darüber empört, denn die schlimmen Schmerzensschreie der gequälten Männer hallten durch die Straßen und Gassen von Pompeji. Die Leute blieben stehen und beobachteten das Geschehen mit sichtlichem Interesse. Sie schienen die ganze Sache irgendwie lustig zu finden. Es gab aber auch welche, die bespuckten sogar die Gefangenen und warfen ihnen verfaultes Obst und Gemüse hinterher.

„Was für eine schrecklich brutale Zeit. Die Römer waren zwar zweifellos zivilisiert, aber doch sehr grausam im Umgang mit Gesetzesbrechern und besiegten Feinden. Es kümmerte sie anscheinend nicht, unter welchen fürchterlichen Qualen jene zu leiden hatten, die den oft drakonischen Strafen der römischen Justiz ausgesetzt waren. Leider ist es in unserer Zeit auch nicht besser, wenn ich nur an die vielen Kriege denke, die zum Teil noch grausamer sind und waren. Einfach schrecklich“, fuhr Robin resigniert fort und blickte Achsel zuckend zu seiner jüngeren Schwester hinüber, die am liebsten den arg geschundenen Menschen geholfen hätte. Allerdings wurde ihr noch im gleichen Augenblick klar, dass das natürlich jetzt nicht so einfach möglich war. Sie durften in der Vergangenheit einfach am Ablauf der Geschichte nichts verändern. Also ging sie weiter und stupste ihren Bruder ein wenig an, der ihr sogleich folgte. Er hatte von dem unmenschlichen Geschehen hier sowieso genug gesehen, das ihn schlicht und einfach anwiderte.

***

Auf einmal stand wieder dieser alte Mann vor Robin und Jill. Er deutete diesmal mit dem ausgestreckten rechten Arm auf den Vesuv am Horizont.

„Warum geht ihr nicht? Bringt euch in Sicherheit. Der Vesuv wird heute Mittag ausbrechen. 800 Jahre lang war er friedlich und Pompeji in Sicherheit gewesen. Heute ist der 24. August im Jahre 79 nach Christi. In weniger als einer halben Stunde ist es soweit. Ich ermahne euch jetzt kein weiteres Mal mehr. Geht also und verlasst den Ort des kommenden Schreckens, der Zerstörung und des Todes.“

So plötzlich wie der Unbekannt gekommen war, so schnell war er auch wieder verschwunden.

„Oh, Mann! Das Ende scheint wirklich bald zu kommen für Pompeji. Aber bestimmt ist noch Zeit genug für uns, die Bibliothek zu besuchen. Wir müssen nur die Straße überqueren und schon sind wir da“, sagte Jill und blickte ihren Bruder bittend an, der genervt mit den Schultern zuckte. Seine Schwester war ein hartnäckiges Mädchen, das sich durch nichts abhalten ließ und immer mit dem Kopf durch die Wand musste. Also ging er lieber gleich mit und hielt lieber seinen Mund..

Ein paar Minuten später durchschritten die beiden den Haupteingang zur Bibliothek und schlüpften hinein. Das weitläufige Gebäude schien leer zu sein. Keine Menschenseele war zu sehen.

„Hey, Robin! Komm mal her!“, rief Jill ihrem Bruder zu, der sofort dem Klang ihrer Stimme folgte.

Sie befand sich draußen in einem gepflasterten Hof. Überall wuchsen Palmen und Weinreben. Direkt in der Mitte stand ein wunderschöner Springbrunnen mit einer marmornen Meerjungfrau. Das Wasser war glasklar. Im Wasserbecken selbst schwammen etliche Goldfische herum. Robin und Jill waren von der schönen Umgebung begeistert. Aber sie mussten weiter.

„Schau, dort drüben ist eine Tür! Wir müssen den Innenhof durchqueren. Ich denke, dass das die Bibliothek ist, in der die Schriftrollen aufbewahrt werden“, rief Jill Robin zu, der viel zu langsam seiner Schwester hinterher trottete.

Als sie den Raum endlich betraten sagte Robin gelangweilt: „Aha, das ist also eine Bibliothek der alten Römer. Vollgestopft mit Schriftrollen. Das waren sozusagen ihre Bücher, wenn ich mich nicht irre. Sie waren alle handgeschrieben und in lateinischer Sprache. Zum Schreiben benutzten die alten Römer dünne Halme aus Schilf. Die Tinte stammte von Tintenfischen. Das habe ich mal irgendwo gelesen, Schwesterchen.“

Damit liegst du genau richtig, Robin. Wir haben das betreffende Thema letzte Woche nämlich in der Schule durchgenommen. Ich schau’ mich mal ein bisschen um. Danach lass’ uns schnell noch zu den Regalen gehen, damit ich mir eine dieser Rollen als Andenken mitnehmen kann. Dann reisen wir wieder zurück in unsere Zeit.“

Etwas später.

Jill hielt Robin eine Schriftrolle hin, die sie aus dem Regal am Ende eines langen Ganges entnommen hatte. Er nahm sie nur widerwillig entgegen und steckte sie in die offene Ledertasche. Er achtete nicht weiter auf das eingewickelte Schriftstück. In diesem Moment bebte die Erde unter ihren Füßen.

„Jill!“, schrie er. „Der Vulkan bricht aus. Denk daran, was der Alte zu uns gesagt hat. Er hatte recht damit. Wir müssen so schnell wie möglich von hier weg. Komm sofort mit nach draußen!“

Die beiden Geschwister wollten gerade losrennen, als es einen lauten Knall gab. Es war wohl das lauteste Geräusch, dass sie je in ihrem Leben gehört hatten.
Die Wände fingen an zu wackeln, die Marmorsäulen bekamen Risse, Tonkrüge kippten um, und das Wasser aus dem Springbrunnen mit der Meerjungfrau schwappte platschend über den Rand. Dann krachte die Statue mit lautem Getöse auf den schönen Mosaikboden und zerbrach in mehrere Teile.

Robin und Jill liefen so schnell sie konnten durch den Hof rüber auf die andere Seite, wo es ins Freie ging. Als sie auf der Straße standen, liefen die Menschen laut schreiend in alle Richtungen davon und deuteten mit weit ausgestreckten Armen zum Horizont, wo sich der Vesuv befand..

Robin begriff als erster die gefährliche Situation.

„Jill, sieh mal dahinten! Der Vesuv ist explodiert und schleudert glühende Felsen in den Himmel. Die gesamte Bergspitze ist weg. Lava quillt den Abhang hinunter und kommt direkt auf Pompeji zu. Wir haben nicht mehr viel Zeit und müssen sofort von hier weg.“

„Oh, was für eine fürchterliche Katastrophe!“, schrie Jill. „Wir können den armen Menschen einfach nicht helfen. Hol’ sofort die magische Kugel aus der Tasche, Robin! Eine dicke, schwarze Wolke kommt mit rasender Geschwindigkeit auf die Stadt Pompeji zu. Ich kann kaum noch die Sonne sehen.“

Eine gewaltige Feuerwolke brach aus dem Vesuv. Überall fielen brennende Steine und feurige Asche vom Himmel. Es sah aus, als würde die Welt untergehen. Die heiße, staubige Luft roch nach faulen Eiern. In Pompeji brach die Hölle los. Die verzweifelten Menschen rannten wie wahnsinnig um ihr Leben. Auf dem Forum der Stadt kam es zu einer Panik. Die auf der Flucht befindlichen Leute bekamen keine Luft mehr und stürzten reihenweise zu Boden, wo sie regungslos liegen blieben und qualvoll starben. Asche und Rauch deckten bald ihre verbrannten Körper zu.

Wieder bebte der Boden. Beinahe hätte Robin die Glaskugel fallen gelassen, die er mittlerweile aus der Tasche geholt hatte und mit beiden Händen fest umklammert hielt. Jill konnte kaum noch etwas sehen, als sie ihre rechte Hand auf die blau schimmernde Zauberkugel legte. Mit der anderen Hand hielt sie sich krampfhaft an ihrem Bruder fest, weil der Boden unter ihren Füßen immer heftiger hin und her schwankte. Das Beben schien kein Ende zu nehmen.

In diesem Augenblick bemerkten die beiden Geschwister, wie die magische Glaskugel immer heller und heller zu leuchten begann. Dann gab es einen Lichtblitz, gefolgt von einem lauten Knall. Danach wurde es still.

Totenstill.

***

Robin lag auf dem Holzfußboden des Dachbodens und hatte alle Viere von sich gestreckt. Die magische Kugel hielt er noch mit der rechten Hand fest umklammert. Ihr blaues Licht erlosch langsam und bald sah sie nur noch aus wie eine ganz gewöhnliche Glaskugel, die auch als Briefbeschwerer hätte dienen können.

Robin hörte von hinten auf einmal eine leise Stimme, die von seiner Schwester Jill kam.

„Ich bin froh, dass wir heil und gesund wieder zurück sind. Es war ziemlich unheimlich, nicht wahr Robin?“ sagte sie zu ihrem Bruder, der mittlerweile aufgestanden war und sich mit der freien Hand den Staub von der Hose klopfte.

Dann ging er wortlos zum Eichenschrank und verstaute die magische Glaskugel in dem Geheimfach hinten in der rechten Ecke der breiten Schublade. Schließlich drehte er sich zu Jill herum und fragte sie: „Ist mit dir alles in Ordnung, Schwesterchen? Das war knapp, nicht wahr? Wir beide haben eines der schrecklichsten Ereignisse in der Geschichte hautnah miterlebt. Mir tun all die vielen Leute Leid, die bei dieser fürchterlichen Katastrophe damals ums Leben gekommen sind.“

„Ja“, erwiderte Jill. „Aber viele Leute, die sich noch in Pompeji aufhielten, konnten sich retten, denn die Stadt wurde erst einen Tag nach Ausbruch des Vesuvs vom Ascheregen begraben, Robin.“

Robin seufzte ein wenig und fragte seine Schwester nach der Schriftrolle, die sie beide doch aus der Bibliothek mitgenommen hatten.

„Sie ist nicht mehr da. Ich habe sie überall gesucht. Vielleicht ist sie dir aus der Tasche gefallen, als die Erde von Pompeji bebte. Was soll’s. Ich weine der Schriftrolle aus Pompeji keine Träne nach.“

Robin nickte mit dem Kopf und sah hinauf zu den Wolken. Die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel herunter und das hohe Gras auf der Wiese mit den vielen Äpfel- und Birnenbäumen wiegte leise im Wind hin und her. Es war ein herrlicher Tag.

„Ist doch egal, Jill. Wir hätten mit der Schriftrolle sowieso nichts anfangen können. Niemand würde uns außerdem die Geschichte glauben, dass wir beide in Pompeji der Vergangenheit waren und die Rolle von dort mitgenommen haben. Ne, ne, Jill. So ist’s besser. Und das nächste Mal denken wir erst gar nicht daran, etwas aus der Vergangenheit oder beim Abstecher in die Zukunft mit zu uns in die Gegenwart zu nehmen. – Einverstanden, Schwesterchen?“

Jill nickte bedächtig mit dem Kopf und antwortete: „Ja, ist schon gut, Bruderherz. Ich werde daran denken...“

***

„Robin, Jill! Wo seid ihr?“, rief plötzlich eine laute Stimme, die von der Mutter auf der anderen Seite des Wiesengrundstückes kam. „Beeilt euch! Wir fahren gleich los. Vater sitzt schon im Auto und wartet darauf, dass es endlich losgehen kann.“

Als Robin und Jill vor ihrer Mutter standen, taten sie so, als wenn nichts passiert wäre. Dann sagte Mutter auf einmal: „Vater hat es sich anders überlegt. Wir fahren doch nach Neapel, wo uns ein Bekannter eine schöne Ferienwohnung zur Verfügung gestellt hat. Wir bleiben etwa drei Wochen dort unten. Stellt euch mal vor, wir werden sogar dem alten Vesuv einen Besuch abstatten. Das wird für uns alle ein tolles Erlebnis, da bin ich mir ganz sicher. Nervenkitzel inklusive, versteht sich. Ich habe gehört, dass dieser Vulkan jederzeit wieder ausbrechen könnte. Na ja, wie auch immer. Auf jeden Fall wird’s ziemlich spannend. So, und jetzt steigen wir aber ins Auto. Wir wollen Vater nicht noch länger warten lassen...“

Robin und Jill starrten sich für ein paar Sekunden lang wortlos fragend an, als sie hinten auf dem weichen Rücksitz des geräumigen Van ihres Vaters Platz nahmen. Ihre Blicke sprachen Bände. Sie dachten daran, dass es ausgerechnet dort hin ging, wo sie erst vor wenigen Minuten in der Vergangenheit waren – in Pompeji.

Dann legten sie stumm ihre Sicherheitsgurte an, Kurz darauf setzte sich der schwere Wagen ihres Vaters langsam in Bewegung.



ENDE

©Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.09.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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